Oie Geister am Mummelsee.
Von Eduard Mörike.
Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät Mit Fackeln so prächtig herunter?
Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht? Mir klingen die Lieder so munter.
O nein!
So sage, was mag es wohl sein!
Das, was du da siehest, ist Totengeleit, Und was du da hörest, sind Klagen. Dem König, dem Zauberer, gilt es zuleid, Sie bringen ihn wieder getragen.
O weh!
So sind es die Geister vom See.
Sie schweben herunter ins Mummelseetal, Sie haben den See schon betreten — Sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal — Sie schwirren in leisen Gebeten —
O schau. Am Sarge die glänzende Frau!
Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Tor; Gib acht, nun tauchen sie nieder!
Es schwankt eine lebende Treppe hervor. Und — drunten schon summen die Lieder.
Hörst du?
Sie fingen ihn unten zur Ruh!
Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn! Sie spielen in grünendem Feuer;
Es geisten die Nebel am Ufer dahin, Zum Meere verzieht sich der Weiher — Nur still!
Ob sich dort nichts rühren will?
Es zuckt in der Mitten — o Himmel! ach hilf! Nun kommen sie wieder, sie kommen!
Es orgelt im Rohr und es klirrt im Schilf; Nur hurtig, die Flucht nur genommen!
Davon!
Sie wittern, sie Haschen mich schon.
Oie rote Babett.
Von Friedrich Schnack.
.u.i der Entrümpelung und Säuberung des Speichers kam bei dem Kaufmann Lärchenholz, der in einer süddeutschen Großstadt ein Kolonialwarengeschäft betrieb, aus einem seit Jahren nicht mehr berührten Altväterkoffer ein stümperhaft ausgeführtes Schnitzwerk zum Vorschein. Es war eine Holzfigur, eine Frau darstellend, die aus einem Knollenkopf, einem dickleibigen Untergestell und kurzen henkelartig gekrümmten Armen bestand. Die Glotzaugen des Gesichtes waren mit Tusche oder tiefschwarzer Kaisertinte gemalt; der Mund war ein wie zornig gezogener Messerschnitt, das Kinn stieß hakig vor, das Haar hatte der unbeholfene Schnitzer strähnengleich in die Schädeldecke geritzt — man hätte das Erzeugnis, ebenso häßlich wie ungeschickt gearbeitet, für eine derbe Negerschnitzerei halten können, wäre ihr Holz nicht eben heimisches Lindenholz gewesen.
Der Kaufmann hielt die kaum zwei Spannen große Figur gegen das Licht des Bodenfensters und betrachtete sie mit einem nachsichtigen und auch träumerischen Blick. Das ist doch ... dachte er, das hat doch damals der Riedel Hans gemacht ...!
Und da wurde das Erinnerungsbild in seinem Innern deutlich. Einen Augenblick schaute er durch das Fenster gleichsam in eine ferne Welt hinaus, wo aus der Bläffe der vergangenen Jahre Gesichter und Gestalten auftauchten, an die er sich lange nicht wieder erinnert hatte. Die Figur wieder musternd, das von Sprüngen zerrissene, ausgedörrte Stück, das grobe Gesicht, die schmutzige Obersläche, die goldene Hüftenschnur, lachte er leise heimlich und sagte, mehr zu sich, als zu seinem Jungen, dem zwölfjährigen Dieter, der ihm bei der Arbeit half: „Die rote Babett!"
„Was für eine rote Babett?" fragte der herantretend und nach der Figur langend, die der Dater zum Abfall werfen wollte.
„Eine Spottfigur aus meiner Jugendzeit", erklärte der Gefragte. „Meine Eltern hatten eine Waschfrau, der man den Spitznamen „rote Babett" angehängt hatte, weil ihr Haar rot war. Ein Schulkamerad hat sie in Holz geschnitzt. Das ist sie."
Und er erzählte seinem Jungen von einem Volksbrauch in seinem Heimatort, wo die Burschen und Mädchen alljährlich nach dem vierten Fastensonntag eine Strohfigur aus dem Feld verbrannten. Sie malten ein Maskengesicht nach irgendeinem Vorbild im Ort, schmückten die Gewalt mit roten Kleidern, steckten sie auf eine Stange und trugen sie durch die Gassen zum Tor hinaus ins Freie, wobei sie sangen:
Wir tragen den Tod zum Feld hinaus Und bringen den Frühling wieder, Krankheit und Tod verschon dein Haus! Stimmt an die frohen Lieder!
„Auf einem Hügel wurde die Figur hingestellt und angezündet. Das war der Winter, der verbrannte. Das Maskengesicht war jedes Jahr anders. Es hieß, in diesem Jahr sterbe keiner von den Bewohnern des
Hauses, aus deren Mitte einer das Vorbild für die gemalte Mask» abgegeben hatte. Da wollte nun jeder Modell fitzen, und einmal kam auch die rote Babett an die Reihe. Wir Buben ahmten die Großen nach, indem wir kleine Figuren anfertigten und verbraünten. Mein Schulfreund, Hans Riedel, der später das Tischlerhandwerk erlernte, schnitzte die rote Babett ganz von Holz, halbwegs war sie der wirklichen Babett ähnlich. -Ein roter Tuchfetzen wurde ihr mit einer goldenen Schnur umgebunden, und dann sollte sie verbrannt werden. Im letzten Augenblick aber, wie ich mich erinnere, verhinderte ich es und kaufte sie dem Riedel ab. Für mein Kasperltheater. Wie sie in den Koffer hineingekommen ist, weiß ich nicht, meine Mutter hat immer alles aufgehoben ..."
Dieter besah sich die Schnitzerei, der Vater aber bückte sich wieder zu seinem Koffer, den er vollends ausräumte. Den Inhalt tat er auf die Seite zum ausgelesenen Gerümpel und Schund. Dieter aber schob die rote Babett in seine Rocktasche und nahm sich vor, das nachzuholen, was in seines Vaters Bubenzeit nicht ausgeführt worden war — die rote Babett zu verbrennen. Er würde ihr einen roten Fetzen umhängen, sie auf einen Stecken nageln und im Garten ein Feuer um sie anzünden, denn ihn lockte mit unbestimmtem Reiz das unvollendete Abenteuer.
Herr Lärchenholz, nun einmal eingetaucht in die Erinnerung an die vergangene Bubenzeit, war in das Erzählen gekommen. Er redete von seiner Heimat, wie schön es dort sei, sprach von den alten fränkischen Gassen, ihren Türmen und Wehrmauern, seinem lustigen Bubenreich, und malte mit einfachen Worten das kleine Vaterhaus am Markt, in dem noch feine unverheiratet gebliebene Schwester, die Tante Regina, wohnte. Er nahm sich zugleich vor, innerlich angerührt von dem Fernzauber feiner lang nicht aufgesuchten Heimat, im nächsten Sommer, so Zeit und Geld es erlaubten, mit Dieter einmal auf ein paar Tage hinzufahren: es wäre zu hübsch, durch die alten Gassen zu schlendern, bis hinunter zum Mainufer, wo die Badeanstalt sich befand, und die Kähne der Fischer und Sandschöpfer im Wasser lungerten. Dann werde er auch die rote Babett, die noch lebe, aufsuchen und sich einiges von ihr erzählen lassen. Sie hause in einem ärmlichen Häuschen am Ausgang des Orts, wo die Straße nach Schwarzenau sich hinziehe. Krumm und schief lehnte sich das baufällige Ding gegen die Schwedenmauer. Unten enthalte es einen Schuppen für Holz, Karren, Gerät und Ziege. Eine knarrende Stiege führe hinauf zur engen Küche, wo es beständig ge= ; raucht habe. Den brenzlichen Geruch schmecke er noch heute... Sie verbrannte meirtms dürres Rebholz, das gebe einen besonderen Qualm. Von ihrem Fenster aus habe er oft hinaus auf die Hügel gesehen, auf den, auf dem die Dorfjugend im Vorfrühling ihre Strohpuppe ansteckte. Er wisse aber nicht, ob es noch heute Sitte fei.
Als der Boden entrümpelt und das Zeugs in den Hof hinuntergeschafft war, schleppte der Junge die Wanduhr in sein Bubenzimmer. Die Holz- sigur aber legte er auf die Seite in sein kleines Büchergestell, hatte er doch genug damit zu tun, die Wanduhr auszuweiden und zu zerlegen. Die Messingräder rollten auf den Tisch, und das Schlagwerk, eine starke Stahlspirale, klingelte.
Einige Tage daraus, es war an einem Mittwoch, an dem Dieter nachmittags schulfrei hatte, begann die Vorarbeit im Garten Die Wege wurden gesäubert, die Beete hergerichtet. Reisig, Tannenwedel und Stroh wurden auf einen Hausen jufammengetragen, um verbrannt zu werden. Da erinnerte sich Dieter der Holzfigur. Er holte sie aus seiner Stube, band ihr einen blauen Fetzen um, einen roten hatte er nicht aufgetrieben, nagelte sie auf einen gefaulten Rosenstecken und spießte den mit der Figur, die nun beinahe einer kleinen Vogelscheuche ähnelte, mitten in den Hausen Da stand sie wie zum Tanz geschmückt, und blickte mit ihren Tintenaugen finster drein. Dieter hatte in der Schule von den Hexenverbrennungen in alter Zeit gehört — nun, hier war eine alte Hexe, und das aufgerichtete Stroh und Reisig der schönste Scheiterhaufen.
Herr Lärchenholz lachte, als er den Aufbau feines Jungen sah. Die Flammen huschten auf, Rauch träufelte empor, brenzlich riechend — schmeckte er nicht wie verbranntes Rebholz in der Nähe der roten Babett? Und da fiel ihm auch gleich der alte Singsang der Burschen und Mädchen aus seinem Heimatort ein:
Wir tragen den Tod zum Feld hinaus Und bringen den Frühling wieder, Krankheit und Tod verschon dein Haus ...!
Bald knarrte das dürre Reisig lichterloh, die Flammenspitzen urn- züngelten den Stock, den blauen Tuchfetzen ergreifend, und leckten gegen die hölzerne Figur. Bald stachen weiße Feuerstrählchen aus dem Linden- Holz, wie wenn sie nur darauf gewartet hätten, aus dem Kops der roten Babett herauszufahren. Dieter las die letzten Tannenwedel zusammen, eifrig feinen Scheiterhaufen schürend. Der Stecken flammte und die Holzfigur verbrannte zu einem glühenden Klumpen. Endlich knickte das Stroh zusammen, und die rote Babett fiel glührot in den brennenden Hausen, um Asche zu werden. So hatte fein Junge ausgeführt, woran er vor Jahrzehnten feinen Schulkameraden Hans Riedel gehindert hatte.
„Das war der Winter", meinte er, „das Alter..."
Und er freute sich über die neue Sonne, die feine Gartenbeete beglänzte.
Nach einigen Tagen — der Frühling war mit Wärme und jungem Grün gekommen — erhielt Herr Lärchenholz von feiner Schwester Regina einen Brief. Sie schrieb ihm von ihrem Ergehen, kramte auch Nachrichten über allerlei Vorfälle in ihrem Landflecken aus.
In freundlicher Teilnahme las er. Plötzlich erzitterte feine Hand. Er fpähte erschrocken über den Rand des Briefes hinweg. Was hatte er gelesen? Am vergangenen Mittwoch.. ? Hatten wir da nicht den Garten gesäubert, das Reisig verbrannt und die Holzfigur?
Mein Gott! ging es ihm durch den Sinn. Dieter, Di"t-r! Was für I eine seltsame Sache! Das hätten wir nicht gedacht! Zufall? Was für ein I Zufall! ...


