Ausgabe 
24.2.1936
 
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GiehenttZamilieilblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <956 Montag, den 24. Zebruar Hummet U>

eheimnis der «Zeide

ROMAN VON FRANK F. BRAUN

3. Fortsetzung.

Sie trug den Stock nicht mehr, wie sie es vorher getan hatte. Sie hielt ihn jetzt in der Mitte und trug ihn neben sich her. Denn unerwartet wie diese Entdeckung und der Schreck darüber m sie gefahren waren, kam nun auch der Entschluß über sie. Es hatte keinen Zweck, darüber aU grübeln, ob diese vertrocknete dunkle Kruste am Stock des Schrift­stellers eine alte Farbe war, oder ob es Blut war Frau v. Bllnk- bura war nicht so feige. Sie würde es vorziehen, eine schauerliche Wahr­heit zu erfahren, als mit dem Zweifel zu leben. Daß alle Hoffnung in ihr wünschte, es möge diese schreckliche Wahrheit nicht geben war natürlich Denn dies alles war ja noch kein Beweis einer Schuld Steuers nicht wahr. Es sah so aus, man konnte Indizien zusammen- traqen; aber auch Indizien sind nicht Beweise. Klar würde man freilich sofort sehen, wenn es sich herausstellte, daß die braunen Flecke auf des Schriftstellers Stock tatsächlich Blut waren. Menschenblut! Dann aller­dings und Frau 0. Blinkburg seufzte tief, dann muhte man wohl an eine Schuld glauben. Aber selbst dann ... seien wir vorsichtig. Was wissen wir? Sie trafen sich. Einer schlug zu, sonst hatte es der andere getan. Die Nacht und die Einsamkeit deckten alles zu. Was wissen wir?

Sie schritt durch die Dorfstraße. Ihre schönen blauen Augen leuch­teten im Licht ganz auffallend hell. Ihr Haar hatte einen Goldton. Sie war sehr schön, die Frau v. Blinkburg, das fand auch Herr Pfrundt, der am Fenster feines Amtszimmers stand und auf die Straße schaute. Als sie zufällig zu ihm hinaufblickte, verbeugte er sich und grüßte lächelnd. <8(in(burg bantte erschrocken. Dies Lächeln hatte sie erschreckt. Wie durfte dieser Mann lächeln! Aber sie verwies sich. Jener wußte nichts Nichts? Und da überfiel sie ein neuer Schreck. Wie nun, wenn diese Leute längst einen Verdacht hegten? Wenn sie Steyer gegenüber nur deswegen so kühl und interessenlos gewesen waren, weil ihr Ver­dacht sich gegen ihn selber richtete! Oh, dann wurde manches klar, dann verstand man, warum die Behörde nichts von einem Morde wissen ro°6tet)er sollte sich sicher fühlen, sollte seine Ablenkungsmanöver ver­suchen und sich nur um so tiefer verstricken. r

Sie schritt rascher aus. Ihr Plan stand fest. Sie sah d-e Hausschilder an. Metzger, Kolonialwaren, Bäcker, Schlosser. Ah, endlich. Tischlerei und Drechslerei. , _ . _

Sie ging in das Haus. Die Werkstatt war zur ebenen Erde. Der Meister in Hemdsärmeln, eine blaue Schürze bis zum Hals vorgebun- den, empfing die fremde Dame. Die Gesellen standen eine halbe Minute erftarrt.

Ich möchte Sie bitten, mir diesen Stock abzusägen", sagte Frau v Blinkburg, und sie wies die Stelle, wo sie die Abtrennung wünschte. Es war so, daß der eigentliche Griff dabei abfallen würde.

Ader Sie werden doch nicht!" wehrte der Meister ab,so ein ferner Stock, Eiche, ein gutes Holz." Er versuchte ihn zu biegen.Hart , sagte ßr fehv hort

' Frau v. Blinkburg hielt seine Hand fest.Schneiden Sie ihn hier ab", forderte sie nochmals,ich warte darauf." ...... <-

Der Alte sah ihr verdutzt auf den Mund.Ja, natürlich, wenn Sie es durchaus wollen." Er klemmte den Stock ein und fügte ihn durch. Frau v. Blinkburg nahm den Griff an sich.Was bekommen Sie, bitte? Der Tischler rieb sich das rechte Ohr.Das war ja nun keine große Arbeit", meinte er,aber so eine Feierabendzigarre könnte vielleicht dabei herausspringen?" Er lachte verlegen. Frau v. Blinkburg gab ihm 50 Pfennig. Da geleitete er sie zur Tür.Den Stock wollen Sie nicht rnitnehrnen?" Sie schüttelte den Kopf. Er sah ihr nach. Kornische Leute, diese Städter. Mit dem Griff konnte sie doch nun überhaupt nichts an- fangen! .

Frau v. Blinkburg kaufte sich im Dorf noch Papier und Bindfaden. Dann ging sie wieder in das Hotel. Sie packte den Stockgriff ein, schnürte ein kleines Postpaket; bann setzte sie sich an den Tisch und schloß die Schreibmappe auf. Sie sann nach. Dies war die erste Minute, da sie richtig zur Ruhe kam. Warum tue ich es? Will ich, gerade ich denn diesen Mord an unferm Geschäftsführer klären? Wahrhaftig nicht. Wenn es nicht der Doktor wäre, um den es geht, würde ich abreisen. Sofort. Ich will nichts mit dieser gräßlichen Geschichte zu tun hoben. Aber ich kann nicht einfach abreifen. Ich bin ja mitten drin in der Geschichte. Ich kann nicht einfach die Augen zumachen und mir die Ohren verstopfen.

Ich sehe doch und würde auch hören Still, liebe Leute. Ihr sagt: lächer­lich Aber ihr seid fern und in Sicherheit. Oder ihr habt ein Herz, das wohltemperiert ist. Oder ihr liebt und seid anderer Liebe gewiß. Dann ist es leicht ihr Lieben. Aber ich bin allein. Und ich habe ein törichtes Herz; ich bin beinahe verzweifelt. Oder sehr, sehr traurig. Denn ich bin eine Frau und möchte vertrauen können und bin in Zweifel gestürzt. Und darum muß ich es tun. Ich will Gewißheit. Ich schreibe den Brief an Schwager Edwin, der Leiter ist in der chemischen Fabrik von Baßler & Co. Ich schreibe ihm nicht meine Antriebe. Nur ganz kurz. Dies ist ein Stockgriff; stelle, bitte, fest, ob die dunklen Flecke Blut sind; wenn möglich, welche Art Blut. Dann ein Gruß und die Bitte um Beschleu­nigung. Denn es eilt ja, wahrhaftig, es eilt mir sehr!

Frau von Blinkburg schrieb den Bries. Dann brachte sie das Paket und das Schreiben noch vor Tisch zur Post. Es würde am Nachmittag schon in Hamburg fein.

Sie blieb den ganzen Tag allein. Weder am Nachmittag, noch am Abend trat Doktor Steyer in Erscheinung. Der Kellner behielt recht. Der Herr Doktor wird mit dem Spätzug kommen", tröstete er,hoffent­lich übernachtet er nicht in Hamburg."

Ich habe Sie nicht nach Ihrer Ansicht gefragt", sprach Frau von Blinkburg ärgerlich. . , ...

Der Kellner verzog sich. Er war lange genug im Beruf, um sich zu sagen, daß sie Recht hatte; anderseits, er hatte es nur gut gemeint. Hans!" rief er den kleinen Roten heran,serviere du nachher bei der Frau 0. Blinkburg ab; wir sind uns eine Weile böse." Er war ein Gemütsmensch, wie sich erwies.

Als bann der Doktor Steyer tatsächlich mit dem Nachtzug ange­kommen war, als jener in die Hotelhalle trat, nahm er ihm trium­phierend den Sommermantel ab.Herr Doktor können noch speisen, ich habe bestimmt damit gerechnet, daß Herr Doktor um diese Zeit zu- rückkämen." ~ , . _. . ,

, So", meinte Steyer,nun, das ist schön. Dann bringen Sie doch eine Kleinigkeit. Kalt natürlich. Ist Frau v. Blinkburg noch unten?"

Die gnädige Frau sitzt im Salon und wartet auf den Herrn Doktor. Wieso?" fuhr es Steyer heraus.

Der Ober lächelte matt.Ich darf es annehmen", erläuterte er,denn die gnädige Frau fragte, wann Herr Doktor wohl zurück waren. Ich habe diesen Zug angegeben. Ich freue mich, daß meine Annahme richtig war." Und er lief in die Küche. Ein guter Mensch; und so gar nicht nachtragend.

Steyer ging hinüber in den Salon

Als die Tür klappte, blickte Frau v. Blinkburg auf und sah Steyer herankommen. Sechs, acht Meter Parkettfußboden trennten sie noch. Blieb ihr Zeit, sich zusammenzunehmen? Sie war auf diese Begegnung selbstverständlich vorbereitet; sie hatte das geglaubt; nun sand sie, daß eine gewaltige Willensanstrengung nötig war, sich zu beherrschen und harmlos gleichmütige Freundschaft aufzubringen.

Steyer sah sie an, während er heranschritt. Ihm wollte scheinen, sie verfärbte sich, aber das mußte eine Einbildung fein. Wahrscheinlich fiel das Licht ein bißchen ungewohnt auf ihr Gesicht. Es war sehr hell im Raum, aber ihre Züge, dies Lächeln der Begrüßung war kaum strahlend. Sie gaben sich die Hände. Frau 0. Bllnkburg tat eine einladende Ge­bärde, und er fetzte sich zu ihr an den Tisch.

Zurück von der Forschungsreise?"

Pst ich bitte Sie!" Er schaute sich um. Niemand war in der Nahe. Da "wagte er das vertrauliche Lächeln des Komplicen.Zurück, ja. Ick war in Hamburg, ober in Altona, wenn Sie lieber wollen. Das Chinesen kafsee liegt so etwa auf der Grenze der beiden Städte."

Sie haben es gefunden?"

Klein-Peking? Das war nicht schwer. Aber ich habe noch mehr ge­funden. Ich weiß jetzt, wer diese Olga ist, deren Zettelbrief ich an der Mordstelle sand."

Ah ..." Frau v. Bllnkburg brach ab. Der Kellner kam und ser­vierte eine Art Schwedenplatte. Er hielt sich eine ganze Wette am Tisck auf. Aber die beiden Gegenüber schwiegen sich an. Da zog er sich denn zurück. Als er außer Hörweite war, fragte Frau v. Bllnkburg, und ihre Anteilnahme war verständllcherweise ganz echt:Wie fanden Sie die Frau, wo entdeckten Sie sie, wer war es?"

Keine Frau, ein Mädchen. Rothaarig, mittelgroß; im landläufigen Sinne hübsch. Ich schätze sie in die Mitte der Zwanzig. Und wo ich sie sand? Nicht im Chinesenkaffee. Aber dort half man mir weiter.

Nun essen Sie doch erst."

Ja, danke." Er nahm wirklich ein paar Happen; aber es drängte ihn wohl selber, die Geschichte loszuwerden Er begann wieder.Es war alles nicht schwer, wirklich nicht. Ich hatte mir die Ausgabe ganz gern ein bißchen komplizierter gewünscht. Jeder andere wurde die rot Olga auch gesunden haben