Kem von Dir.
Von Emil Strauß.
Stille lieg ich in der tiefen Nacht, Fern von dir — neben dir, Lausche deines Schlafes Atem nach, j)ör ihn nicht, fand ihn nicht.
Nur im Hauche, der mich fuß durchzieht. Schwellt und wiegt, atm ich dich — Nur im Laute, der die Weltnacht füllt. Braust und wogt, braust und wogt, Schütternd, wie gehämmert Eisen klingt, Amboßsang, Glockenklang, Spür ich drängen deiner Seele Puls — Und die Hand, die fern auf deiner Brust Steigt und sinkt, Wiegt mich durch des Himmels, durch der Hölle Glut.
Schneebergs im Zimmer.
Von Wilhelm von Scholz..
Ich fitze in meinem winterlich-warmen Zimmer nahe dem Fenster, habe zu meiner Arbeit ein Buch chinesischer Sprichwörter vor mir und lese eben darin, daß die Erinnerung und die Sehnsucht „gefährliche Diebe" find." Ich denke nach: natürlich Diebe des Augenblicks, der Gegenwart. Wer in der Sehnsucht oder in der Erinnerung lebt, dem entgleiten Tag und Stunde. Er versinnt sich in innere Stimmungen und Bilder, die ihn erst erfüllen, bald auch umgeben.
Ich habe lange darüber gegrübelt, warum das chinesische Sprichwort wohl davor warnt. Vielleicht weil das Träumen untätig macht. Vielleicht weil in beidem, in der Sehnsucht wie in der Erinnerung eine Unbesriedi- gung, eine Wehmut über das Entschwundensein oder das Nichthaben mitklingt; das Ungenügen an dem, was man hat, bleibt doch allein übrig.
Ich gehe in der Stube auf und nieder. Mein Blick streift flüchtig das Draußen. Schnee ist wie aus dem Nichts überall in das Bild gefallen, das ich jetzt weit weiß vor mir sehe, aus dem ich gleich zu meinem chinesischen Sprichwort zurückkehre.
Jede schöne erfüllte Stunde müßte doch verarmen, wenn wir nicht innere Stimmungen und Bilder mit in sie verweben würden, die nur In der Seele sind, und jeder graue nüchterne Tag würde ohne Zufluß solcher Seelenquelle noch grauer, noch öder werdenl
Der Mensch vergißt so leicht, daß er ja die Sinne gar nicht hat, um all das, was er zum Vollgefühl des Daseins braucht, als äußere stoffliche Wirklichkeit gleichzeitig zu ergreifen.. Das meiste muß als Traum und Schatten, Gedanke und Gefühl in jede Stunde mit hineinverwoben werden — nur eben nicht als Sehnsucht oder Erinnerung, sondern als Gegenwart: nicht mit dem Bewußtsein, daß es uns fehlt, sondern mit dem, daß es vorhanden ist und daß wir es unverlierbar besitzen.
Die ewigen Wanderer, die ihre ruhige Stätte verlassen, um, was in ihrer Seele auftaucht, draußen zu finden, weil sie meinen, daß es dann schöner sei, erreichen nie ein Ziel, müssen alle schließlich erkennen: das ist der falsche Wegl Es gilt, die Bilder unserer Sehnsucht auszuschöpfen, wo wir sind, nicht ihnen ins Ungewisse nachzusetzen wie der Jäger der weißen Hinde.
*
Ich habe winterliche Hügel vor meinem Fenster, gewellten Boden, Wald, Wiesen, über die, ein ferner Kranz, fast ein feiner unterer Randsaum des Himmels, das Gebirge gebreitet ist. An klarem Tage wie jetzt oder auch beim Stürmen der Wolken ist der schmale Fries seiner Felsen und Gletscher als Bandstreifen sichtbar; wenn Nebel geistern, ist er doch gefühlt und geahnt.
Gewiß ist es verlockend, wenn man so in den reinen Wintertag hinaussieht, seine sieben Sachen zusammenzupo.cken, sich aufzumachen, die Tür hinter sich fest ins Schloß fallen zu lassen und im knirschenden Schnee auszuschreiten.
Ich muß lächeln. Wie oft habe ich es dann erlebt, daß wieder und wieder alles ins Weite fortschwand, dem ich nachwanderte, und daß ich es heimgekehrt plötzlich in mir fand. Jetzt habe ich in stillem Zimmer bei meiner Arbeit den Blick nur wenig vom Blatt gehoben. Er soll die Berge heranziehen. Er vermag es, wenn man die Lider nur etwas schließt. Freilich muß man ihn schon dann und wann geübt haben.
Das ist nicht allzu schwer. Ich habe es oft abends am verhangenen Fenster versucht, bin nahe an den Vorhang getreten und habe mir dann die Straße einer fernen Stadt, in der ich früher gewohnt, hinter dem Fenster vorgestellt — so deutlich vorgestellt, daß es mir einmal begegnet ist, daß ich in meiner Versonnenheit nicht mehr wußte, welche Straße draußen wirklich war, und einmal gar, es war auf der Reise, wirklich in einer anderen Stadt zu sein glaubte.
„Welch nutzloser Unfug!" höre ich die Neunmalweisen sagen. Aber so bekomme ich jetzt, wo ich am Schreibtisch sitzen muß und nicht reisen kann, die Berge ins Zimmer.
Schnee stöbert um nackte Felsen, um gefrorene Rinnsale, die in steilen Runsen erstarrt sind oder als Eiszapfen von vorgeneigten Wänden herunterglitzern. Ich habe es vor mir, wie es drüben jetzt aussieht, wo die weißen und die luftig-dunklen Flächen gezackten scharfgeschnittenen Randes gegen den gelblich grünblauen Himmel stehen, Schluchten und Schründe, mächtige schräge Dreiecksslächen, Kanten und Spitzen, alles mit Flocken beweht.
Sonne bricht durch. Das Schneien läßt nach. Wind oben jagt fchnee- stäubende Wölkchen auf, die, wie sie sich zu Gestalten erheben, wieder verglitzern, verrieseln, in Spalten verschwinden, zerfallen.
Irgendwo rollen kleine Stücke von.Felsgestein herab, bildet sich in der hervorbrechenden Sonne ein langer, tief bis zum Tal verfolgbarer Staubbachfall von Schnee.
Unendliche Einsamkeit. Ich habe das Fenster geöffnet mtb das Prismenglas vors Auge genommen. Die Schneeluft läßt die reine Klarheit über meine Haut gleiten; mit dem Blick atme ich sie im Rund des Zouberglafes. Und doch ist alles ferner, als es mein inneres Auge sieht.
Bom Vaum vor meinem Fenster fällt Schnee herab. Eine Amsel ist im Geäst, hüpft, flattert, streift wieder die leichte flaumige Decke vom Zweig.
In den weißen weichen Senken, die Sommers grüne Matten sind, entdecke ich ganz fern, kaum wie ein Punkt groß, Häuser, ein Dorf. Es rückt plötzlich nahe. Das ist, wie wenn im Lichtspielhaus auf der Leinwand eine Großaufnahme kommt; wenn ein winziges Stückchen des Bildes — eine Hand, eine Uhr, ein Türschloß — allein die Fläche füllt, die eben noch ein menschenvoller Raum war.
So sehe ich die dicke weichgerundete Last des Schnees auf den Dächern, die vereisten Traufen, die schmale, zwischen hohen Schneewällen ausgeschaufelte und von Schlittenkufen mit tiefen Spuren eingefahrene Straße. Blauer Rauch steigt da und dort von den weißen Dächern auf. Es glühen nun die Holzkloben im Herd und wärmen die dunstende Luft hinter den Scheiben.
Fröhliches Geschrei hallt. Die Dorfstraße zu dem kleinen Eisfee hinab fliegen die Schlitten der Jungen und Mädchen. Sie werden von den Stapfenden immer wieder bis zum Marktplatz mit dem kriftallumrindeten Brunnen heraufgezogen, wo der getretene Steig gute Anfahrt gibt, bis jeder Rodel unten schließlich im ungepflügten und ebenen Schneefeld stoppt und steckenbleibt.
Erinnerung will auf und Sehnsucht. Jugendtage sind da und die Ueberlegung, ob man nicht doch über den Sonntag —
Aber ich laß' es nicht hoch. Ich denke lachend eines Oheims, der die tiefe Weisheit hatte, sich bei allen Plänen, die ihm durch den Kopf fuhren, zuerst das Unbequeme und sämtliche Schwierigkeiten vorzustellen, mit denen die Sache verbunden war, und der bann gerne zu Hause blieb. Der Gedanke an den mauerdicken Reisrand hat ihn nie ins Schlaraffenland kommen lassen!
Dieser Oheim ist gewiß nicht mein Vorbild. Aber er hilft mir, in einem Hereinwehen von Winterluft durchs offene Fenster und einem Blick durch das Zeißglas den großen Winter, den Winter der Berge hereinzuziehen in Stadt und Wohnung.
Denn der Winter ist oben in den Drei- und Viertaufendern zu Haufe. Bei uns, im besiedelten Land, ist er nur Gast, der kommt ober auch nicht kommt — einmal Wochen bleibt, einmal nur Tage unb nach einer Pause wieder Tage. Unb dann gefällt es ihm nicht mehr, und er geht ganz — oft viel früher, als es Frühling wird.
Aber da oben ist er das liebe lange Jahr, auch wenn bei uns Hochsommer brütet und wir in Seen und Flüssen haben.
Was schert ihn bie steigende, immer wärmere Sonne? Mag sie tags an der Schneedecke herumtauen — nachts läßt Winter das Tropfende, Riefelnde, Sickernde wieder einfrieren. Das Wasser muß anhalten, der Tropfen, der schon am Spitzzapfen entlangglitt, um ins Tal zu fallen, ; muß an der blanken Zacke still hängen bleiben und glasklar fest werden.
Der Schnee wandelt sich in Cis, verharscht und vergletschert.
Kurz ist bie Zeit, in ber bie wärmenden Strahlen eben dem Winter beikommen. Es ist dort fast noch Frühling, wenn schon der Herbst ein» fällt. Höchstens, daß sich der Winter ein, zwei Monate lang hinter den Nordwänden und in den engen Felsschründen verbergen muß, ehe wieder alles Gebiet ber hohen Berge fein ist.
Wie bas Winterbehagen gibt, baran zu benken! Wieviel tiefer gleich ber kärgliche Winter hier bei uns wird, wenn man burchs Fenster vorn Schneewinb sich anwehen läßt unb weiß, woran er gestreift unb seinen silbernen Hauch gekühlt hat!
Es ist später Nachmittag geworben, unb hinter ber Graubläue bes fast burchfichtigen nahen Vorberges bricht ein aufstrahlenbes Gelb ber untergegangenen Sonne empor bis in die Höhe, von ber Dämmerung einfinken will.
Schon stehen ba unb bort kleine Lichtpunkte im Lanb, bie schnell sich vermehren, als zerfprühte ein brennenbes Scheit in glitzernbe Funken.
Ich schließe ben Vorhang und sinne im Schein einsamer Lampe, ob ber Chinese mit seiner Branbmarkung ber beiben Diebe Sehnsucht unb Erinnerung wohl recht habe ober nicht
Woher habe ich alles, was ich jetzt sah, wenn es mir ber Dieb Erinnerung nicht zugebracht? Unb hätte ich es so genossen, wenn ber Dieb Sehnsucht mir bie Freude daran nicht immer hätte stehlen wollen?
Was eben Weisheit war, scheint Torheit — unb boch nicht! Denn unbegreifbar ist jeder Augenblick des Lebens mit allem, was du denkst und fühlst, mit allem, was er enthält an Wirklichem und Erträumtem.
Oer Dichter Ernst W'echert.
Ein Umriß feines Schaffens von Karl Rauch.
Ernst W i e ch e r t ist Oftpreuhe von Geburt. Später einige Jahre In Berlin ansässig, wohnt er feit mehreren Jahren am Starnberger See im südlichen Bayern. Der Heimat entfremdet? Nein, heute wie immer lebt er bodenverbunden in feiner Welt, einer Welt freilich grundsätzlich anderer Art als die der vermeintlichen Ordnung ber „fortgeschrittenen Welt. In ber Stabt, in Bürgerlichkeit und Zivilisation hat sich Wiecherk nie zu Hause gefühlt.
„Der Wal d" hieß eines feiner früheren Romanwerke, und Waldverbundenheit ist einer der stärksten Wesenszüge der Gestalten feiner Bücher. Alle seine Menschen sind Außenseiter dessen, was sich neuzeitlich „menschliche Gesellschaft" nennt. Wald, Wiese, Tier und Erde sind jedem von ihnen näher als der Mensch. Oft brennt ein offener Haß gegen ben Menschen normaler Drbnung ihnen auf Herz unb Zunge. — „Du siehst doch, was sie sind. Ein Wrukenseld, nichts weiter. Klopssresser, sagt mein Onkel, und der weiß Bescheid in ber Welt. Sie haben bie Macht Schön. Aber wie weit reicht sie? Bis an beine Fußsohlen!" sagt ber junge Holger zu Percy in ber „Geschichte eines Knaben"; — in „Der Walb"


