Ausgabe 
23.11.1936
 
Einzelbild herunterladen

Kräuterspruch.

Von Josef Weinheber.

Sieben so gut wie neun, Baldrian, Dill und Lein, Hagebutt bricht den Stein, Minz und Wermut drein.

Butzbann, Hexentrutz,

Blitz-, Hagel-, Feuerschutz;

Saat, Vieh und Mensch zunutze Kron, Stengel, Stutzl

Anis und Enzian steht aus kein' Doktor an. Akelei und Majoran, Leiden wohlgetan.

Legs zu der Krippen hin, birg's in der Scheuer drin, wirf's auf die Flamm', daß brinn Speit und Rosmarin!

Mop, auch Quendel gut, Vorsicht beim Fingerhut! Boretsch, der recht das Blut wieder säubern tut.

Farnkraut in' Sack hinein, wird ein gut's Schlafen sein. Nimmt dir die Gliederpein besser dann der Wein.

Sieben so gut wie neun, laß norm Altar benebeln;

soll dir an Sankt Marein großer Segen sein.

Schwerer Abend.

Erzählung von Hermann Stahl.

Mit diesem Beitrag stellen wir einen jungen Dichter vor, von dem jetzt ein umfangreicher RomanTraum der Erde" als Erstlingswerk erscheint.

Im Haus des Schmiedes sahen sie beim Abendessen. Der Schmied, die Frau Henrike, der Sohn. Horcht, sagte Henrike. Der Schmied streckte den Kopf vor und sah fragend seine Frau an. Sie deutet« mit einem kurzen Kopfnicken nach oben. Hm, brummte der Schmied. Er taucht« den Löffel in seinen Teller und spießte große Stücke Kartoffel auf die Gabel. Frau, sagte der Schmied, gib mir ein Stück vom Ge­räucherten.

Eilige Schritte erklangen im Hof, dann wurde an bas Fenster ge­klopft. Schnned! Des Schmiedes Frau ging rasch zum Fenster und öffnete. Draußen stand Karline, des Emil Stürzers Frau. Sie lugte blinzelnd in die dunkelnde Küche. Schmied, rief sie, komm rasch zu uns, das Kalb kann nicht kommen!

Ist es die Blesse? fragte des Schmiedes Frau.

Ja, ja, rief Karline, es gibt ein Unglück. Seit heute mittag ist die Kuh schon dran! Und das Kalb kommt nicht! Ich muß noch ein paar holen! Sie tief davon!

Die Schmiedefrau schloß das Fenster und ging zum Tisch zurück. erst fertig! rief sie dem Schmied zu. Aber der stand auf. Wo ist meine Jacke? schrie er. Henrike lief hinaus und holte die Jacke. Er fuhr mit feinen Fäusten aufgeregt in die Aerrnel. Hilf mir doch? schrie er Henrike zu. Ja! ries Henrike. Fahr hinein!

Seid doch nicht so aufgeregt allesamt! fchrie der Schmied. Damit lief er aus der Türe; er schlug sie krachend hinter sich zu.

Es war nicht weit bis zu Stürzers Stall. Aus dem kleinen vier­eckigen Stallfenfter an der Vorderfront leuchtete gelbes Licht. Der Schmied öffnete die Türe. Vier Männer standen um die Kuh ver­sammelt, beim Eintritt des Schmiedes hoben sie die Köpfe. Er trat zwischen sie. Was ist es? fragte er. Die Männer kratzten sich den Kopf. Einer meinte: Es wäre besser, wenn wir den Doktor holten.

Laßt mich mal sehen, sagte der Schmied. Seine Stimme klang in dem niedrigen Stall sonderbar gedämpft.

Die Kuh stand. Sie bewegte unruhig, wie sucherch, den Kopf. Ihre Flanken überlief ein Zittern. Der Schmied klopfte auf ihre Hinter­backen. Du muß dich legen, sagte er freundlich. Er ging zum Kopf der Kuh und griff ihr an das Maul. Jaja, sagte er. Jaja. Er wiegte den Kopf und sah Emil Stürzer an.

Sie kalbt zum drittenmal, sagte der. Die andern zwei Kälber sind gut gekommen, da brauchte ich keine Angst zu haben. Was machen wir? Sie kann mir doch nicht kaputtgehen?

Mhmh, brummte der Schmied. Er sah sich im Kreise um. Die Männer hockten auf Kisten, Eimern, sie sahen sich an. Emil stand über

die Wand des Schlages gebeugt. Die Männer standen auf. Wollen mal sehen, sagten sie. Sie griffen zu. Emil hielt den Kops. Der Schmied stemmte sich hinter die Flanke der Kuh. Eins, zwei! rief der Schmied. Die Kuh wankte.

Der Schmied hob den Kopf, er kniete neben der Flanke der Kuh, sein Gesicht war dunkelrot, er sah aus wie ein Riese. Die Narbe auf seiner Stirn war ein breiter Streifen. Schweiß rann ihm über die Backen in den Bart.

Nochmal! rief er Sie packten an. Die Kuh brummte kurz, sie warf den Kopf mit einem Ruck auf. Die Männer schnauften. Heee? fchrie der Schmied. Langsam, gut! Dann lag die Kuh. Sie wischten sich die Stirnen.

So, sagte der Schmied zufrieden. Er dehnte die Schultern und streckte die Arme zurück, er atmete schnaubend. Er griff tastend über den Bauch der Kuh hin.

Es liegt nicht richtig, sagte er bedachtsam. Er wiegte den Kops. Ja, und ich sage, wir sollten den Doktor holen, rief wieder einer der Männer. Emil Stürzer sah von einem zum andern. Er kratzte sich den Schädel.

Was meinst du? fragte er den Schmied. Hol Wasser und Seife und eine Schere, und Del, und einen sauberen Strick, antwortete der.

Vorläufig holen wir den Doktor nicht, entschied der Schmied. Emil brachte das Verlangte Der Schmied knöpfte sich die Aerrnel auf. Er zog Jacke und Hemd aus. Nackt bis zum Gürtel stand er und wusch sich die Hände und die Arme. Das gelbe Licht der Lampe traf feine Schulter. Die Männer wichen einen Schritt zurück, als er sich aufrichtete und nach dem Handtuch griff.

Die Kuh wälzte sich. Sie hob sich aus die Vorderbeine, zitternd, schwerfällig stand sie aus. Sie schwankt«. Sie begann zu trampeln. Holla! schrie der Schmied. Er schnitt noch an seinen Fingernägeln. Emil reichte ihm die Flasche mit dem Del. Der Schmied rieb sich die Hände ein. Dann stand er hinter der Kuh. Die Männer standen da­neben. Emil hielt den Kopf der Kuh. Der Schmied griff zu

Es liegt nicht richtig, sagte er. Er schüttelte den Kops. Er sah sich um. Gib mir den Strick, sagte er. Was ist es? fragte Emil. Ach, sagte der Schmied und mühte sich mit dem Strick, es ist nicht so schlimm.

Es ist ... Die Kuh war unruhig Emil biß sich auf die Lippen. Nur die Ruhe, Emil, sagte der Schmied.

Er zog. Das gelbe Licht spielte auf seinen Schultern, Bergen von Muskeln. Die Männer sahen ihn an. Sie hielten die Kuh. Die Kuh trat. Brot, schrie der Schmied, gebt ihr Brot. Emil stürzte hinaus, Brot zu holen. Sie hat schon sechs Stück gefressen, rief er, ich kann ihr doch nicht soviel Brot geben, rief er. Sie wird mir krank! Wenn sie es nimmt, ist es gut, rief einer. Halt doch dein Maul! fchrie der Schmied, und pack an! Er schnaufte, seine Schultern hoben und senkten sich wie ein Blasebalg.

Emil kam mit altem Brot zurück. Er stand bei dem Kopf der Kuh, er hatte ein Messer in der Hand und schnitt dicke Stücke von dem Brot. Sie frißt! rief er. Auf seiner Stirn perlten Schweißtropfen.

Der Schmied trat zurück. Er holte tief Atem. Heiß, rief er. Verdammt noch mal! Der Kopf liegt nicht richtig, schrie er, er liegt nicht auf den Seinen! Er kratzte sich mit der Schulter am Kinn. Die Männer schwiegen. Er hantierte wieder mit dem Strick. So! schrie er, es ist gemacht! Wir wollen ziehen, riesen sie.

Der Schmied nickte. Auf seiner Brust rannen di« Schweißtropfen zu kleinen Bächen. #

Zwei Männer stemmten sich gegen die Kuh. Emil stand bei dem Kopf. Er umklammerte mit beiden Händen die Stirn der Kuh, als hielte er sie gegen einen, der sie ihm fortnehmen sollte. Er starrte den Schmied an. Geht cs? fragte er. Sie hatten Stroh hinter die Kuh gebreitet. Sie zogen an. Sie schwitzten. Die Kuh zitterte auf den Seinen. Langsam, schrie der Schmied. Langsam! Sie liehen los. Cs geht nicht, riefen sie durcheinander. Aber sie zogen von neuem an Langfaaam hoopp! fchrie der Schmied. Sie packten fester zu. Der Strick war wie eine Saite Sefpannt. Jetzt langsam, jetzt langsam, schrie der Schmied Die Männer hnaubten. Emil bei dem Kopf der Kuh schluckte Speichel. Wenn sie mir nur nicht drauf geht! rief er jammernd. Ach was, fchrie der Schmied. Zieht wieder an. Also sest«! Sie ließen locker Sie wischten sich di« Stirnen.. Die Kuh stand jetzt ganz ruhig. Der Schmied klopfte ihr über die Flanke. Schön machen, sagte er, hör, schön machen! Er war dunkel im Gesicht, die weiße Narbe zeichnete sich lohend von der Stirn, fein Gesicht war bekümmert. Ran! rief er.

Sie stemmten sich, sie zogen behutsam, aber mit aller Kraft. Des Schmieds Schultern glänzten naß.

Jetzt kommt es! schrie der Klein«. Sie schwiegen. Die Seine tarnen. Sie konnten zugreifen. Nun hatten sie den Kops. Der Schmied lachte. Haha! schrie Emil. Es ist da! brüllte der Schmied. Es war ein starkes Bullenkalb. Es lag im Stroh, feine verklebten nassen Flanken atmeten wie ein Blasebalg. Er streckte die Beine ab. Die Männer standen um das Kalb.

Holla! schrie der Schmied. Daß bald die Kuh in Ordnung kommt! Paß auf, Emil! Ich bleib dabei, rief Emil. Das ist doch klar.

Karline war gekommen mit Salz, sie streute das Salz über das Kalb. Dann legten sie das Kalb zum Lecken vor die Kuh.

Es ist alles heil! schrie der Schmied.

Er wusch sich. Das Wasser spritzte aus dem Eimer. Karline reichte ihm das Handtuch. Er richtete sich auf Er sah sich im Kreis um. Das hast du gut gemacht mit dem Binden, lobte einer. Der Schmied hörte es nicht. Er zog sich an. Helft mir in das Hemd! schrie er. Sie lachten und zogen ihm die Aerrnel über die Fäuste. Emil kam mit Schnaps. Sie tränten einen, neben der Kuh. Dann gingen sie.