Als ich in das Lokal kam, schien auf den Straßen noch die Sonne; es war vier oder fünf Uhr nachmittags. In „Klein-Peking" war die Zeit ausgelöfcht. Hier brannte immer künstliches Licht. Unter der Decke hatte man bunte Papiergirlanden kreuz und quer durch den Raum gezogen. Immer, wo sich diese bunten Ketten schnitten, brannte eine rote, grüne, gelbe und chinesische Laterne, wir sagen Lampion, nicht wahr; es sah nach Karneval aus. Ich weiß nicht, ob das Lokal immer fo hergerichtet war. Vielleicht feierte man ein chinesisches Fest. Tatsächlich bestanden die Gäste, soweit es Männer waren, fast nur aus Chinesen.
Die Mädchen, die mit diesen gelben Männern tanzten und an den Tischen herumsaßen, waren überwiegend blond. Manche Schwedin und Dänin saß da und bemühte sich um ein hartes Englisch. Blicke, Fingersprache und Englisch. So verständigte man sich. Und daß man sich wirklich verstand, bewies die gute Stimmung, die allenthalben herrschte.
„Diese Chinesen sind alle Seeleute?"
„Gewiß. Zumeist Heizer aus Ostasiendampsern oder Kohlentrimmer. Auf St. Pauli aber sind sie für ein paar Tage, solange die Heuer reicht, Gentlemen. Es kommt auf ein Pfund nicht an."
„Schrecklich, diese armen Menschen."
Adalbert Steyer lachte ein bißchen. „Oh, Sie sollten sie sehen. Kein einziger kommt sich bedauernswert vor. Warum auch? In den chinesischen Armeen der Nord- und Südgenerale haben sie kein besseres Leben. Oder Kuli aus holländischen Pflanzungen in Ostindien? Rikschahläufer, Packer in den Häsen des Ostens? Nein, unsere seefahrenden Chinamänner haben kein fo schlechtes Los gezogen. Aber ich schweife ab. Als ich mir in „Klein-Peking" das Treiben eine Weile angesehen hatte, besorgte mir ein Kellner einen Platz an einem Tisch, der vor einem Sofa stand. Auf dem Sofa saß ein Mädchen. Es rückte bereitwilligst zur Seite, aber ich wollte die Dame nicht einengen und setzte mich auf den Stuhl. Es ergibt sich in diesem Lokal leicht, daß man mit einer jungen Dame in ein Gespräch kommt, gnädige Frau, Sie werden mir das glauben? Das Mädchen, Toni, war der Name, schien mir ganz aufgeweckt. Ich hatte Mühe, das Gesprächsthema unauffällig dahin zu lenken, wo ich es haben wollte. Hätte Toni etwa in meiner Person einen Spitzel gewittert, konnte ich gewiß sein, kein Wort zu erfahren. Aber es gelang mir, Toni glauben zu machen, daß ich ein Verehrer der roten Olga fei."
Frau v. Blinkburg hatte gut aufgepaßt. Sie fragte dazwischen: „Als Sie in „Klein-Peking" sahen, wußten Sie schon, daß das Mädchen Olga rothaarig sei? Woher wußten Sie es?"
Steuer schüttelte den Kopf. „Ein Erzählungsfehler. Ich wußte es nicht. Ich beschrieb der Toni höchst unbestimmt eine Frau, die Olga heiße, in der Silbersackstrahe bisher gewohnt habe und die ich hier in „Klein-Peking" zu treffen gehofft habe. Da half mir Toni sofort mit ihrem Zuruf: Die rote Olga? auf die Spur. Ich erfuhr, die rote Olga habe sich mit dem Chinesenwirt des Lokals erzürnt, und bet Portier dürfe sie eine Weile nicht in das Tanzcafs lassen. Aber wenn ich mir wirklich die Mühe machen wallte, wenn ich denn durchaus gerade Olga treffen müßte — sie fei im Hammonia-Hippodram zu finden.
Ich verabschiedete mich von der gefälligen Toni und wechselte das Lokal.
Hammonia-Hippodrom. Der Admiral eines Phantasiestaats stand in großer Uniform vor der Tür. Das Transparent bestrahlte auch ihn noch; alles leuchtete und blinkte an dieser Uniform von Goldstreifen. An seiner Mütze stand statt eines Schlachtschiffnamens geschrieben: Hippodrom Hammonio. Da mar ich meiner Sache ganz sicher und stieg in den K."' '
j.n Keller stiegen Sie?"
„Ja. Die Manege befand sich im Keller. Eine Treppe führte von der Straße aus hinunter. Für die zweibeinigen Besucher. Die Pferde, denke ich, werden einen anderen Ein- und Ausgang haben, hinten hinaus über Höfe und Gänge.
Es war noch zu früh am Tage, als ich dort war. Die Pferde standen allerdings schon gesattelt in der Mitte des Reitkreises. Blechmusik spielte einen Marsch. Es roch nach Pserdedung, kaltem Rauch und Alkohol, eine Mischung, die nicht sehr lange erträglich ist. Aber dann gewöhnt man sich doch daran. Nach Minuten schon spürte ich die Gerüche nicht mehr. Ich hätte aber gewiß auch sonst ausgehalten, denn hier im Hippodrom fand ich die rote Olga.
Ich sagte eben, die Pferde standen in der Mitte der Manege zusammengedrängt und niemand ritt. Das stimmt nicht ganz. Jemand ritt; jemand bewegte in langsamem Trab den Schimmelwallach Die rote Olga.
Sie saß im Herrensattel. Ihre Beine hoben sich kaum ab von den weißen Pferdeflanken; sie trug einen kurzen, für diese Zwecke gut geeigneten dunklen Rock, darüber eine helle Bluse. Ihr rotes Haar leuchtete förmlich, wo es unter dem Filzhelm hervorquoll. Ich erkannte sie sofort. Das mußte die rote Olga fein!
Ich setzte mich in eine Ecke und bestellte etwas. Es waren noch nicht viele Gäste im Lokal. Ein paar gutgekleidete Ausländer standen mit ihren Damen und starrten das reitende Mädchen an. Dann gingen sie wieder. Ich wartete ab. Es dauerte nicht lange, und der hakennafige Stallmeister — graukarierte Breeches, schwarze Reitjacke, Zylinder, lange Peitsche — half Olga aus dem Sattel. Es war wohl nicht nötig, daß sie noch länger „Schau" ritt. Sie schüttelte sich zurecht, ordnete ihr Haar und schritt durch die Tischreihen. Einigen Kolleginnen nickte sie zu. Die Männer blickte sie nicht an.
Als sie in meiner Nähe war, rief ich sie an. Sie zögerte und kam dann an meinen Tisch. Ich bot ihr Platz an, und sie setzte sich. Das Gespräch kam glatt in Fluß.
Ich soll Sie grüßen, sagte ich.
Van wem? meinte sie, nicht sonderlich interessiert.
Darauf ging ich aufs Ganze und sagte: Van Herrn Alwien, ich sprach ihn noch gestern abend.
Sie sah mich an. Ihre Verwunderung schien ehrlich. Den kenne ich gor nicht.
(Fortsetzung folgt.)
Beim Tanz.
Don Joseph Viktor von Scheffel.
Des Dorfes Jugend kommet heut Zur Schenk' im Wald herauf, Ein Musikant sitzt auf dem Tisch Und spielt zum Tanze auf.
Die Dirnen all im Sonntagsschmuck Drehn sich tn frohem Rechn, Ein' jede hat schon ihren Schatz, Da misch' ich mich nicht drein. .
Nur einsam an der Schwelle steht Eine arme Bettelmaid,
Die schauet mit sehnsücht'gem Blick Auf all die Herrlichkeit.
„Du Bettelkind, hab' du nur Mut, Setz' ab dein' schwere Last!
Glaub' nicht, es sei fein einz'ger da, Dem du gefallen hast.
Auch ich ein armer Teufel bin Und trag' fein Sonntagskleid, Drum scheu' dich nicht und tanz' getrost Mit mir, du arme Maid!
Wir haben allzweibeide nichts. Was kümmert uns das groß?
Da liegt für uns die ganze Welt Noch in der Zukunft Schoß.
Und wenn es einstmals anders wird, So daß ich König bin.
Dann komm ich wieder und mache dich Zu meiner Königin.
Statt wilder Rose schmückt dich bann Eine Kron' mit gülbnem Glanz, Dann gehn in schwerem Königsornat Wir wiederum zum Tanz."
Herzdame.
Line Faschingsgefchichle.
Von Dorothee Rauch.
Da saß das Mädchen Gis mit seinen einundzwanzig Jahren, Kunstgewerblerin ohne Einkommen, in dem zum Atelier erhobenen großen Dachzimmer und legte die Stirn in krause Falten. Es war recht schwierig, den Verwandten zu zeigen, daß man als „Verstoßene" auch ohne ihren in jedem Fall ungern gegebenen Zuschuß leben konnte! Kein Mensch wollte sich um den Pappkarton an der Haustür kümmern, auf dem „Maskenverleih" zu lesen war. An wie vielen Türen hing jetzt im Fasching so ein Stück Papier! Und woher sollten die Leute auch wissen, daß man dort oben etwas anderes fand als den üblichen „Pierrot", den roten Russenkittel mit der Borte um den Hals ober ben „echt amerikanischen Boy". Nein, bamit gab sich Gis nicht ab. Ihre Kostüme waren nicht nur ganz neu, fonbern auch neuartig, nach eigenen Entwürfen von ihr selbst genäht, unb sie hing fo sehr an ihnen, baß sie trotz ihrer bebrängten Lage mögliche Käufer eher fürchtete als ersehnte, weil sie sich nur ungern von ben Sachen trennte. Da waren ber „Kosak" und das „Bauernmädchen" und -die „Dame mit dem Reifrock" und die süßen roten Stiefel — da hingen und lagen sie. Wie wäre es, wenn sie selbst schnell einmal da hineinschlüpfte — wenn sie alle ihre Lieblinge selbst einmal anzog — alle zugleich und auf einmal? Das weiße Glasbatisthöschen der Ballerina, den luftigen langen Rock, der bei jedem Schritt auseinanderfiel in viele bunte Teile, das glitzernde Bolerojäckchen und der venezianische Hut mit der goldenen Maske, auf ben sie befonbers stolz war. Schon ftanb sie vor bem Spiegel unb brehte unb roenbete sich und dachte an das Plakat, das von allen Anschlagsäulen leuchtete: Che- rubin, Reflamefest der Künstler-Gilde! Zu dumm, daß sie nicht dorthin gehen konnte. Da hätte sie die Sachen aller Welt zeigen unb bie Leute aufmerksam machen können. Aber ihr bißchen Gelb gestattete ihr solche Ausgaben nicht, unb fo blieb ihr nur bie Hauswirtin als ftaunenbes Publikum.
Die schlug bie Hänbe über bem Kopf zusammen: „Ja, so schön, fo fesch! So müßten ’S heut abenb ins Cherubin gehen! Das Fräulein vom ersten Stock geht auch schon roieber aus, bie kommt überhaupt nur mehr zum Ausruhen heim, aber fo was Schönes hat bie nicht an."
Trübselig roanberte Gis bie Treppen hinauf. Da fiel bie Haustür ins Schloß, Schritte tarnen herauf, unb vor ihr ftanb ein Mann im Frack.
„Ich bachte schon, Sie würben nicht mehr kommen, machen Sie nur schnell!"
Er zog sie bi- 's auf bie Straße, wo ein Wagen stand.
»Aber ich


