Ausgabe 
24.4.1936
 
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Ja, David ist ratlos, eine unbeschreibliche Bangigkeit hat ihn befallen. Agnes sitzt so merkwürdig still neben ihm, er nimmt sie fest an sich, damit sie wenigstens nicht frieren muh, aber plötzlich fängt sie laut und heftig zu weinen an. Sie drückt ihre Fäuste gegen die Augen und ringt nach Atem, David fühlt entsetzt, wie das Schluchzen ihren ganzen Körper schüttelt. Er hat Agnes nie so weinen gesehen, so hemmungslos in krampfhaften Stößen, es ist, als stürbe sie nun in seinen Händen. Und es nimmt kein Ende, nichts kann sie beruhigen.

Schließlich läßt er sie in Angst und Verwirrung los und springt auf und beginnt die Glocke zu schwingen. Schrill und gellend hallt der Klang in die lautlose Nacht. Krähen flattern aus dem Holz und taumeln in den fahlen Himmel, David läutet und läutet und betet laut dabei, Herrgott, sagt er, lieber Gott! Verzweifelt sucht er nach Worten, die den Herrn bewegen und rühren können. Ich will alles tun, betet David. Ich will dem Rotschwanz sofort sein Ei zurückgeben, es ist ja noch ganz gut, lieber Gott, hilf mir jetzt!

Und die Glocke klingt, ihr heller Schall dringt durch das Holz, immerfort, immer weiter. Ganz unten im Dorf ist es nur noch ein leises Wimmern, aber der Pfarrer, der in seiner Stube auf und ab geht, der alte Pfarrer in seiner Sorge hebt doch den Kops und tritt an das Fenster und horcht. Er holt auch den Pater Johannes herbei, die Köchin Helene, ja, kein Zweifel, es ist die Kuhglocke, sie läutet irgendwo im Wald.

Eine Weile später ist die ganze Schar unterwegs und zieht -mit Laternen und Windlichtern diesem Klang entgegen. Auf halbem Wege aber hält man inne und bekreuzigt fick mit Staunen und Scheu. Es ist ja auch seltsam genug, wie David letzt mit wallender Kutte durch den nächtlichen Wald herabgeschritten kommt. Er führt Agnes an der Rechten und schwingt die Glocke in der Linken, nein, man kann einen auferstandenen Elias nicht einfach bei den Ohren nehmen.

Laßt jetzt das Läuten, sagt der Pfarrer und lächelt, es ist schon gut!

Und bann geleitet man die Kinder in das Dorf zurück.

Aber Agathe nimmt den kleinen David noch hart in die Lehre. Du stiehlst ja, sagt sie, das habe ich gar nicht gewußt! Und was sind das überhaupt für Possen bei einem so ausgewachsenen Lümmel, wie du einer bist? Was soll die Krämerin antworten, wenn die Mutter fragt, ob denn David jetzt ein verständiger Bursche sei, auf den man sich in der Not verlassen könne?

Denn das soll David nur wissen, der Mutter geht es nicht gut. Sie hat die Stelle in dem Wäscheladen wieder aufgeben müssen, schreibt sie, es war kein besonders günstiger Platz. Anfangs wohl, aber dann kam etwas dazwischen. Die Krämerin kann dem kleinen David nicht vor- lesen, was seiner Mutter in diesem Wäscheladen geschah, daß nämlich einmal ein junger Herr eintrat, um sich Hemden von Monika zeigen zu lassen. Ach, sagte er plötzlich zu ihr, kennen wir uns nicht? Das' ist ja reizend, meinte der junge Herr, untertags verkauft sie Wäsche und nachts das übrige!

Ja, es ist ein Glück, daß Monika den kleinen David nicht in die Stadt mitgenommen hat, sie mußte auf der Stelle gehen, und wohin brächte sie ihn jetzt! Auch Karl mochte ihr kein Wort mehr glauben. Das kenne ich schon, schrie er, deine Lügen! Dieser Herr wird schon gewußt haben, was er sagte. Und wie war es denn damals mit David, wo blieb es denn, ihr heißgeliebtes Kind? Geh, sagte Karl, scher dich weg! Aus dir wird nichts.

Später fand sie aber doch wieder eine Stelle, und vielleicht hätte sie dort lange bleiben können, in dieser Gegend kannte sie niemand. Ja, und es war dennoch zu spät. Monika muß etwas eingestehen. Damals, nach dem Unglück im Wäscheladen wollte sie ein Ende machen, und es gelang ihr nicht, sie hat sich nur von neuem erkältet, als sie so lang in dem falten Wasser trieb. Hören Sie, sagte die Frau, Sie husten mir zuviel! Man konnte es ihr gewiß nicht verargen, wenn sie keinen brustkranken Menschen bei den Kindern haben wollte.

Und seither liegt Monika wieder im Spital. Es geht mir gut, schreibt sie. Sobald sie aufstehen kann, wird sie den Oberarzt bitten, daß er ihr wieder Arbeit in der Küche gibt. Es fehlt ihr nicht viel, Agathe soll keineswegs glauben, daß Monika etwa schwer krank sei. Sie ist zäh, bas hat der Doktor selbst gesagt, und darum wird wohl alles gut enden. Nur vor dem Winter hat Monika Angst, sie ist ja auch nicht wehr jung genug, und alles geht ihr gleich so nahe, die Sache mit Karl unb alles. Aber wenn sie Arbeit in ber Küche bekäme, bann hätte sie roieber Hoffnung.

Davib, schreibt die Mutter, unb ein paar Schillinge steckt sie

in ben Brief, bie soll er in seine Sparkasse legen.

Siehst bu, sagt Agathe, bie Mutter meint, baß du ordentlich bas Deine beisammen hast. Sie liegt krank unb gibt ihr letztes Gelb in deine Dbl)ut, wahrend du bloß herumstreichst und die Leute zum Narren hältst. Was wolltest bu benn mit Agnes im Walb?

Büßen. Davib wollte Einsiebler werben, ein Wunbertäter.

So, (EinBebler. Ich will bir etwas sagen: Einsiebler sinb wir alle. Unb übrigens hat Gott mehr Freube an einem fröhlichen Arbeits- wenschen als an sämtlichen büßenben Taugenichtsen.

Ja, schon, aber was soll Davib nun tun? Soll er den Pater Johannes um Verzeihung bitten, weil er ihm bie Kutte genommen hat? Sie hangt jefct gewaschen im Pfarrgarten, ein kümmerlicher Lappen, unb auch bie Kuh kann sich noch immer nicht recht beruhigen. Helene meint, sie sei geistesgestört.

bm5 5? 1° Ed" nur albernes Zeug, hat benn bas ganze Dorf ben Verstanb verloren? Die Krämerin betrachtet ben kleinen Davib mit Sorge und heimlicher Rührung. Ihr Herz ist ja gar nicht so hart, baß sie seinen Kummer nicht sehen könnte, seinen verzweifelten Kamps gegen bie Tränen. Agathe hat ihr Herz nur still gemacht unb verborgen, es tat zu weh, wenn jemanb banach griff. Vielleicht war es sogar noch

viel weicher und empfindlicher als bei anderen Menschen. Einsiedler sind wir alle, sagt sie. Mit den Jahren rückten die Leute immer weiter von ihr ab, sie weint keinem nach, aber zuweilen friert sie in ihrer einsamen Kammer. Es macht ihr feine Freude mehr, ihr Fenster so unbefüm- inert offen zu halten. Zeitlebens hat sich Agathe tapfer gewehrt, zuletzt blieb kein Gegner übrig, man wich ihr aus wie einer unbezwinglichen Festung. Und darum brauchte nun Agathe jemand, für den sie sich schlagen konnte. Zu einer anderen Zeit hätte sie eine andere Monika vom Scheiterhaufen geholt, genau fo furchtlos und kaltblütig, wie sie diese aus der Kirche geleitete, und die Leute hätten die Köpfe geduckt, weil sie es tat, die streitbare Krämerin.

Agathe hat an Monika geschrieben, es sei auch in ihrem Haus eine Küche zu versorgen, sie möge nur kommen, wenn sie Lust habe, gesund oder krank. Aber Monika wollte doch lieber im Spital bleiben, sie wäre nur eine Last für Agathe. Laß mir Zeit, antwortet sie. Ich weiß, daß ich mich versündige, aber laß mich das noch versuchen! Vielleicht ist doch nicht alles versäumt und verloren. Und wenn er miebertäme, möchte sie ihn wenigstens wissen lassen, daß sie ihn nicht vergessen wirb. Kauf ihm eine Pubelmütze dafür, sagte er damals. Nicht wahr, so etwas kann man doch nie mehr vergessen? Gut, bann will Agathe warten. Sie richtet für alle Fälle ein Bett in ber zweiten Kammer, unb bem kleinen Davib fetzt sie ben Kopf zurecht, fo gut bas bei ihm möglich ist.

Du kannst mir morgen im Laden helfen, sagt sie ihm. Morgen ist Fronleichnam.

*

Das Jahr des Herrn hat viele prächtige Feste, aber feines ist mit diesem zu vergleichen. Am Fronleichnamstage geht Gott über Land mit Prunf und Glanz, und darum schmückt sich der Dorfplatz schon den Abend zuvor mit grünem Laub, mit Birfenstämmchen und jungen Lärchen und Blumen, so viele die Gärten spenden tönnen. Die Altäre werden von den Böden geholt, uraltes geschnitztes Ranfenwerf um dunfle Bilder, zinnerne Leuchter aus den Truhen, geweihtes Linnen, mit dem Namen des Herrn bestickt. Viermal wird Gott unterwegs rasten. Es ist von altersher festgesetzt, wo er einfehren will, beim Krämer, beim Schmiedhaus, vor der Schule unb bei ber Kapelle.

In ben Stuben stöhnen die Mädchen zwischen den Knien der Mütter, das Haar wird in lauter Heine feste Zöpfchen geflochten, damit es sich am anderen Tag um so schöner träufelt und wellt. Und was Hosen trägt, fommt nicht besser weg. In den Hinterstuben gehen entsetzliche Dinge vor, Gebrüll und Gezeter bringt aus bampferfüllten Waschfüchen, wie am Tage bes Kinbermorbes zu Bethlehem. Später hocken bie Buben sittsam auf ben Hausbänfen, bamit sie trocken werben, unb sie sind bis zur Unfenntlirfjfeit entstellt mit ihren rotgescheuerten Hälsen und den glattgebügelten Haarbvrften Sie betrachten einander voll Mißtrauen und Unbehagen, es ist bei Leibesstrafe verboten, in diesem Zustand über­irdischer Gewaschenheit noch Räuber und Soldaten zu spielen oder auch nur auf einen Baum zu flettern. Weiß Gott, wie das einmal im Himmel fein wird. Engel sehen jedenfalls auf allen Bildern so wie Mädchen aus, genau fo weiß geftärft und sterbenslangweilig, wie sie es schon auf Erden sind.

Aber auch sonst ist dieser Tag in mancher Hinsicht ein Tag des Ge­richtes. Der Vater ist bei der Feuerwehr, unb nun fann er den Parade- heim nicht finden, weil auch fein Sohn, der Räuberhauptmann Thomas, diesen Helm zu benützen pflegt. Oder der Vater hat bas ehrenvolle Amt, bei ben Veteranen bie Fahne zu tragen, er benft, baß er nun feinen Feberhut aus dem Kasten nehmen und abftauben fönne. Oh, und dann wird ein bleicher Räuberfnecht in die Stube gerufen, wortlos wird ihm plötzlich etwas um die Ohren geschlagen, dieser jämmerlich gerupfte Hahnenschwanz auf dem Fähnrichshut des Vaters.

Unversehens gerät auch die Mutter ins Gefecht, es ist ja ihre Zucht, die fo herrliche Früchte trägt. Ach! Sie hat wohl nichts anderes zu tun, als einen lächerlichen Federbusch zu hüten, neben der Wäsche und dem Kochen und der ganzen Plage Tag und Nacht! Es wird wieder einmal deutlich ausgesprochen, daß die Mutter vor fünfzehn Jahren nichts mit­gebracht hat, feinen Hofenfnopf, glücklicherweise, denn was ihn be­trifft, ben Mann, ber hat ja sogar ben Tauftaler versoffen unb verspielt. Zuletzt haut sich der Vater den Hut ohne Federschmuck auf den Schädel unb geht zur Sitzung in die Schenfe.

Der Vater hat allen Grund, sich zu ärgern und zu tränfen, denn der Prangtag ist für jedermann eine Gelegenheit, fein volles Ansehen vor der Welt zu entfalten. An diesem Tage ist man nicht bloß Bäcker ober Sägefeiler, fonbern ein Gefolgsmann bes Herrn. Darum schmückt sich auch ein jeher mit allem, was ihn unter ben Mitmenschen auszeichnet, er trägt ein Militärfreuz, bas der Kaiser feinem tapferen Kanonier ver­liehen hat, ober wenigstens ein Schützenbest aus der Zeit, in der die Männer noch wehrhaft waren und eine Kugelbüchse handhaben tonnten.

Gewisse Würden ruhen auf den Häusern selbst. So ist das Recht, den Himmel zu tragen, für alle Zeit jenen vieren Vorbehalten, die einen Hausaltar aufftellen, während wiederum der Vorstand mit dem Wacht- meister die Ehre teilt, die Flügel des Rauchmantels zu halten, Staats­gewalt und irdische Gerechtigteit. Nur unter den sechs Jungfrauen am Traggerüst des Gnadenbildes finden sich von Jahr zu Jahr ein paar neue Gesichter. Denn das müssen echte, beschworene Jungfrauen sein, nicht nur solche, die auf gut Glück hinter der Fahne hergehen und unter­wegs von den Burfchen allerlei zu hören befommen, ob sie sich auch den Kranz gut feftgefterft hätten? Es ginge fo ein mertroürbiger Winb um!

Ja, man fommt erst spät zur Ruhe in dieser Nacht, und faum wird ber Morgen grau, so zieht schon roieber Musst auf, es frachen bie Böller unb fnallen bie Stutzen ber Prangschützen auf allen Wegen. Noch ein­mal wird die Straße gefehrt. Staub wirbelt in Wolfen auf unb läßt sich gebulbig roieber anbersroo nieber, auf bem Golb ber Altäre ober auf ben Teppichen, die man jetzt ausbreitet unb mit frischen Blumen be­streut. Unb bie Fahne tun bas Ihrige bazu unb angeln schöne Nelfen- stocke und Pelargonien von ben Fensterbrettern.

(Fortsetzung folgt.)