Linier Sternen.
Von Gottfried Keller. Wende dich, du kleiner Stern, Erde! wo ich lebe, Daß mein Äug', der Sonne fern, Sternenwärts sich hebe!
Jywlig ist die Sternenzeit, Oeffnet alle Grüfte;
Strahlende Unsterblichkeit Wandelt durch die Lüfte.
Mag die Sonne nun bislang Andern Zonen scheinen, Hier fühl' ich Zusammenhang Mit dem All und Einen!
Hohe Lust, im dunklen Tal, Selber ungesehen, Durch den majestät'schen Saal Atmend mitzugehen!
Schwinge dich, o grünes Rund, In die Morgenröte!
Scheidend rückwärts singt mein Mund Jubelnde Gebete!
Besteigung des Kilimandscharo.
X Von Sofie von Uhde.
„Still, Bibi, still, die Elefanten kommen!" Und das wie eine Quelle dahin plätschernde Gespräch meiner vier Bantuneger verstummte jäh.
Die schweren Lasten auf den geduldigen, schwarzen Wollköpfen, schieben sie sich lautlos, spähend wie Falken im Blau, das Buschmesser in der Hand, den verstrickten Urwaldpfad zur Höhe. „Still, Bibi, still!!" und mit raschem Griff zieht mich Pishi, der Koch, ins Dickicht, zitternd blaß, wie seine dunkle Haut es erlaubt, steht er neben mir.
„Wo denn? Ich höre nichts!" Schon will ich mich lustig machen über seine Angst, da hebt sich, seltsam lautlos, ein dunkler Berg aus der Pflanzenwirrnis und durch das mannshohe Elefantengras des Wechsels kommt die Herde an, voran ein uralter Leitbulle, schwarz, verwittert, die gewaltigen Zähne gebräunt und beschädigt von vielen Kämpfen. Wenn er uns entdeckt, sind wir in wenigen Minuten zu Brei zerstampft. Aber ruhig zieht er mit der Herde vorbei, nur ein Baby, das den Beschluß macht, hebt den Kopf in unsere Richtung, bleibt stehen — Kind Gottes, verrat' uns nicht! — aber da holt schon der lange Rüssel der Mutter es energisch an sich heran und hinter der grünen Mauer der Lianen verschwinden die Kolosse.
Das ist aber mal gut gegangen! Und bald plätschert der Redefluß meiner schwarzen Träger fröhlich wie vorher durch den endlosen Urwaldgürtel dahin, der fruchtbare Täler und wilde Lavaeinsamkeit voneinander trennt.
Als die Nacht mit Purpur und Gold und raschem Dunkel in die Wälder einfällt, haben wir auf etwa 2700 Meter Höhe die Bismarckhütte erreicht, ein einsames und verlassenes Rasthaus, unter Luftwurzeln, Lianengerank und farrenbedeckten Aesten fast erstickt. Ein paar Matratzen finden sich im Wohnraum, ein Tisch, ein kleiner eiserner Ofen, in dem bald ein freudig begrüßtes Feuer prasselt; denn, nun die Sonne verschwunden ist, ist es recht unafrikanisch kalt hier oben. Meine braven Schwarzen haben mir schnell das Lager und den Abendtee gerichtet, nun sitzen sie draußen ums offene, flackernde Feuer, kochen ihren Maisbrei und singen seltsam eintönig in die Nacht. Unsichtbar Über der geschlossenen, schwarzen Wipfeldecke, dort wo der Himmel ist und die Sterne, steht flcts blasse Haupt des Berges, dem unsere Safari gilt: der Kilimandscharo.
Der tiefe, wie Glocken tönende Morgengesang der schwarzweißen Colobusaffen weckt mich. Schon dämmert der Wald. Und bald schiebt sich unsere kleine Kolonne durch Tau und Kühl« weiter bergan. Nach wenigen Stunden öffnet sich der Urwaldgürtel vor einer wunderbar weiten und freien, mit wehendem Elefantengras bestandenen Hochebene und über ihr, fern noch, sehr fern, ragen die beiden Gipfel unseres Berges, der 5355 Meter hohe, schroffe Mawenzi und der 6010 Meter in den Weltraum ragende, gletscherbedeckte Kibo, Ziel unserer Wanderung.
Ein heißer Tag, der uns über gewaltige Entfernungen, aber nur wenig zur Höhe gebracht hat, liegt hinter uns. Die wilde, afrikanische Sonne hat mir, trotz Tropenhut, schier das Hirn aus dem Kopfe geschmolzen, den dauerhaften, schwarzen Wollschädeln meiner Bantuneger hat sie nichts anhaben können. Nun setzen sie mit freudigem und erlöstem Geschrei ihre Lasten vor der kleinen Petershütte ab, die uns in 3800 Meter Höhe zur Nacht aufnimmt. Noch immer dehnt sich weithin Üppigste Bergslora, eine Quelle rauscht aus grüner Schlucht. Aber schon weht Über Busch und Blüte der lebensabgewandte, kalte Hauch der toten Höhen und der junge, silbern« Mond spiegelt seinen zarten Schein auf einem weißen, fernen Haupt.
Mit todesmutiger Hintansetzung aller europäischen Begriffe esse ich, was meine Schwarzen mir da mit viel Eifer zusammengekocht haben: eine dunkle Mischung aus Mais, Zebrafleisch und einigen ebenso unergründlich wie verdächtig schmeckenden Geheimnissen, denen ich klugerweise nicht nachlorschte; Tee, in dessen sicherlich nicht abgekochtem Wasser allerhand schwimmt, was nicht hineingehört und Zucker dazu, in dem die interessantesten „Dudus" spazieren gehen, ein Sammelbegriff, unter dem man hier alle Lebewesen kleinen Ausmaßes versteht. Aber man bekommt allerhand gesunden Gleichmut in Afrika und zudem ist das Gesicht, mit dem Pishi mir diese Kostbarkeiten auftischt, so strahlend,
so erwartungsvoll, was ich nun sagen werde, daß ich ihn über alle Zinnen lobe und alles aufesse, samt Dudus unb bangen Geheimnissen.
Wir frieren ganz europäisch in dieser Nacht, vor allem die armen Schwarzen, die unter dem bis zur Erde verlängerten Dach auf dem blanken Boden liegen. Als mein Koch mir früh den Tee ans Bett bringt, hat er noch immer feine Decke über den Kopf gezogen und aus den Falten schaut fein gutes, schwarzes Gesicht mich klagend an: „Böses Berg, Bibi, schlechtes Berg!" Und eine verachtungsvolle Handbewegung tut ihn in Grund und Boden hinein ab. Ich überlasse ihm und seinen Kameraden eine Zigarettenschachtel und ein Säckchen Zucker zur freien Benutzung, da finden diese großen Kinder ihre strahlende Laune wieder.
Mit Wasser und Holz bepackt, denn von beit)em ist höher oben nichts mehr zu finden, sind wir aufs neue einen Tag gewandert. Mählich ist Flora und Fauna hinter uns zurück geblieben, all die kleinen, üppigen, duftenden Büsche haben das weitere Vordringen zur Höhe aufgegeben und mit ihnen die scheuen Bergantilopen. Nur die flügelgeroaitXn Adler wiegen sich fern im kalten Blau und ab und zu steht noch eine verlorene, rötliche Strohblume zwischen den Steinen und erfüllt mit ihrem starken, süßen Duft die Dergeinsamkeit.
Abweisend und schroff, ein roemg Neuschnee in den tiefen Fallen seines Gesteins, ragt der Mawenzigipsel neben uns empor. Meine Träger werfen sich ausruhend zu Boden und sind augenblicklich eingeschlafen; ich bin allein mit dem Berge, klein und einsam gegenüber seinem gewaltigen Angesichte, in dem runenhaft alle unlösbaren Rätsel Gottes stehen. Noch immer einen Tagmarsch fern, schwebt der weiße &bo, der Berg des Geistes, wie ihn die Eingeborenen nennen, im ewigen Blau und hat nichts mehr zu schaffen mit dem Reich der Menschen.
Weiter! Weiter! Schon sind wir über Montblanc-Höhe, schon färbt sich Fels und Stein mit dem brennenden Purpur des Abends, schon erröten die keuschen Gletscher über uns unter dem Kuß des scheidenden Gestirns: da haben wir die Hans-Meyer-Höhle erreicht, tiefer, schwarzer Schlund in einem gewaltigen Lavabrocken, der bisher den Besiegern des Kilimandscharo zur Unterkunft diente. Wir haben es besser: ein wenig höher, auf 5000 Meter Höhe empfängt uns ein winziges Blechhäuschen, das vor einem Jahre auf 150 Trägerköpfen hier herauf geschleppt wurde und nun mit vier sauberen Matratzen, Bank und Tisch und einem kleinen, eifernen Oefchen, ein unbegreifliches Wunder von Geborgenheit und Heimat darstellt in der kalten, zerrissenen Lavawelt ringsum. Wir frieren maßlos; denn wir müssen sparen mit Holz und Wasser zum Tee. Mein braves Oefchen hält die Wärme noch eine Weile in dem kleinen Raum, aber die Schwarzen, deren ganze Unterkunft ein gegen die Felswand gelehntes Wellblech ist, haben's schwer. Beunruhigt wandere ich nachts durch die tiefen, eisigen Nebel, die uns eingehüllt haben, zu ihnen hinüber und finde sie in einer grotesken Vermummung: sie haben sich alles, was sie nur greifen konnten, selbst die Kochkessel, über die Köpfe gestülpt, getreu der merkwürdigen Eigenschaft des Negers, wenn ihn friert, vor allem den Kopf zu verhüllen; die langen, nackten Beine haben sie in die heiße Asche gegraben. Vorwurfsvoll und einem Aufstand nicht mehr ferne, schauen sie mir entgegen: „Böses Geist in Berg, Bibi, macht armes Neger tot! Schnell in Tal, schnell!" In einer furchtbaren Mischung aus Englisch, Deutsch und Kisuaheli reden sie auf mich ein.
Nun heißt's raus mit den letzten Reserven! Ich greife mir den Pishi und händige ihm eine Trägerlast ein, um deren unbekannten Inhalt die großen, schwarzen Kinder schon immer voll Neugier standen. Unter Jubelgeschrei packten sie nun eine halbe Antilope aus, schon ein wenig duftend, wie sie der Neger liebt. Fleisch belebt und erwärmt ihn beinahe wie Alkohol; und so sitzen denn auch meine Vier bald in lautem Freudenrausch um das mit dem letzten bißchen Holz wieder entfachte Feuer und reißen das Fleisch in Stücke. So, diese Ermunterung reicht bis zum Aufbruch! Befriedigt ziehe ich mich in die Hütte zurück und erwarte auf meiner Matratze frierend den Morgen.
Um drei Uhr rüsten wir uns. Die Nacht ist sternklar geworden und von einer beispiellosen Kälte. Ich wage die Neger, deren Widerstandskraft gegen Frost sehr gering ist, nicht länger dieser eisigen Nacht aus- zusetzen und schicke sie mit den Lasten zu der Petershütte zurück. S o schnell haben sie noch nie aufgeladen und mit seligem: „Kwaheri, Bibi!" rennen sie zu Tal. Nur Pishi bleibt bei mir, ein alter, treuer Boy noch aus der deutschen Zeit, härter und widerstandsfähiger als die anderen und schon zweimal auf dem Kibi gewesen. Hinter seiner voranschwankenden Laterne beginnt der letzte Anstieg.
Ein schwerer Weg. Steiler, als alles bisher, der lose Lavaschotter gleitet unter den Füßen weg und macht das Gehen überaus mühselig; zudem beginnt mählich die Luft zum Atmen knapper zu werden, ein eisiger Wind, der vom Gipfel herabfällt, drückt allen Sauerstoff, der aus dem Urwaldgürtel aufsteigt, wieder ins Tal zurück. Wieder und wieder müssen wir rasten; doch bis zum Kraterrand werden roir’s schon schaffen und die letzten 300 Meter von dort bis zum eigentlichen Gipfel, der Kaiser-Wilhelm-Spitze, sind zu dieser Jahreszeit ja doch nicht zu machen, weil der Neuschnee nicht trägt; wir würden versinken.
Stunde um Stunde verrinnt. Die Sterne verblassen jäh. im Osten steigt ein merkwürdig glanzloses, eisiges Licht empor und erhellt die Welt bis hinein in die fernsten Täler, bis hinein auch in die tiefen Gletscherspalten, die über und neben uns hinab ziehen. Da ist unser Ziel erreicht. Wir lagern, nach Lust ringend, unter dem Kraterrand. Schwarze Lavabrocken türmen sich um uns, seltsam dunkel gegen das glasklare, grüne Eis und gegen das Weiß des Schnees, erstorbene Zeugen ferner Erdenjugend, ein Bild von erdrückend starrer und toter Gewalt.
Pishi schläft augenblicklich ein. Da schlägt mir die große Stunde einsamer Andacht, hoch über den Tälern, Höch über ihrem Glück und ihrem Leid, ihrer Schuld und ihren Verwirrungen. Noch sind sie in die silberne Farblosigkeit der Stunde zwischen Nacht und Tag getaucht. Aber meine große Felsenkirche hier oben erwärmt schon ein rosiger Schein auf dem weißen Haupt des Kibo, diesem Fußschemel Gottes, leuchtet der Morgensegen des ersten Sonnenstrahls.
^»rani wörtlich: Dr. Hans Lhyriot. — Druck un dB erlag: Drühl'sche Univ ersitätS-Duch« und S lein drucker ei, R. Lange, Gieße».


