■
vor ihm auf, und er sah die aufrechte Gestatt, gespannt wie die Sehne eines federnden Bogens, vor den, Hintergrund der müden und bereits gebeugten Soldaten des feuchten Grabens.
Nein, noch nie zuvor war ihm die Meisterschaft eines Aeltern so unmittelbar, so überzeugend entgegengetreten. Noch nie hatte er sich so willig in den Gehorsam frember Augen gestellt.
*
Der Abend dämmerte, als Gero und Möß sich in den Sattel schwangen, ihr Nachtquartier zu erreichen. Sie ritten der untergegangenen Sonne nach. Dunkle Waldränder begleiteten sie bald zur rechten, bald zur linken Hand. Hinter ihnen klirrte eine Weile lang die kleine Geschutz- karawane. Da aber schnalzte Gerö einmal mit der Zunge, und sein kleiner Rappe fiel in Galopp, zum gewohnten Endspurt des Tages freudig ausholend. Die Karawane blieb in den Schatten des Waldwegs zurück. „ , .. „ .,
Noch ehe es völlig dunkel geworden war, trafen die beiden Reiter im Lager ein. Gerö pflegte es auch feine „Ausgangsstellung" zu nennen. Er hatte überhaupt feine eigene taktische Sprache, und ob sie mit der des „k. u. k. Reglements für das Heerwesen" übereinstimmte, kümmerte ihn wenig. Reglementmäßig, das war überhaupt ein Begriff, den er nicht übermäßig zu schätzen schien. Alles an seinem kleinen Unternehmen ließ darauf schließen.
Erstens war Gerö nicht Gebirgsartillerist und niemals einem Gebirgsartillerieregiment auch nur zugeteilt gewesen. Ja, keiner seiner Leute war es je.
Er hätte infolgedessen von Rechts und Reglements wegen gar nicht Hand anlegen dürfen an das kleine putzige Ding, das er eines Tages auf einem Ritt in die Etappe in einer Reparaturwerkstätte entdeckte. Er hätte es um so weniger tun dürfen, als diese 10-cm-Gedirgshaubitze M. 14, die es ihm angetan hatte, weder der Division noch dem Korps noch überhaupt der Armee gehörte, in deren Verband Gerö stand. Sie gehörte einem Gebirgsartillerieregiment, das in den Karpaten wohl dieser Armee unterstellt gewesen, aber seither schon längst auf einen andern Kriegsschauplatz verschoben worden war. Was hätte man nach dem großen Durchbruch bei Gorlice mit ihr in den Hügeln, Sümpfen und Steppen Galiziens auch anfangen sollen?
Die nackte Wahrheit ist, daß Gero sich dieses in der Reparaturwerkstätte aus irgendeinem Grund zurückgebliebene Gebirgsgeschütz — übrigens ein Modell jüngster Bauart, Reichweite sieben Kilometer — vollkommen unrechtmäßig angeeignet, gradheraus gesagt, daß er es gestohlen, jawohl, einfach gestohlen hatte.
Freilich, nachher kriegte er seine Vorgesetzten damit herum. Bei manchen, besonders den Ungarn, hatte er ja Gott sei Dank! einen Stein im Brett. Sie wußten, daß keinesfalls selbstische Gründe seinen absonderlichen Plan hatten reifen lassen, sondern Einsicht in die wahren Gegebenheiten des Frontkrieges, wie er sich nun einmal entwickelt hatte und wie ihn niemand besser kennen konnte als gerade Gerö. Denn wer hatte sich mehr da vorn Herumgetrieben? Wem machte es mehr Spaß wie ihm, alle Schützengräben im Umkreis seines Beobachtungsstandes zu durchstapfen und gewissermaßen auf ihre Widerstandsfähigkeit hin abzuklopfen? Wem, die Schlupfwinkel des Frontgeländes nah und fern zu durchstreifen wie ein Jagdhund, stets mit irgendeiner Witterung in der Nase? Wer brachte feine freie Zeit wie Gerö zu, der sich niemals genug darin tun konnte, „die Gegend hierherum kennenzulernen", sein schwarzes Kosakenpferdchen satteln ließ und alle wichtigen Punkte, Brücken, Wege, Sümpfe und Wälder abritt?
Sein Kriegsplan aber, den er den Herren vorgelegt hatte, bestand darin, täglich ein Geschütz frontauf, frontal) zu verschieben, um den Feind zu beunruhigen und über Lage und Stärke der eigenen Artillerie zu täuschen. Ein fliegendes Geschütz in jeder Division, ein einziges, das bald aus diesem, bald aus jenem Loch spuckt, muß den feindlichen Generalstäblern Haarwurzelkrätze verursachen, hatte er gesagt. Außerdem läßt sich durch kleine artilleristische Zauberstückchen aus vorgeschobenen Stellungen das verlorengegangene Vertrauen der Infanterie in unsere Waffe leicht wiederherstellen.
Das hatte er gesagt und noch manches andere, und die hohen ungarischen Herren hatten den Diebstahl des Gebirgsgeschützes zu vielem Zwecke und bis auf weiteres auf ihre Kappe genommen.
Abend für Abend, nun feit Wochen schon, kehrte also Gero mit seiner seltsamen Karawane in diese „Ausgangsstellung" zurück. Morgen wird er sie nach einer andern Richtung wieder verlassen. Möglichkeiten dazu bieten sich ihm genug. Denn an dieser Stelle kreuzen sich, von allen Seiten eines unübersichtlichen Wald- und Wiesenreliefs kommend, mehrere Wege. Das ist ihre strategische Bedeutung gewissermaßen.
Fein übrigens, wie Möß sich diesem Einritt ins Lager, dieser abendlichen Heimkehr heute einfügt, als fei es nicht die erste, an der er teilnähme. Wie sie beide gleichzeitig aus dem Sattel springen, so, als geschehe es schon zum hundertstenmal! So, als sagten sie: da wären wir denn wieder! Gut doch, daß der Mensch (ein Zuhaus« hat.
Dabei sieht es nach viel Zuhause hier gerade nicht aus. Ein Lagerplatz unter hohen Buchen. In seiner Mitte die Feuerstelle, über der ein Kessel hängt. Auf dem Boden verstreut Säcke, Kisten, schmutzige, erdfarbene Bündel. An den Zweigen der nächststehenden Bäume hängen Stutzen, Bajonette, Pferdegeschirre. Räder, Karren, ein Panjewagen mit einem runden Wagendach ...
Aus ein Haar wie ein Lager von Wanderzigeunern in Siebenbürgen, muß Möß denken.
Und doch, und doch ... ersetzt ihm die Nähe seines neuen Herrn nicht tausendmal alle Bequemlichkeiten der Erde? Fühlt er sich im Augenblick irgendwo mehr beheimatet als an seiner Seite? Ist es ihm nicht geradezu, als habe er dies alles schon irgendwann einmal — aber wo?, aber wo? — genau so erlebt: dies fröhliche Wiedersehen mit den Zuhausegebliebe- nen, dem Koch Toneian, der schmunzelnd die Meldung erstattet, das Essen lei fertig, dem Burschen Imre, der herbeiläust, seines Herrn Rüstung: Ueberschwung, Pistole und Kartentasche, in Empfang zu nehmen, und
den paar Leutchen noch, die sich rings um Küche und Kochstelle unentbehrlich gemacht haben?
Unter lautem Hühofchreien der Fahrkanoniere, unter Prusten und Schnauben der Pferde rückt schließlich langsam auch die Geschützkarawane heran. Damit ist alles da. Die ganze Familie beisammen. Viel mehr als eine Familie ist es wahrlich nicht. „Ein Geschütz, sechzehn Pferde, zwanzig Mann!"
Pferde, dann Mann, jawohl, so hat jede Meldung in der Heeresgruppe Oberleutnant von Gerö zu lauten. Auf alle Arten wird den Leutchen hier eingeimpft, daß sie einen Dreck wert seien, alle miteinander, wenn einmal'bie Tiere, die braven Tiere da verreckten.
Auch jetzt, nach der Ankunft im Lager, müssen zuerst sämtliche Pferde abgefchirrt, an die Bäume gebunden und gewartet werden, bevor auch nur ein Mann seine Nase über den Kochtopf hängen darf. Als das endlich gestattet wird, ist die Nacht bereits ganz aus den hohen Buchen gefallen und die Feuerstelle übt doppelte Anziehungskraft aus. Sie ist nun auch die einzige Lichtspenderin im einsamen dunkeln Wald.
Und da liegen sie denn auf ihren Mänteln: Möß neben Gerö, der sich merklich bemüht, in dem Kreis der Mannschaft, diesem verwachsenen, etwas strubbelig verwachsenen Haufen, Raum dem neuen Kameraden zu schaffen. Imre hat den Auftrag, für sein leibliches Wohl bis auf weiteres genau so zu sorgen wie für das seines Herrn. Er springt also häufiger als gewöhnlich zwischen der Feuerstelle und dem Mantellager der beiden hin und her, holt Brot und Salz und nachher Wein in einem Aluminiumbecher und überlegt sich, womit er dem Kadetten später die Strohschütte für die Nacht bereiten fall.
Da liegen rings um bas Feuer auch bie andern, die Unteroffiziere, die Telephonisten, die Kanoniere, die Fahrmannschaft des kleinen Zugs. Und immer noch tritt einer aus dem Dunkel des Waldes in das flackernde Licht der Feuerstelle und hält seine blecherne Schajka an den Rand des Kessels hin.
Das Gespräch hüpft von einer Gruppe zur andern. Kaum daß sich einmal bie ganze.Runde baran beteiligt.
Am häufigsten lebt es in ber Gruppe der Telephonisten auf. Natürlich. Ihnen hat ber Beruf bie Zunge gelöst, hat sie leicht und locker gemacht. Außerdem sind sie ja an sich schon die Intelligenzler im Schwarm, sind seine verflixten Kerle, die mehr ober minber fließend sämtliche Sprachen sprechen, bie in diesem kleinen Kreis herüber und hinüber schwirren: Ungarisch, Rumänisch und Deutsch. Ei ja, sie sind bei Gott nicht Leute, die sich verkaufen lassen!
Lauter können nur noch bie Ungarn um Korporal Köteles herum fein. Doch guajfelt’s bei denen nicht so leicht und lebhaft über alle Nichtigkeiten ber Welt daher. Ihre Art, lärmvoll und polternd zu sein, hat sich vor allem am Umgang mit den Pferden geschult. Sie gehören fast ausschließlich der Fahrmannschaft an und wissen, was für Pflichten einer mit Halfter und Hafersack übernimmt. Vergessen sie es zuweilen, fo wer- den sie von Köteles handgreiflich daran erinnert. Er kann wild werden, sobald einer sich die geringste Gelegenheit entgehen läßt, Futterdiebstähle für seine vierbeinigen Schutzbefohlenen zu begehen. Ihr lautes Wesen glauben sie aber schon deshalb ungezwungen zur Schau tragen zu dürfen, da ihr Herr und Führer ja auch Ungar ist wie sie und dem Ungarischen ihrer Meinung nach also ein gewisser Vorrang vor den beiden andern Lagersprachen zukommt.
Gedämpfter und gehemmter unterhält sich die Gruppe der Sachsen und Rumänen am Feuer. Es ist die Bedienungs- und Munitionsmann- fchaft des Geschützes. Leute, die gewohnt sind, immer bie gleichen Hand- grisse gehorsam und ohne viel Nachdenken auszuführen. Sie haben sich nicht viel zu jagen, und wenn schon, so geschieht es stockend und fast auf heimliche Weise. Keiner von ihnen hat Lust, seine breite, schwerfällige Mundart zur Zielscheibe irgendeines dummen Witzes ber Telephonisten ober ber übermütigen Fahrkanoniere zu machen.
Wie seltsam, bentt Möß, alle Sprachen meiner Heimat klingen mir aus diesem Hausen hier entgegen!
Und als Toncian, der Koch, ein letztes Holzscheit in die Glut stoßt und diese prasselnd noch einmal aufflammt, zuckendes Licht auf bie rings liegenden Gestalten werfend, da hat er den Eindruck: diese Handvoll Menschen hier ist wie eine Palette meiner Heimat. Alle Farben, aus denen Gott ihr Bild gemalt, liegen drauf herum. Buchstäblich alle. Selbst die Zigeuner sind durch Nummer 2 der Bedienungsmannschaft, den schwärzesten aller dieser dunkeln Gesellen, durch den Zigeuner Duma.
Mehr als an der Buntheit der Palette hat aber Möß seine Freude an der ruhigen männlichen Hand, die sie hält. Da gibt’s kein Zweifeln hin und her, keine halbverstandenen oder halbdurchgeführten Befehle. Ueberhaupt gibt es wenig Befehle. Es ist eigentlich immer alles klar. Und wenn schon einmal nicht — eine Handbewegung, ein Achselzucken, ein Zungenlaut, schlimmstenfalls ein Schimpfwort, eines jener sieben- bürgifdjen Schimpfworte, deren urige Kraft sich aus ber Humusschicht breier Volkssprachen herleitet, klärt restlos alles auf.
♦
Zwei Tage später läßt Gerö das Lager um drei Uhr früh wecken.
Natürlich haben die Telephonisten es schon gestern der Mannschaft Betraten: Angriff! Eigener Angriff auf der ganzen Linie! Gegen ihren Scharfsinn war keine, noch so schlaue Verschleierung der Gespräche im Draht gewachsen. Sie wissen am Ende doch alles.
Der Mond wirst einen letzten blassen Schimmer durch das Gezweig, als die Karawane sich in Bewegung setzt. Flüsterstille im Wald. Niemand, nicht einmal Köteles, ber Polterer, hat Lust, sie zu stören. Man hört das Knistern des weichen Waldbodens unter den Rädern, man hört das Stampfen der Hufe, man hört das Santen der Sättel, sonst hört man nichts.
Manchmal gibt der Wald den Blick nach Osten frei. Dann sieht man flatternde Leuchtraketen, die letzten dieser Nacht, im Scheitelflug über den Horizont steigen und muß dabei denken: Sollten bie dort schon i wissen, daß...?
I (Fortsetzung folgt.)
cd § u e
u tt
D dl p
i ii k
al S e d ( i
i! fc is tt v
3
o u 9
l
(
tt t! b
3
l t
3 I) d 3 s
t
d
5


