Ausgabe 
24.2.1936
 
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Gar nichts aber, wir fahren fetzt, Sie haben es mir fa versprochen.

So fuhr sie also jetzt aus ein richtiges Fest. Freilich mit einem Un­bekannten. Schön. Sie stellte diese Tatsachen vor sich hin, kühl und klar erkannte sie ihre Chance. Dieser Mann hatte sich eben geirrt, weil sie eine Maske trug. Wahrscheinlich war das Fräulein vom ersten Stock gemeint. Aber die ging ja jeden Tag aus und konnte noch auf viele gehen

Die Bremsen knirschten, der Wagen hielt vor dem Cherubin und ihr Begleiter sah sie von der Seite an.Sie sehen entzückend aus, wer hat Ihr Kostüm gemacht?"

Ich selbst und ich bin nicht die, die Sie abholen wollten. Als Sie' mich auf der Treppe trafen, kam ich gerade von meiner Hausfrau, der ich dieses Kostümgemisch aus meiner Werkstatt vorführte lauter verschiedene Bestandteile meiner Lieblingskostüme. Irgendwer sollte sie doch sehen! Ich kann mir weder Anzeigen noch Plakate leisten, und so kennt mich noch niemand in der fremden Stadt, und ich finde keine Käufer. Und da ich mir keine Karte kaufen konnte, ließ ich Sie in Ihrem Irrtum und vertraue auf Ihre Großmut. Seien Sie mir nicht böse und Helsen Sie mir zu meinem Glück"

Das will ich gerne tun, mein Kind! Ich werde Sie hineinführen dann müssen Sie mich freilich entschuldigen. Ich muß doch meinen Irr­tum wieder gutmachen und die andere holen."

Aber natürlich! Jedenfalls schönsten Dank und vielleicht sehen wir uns noch heute abend."

Der junge Mann fuhr belustigt den gleichen Weg zurück. Hoffentlich lwar die andere nicht gekränkt, daß er fo spät kam.

Aber sie war gekränkt.Sie sind mir der rechte Kavalier", fauchte sie gereizt.Ich sah Sie doch tatsächlich mit einer anderen Dame aus meinem Haus gehen! Meinetwegen ich brauche Sie nicht! Setzen Sie mich nur bitte dort ab!"

Die Fahrt verlief recht einsilbig. Dumme Pute, dachte der junge Mann. Und dieses Kostüm! Die andere war viel netter. Ich muß sie wieder finden. m v ,

Der Wagen hielt. Ohne Gruß und Dank verschwand diePute durch die Drehtür. Gut so! dachte der Verlassene, besser konnte das ja gar nicht gehen.

Gis hatte inzwischen ihre Gedanken von dem Mann abgelenkt, der |id) so fabelhaft anständig gegen sie benommen hatte. Gut ausgesehen ija't er auch aber das gehört jetzt nicht hierher, erinnerte sie sich ener­gisch. Vergiß nicht, Gis, daß du jetzternste Pflichten" zu erfüllen hast.

Das fiel ihr nicht allzu schwer. Von der Decke und den Wänden fiel nus unsichtbaren Quellen warmes Licht und der Rhythmus der Musik drang bis zu den Zehenspitzen. Faschingsluft lieh Freude an ihrem Abenteuer aufleben. Sie tanzte und lachte, und jegliches Bedenken ertrank in dieser unbeschwerten Atmosphäre. Bewunderer drängten hinter dem auffallend hübschen Kostüm her.Für wen machst du denn Reklame?" fragte einer.Für eine Leihanstalt!"Welche Leihanstalt hat denn so schöne Sachen?"Wo ist sie? Straße, Hausnummer, Stock­werk, Vorder- oder Hinterhaus?"

Sie hatte tausend lustige Antworten, flüsterte die Adresse in männ­liche und noch mehr weibliche Ohren. Wie war das Leben schön! Sie saß In einer Loge, wohin man sie zum Ausruhen eingeladen hatte, als sie plötzlich mit einem vergnügten kleinen Schrei aufsprang und den Kreis der Verehrer allein lieh. Die sahen sie einem hochgewachsenen Mann im Frack nacheilen, sich bei ihm einhängen und strahlenden Auges mit ihm reden, bis die beiden einträchtig im Gewühl verschwanden. Und so oft sich die Neugierigen bemühten, sie zu erwischen, immer war dieser lange Kerl dabei.

*

Auch als am nächsten Tag der eine oder andere nach der angegebenen Adresse ihr Atelier aufsuchte, fand er sie durchaus nicht allein. Und rnochten sie noch so lange in ehrlicher Begeisterung in den Kostümen kramen, der Mensch saß da und blieb. Und als die anderen abgezogen waren bis auf einen ganz Hartnäckigen, hörte der ihn sagen:Hast du vielleicht ein KostümHerzdame"? Ich möchte heute mit der Richtigen rmsgehen."

Cafe mich von deiner Meitzwurschi beiden

Münchener Faschingsbilderbogen.

Don Mara Mägander.

Es gibt immer noch Menschen, die meinen, der Münchener Fasching sei lediglich eine Angelegenheit für die,die sich's leisten können". Freude aber ist in der schönen Jsarstadt kein käuflicher Artikel. Sie blüht sozu­sagen auf der Straße, ein reizendes Unkräutlein mit einer sehr duftreichen Blüte. Ach, es ist nicht immer eine stilvolle Orchidee oder eine stolze Rose. Sehr oft ist es nur ein ganz hescheidenes Gänseblümchen. Aber gerade in ihrer naiven Anspruchslosigkeit ist die Freude am schönsten. Und nun gebt mir die Hand und geht mit durch die Feste des Münchener Faschings! Dann werdet ihr sehen, daß es überall lustig ist.

Redoute im Löwenbräu.

Es ist Samstag abend, also Redoute. Der Turm vom Löwenbräu- E?errr erstrahlt in hellstem Lichte und scheint die Masken anzulocken Sie $np: n nicht in stolzen Karossen. Von allen Seiten trippelt es heran Zu Fuß ober mit der Straßenbahn geht es auch. Schon lange vor Beginn stauen sich die Menschen vor dem Portal.

Sakrisch kalt is und der Maxi hat mirs für gewiß versprochen, daß $r kimmt."

A geh zua! Du mit deinem Maxi! Der muß doch zerscht noch I fein Laden zufperren. Find'st leicht was Besseres."

Zwischen die wartenden Masken drängt sich allerhand Zuschauer- □olt. Zuschauen macht beinahe so viel Spaß wie Mitmachen.

Die schaug oa! Die fmm's noch vom Oktoberfest aus der Bölkev» schau dab'halten. See, Freilein, See kommen wohl von Abessinien?"

Aber die braunhäutige Schöne, deren schlanke Beine in hochroten Kunstseidenhosen stecken, geht stolz vorüber.

Im Saal ist um 9 Uhr schon kaum noch ein Platz zu erhalten. All die jungen Leute, die schwere Tagesarbeit hinter dem Ladentisch ober im Handwerk ernährt, sind jetzt Kavaliere und Damen. Der bunte Maskentand gibt ihnen eine gewisse Würde.

Bitt schön, Fräulein, was stellen denn Sie vor?" Nach dem dritten Tanz fragt es der Jüngling sehr schüchtern.

Ein Aquarium. Dees siecht ma doch."

O mei, a Aquarium!" läßt sich eine laute Stimme vom Neben- tisch hören.

A Aquarium! Wo mir in München Überhaupts koa Fisch net mögn. Und 's Wasser a nett. Da kimmt sie als Aquarium daher!"

Er möcht reden von Dingen, die er net versteht."

Geh, Fischerl, net glei beiß'n! Tanz mer halt mitsamm."

Das Aquarium und die bayerische Lederhose vereinigen sich mitein­ander im Tanze trotz der bayerischen Abneigung gegen alles Wässerige.

Schön bist heut, Lenerl."

G'sallt's dir? I hab's selber gemacht. S'ist fei aus Seide!" Schneidig bist beinander."

Zensi, a Maß für den Herrn Vaterlandsoerteibiger! An Solbaten, wann ich siech, nachher hupft mer's Herz im Leib vor Freid'."

Ihrer Fräulein Tochter scheint es ähnlich zu gehen" sagt neibvoll ein Stubent.

,,S' Mabl hat halt an g'sunben Geschmack, Gott sei Dank!"

Um 12 Uhr ist Hochstimmung. Die Musik schmettert einProsit der Gemütlichkeit" nach bem anberen in ben Saal unb bie umfangreichen Heben müssen sich gerabezu schicken, baß sie mit bem Nachfüllen der Krüge mitkommen. Das schmeckt bei der Hitze. Es tauscht keiner sein Krügl Bier um einen Kübel Sekt. Gibt keiner sein herziges Münchner Madl für bie raffinierteste Schöne ber Welt, unb braußen am Portal wacht ber bayerische Löwe.

NachtberKün stier.

Nacht muß es fein, wenn Faschings Sterne strahlen! Je bunkler, befto schöner. Es gibt Plätzchen, ba sieht man kaum bie Hanb vor den Augen. Dort ist es am allerschönsten. Die Dekoration, von Künstler­händen geschaffen ist märchenhaft.

Soeben erscheint Salome, bekleidet mit drei Perlenschnüren, aber ohne den Kopf des Jochanaan.

O Gott, mein Fräulein, Sie werden sich erkälten", bandelt ein Jüngling aus Ostpreußen mit der Schönen an. _

Reden's mi net so schwach an!" tönt es zurück.

Der Jüngling wird belehrt, daß diese Salome aus Schwabing stammt.

Man sieht Schlangenbändiger mit Negerinnen im Baströckchen flirten unb eine schneibige 'Kunstreiterin liebäugelt mit bem Märchenerzähler aus Bagbad. Das Biedermeierfräulein, das sich hierher verirrt hat, ge­niert die Stoffülle, bie sie um sich gebauscht, unb sie würbe gern an Minberbemittelte etwas abgeben.

Das Röckchen einer Ballerine steht schneeweiß unb zuckrig in seiner blütenhaften Frische um ein Paar braungebrannte Beine. Trikot? I wo! Das war einmal zu Großmutters Zeiten. Längst überrounbener Staub- punkt.

Bei einer üppigen Blonbine hängt bie ganze Kostümherrlichkeit an einem schmalen, schwarzen Schnürchen, bas um ben Hals geschlungen ist. Wenn bas reißt, ist alles dahin. Man sieht Othello mit einer win­zigen Schere in lchwerster Versuchung um ben fettgepolsterten Schwanen­hals schleichen.

Ab unb zu knallt es. Aber es sinb keine Sektpfropfen, fonbern nur bunte, luftige Luftballons, bie bem Feuer einer Zigarette zu nahe ge­kommen sinb. Ach nein, Sekt, bazu reicht es nicht, Die Tafelrunbe ist froh, wenn sie ein Maß Bier gemeinsam bezahlen kann. Dann wirb der Maßkrug sorgfältig ausgespült unb mit kristallklarem Leitungswasser ge­stillt. Aus ben Taschen ber Feuerfresser ynb Ritter kommen verschämt Zitronen unb Zuckerbüten ans Faschingslicht. Selbstgemachte Zitronen­limonabe ein herrliches Getränk. Unb ben Rausch, ben großen Freu­denrausch, ben hat man boch mitgebracht unb braucht ihn sich nicht erst anxutrinten.

Der Vereinsball.

Also heuer muah was Extrigs her, baß ma siecht, was a neuer Vor- ftanb ausmacht!"

Der Herr Huber klopft zum Nachbruck für feine Rebe energisch auf bie Tischplatte.

Z'erscht kauf ma amal für unsere Damen Papiermützen.

Ja, bes ta mer. Unb für unsere Ehrenmitglieber kauf mer Nasen zum Aufsetzn. Dees gibt a Morbsgaubi. Lampiohne müß mer scho aa a Dutzenb mehr nehma als wia voriges Jahr. Weil mir bees Fest Vene­zianische Nacht heißen."

O mei, zu vui kosten berfs a net. Ham ja eh blos fünf Mark unb zwanzig in der Kassn!" wirft der Kassier schüchtern ein.

Dann ist ber große Abenb ba. Die Rosa vom Herrn Metzgermeister Pikelsteiner ist zur Ballkönigin auserkoren. Jetzt steht sie vor bem Spiegel, eng eingeschnürt in ein bauschiges Rokokokleid. Die angestaubte Perücke, die ihr der Friseur Lampl als Ehrenmitglied des Vereins zum Vorzugspreis geliehen hat, thront wie Schlagrahm über dem himbeer­roten Gesicht. _ m . .

Es ist ein großes Staunen und Bewundern, als Fraulein Rosa den Festsaal imGoldenen Ochsen" betritt.

Nur scheen! Also bes is sozusagen gewissermaßen bie Mabam Pom- pabour" meint ber Herr Lampl stolz unb verbessert rasch noch etwas an ber Perücke.