Ausgabe 
23.11.1936
 
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Und das Essen fing an. ' ., ,

Der alte Hauslehrer erinnerte sich an Johannes, aus der Zeit, als dieser noch ein Kind war, und es kam ein Gespräch zwischen ihnen zu­stande. Er erzählte, daß auch er in seinen jungen Tagen die Dichtkunst betrieben habe, die Manuskripte lägen noch da, Johannes solle sie bei Gelegenheit einmal zu lesen bekommen. Heute sei er hierher zu diesem Jubeltag des Hauses gerufen worden, damit er an der Freude der Familie über Victorias Verlobung teilnehmen könnte. Der Schloßherr und die Schlohherrin hätten ihm aus alter Freundschaft diese Ueber- raschung bereitet.

Ich habe nichts von Ihnen gelesen, sagte er. Ich lese mich selbst, wenn ich etwas lesen will; in meiner Schublade liegen Gedichte und Erzählungen. Sie sollen nach meinem Tod herausgegeben werden; ich möchte doch, daß das Publikum erfährt, wer ich war. Ach ja, wir Wei­teren vom Fache sind nicht so flink mit dem Druckenlassen, wie man es gegenwärtig ist. Ihr Wohl!

Die Mahlzeit schreitet weiter. Der Schloßherr klopft an sein Glas und erhebt sich. Sein vornehmes, mageres Gesicht ist bewegt vor Erre­gung, und er erweckt den Eindruck, als wäre er sehr froh. Johannes senkt den Kopf tief. Sein Glas ist leer und niemand gibt ihm etwas; er füllt es selbst bis zum Rande und läßt den Kopf wieder finken. Nun kam es!

Die Rede war lang und hübsch und wurde mit großem und freudigem Lärm entgegengenommen. Die Verlobung war erklärt. Eine Menge guter Wünsche strömten von allen Seiten des Tisches bei der Tochter des Schlohherrn und dem Sohn des Kammerherrn zusammen.

Johannes trank sein Glas aus.

Einige Minuten später ist seine Zerrissenheit von ihm gewichen, seine Ruhe zurückgekehrt; der Champagner brennt gedämpft durch seine Adern. Er hört, daß auch der Kammerherr eine Rede hält, und daß wieder Bravo und Hurra gerufen und mit den Gläsern angestoßen wird. Ein­mal sieht er zu Victorias Platz hinüber; sie ist bleich und scheinbar ge­quält, sie blickt nicht auf. Dagegen nickt Camilla ihm zu und lächelt, und er nickt zurück.

Der Hauslehrer neben ihm spricht weiter:

Es ist schön, es ist schön, wenn zwei einander bekommen. Dieses Los habe ich nicht gezogen. Ich war ein junger Student mit großen Aus­sichten, viel Begabung; mein Vater hatte einen alten Namen, ein großes Haus, Reichtum, viele, viele Schiffe. Ich darf also sogar sagen, ich hatte sehr große Aussichten. Auch sie war jung und aus einem vornehmen Haus. Ich gehe also zu ihr hin und öffne ihr mein Herz. Nein, ant­wortet sie. Können Sie sie begreifen? Nein, sie wolle nicht, sagte sie. Ich tat, was ich konnte, arbeitete weiter und trug es wie Mann. Da tarnen die Unglücksjahre meines Vaters, Verluste, Bürgschaftsschulden, kurz gesagt, er machte Bankrott. Was tat ich da? Trug es wieder wie ein Mann. Und jetzt kam tatsächlich sie, das Mädchen, von dem ich eben sprach, zu mir. Sie kommt, sucht mich in der Stadt auf. Was wollte sie von mir? werden Sie fragen. Ich war arm geworden, ich hatte eine kleine Lehrerftelle erhalten, alle meine Aussichten waren verschwunden und meine Gedichte in die Schublade geworfen, jetzt kam sie und wollte. Wollte!

Der Hauslehrer sah Johannes an und fragte:

Können Sie sie begreifen?

Aber nun wollten Sie nicht?

Konnte ich, frage ich? Entblößt, entblößt, nackt, eine Lehrerftelle, nur Sonntags Tabak in der Pfeife wo denken Sie hin? Ich konnte ihr das doch nicht antun. Aber, ich sage nur, können Sie das begreifen?

Und was wurde dann aus ihr?

Ach Gott, Sie antworten mir nicht auf meine Frage. Sie verheiratete sich mit einem Kapitän. Das war im Jahr darauf. Mit einem Kapitän der Artillerie. Ihr Wohl!

Johannes sagte:

Man sagt, es gebe gewisse Frauen, die einen Gegenstand für ihr Mit­leid suchen Geht es dem Mann gut, so hassen sie ihn und fühlen sich überflüssig; geht es ihm schlecht und wird er zu Boden gedrückt, so triumpieren sie und sagen: hier bin ich.

Aber warum schlug sie nicht ein, als die Zeiten noch so gut waren? Ich hatte Aussichten wie ein kleiner Gott.

Sic wollte eben warten, bis Sie zu Boden gedrückt wären. Wer weih das?

Aber ich wurde nicht zu Boden gedrückt. Niemals. Ich behielt meinen Stolz und gab ihr einen Korb. Was sagen Sie nun?

Johannes schwieg.

Aber Sie haben vielleicht recht, meinte der alte Hauslehrer. Bei Gott und allen Engeln, Sie haben recht, mit dem, was Sie sagen, brach er plötzlich aus, neu belebt, und trank wieder. Schließlich nahm sie einen alten Kapitän: sie pflegt ihn, füttert ihn und ist Herr im Hause. Einen Kapitän der Artillerie.

Johannes sah auf. Victoria saß mit ihrem Glas in der Hand da und starrte zu ihm herüber. Sie hielt ihr Glas in die Höhe. Er fühlte sich von einem Stoß durchzuckt, und auch er ergriff fein Glas. Seine Hand zitterte.

Da rief sie laut feinen Nebenmann an und lachte; es war der Name des Hauslehrers, den sie rief.

Gedemütigt stellte Johannes fein Glas nieder und lächelte sogar rat­los vor sich hin. Alle hatten ihn angesehen.

Der alte Hauslehrer war ob dieser freundlichen Aufmerksamkeit seiner Schülerin bis zu Tränen gerührt. Er beeilte sich und tränt aus.

Und da gehe ich nun umher, ich alter Mann, fuhr er fort, gehe umher hier auf der Welt, allein und unbekannt. Das wurde mein Los. Niemand weiß, was in mir wohnt; aber niemand hat mich murren hören. Kennen Sie die Turteltaube? Ist es nicht die Turteltaube, dieses tieftraurige Tier, das das klare, helle Quellwasser erst trübt, ehe cs daraus trinkt?

Das weih ich nicht.

Nein, freilich. Aber es ist schon so. Und so mache ich es auch. Ich bekam die nicht, die ich im Geben haben wollte, doch ich bin trotzdem

durchaus nicht so arm an Freuden. Aber ich trübe sie mir erst. Da kann die Enttäuschung hinterher nicht Uebermacht über mich bekommen. Sehen Sie Victoria. Sie trank mir jetzt zu. Ich bin ihr Lehrer ge­wesen; jetzt wird sie sich verheiraten, und das freut mich, ich fühle dabei ein rein persönliches Glück, als wäre sie meine eigene Tochter. Jetzt werde ich vielleicht der Lehrer ihrer Kinder. Doch, es gibt wirklich trotz allem mancherlei Freuden im Beben. Aber was Sie da über das Mit­leid und die Frau und den gebeugten Nacken sagten je mehr ich dar­über nachdenke, desto mehr scheint es mir, daß Sie recht haben. Weiß Gott, Sie haben ... Entschuldigen Sie einen Augenblick.

Er stand auf, ergriff sein Glas und ging zu Victoria. Er schwankte bereits ein wenig auf den Seinen und ging sehr vornübergebeugt.

Mehrere Reden wurden gehalten, der Leutnant sprach, der Guts­besitzer aus der Nachbargemeinde trank auf die Frau im allgemeinen, auf bas Wirken der Frau im Hause. Plötzlich stand der Herr mit den Diamantknöpfen auf und nannte Johannes' Namem Er habe die Er­laubnis dazu erhalten, er möchte dem jungen Dichter einen Gruß von den Jungen überbringen. Es waren lauter freundliche Worte, ein wohl­gemeinter Dank der Gleichaltrigen, voll Anerkennung und Bewunderung. Johannes traute beinah feinen eigenen Ohren nicht. Er fragte den Haus­lehrer flüsternd:

Spricht er von mir?

Der Hauslehrer antwortete:

Ja. Er kam mir zuvor. Ich wollte es selbst tun. Victoria bat mich bereits heute nachmittag darum.

W e r bat Sie darum, sagten Sie?

Der Hauslehrer starrte ihn an.

Niemand, antwortete er.

Während der Rede richteten sich aller Augen auf Johannes, sogar der Schloßherr nickte ihm zu, und die Frau des Kammerherrn nahm ihr Lorgnon vor die Augen, um ihn anzusehen. Als die Rede zu Ende war, tranken alle.

Sie müssen jetzt erwidern, sagte der Hauslehrer. Er hat Ihnen eine Rede gehalten. Eigentlich wäre das einem Aelteren vorn Fache zuge­kommen. Außerdem stimme ich durchaus nicht ganz mit ihm überein. Durchaus nicht.

Johannes sah über den Tisch zu Victoria hinüber. Sie hatte diesen Herrn mit den Diamantknöpfen zum Reden veranlaßt; warum hatte sie das getan? Erst hatte sie sich an einen anderen deswegen gewandt, schon während des Tages hatte sie daran gedacht; weshalb? Nun saß sie da, blickte nieder, und keine Miene verriet sie.

Plötzlich läßt eine tiefe und heftige Erregung seine Augen feucht werden, er hätte sich ihr zu Füßen hinwerfen und ihr danken mögen, ihr danken. Er wollte es später tun. Nach dem Essen.

Camilla saß da und sprach nach rechts und nach links und lächelte über das ganze Gesicht. Sie war zufrieden, ihre siebzehn Jahre hatten ihr nichts als eitel Freude gebracht. Sie nickte Johannes wiederholt zu und machte ihm Zeichen, daß er sich erheben solle.

Er stand auf.

Er sprach kurz, seine Stimme klang tief und erregt: Bei diesem Fest, mit dem das Haus ein freudiges Ereignis feiere, fei auch er ein ganz Außerhalbstehender, aus feiner Unbemerktheit hervorgezogen worden. Er möchte der danken, die diesen liebenswürdigen Einfall zuerst gehabt, und dem, der ihm so viele angenehme Worte gesagt habe. Aber er möchte auch nicht vergessen, das Wohlwollen anzuerkennen, womit die ganze Gesellschaft sein des Außerhalbstehenden Lob angehört habe. Das einzige Anrecht, hier bei dieser Gelegenheit überhaupt an­wesend zu sein, gebe ihm nur die Tatsache, daß er der Sohn des Nach­barn im Walde sei ...

Ja! rief plötzlich Victoria mit flammenden Augen. Alle sahen sie an, ihre Wangen waren rot, und ihre Brust wogte. Johannes hielt inne. Ein peinliches Schweigen trat ein. >

Victoria? sagte der Schloßherr erstaunt.

Fahren Sie fort! rief sie wieder. Ja, das ist Ihr einziges Anrecht; aber sprechen Sie weiter! Dann schloß sie plötzlich die Augen, sie fing an, hilflos zu lächeln und den Kopf zu schütteln. Darauf wandte sie sich an ihren Vater und sagte: Ich wollte nur übertreiben. Er übertreibt ja selbst. Nein, ich wollte nicht stören ...

Johannes hörte diese Erklärung und fand einen Ausweg; fein Herz schlug hörbar. Er beobachtete, wie die Schloßherrin Victoria mit Tränen in den Augen und mit unendlicher Nachsicht betrachtete.

Ja, er habe übertrieben, sagte er; Fräulein Victoria habe recht. Sie sei so liebenswürdig gewesen, ihn daran zu erinnern, daß er nicht allein der Sohn des Nachbarn, sondern auch der Spielkamerad der Schloß­kinder in der Jugendzeit gewesen sei, und diesem letzten Umstande ver­danke er nun seine Anwesenheit hier. Er danke ihr, so sei es. Er sei hier zu Hause, die Wälder des Schlosses seien einmal seine ganze Welt ge­wesen, hinter denen das unbekannte Land, das Abenteuer blaute. Und in jenen Jahren hätten Ditlef und Victoria oft nach ihm gesandt, um ihn zu einem Ausflug oder zu einem Spiel zu rufen das feien die großen Erlebnisse seiner Kindheit gewesen. Später, als er darüber nach­gedacht habe, habe er erkannt, daß diese Stunden eine ungeahnte Be­deutung für sein Leben gehabt hätten, und wenn es sich so verhielte wie eben gesagt worden sei, daß das, was er schreibe, mitunter auf flamme, so käme das von den Erinnerungen an jene Zeit, die ihn entzündeten; es fei der Widerschein eines Glückes, das zwei Kame­raden ihm in feiner Kindheit bereitet hätten. Deshalb hätten auch sie einen großen Anteil an feinen Arbeiten. Zu den allgemeinen guten Wün­schen anläßlich der Verlobung möchte er daher noch einen persönlichen Dank an die beiden Schloßkinder hinzufügen, für die schönen Jahre der Kindheit, für damals, da weder die Zeit noch das Leben zwischen sie getreten war, für jenen frohen, kurzen Sommertag ...

(Fortsetzung folgt.)