Der Saal ist schier nicht wiederzuerkennen vor lauter Papiergirlandsn und Tannengrün. Der Herr Erste Vorstand ist sehr stolz aus seine Venezianische Nacht mit den bunten Lampions. Wie ein Gott thront er auf seinem ehrengeschmückten Platz und trägt im Schweiße seines Angesichts die enge Perücke und den Rock eines Dogen.
„Also, dees is a Fest! So scheen war's noch nie net." Holdselig lächelt die Frau Sekretär den Herrn Vorstand an.
„Jawoi, Frau Sekretär, deß muß ma verstehn, gewissermaßen dem betreffs. Wissen's, im nächsten Jahr ..."
Was im nächsten Jahr wird, hat die Frau Sekretär nie erfahren denn im Augenblick löst sich eine schwere Girlande von Tannengrun und klatscht dem Herrn Vorstand in den Maßkrug, daß es nur so pritscht.
„Jetzt wird's erst richtig venezianisch, jetzt kennt ma leicht a Gondl brauchen" lacht der Maxi. Der Herr Vorstand sieht nach dem ersten Schrecken einen Grund, die damische Perücke und den engen Rock abzulegen. Die venezianische Nacht geht mit einem lauten Juhuh und Juchheh in einen bayerischen Almtanz über.
Weißwurschtpause.
Eines ist allen Festen, was für Menschlein sie auch zum fröhlichen Reigen unter dem Szepter ihrer Narretei versammeln mögen, gleich, die Weißwurschpause. Punkt 12 Uhr marschieren die Heben in tue Sale und reichen die dampfenden Weißwürste in Riesenterrinen herum. Unter dem Kranz dieser leckeren Spezialität vereinigen sich alle Münchner Herzen einmütig.
Die Weißwurst ist sozusagen der Uebergang in die Morgendämmerung. Das erste Frühstück für den neuen Tag. Sie mundet herrlich und ist selbst dann bekömmlich, wenn man ein wenig Uber den Durst getrunken hat. Sie regt an, ohne aufzuregen. Sie schlingt die zarten Bande der Liebe fester. Jawohl, auch das. Denn zu einem Paar Weißwürsten kann man die Heißgeliebte selbst unter bescheidensten Verhältnissen einladen. „Er füttert mich. Also liebt er mich" — das ist eine alte Weisheit.
Sehr vornehmseinwollende Leute essen die Weißwurst mit dem Besteck, aber eigentlich werden sie mit den Fingern gegessen. Das darf man sogar in der allerbesten Gesellschaft tun. Und bitte, den Senf nicht vergessen! Süßen deutschen Senf. Der andere paßt nicht dazu.
Enger rücken die Pärchen bei der Weißwurst zusammen. Wenn man erst einmal gemeinsam aus dem Maßkrug getrunken hat — das gehört selbstverständlich dazu, selbst wenn den ganzen Abend champagniftert wurde —, dann ist die Freundschaft schon so gut wie besiegelt.
„Laß mich einmal von deiner Weißwurst beißen, dann laß ich dich aus meinem Maßkrug trinken!"
Es lebe die Münchner Gemütlichkeit, die immer und überall durchbricht unedle die Grundmelodie angibt für den echten Münchner Fasching!
Oer Hanswurst wird verbrannt.
Ein Gedenkblakk für karoline Jteuber.
Von Otto Rombach.
An einem Oktobertag des Jahres 1737 wurde von der Theatertruppe der Karoline N e u b e r in Leipzig ein Schauspiel dargeboten, das für das gemeine Volk zwar eine Unterhaltung wie jedes andere Spiel der Komödianten zu sein schien, das aber tiefere Bedeutung hatte: nach feierlichem Urteil hat man den Hanswurst, der bislang die größte Rolle auf der Bühne spielte, aus dem Bereich der schönen Künste hinausgewiesen und ihn auf einem Scheiterhaufen gnadenlos verbrannt.
Nun lag der Fettsack in seinem bunten Flitterkleide auf dem Holzstoß, mit Schellen angetan, mit seiner Pritsche in den Händen und mit der Säufernase im Gesicht, und ging in Flammen auf. Dem Harlekin, der überall im Spiel der deutschen Komödiantentruppen die Hauptperson gewesen war, hat man in Leipzig das Recht versagt, auf einem Platz zu wirken, der besseren Dingen, der den Musen vorbehalten war, der hohen Kunst, die es noch gar nicht gab, die erst geschaffen werden solltel Weil dieser Harlekin, der Pickelhering wder Hanswurst, die Kunst herabgewürdigt hatte, weil er nicht nur Späße, sondern Zoten und gemeinste Witze von der Rampe aus ins Publikum hinunterfeuerte, weil er dem niedrigsten Geschmack entgegenkam, hat ihn die Neuberin geächtet und seine närrisch aufgeputzte Puppe jämmerlich verbrennen lassen, belohnt vom Beifall eines kleinen kunstbeslissenen Kreises, an dessen Spitze der gelehrte Gottsched stand und der wie sie ein neues und gereinigtes Theater für Deutschland schaffen wollte.
Mit dieser Tat, die einen Wendepunkt in der Entwicklung der deutschen Bühnendichtung und Theaterkunst bedeutet, hat Karoline N e u b e r eine Kluft aufgerissen und zwischen sich und jenen Komödianten, die mit den plattesten und übelsten Erzeugnissen, die je geschrieben wurden, das Volt zu speisen hofften. Sie kannte jene „Banden", weil sie selbst mit ihnen durchs Land gezogen war, mit Recht verachtet und kaum geduldet und niemals ernst genommen. Was brachten sie den Menschen? — Sie brachten Hanswurststücke mit Witzen aus der Gosse, bunten Flitter, Kleider und leidlich ausgeputzte Frauen, denen oft der Hunger aus den Augen blickte, wenn sie nicht andere Wege wählten, ihr Leben angenehmer zu gestalten... Kunst war es nicht, was sie begeisterte; das öotter- leben war's vielleicht, das sie verleitet hatte, die abenteuerlichen „Gastspielreisen" ntitzumachen, die schäbigste „Boheme", die es jemals gab.
Mit sünfzehn Jahren ist Friederike Karoline Weißenborn dem Elternhaus entlaufen, um einem Studiosus der Rechte anzuhangen, der bei ihrem Vater, dem unerbittlichen, tyrannischen Gerichtsinspektor
Weißenborn in Zwickau Schreiberdienste getestet pam. aa« t*e aus sich, als man sie für sieben Monate in eine Gefängnis steckte nachdem das sonderbare junge Pärchen schlimmste Not auf ferner SW aelitten hatte. Sie hat, als sie ins Elternhaus zurückgelteferl wurde, noch qröbere Mißhandlungen erdulden müssen und — wiederum mit einem Studiosus, der Johann Ne über hieß und dessen Name sie für alle Zeiten tragen sollte — noch einmal die Flucht gewagt.
Not und Entbehrung haben das junge Liebespaar der „Spiegelberg- schen Komödiantenbande" zugetrieben, die in Weißenfels gastierte. Mit diesen Kunstzigeunern, deren Prinzipal ein eitler Säufer war, sind sie herumgezogen, und schon jetzt fiel Karoline Neuber nicht nur durch ihre große Schönheit auf; es wird berichtet, daß bereits in ihrer ersten Zeit die innere Beseelung ihres Spiels erschüttert habe, daß ihre Art, das Wort durch Gesten schön zu unterstreichen, von der Macherei der andern abstach. Gewiß hat sie den „Stil" der Staatsaktionen, wie sie die Stucke häufig hießen, mitgemacht, und als sie bei der Haakschen Bande eine neue Unterkunft gesunden hatte, die stolz den Titel „Königlich Großbritannisch Privilegierte Hoskomödiantenbande" führte, war nichts gewonnen als eine neue Existenz in einem „besseren Ensemble . Der Mann der diese Bande führte, war Barbier gewesen, nun verehelicht mit einer Bürstenbinderstochter. Er führte wunderliche, mit großem Pomp erfüllte Stücke auf, die allegorische Figuren, Tanz, Gesang und andere Dinge für Ohr und Auge boten. Ihr nächster Prinzipal, der sich an die Verdeutschungen französischer Tragödien wagte, besaß in Braunschweig ein Kaffeehaus. Mit diesen Stücken faßte sie in Leipzig Fuß, wo sie zur Zeit der Messe die Blicke auf sich lenkte und nicht zuletzt das Interesse des Literaturpapstes ihrer Zeit erregte, des Professors Gottsched, der sich bald mit ihr verbündete.
In Leipzig, wo sie eine eigene Truppe gründete und wo sie zwar mit den Behörden und mit der Hanswurst-Truppe Müller schwer zu kämpfen hatte, setzte Karoline Neuber alle Kraft daran, die Buhne frei zu machen van dem Ungeschmack, der sie bisher verschandelt hatte, sie zu säubern und nicht zuletzt die deutsche Bühne zu einem Podium deutschen Dichtertums zu machen! — Sie hat die Mitglieder ihrer Truppe mit allen Mitteln zur Disziplin erzogen: wer in den Kneipen lungern wollte ober spielte, konnte gehen, und wer die Absicht hatte, em liederliches Techtelmechtel anzufangen, der irrte sich. „Heiraten ober Abschieb war bas Ultimatum der Neuberin!
Mit ihrem Willen, Sauberkeit zu schaffen, mit ihrem Fanatismus, bem vogelfreien Bandentum der Komöbianten bürgerliches Ansehen unb Beachtung zu erringen, hat sie als Dienerin ber Sprache selber Stücke verfaßt. Sie hat vornehmlich Werke aus Frankreich übersetzen lassen unb sie aufgeführt, mochte auch ber Hanswurst Müller im Fleischhaus unter großem Zulauf nach wie vor fein zotiges Theater treiben.
Die Neuberin, ihr großes Ziel vor Augen, hat ihre glühenbe Begeisterung binausgetragen in die Welt. In Hamburg, in Hannover, in Frankfurt unb in Straßburg trat sie auf, wo sie sogar „bei Frost agieren" bürste, bis ihr Theaterspiel zum Anlaß würbe, Trinkgelage vor ihrem Pobium abzuhalten, bis zuletzt bie roilben Zecher selber auf bie Buhne sprangen, um in ihrem Sinne mitzuspielen.
Unterbewert hatte ber Hanswurst Müller in Leipzig roieber Oberhand gewonnen. Aber wenn man auch der Neuberin nur einen Platz für ihre Komödienbude anweifen konnte, wo sie „darauf achten mußte, keinesfalls die Türen zu den Pferdeställen zu verbauen" — sie wagte doch von jener Stätte aus, „wo annietzo einige aus ber Stabt geführte MUt- hauffen liegen", ben großen Angriff gegen Müller: sie verbrannte jene Puppe, bie ihm nachgebilbet war, unb hat bamit als erste bem Theater ber Pöbelhastigkeit unb Plattheit ben Tobesstoß gegeben!
Der verbrannte Hanswurst sann auf Rache, unb währenb Karoline Neuber ihren Ruhm von Stabt zu Stobt unb an bie Fürstenhöfe trug — sogar nach Rußlanb hat man sie gerufen —, währenb sich ber erste Zwiespalt mit Gottscheb vorbereitete, ber sich immer peinlicher mit seiner pedantischen Genauigkeit bemerkbar machte, unb währenb sie, bie Prin- zipalin, allmählich alterte, verblaßte auch ihr Ruhm. Das letzte Stück, das sie mit ihrer Truppe aus ber Taufe hob, ein beutfches Stück von einem beutfchen Dichter, war — ein Werk von Lessing! —
Mit biefer Feuertaufe, bie zwar ein Durchfall war, hat bie Theatertruppe ber Neuberin zu bestehen aufgehört. Der künstlerische Weg ber großen Prinzipalin war burchschritten. Das, wofür sie in ihrem stolzen unb an Abenteuern reichen Leben immer gerungen hatte, war erreicht, ihr selbst, ber Neuberin, wohl kaum bewußt. Mit biefem jungen Dichter namens Lessing brach eine neue Zeit herein, bie bem Theater jene Reinigung unb jene Stellung unb Anerkennung brachte, um bie bie Neuberin ihr Herzblut immer roieber verschwendet hatte.
Ihr Leben war erfüllt. Sie trat von ihrer Bühne in Leipzig ab, nun wieder eine Komödiantin, wie sie alle waren, verarmt und ausgestoßen unb namenlos vergehenb. Noch einmal schien bas Schicksal sie emporzutragen, als bie Kaiserin in Wien bie große Komödiantin hören wollte. Aber man verstand sie nicht mehr, man begriff die Kunst nicht, die sie brachte, ihr Pathos nicht und ihre Gesten nicht, auch ihren Fanatismus nicht. Sie war für ihre Zeit zu alt geworden; ihre Kunst war überlebt.
Die Neuberin bettelt sich durch Deutschland bis nach Leipzig, wo sie niemand mehr ertennt! Und als der Krieg in Schlesien ausbricht, als Johann Neuber sich aus dieser Welt davonstiehlt, findet sie zuletzt bei einem Bauern in Loschwitz an der Elbe notdürftig Unterschlupf. Dort schließt sie im November 1760 ihre Augen, bis zuletzt verjagt, weil niemand will, daß eine Komödiantin in feinem Hause stirbt. Und als der Bauer, der ihr das letzte Obdach gab, die Tote in ein paar roh zum Sarg gefügte Bretter bettet und sie auf einem Schubkarren auf ben Friebhof fährt, verweigert man ber toten Komöbiantin auch bort bie letzte Ruhe. Vor ber Kirchhofsmauer wirb Karoline Neuber beigesetzt. — Einhundert Jahre später hat bie deutsche Kunstwelt an jener Stelle ein Denkmal eingeweiht.
Neraniwortlich; vr. HansThyrioi. — Druck undDerlag:Drühl'scheUniv er siiäts-Duch» undEteindrucker ei. A.Lanae, Gieße».


