Ausgabe 
24.1.1936
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1956

Freitag, den 24. Januar

Nummer 7

1SkW.MWe.ri UM!

Don Otto Folberth.

Copyright 1935 by Nomanvertrieb Langen/Müller, München.

Bäume ragten vor ihnen in den Himmel. Lange, tauige Morgen­schatten warf die schütter bewaldete Höhe ihnen entgegen.

Gerade als sie sich anschickten, sie zu überschreiten, zischte ein dünner, scharfer Pfiff im Sichelbogen über sie hinweg.

Da blieb der eine stehen und sah dem noch nie gehörten Laute nach.

Wenn das eine Kugel war...?"

Natürlich war es eine Kugel", sagte der andere.Aber eine verirrte, eine müde Kugel, versteht sich. Alle fingen nicht so."

Und damit sprangen sie in den Laufgraben, dessen Zickzacklinie einige Schritte diesseits des Bergkammes begann.

Kaum hatte der, der geführt wurde, bis jetzt Beklommenheit auf dem Weg zur Front verspürt. Es war ja in Wirklichkeit auch tagelang nichts als eine schöne Reife gewesen. Besonders durch Ungarn, wo alle Felder, alle Straßen, alle Dörfer vom gelben Weizenstroh der neuen Ernte überstreut waren. Da hatten die Leute der kleinen Ersatztruppe, die er auf den Kriegsschauplatz brachte, Bauern In der Mehrzahl, die beiden Türen des Viehwagens weit aufgerissen und Tag und Nacht ihre Lieder gelungen. Einmal hatte der Mond scharfe Schlagschatten in ihre Ge­sichter geworfen, ein Bild, das seither aus dem Brunnen seiner Seele immer wieder heraufspiegelte. Einmal hatten sie Windmühlen gesehen, deren gespenstisch große Schaufeln sich langsam im Pußtawind drehten.

Aber auch die Fahrt durch die ausgedehnten Etappenräume Galiziens, der Marsch im Kriegsgebiet von Befehlsstelle zu Befehlsstelle die rnili- tärifche Stufenleiter hinab, die kurzen Ritte der letzten Tage dicht hinter der Front bis zu feiner endgültigen (Einteilung, alles hatte dazu bei­getragen, die natürliche (Erregung feiner Nerven in höchst erträglichen Grenzen zu halten.

Allein, als er nun nach feinem neuen Vorgesetzten den Laufgraben betrat, der über die Höhe zur Jnfanteriestellung hinunterführte, schlen's doch inwendig in ihm zu krabbeln, und die Wende dieser Stunde ließ fein Herz vernehmlich pochen.

Vor einem Augenblick hatte der Tod den ersten Bogen über ihn geschlagen. Und wenn seine Stimme auch freundlich, fast wie die eines schwirrenden Vogels geklungen hatte, war es doch ein ernstes Tor gewesen, das spürte er, durch das er getreten. Nur noch wenige Schritte konnten ihn von der Zone trennen, da er unumschränkter Herrscher war. Vielleicht stand er schon mittendrin. (Er besaß darüber noch keine ganz klare Vorstellung.

Gehören die Berge, dort, schon hinüber?" fragte er etwas schüchtern, als der Laufgraben die Aussicht an einer Stelle freigab.

Ei freilich. Alles, was du dort drüben siehst, ist russisch. Wir erreichen sogleich die vorderste LinieI"

Trotz seiner Gefaßtheit, vielleicht aber auch nur, um sie völlig zu meistern, atmete er einige Male hastig und tief. Da stieg iym aus dem firoben Tuch seines Rockes, so unerwartet, daß er erschrocken zusammen- uhr, ein feiner Rosenduft In die Nase.

Rosenduft?

Ja, wie war er bei der Abfahrt aus der Heimat geschmückt wordenl Und alle Bilder des bewegten Abschiedes standen auf einmal vor ihm da, des Abends, an dem er feine Fahrt in die dunkel verhüllte Nacht angetreten hatte.

...Da find mir!" riß ihn mitten aus diesen Gedanken sein Führer. Dies hier ist unser vorderster Graben. Uebrigens auch unser einziger. An manchen Stellen sind wohl noch Reseroegräben ausgehoben. Aber keineswegs überall. So, nun setz dich zu mir her und guck dich mal und"

Wenigstens bis zu einem Schützengraben hätte ieb's also gebracht, dachte der andere mit den knabenhaften Zügen. Wenn der Krieg morgen zu Ende geht, eine einzige Kugel wenigstens habe ich pfeifen hören. Und er erinnerte sich der vielen bangen Stunden, die ihm die seit Kriegs­beginn erfochtenen Siege bis heutigestags, diesem Augustmorgen des Jahres 1915, bereitet hatten. Jawohl ... Siege ... bange Stunden bereitet hatten. So dumm das auch klingen mochte, sooft man sich's recht überlegte es war einfach die nackte Wahrheit. Er hatte geradezu körperliche Schmerzen zu Zeiten empfunden, da die wichtigsten Entschei­dungen des Krieges zu fallen schienen, ohne daß er an ihnen tätigen Anteil nehmen konnte. Bald, bald mußte es nun ein Ende draußen nehmen, und er war in oll der Zeit nur noch Soldat, niemals auch Krieger gewesen. Schließlich war man an Haut und Haaren heil, war neunzehn Jahre alt...

Nun also war er am Ziel. Drüben der Feind, hier ich, in der Mitte bas Niemandsland. War das der Augenblick, den er fiebernd ersehnt hatte?

Dieser erste Schützengraben enttäuschte ihn vorläufig unsagbar. Er war weder gehörig tief noch überhaupt sorgfältig angelegt, wie es ihm schien. Wer aufrecht in ihm stand, ragte ein gut Stück aus ihm heraus. Seine Linie folgte ungefähr dem Waldrand diesseits der Höhe, lief teils außerhalb, teils innerhalb des schattigen Dunkels Die Seitenwände des Grabens waren an vielen Stellen eingestürzt, der Boden war feucht und schlüpfrig. Ein muffiger Geruch, als fei er ein durchnäßter Stiefel, er­füllte ihn. Aus manchen Löchern und Lachen fchlug's ihm stinkend ent­gegen. Dort hatten die Soldaten ihre Notdurft verrichtet.

Am meisten schmerzte ihn aber der Anblick dieser Soldaten selber.

Einige von ihnen standen in halber Ausrüstung an der Brustwehr des Grabens und blickten feinbroärts vor sich hin ms Leere Ihre Ge­wehre lagen vor ihnen auf ber aufgeworfenen (Erbe. Ihre Hänbe ruhten in ben Manteltaschen. Anbere gingen mit tlappernben Eßschalen ober Schaufelgeräten grabauf, grabab. Alle waren über unb über mit einer schmutzigen (Erbfrufte bebetft, hatten ungewaschene gebräunte Gesichter unb einen fast schon erstorbenen Blick. Zumal bie Gestalten an ber Brustwehr ftanben mit eingefallener Brust unb krummem Rücken da, als trügen sie eine schwere unsichtbare Last.

Dies Waldstück hier ist ein verrufenes Loch", erklärte der Führer. Keine Kompanie hält hier länger als eine Woche aus. Zwar liegen die feindlichen Gräben ziemlich weit ab, siehst du, dort drüben auf den Hängen des Tals, und Gewehrfeuer kriegt man hier, außer bei Nacht, kaum zu spüren. Aber eine feindliche Schwere funkt just dieses Stück mit Vorliebe ab."

Der Knabenhafte hob den Feldstecher unter seine hellen, fast weißen Augenbrauen. Aber noch ungewohnt, an Erdhausen, Drahthindernissen und Baumstämmen vorbeizuspähen, auch völlig unvertraut noch mit dem Gelände ringsum, sand er sich nur sehr langsam darin zurecht. Sein Führer hingegen wußte frontauf, frontab Bescheid hier wie in seiner Westentasche.

Dort ist die erste, die zweite, die dritte Linie der Russen ... links über der Baumgruppe, einige Schritte neben dem gelben Laufgraben ein Maschinengewehrstand ... hier rechts vor uns das zerschossene Dorf ... ganz vorn das Schloß in Trümmern ..."

Umsonst, Johannes Möß, ehemaliger Zögling einer gewiß vorzüglich geleiteten österreichischen Artillerieoffiziersschule und seit wenigen Tagen neugebackener k. u. k. Kadett-Offiziersstellvertreter d. R., entdeckte von all dem so gut wie nichts. Keine zweite, keine dritte Linie, keinen Maschinen­gewehrstand. Wohl sah er einige Trümmer schräg rechts im Vorfeld liegen, aber was von ihnen einst einem Dorf, einer Kirche, einem Schloß zugehört hatte, konnte er beim besten Willen nicht auseinander halten.

Laß gut fein, Junge. Wird schon werden. Oder glaubst du, wir andern wären am ersten Tag gleich Frontleute gewesen? Oha, das sah anders aus. Uebrigens, mein Lieber, du hast Zeit, Zeit die Hülle und Fülle, nachzuholen, was du versäumtest. Der Krieg geht weder morgen noch übermorgen zu Ende. Vielleicht hat er nur gerade erst richtig be­gonnen. Im Ernst, manches hier draußen läßt darauf schließen."

Nein!?"

Doch, fiaeskäm, doch! Man muß nur recht sehen können. Gerade darin, verstehst du, will ich dich ja, so gut ich kann, unterrichten. Recht sehen können, jawohl, das ist das Nächste, das ist die wichtigste Aufgabe für uns Beobachter. Man muß aber auch voraussehen können! Das ist schon schwieriger."

Wann werde ich...?"

Geduld, Freundchen, Geduld, ich will dir's schon beibringen. Jawohl. Wozu bin ich denn da? Wozu weiß ich denn alles, was ich weiß? Ver­steh mich recht, ich war schon lange allein, viel zu lange allein. Ich brauche jemanden um mich, dem ich's sage. Wirklich, ich brauche dich. Junge."

So sprach, in fröhlich sprudelndem Ungarisch, Oberleutnant b. R von Gerö und blickte aus klaren, feuchten, funkelnden Jägeraugen seinen neuen Kameraden an. Noch mehr als die Worte sog dieser den Blick des vor ihm stehenden Mannes in sich. Immer schon hatte er die Sprache der Augen höher geschäht als die der Zunge. Jetzt dachte er: das Grün der Tanne leuchtet aus ihnen und der Tanne Grobheit, der Tanne Harz, der Tanne steiler, senkrechter Entschluß. Sie müssen die Hüter eines tapfern Herzens sein.

Dann ließ er feine Blicke über die gestraffte, wenn auch nicht mehr ganz jugendlicke Gestalt gleiten: Wie die blanken Sehnen an ihm hinauf und hinunter laufen! Wie die dunklen Haarbüschel der Augenbrauen der Schläfen und des geschorenen Schnurrbartes in ihr funkelndes Spiel hineinschatten! Keine Handbreit an dieser Gestalt, keine Falte in Körper und Rock, die nicht willig einem erfühlten Gebot Folge leistete.

Sooft er später nach Geros Wesen lotete, gleich flieg dieses erste Bild