spricht Henner, der Hauptmann, dem todwunden alten Onkel den .Katechismus" vor: „Gott? — Im Waldei — Seligkeit? — Im Walde! — Treu? — Der Hund! — Sicher? — Die Büchse! — Ewig? — Der Haß! ; — und im ,Totenwolf" ist dies des scheidenden Kämpen letzter Grub an die Mutter: „Die Welt ist der Liebe nicht reif .. einmal .. der deutsche Mensch ... vielleicht wird er in Liebe leben können. Aber durch den Haß muß er gehen, gepanzert, gegürtet, eisenklirrend ... nun bleiben diese drei ... aber der Haß .. ist das Größte ... Ruckoerbindung zu Verlorenem ist zumeist der Sehnsuchtskern dieser Menschen.
Krank" macht diese Sehnsucht nach üblicher Auffassung. Für den Tiefer- sehenden liegt aber gerade in diesem „Kranksein" die Fähigkeit zum außergewöhnlichen Tun, zum großen, freien Leben. Viele der Gestalten Wiecherts sterben einen frühen und plötzlichen Tod — aber es ist dabet nicht so, daß sie am Leben zerbrechen, weil sie es nicht zu tragen vermöchten. Wiecherts Menschen sind stark, dämonisch, zuwellen unheimlich. Auch wo er ein Leben zeitlich zusammendrängt, einen Jüngling in der Frühe enden läßt, sind diese kurzen Lebenstage voller, tiefer, spürbar reicher, als es uns oft in der Erscheinung eines hohe Jahrzehnte erreichenden Menschen begegnet. Wiecherts Naturen find von ungewöhnlicher Lebensstärke, das irdische Dasein, der sie umgebende menschliche Durchschnitt ihnen zu eng, als daß sie es lange darin aushielten. Wie aus einem fremden Lande adelsstrenger Lebensweise kommend und königlich in der Haltung schreiten schon die Knabengestalten seiner Bücher. In ihrem Abscheiden ist gar nichts vom Sterben. Wie Tiere zurücksinken rn den ewig fruchtbaren Schoß der Natur, so scheinen sie einzugehen in weitere größere Zusammenhänge, in ein Dasein vitalerer Stärke, des die Menge nicht fähig ist, in die größere, höhere Heimat, die ihre Edlen ruft, wenn sie gereift sind und der irdischen Welt die Reife fehlt, sie aufzunehmen, sich ihnen zu öffnen. Solcherart ist noch in der schönen „Hirte n n o v e l l e", das Leben und Sterben des dörflichen Hirtenjungen em auch den ihm nächsten Menschen fremdes, aus einer höheren Welt kommend und in diese wieder einkehrend. Und wie eine Ahnung dämmert das auch der Dorfgemeinde, die ihn als einen Helden königlich zu Grabe trägt.
Allem bürgerlichen Denken entgegen ist der Weg des „Haupt- mannsvon Kapernau m", der auf dem Wege, dem Schicksal in die Zügel zu fallen und einen als würdig erkannten von der Urteilsvollstreckung zum Leben zu erretten, durch den unerwarteten Lauf des Geschicks zur letzten Erkenntnis geführt, vom suchenden Leben zum wissenden Tod erhöht wird.
Eine Gefahr, die in allen frühen Büchern Wiecherts lauert, die Ge- K des einer höheren Artung bewußten Menschen, der der Absage und
Haß sich verschworen hat: sie wird erstmals in dieser Novelle sichtbar gelöst und überwunden. Haß des Einsamen und Abseitigen wandelt sich in Mitleiden und Mitsühlen gegenüber der betörten und unerlösten Menge.
Noch der Novellenband „Pan im Dorfe", in dem der Dichter den Leser bis ins innerste Herz hinein aufwühlt, trägt Spuren des Haffes, birst geradezu von der Maßlosigkeit und Verlorenheit des höheren Menschen, an der in artverwandter Struktur Nietzsche zersprungen ist. Wie die Masse der Durchschnittsmenschen aus der Unerträglichkeit des anders gearteten Menschen sich letztlich nur den einen Ausweg weiß, den anderen umzubringen, um sich ihre Ungestörtheit zu retten: diese immerwiederkehrende Tragödie des Genius wird hier im Leben und Sterben eines Hirtenknaben aus Zigeunerblut wie eine alte Sage erzählt.
Und ähnliche Empfindungen steigen in Leid, Abseitigkeit und Schuldverstrickung des Fährmanns in der „M agd des Jürgen Dos- k o c i l" mehrfach auf. Was im „Hauptmann von Kapernaum" aber erstmals den Dichter erhebend und befreiend, den Haß in Liebe, die lieber» legenheit zur Hingabe wandelnd anklang: es macht jetzt den überragenden Wert aller neueren Bücher Wiecherts aus. Doskocil erlebt die alles hinter sich lassende Macht der Liebe durch Tat und Opferung einer Frau, in der alles, was Frauentum ausmacht und den Mann aus Verstrickung befreit, vom Irrweg zur Erlösung führt, einfach und selbstverständlich und gerade darum unausweichlich und groß seine Verkörperung findet. Aehnliches begegnet in Wiecherts Kriegsroman „Jedermann" in der Bitternis der Heimkehr aus dem verlorenen Kriege dem Kriegsfreiwilligen Johannes durch die Gestalt der Mutter. Und der aus der Irre der Kriegsgefangenschaft und langer fluchender Wanderjahre Heimkehrende in der „M a j o r i n" wird, da alle sonstigen Mächte und Kräfte versagen, zuletzt gleichermaßen durch das Erlebnis des Mütterlichen ins geordnete Leben der Heimat zurückgerettet.
Woher, so wird zuweilen gefragt, kommt die außergewöhnliche Wirkung, der große Erfolg von Ernst Wiecherts neueren Büchern, der „Magd des Jürgen Doskocil", der „Majorin", der „Hirtennovelle", die in Auflagen von über 50 000 verbreitet sind? Die Antwort ist einfach, wie alles Wahre einfach ist: In einer Zeit, da eine neue Ordnung über die geplagte und sich nicht mehr zurecht findende Menschheit kommen will. In einer Zeitenwende, wie wir sich um uns und in uns erleben, in der Gebrochene und Verzweifelnde nach Innerer Stütze und Hilfe suchen, geben Wiecherts Romane genau das, von wo aus Aufrichtung erst möglich wird: Haltung! Es wird in ihnen nichts verschmäht und nichts überredet. Die Verworfenheit des Menschlichen inmitten der Entfremdung von den unantastbaren Gesetzen der Natur wird rücksichtslos und unverfälscht aufgezeigt, dazu aber das Heilmittel auch gegeben, das der Menich, wenn er nur erkennen und der Erkenntnis gemäß handeln will, in sich selber unverlierbar trägt: die Liebe, die allen Haß hinter sich (äf’t die Güte, die alles Leid überwindet, der Glaube, daß in alles ’B'-' -'t zuletzt ein Funken Gutes noch im verkommensten Menschen blinkt, und die Hoffnung, daß diesem Guten die Ernte aller Tage gehören wird.
Oie fische kommen.
Von Maria Wolter.
Wenn die Männer mit ihren Fischkuttern heimkehren, bann laufen die Frauen von Trästeholt an den Strand. Ein geschäftiges Treiben, voll Lachen und Frohsinn, beginnt, bis die Fische ausgenommen und gejaijen in den Versandkörben liegen und ein Freudenfest mit Harmonikaklängen und Tanz die Menschen hinreißt. Aber in den letzten Jahren war ihnen das Glück nicht hold gewesen. Die Fischpreise sanken, und die Fischzüge machten den Preisausfall nicht wett. Wäre es besser gegangen, dann hätten Djardja und Frederik Holmsen längst das Haus oben auf den Klippen bezogen. So blieb alles beim alten. Sie besorgte den Hof ihrer Eltern. Er fuhr mit den Brüdern hinaus und bekam als Jüngster den geringsten Anteil. Wenn er wenigstens Unternehmungsgeist gehabt hätte! Aber sie mochte ihn drängen und stoßen, er war zu nichts zu bewegen.
Djardja verbrachte indes ihre Tage bei den Ziegen, die auf der kleinen Wiese zwischen den Felsen weideten. Morgens ruderte sie zu den Vogelinseln, um die Eier aus den Nestern zu sammeln. Tagelang war der Himmel wolkenlos gewesen. Jetzt zog es sich langsam zusammen. Eines Morgens, als sie wieder auf den Vogelinseln war, sah sie den Himmel über dem Meer dunkel werden.
„Ich muh machen", dachte sie, 's wird ein arges Wetter geben."
Die Luft war schwül. Der Schweiß perlte ihr von der Stirn, obgleich die Sonne noch niedrig stand. Die schwarze Wolke kam schnell herauf und steuerte geradeswegs auf die Bucht zu. Djardja rannte zum Boot hinunter. Plötzlich hielt sie inne. Alles in ihr erstarrte. Das war ja gar keine Wolke.
Da begriff sie, daß ihre große Stunde gekommen war.
Sie sprang ins Boot und ruderte, so schnell sie konnte, zum Dorf zurück. In Schweiß gebadet sprang sie an Land und rief das Dorf zusammen. Die Frauen rannten durcheinander. Die alten Männer kamen mißtrauisch näher. Djardja hatte keine Zeit, lange Erklärungen zu geben. Mit klarer Stimme erteilte sie ihre Befehle. Aus Holmsens Schuppen wurde das alte, ausrangierte Netz geholt. Die Frauen machten die Ruder und Segelboote klar, die ihnen verblieben waren. Ein paar alte Fischer fliegen mit ein, um ihnen zu helfen. In wilder Fahrt ging es zur äußeren Bucht hinaus.
Die Wolke kam heran. Betäubendes Kreischen und Pfeifen erfüllte die Luft. Ein gewaltiger Schwarm von Vögeln brauste hinter einem breiten Wall her, der sich aus dem Wasser zu heben schien. Es tobte wie Sturmwind. Plötzlich bog die lebendige Wolke ab und sauste an der Bucht vorbei. Die Frauen konnten noch rechtzeitig das Netz ausrudern und die Boote als Verteidigungslinie an den Korkschwimmern entlang postieren. Das Wasser leuchtete hell auf. Der breite Strom silberfchuppiger Heringe stieß gegen das Netz. Es bog sich unter der Last.
Djardja wartete nicht, bis das volle Netz glücklich an Land gebracht war. Am Morgen hatte sie erfahren, daß die Männer aus Finmarken heimkehrten. Sie mußte ihnen entgegenfahren. Vielleicht gelang es, den Fischen den Weg abzuschneiden. Sie setzte Segel und fuhr davon.
Der Wind stand gut, bas Boot schnitt spritzend das Wasser. Unruhig und leer lag das Meer vor ihr. Es war ein gefährliches Wagnis. Aber Djardja dachte nicht an Gefahr, sie dachte daran, daß die Männer den Heringsschwarm erwischen mußten. Es wurde Abend. Die Nacht sank herab. Sie steuerte durch die Dunkelheit, die Augen in die Fin»->- ' bohrend.
Jeder Nerv ist gespannt. Das leiseste Geräusch, das sich vom Rau des Meeres unterscheidet, läßt sie aufhorchen. Da glaubt sie Motoren geräusch zu vernehmen. Die Lichter eines Bootes tauchen auf und versinken wieder. Djardja steuert darauf zu, legt die Hände an den Mund und schreit.
Es ist Fischer Malvesen, der sie aus seinen Motorkutter übernimmt. Er liegt weit vor den anderen Booten. Als er erfährt, welchen Weg die Heringe genommen haben, wendet er, um die anderen zu benachrichtigen.
Noch in derselben Nacht jagen die Fischer von Trästeholt den Heringen entgegen. Es ist möglich, daß sie sie irgendwo draußen im Meer noch erwischen.
Djardja ist bei ihnen geblieben. Ein Tag und eine Nacht, ohne daß sich eine Spur von den Heringen zeigt. Eine Wolke kam herauf, ja, aber es war ein Sturm, der Säten das Hauptsegel zerriß und Berkholm die Wassertonne über Bord spülte. Man murrte, wollte umkehren.
Aber diesmal war es Frederik, der das Wort führte und sie beschwor durchzuhalten, seine Brüder antrieb, die Spitze zu übernehmen. Solange die Fischer Kielwasser vor sich hatten, würden sie nicht umkehren.
So kann ein Mann sich ändern, wenn er unter zwei Frauenaugen fährt.
Der Sturm ging vorüber. Am Abend des zweiten Tages tauchte eine neue Wolke auf, die am Horizont entlang zog. Die Fischer schwärmt-n aus und schnitten ihr den Weg ab. Als sie näher tarnen, wuchs ein tausendstimmiges Kreischen an, und sie ertannten den Riesenschwarm der Bögel.
Da machten sie sich bereit.
Es war der größte Tag von Trästeholt, als die Männer drei Tage später mit ihrer zappelnden Last heimtehrten. Jubel und Festlichkeit herrschte, während die Heringe unter den Messern der Fischerfrauen zerlegt wurden. Tage vergingen, bis die Fische ausgenommen, verpackt und verladen waren.
In die Hütten kehrte der Glanz alter Tage wieder. In diesem Jahr litten die Fischer von Trästeholt keine Not.
Djardja und Frederik bezogen das Haus auf den Klivpen. Frederik war ein Mann geworden, der mit klaren Augen in die Zukunft blickte. Er hatte nun fein eigenes Netz und fein Boot und konnte eine Mannschaft anheuern, die ihn ihren Bootsmann nannte. D-nn Djardia hotte b'xt Hauvtanteil am Gewinn bekommen. Das alte Netz, das ihre Zukunft begründete, hängten sie als Talisman über den Eingang ihres Hauses:
I Möge das Glück nie von uns weichen!
Verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche UniversitätS-Duch- und Steindruckerei.A. Lange, Gießen.


