Nummer 91
Montag, den 25. November
Jahrgang 1956
sich umzukleiden.
VIII.
Die Herren erinnerten sich. Sie sagen die notwendigen Worte, machen die notwendigen Verbeugungen und trennen sich. Johannes und Victoria bleiben allein zurück. Er sagt:
War das die Ueberraschung?
Ja, antwortet sie gequält und ungeduldig, ich tat mein Bestes, ich wußte nichts anderes. Seien Sie nun nicht ungerecht, danken Sie mir lieber; ich sah, daß Sie sroh wurden.
Ich danke Ihnen. Ja, ich wurde froh.
Eine unendliche Verzweiflung legte sich auf ihn, sein Gesicht wurde leichenblaß. Hatte sie ihm wirklich einmal weh getan, so war das nun reichlich wieder gut gemacht, und er war getröstet worden. Er war ihr aufrichtig dankbar.
Und dann bemerke ich, daß Sie heute Ihren Ring tragen, sagte er dumpf. Nehmen Sie den nun nicht wieder ab!
Pause.
Nein, jetzt werde ich ihn wohl nicht mehr abnehmen, antwortete sie.
Sie blickten einander in die Augen. Seine Lippen bebten, er deutete mit dem Kopf zum Leutnant hin und sagte heiser und grob:
Sie haben Geschmack, Fräulein Victoria. Er ist ein schöner Mann. Seine Epauletten machen ihm gute Achseln.
Mit großer Ruhe gab sie ihm zurück:
Nein, er ist nicht schön. Aber er ist ein gebildeter Mann. Das wiegt auch ein wenig.
Das gilt mir, Dank! Er lachte laut und fugte unverschämt hinzu: Und er hat Geld in den Taschen, das wiegt mehr.
Sie entfernte sich sofort.
Wie ein Friedloser glitt er von Wand zu Wand. Camilla sprach ihn an, fragte nach etwas, er hörte es nicht und antwortete nicht. Sie sagte wieder etwas, berührte sogar seinen Arm und fragte abermals ver- $ Nein, da geht er umher und denkt, rief sie lachend. Er denkt, er denkt!
Victoria hörte es und antwortete:
Er will allein fein. Er schickte auch mich weg. Aber plötzlich trat sie ganz bis zu ihm hin und sagte laut: Sie grübeln gewiß über eine Entschuldigung nach. Darum brauchen Sie sich nicht zu bemühen. Im Gegenteil, ich muh mich bei Ihnen entschuldigen, weil ich Ihnen die Einladung so spät sandte. Das war sehr unaufmerksam von mir. Ich vergaß Sie bis zuletzt, fast hätte ich Sie ganz vergessen. Aber ich hoffe, sie verzeihen mir, ich hatte an so vieles zu denken.
Sprachlos starrte er sie an; sogar Camilla blickte von einem zum andern und schien erstaunt zu sein. Victoria stand mit ihrem kalten bleichen Gesicht vor ihnen und zeigte eine zufriedene Miene. Sie war gerächt.
Das sind nun unsere jungen Kavaliere, sagte sie zu Camilla. Wir dürfen uns nicht zu viel von ihnen erwarten. Dort drüben sitzt mein Verlobter und spricht von Elchjagden, und hier steht der Dichter und denkt ... Sagen Sie etwas, Dichter!
Er zuckte zusammen; die Adern an [einen Schläfen wurden blau.
Jawohl. Sie bitten mich, etwas zu sagen? Jawohl.
Ach nein, strengen Sie sich nicht an.
Sie wollte schon gehen.
Um gleich auf die Sache loszugehen, sagte er langsam und lächelnd, aber seine Stimme bebte, um mitten drin anzufangen: waren Sie vor kurzem verliebt, Fräulein Victoria? ....
Einige Sekunden lang war es vollkommen still; alle drei horten ihre Herzen schlagen. Camilla antwortete erschrocken:
Victoria ist natürlich in ihren Bräutigam verliebt. Sie hat sich eben erst verlobt, wissen Sie das nicht?
Die Türen zum Speisesaal wurden geöffnet.
Johannes fand seinen Platz und blieb davor stehen. Der ganze Tisch schwankte vor seinen Augen auf und ab, er sah viele Menschen und hörte ein Summen von Stimmen.
Ja, bitte, das ist Ihr Platz, sagte die Schloßherrin freundlich. Wenn sich nur alle einmal setzen wollten. t
Entschuldigen Sie! sagte plötzlich Victoria dicht hinter ihm.
sl/nahm seine Karte und legte sie einige Plätze, sieben Plätze, weiter unten hin neben einem alten Mann, der einmal Hauslehrer auf dem Schloß gewesen war und in dem Ruf eines Trinkers stand. Sie trug eine andere Karte zurück und setzte sich. . ....
Er stand da und sah dem allen zu. Die Schloßherrin machte sich, unangenehm berührt, auf der andern Tischfeite etwas zu schaffen und vermied es, ihn anzusehen. , r .
Er wurde noch verwirrter als vorher und ging erreg an seinen neuen Platz. Sein früherer Platz wurde von einem von Ditlefs Freunden aus der Stadt eingenommen, einem jungen Mann mit Diamantknopfen in der Hemdenbruft. Zu seiner linken Seite saß Victoria, zu seiner rechten Camilla.
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5. Fortsetzung.
Das Schiff legte an, Herren und Damen stiegen an Land und nahmen in den Wagen Platz. Da knatterte eine Reche von Schüssen auf bem Schloß' zwei Männer standen oben in dem runden Turm und luden und schossen, luden und schossen mit Jagdbüchsen. Als sie einundzwanzig Schüsse gelöst hatten, rollten die Wagen durch das Schloßportal, und das Schießen hörte auf. Jawohl, es sollte ein Fest auf dem Schloß statt- sinden; die Fremden wurden mit Flaggen und Salutschüssen empfangen. 3n den Wagen saßen einige Militärs; vielleicht war Otto, der Leut- """Johannes stieg vorn Hügel herab und begab sich nach Hause. Er wurde von einem Mann vom Schloß emgeholt, der ihn anhielt. Der Mann trug einen Brief in der Mütze, er war von Fraulem Victoria gesandt und sollte Antwort haben. . ....
Mit klopfendem Herzen las Johannes den Brief. Victoria lud ihn trotzdem ein, schrieb ihm herzliche Worte und bat ihn zu kommen. Dieses eine Mal bitte sie ihn darum. — Antworten Sie durch den 93oteri
Eine wunderbare und unerwartete Freude war ihm widerfahren, das Blut stieg ihm zu Kopfe, und er antwortete dem Mann, er wolle kommen, ja. Dank, er wolle fofort kommen.
er^gab^bem Boten ein lächerlich großes Geldstück und eilte heim,
VA ♦ a4* Geschichte einer Liebe
lV Ivl l von Knut Hamsun
Zum erstenmal in seinem Leben trat er durch das Tor des Schlosses und begab sich über die Treppe hinauf in den ersten Stock. Stimmen summten ihm von dort entgegen, sein Herz schlug stark, er klopfte an und trat ein. , .... ... .
Die noch junge Schloßherrin kam ihm entgegen, begrüßte ihn freundlich und brückte seine Hand. Es freue sie, ihn zu sehen, sie entsinne sich seiner noch aus der Zeit, da er nicht größer gewesen sei al-> so; jetzt se, er ein großer Mann ... Und es war, als wollte die Schloßherrin noch mehr sagen, lange hielt sie seine Hand und sah ihn forschend an.
Auch der Schloßherr kam hinzu und reichte ihm die Hand. Wie seine Frau gesagt habe, ein großer Mann, in mehr als einer Beziehung. Em berühmter Mann. Sehr erfreut ... .
Er wurde Herren und Damen vorgestellt, dem Kammerherrn, der seine Orden trug, der Frau Kammerherrin, einem Gutsbesitzer aus der Nachbargemeinde, Otto, dem Leutnant. Victoria sah er nicht.
Sine'qeraume Zeit verstrich. Victoria trat ein, bleich, sogar unsicher; sie führte ein junges Mädchen an der Hand. Sie gingen rund durch ben Saal, begrüßten alle, sprachen kurz mit jebem. Vor Johannes blieben sie stehen.
Victoria lächelte und sagte: . „ —
Sehen Sie, hier ist Camilla, ist bas nicht eine Ueberraschung? Ihr kennt einander. .... . ... ...
Sie blieb ein wenig stehen und sah die beiden an, bann verlieh sie ben Saal. .
Im ersten Augenblick blieb Johannes starr und betäubt auf dem Fleck stehen. Das war die Ueberraschung; Victoria hatte freundlichst eine andere an ihre Stelle gesetzt. Hört nun, geht hin und nehmt einander, Ihr Menschen! Der Frühling steht in Blüte, die Sonne scheint; macht die Fenster auf, wenn Ihr wollt, denn im Garten ist ein Duft, und in ben Birkenwipfeln draußen fingen auch die Stare. Warum sprecht Ihr nicht miteinander? Aber so lacht doch!
Ja, wir kennen einander, sagte Camilla offen. Hier geschah es, daß Sie mich damals aus dem Wasser zogen. .
Sie war jung und hell, munter, rosenrot gekleidet, in ihrem siebzehnten Jahr. Johannes biß die Zähne zusammen, lachte und scherzte. Nach und nach fingen ihre fröhlichen Worte an, ihn wirklich aufzumuntern, sie sprachen lange zusammen sein Herzklopfen nahm ab. Sie hatte noch aus ihren jüngeren Jahren die reizende Gewohnheit, den Kopf schief zu legen und abwartend zu lauschen, wenn er etwas sagte. Er erkannte sie wieder, sie überraschte ihn nicht.
Victoria kam wieder herein, sie nahm den Leutnant beim Arm, zog ihn mit sich und sagte zu Johannes: ....
Kennen Sie Otto, — meinen Verlobten? Sie erinnern sich seiner wohl noch.
GiehenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger


