Okioberende.
Dcm Ruth Schaumann.
Der Gärtner macht die Beete klar, Gebeugt, daß er das Unkraut reute, Und unser Sohn formt Krippenleute Aus Wachs, das um den Honig war.
Ein gelbes Lamm, ein blauer Hund, Die Jungfrau Magd, der Hirtenengel, Ein Vogel auf dem Brunnenschwengel Und Stroh in einer Krippe Grund.
Oktober wird in Nächten kalt, Am Fenster schwanken tote Reben — Der Knabe legt ins Stroh mit Beben Des kleinen Kindes Wachsgestalt.
Eroberte Schiffe.
Aus dem Leben südamerikanischer Seeräuber.
Von AntonSchnack.
„M a r q u e s a."
Das Schiff hatte von Spanien her eine mühselige Fahrt hinter sich, von Haifischrücken, vorüberrollenden Delphinen und großen Gewittern begleitet, und die Besatzung war froh, daß sie aus dem schwabbeligen Tang des Sargassomeeres heraus war, wo sie von einer fahlen Windstille über drei'Wochen festgehalten war. Zwischen den Inseln Espanola und Puerto Rico zeigten die Schiffskarten keine Korallenbänke. Aber in einer Nacht krachte es fürchterlich im Schiffsboden. Schwarz kam das Wasser herein. Alle schöpften die ganze Nacht, und erst am Morgen hatten die Zimmerleute den Riß mit Pech, Wachs und Werg verstopft und übernagelt.
Nun hatte die „Marquesa" die Insel Monses hinter sich. Der ruhige Golf von Venezuela öffnete seinen Trichter ins Land. Abgefahren war das Schiff im Auftrage des großen Handelshauses Jose. Escondito in Granada. Cs hatte folgendes an Bord: Eisenwaren aller Art, Hämmer, Beile, Hauen, Stoffe in vielen Farben, Leinwand, Garn, Seife, Gewehrschlösser, Schuhe aus rotem Atlas für die reichen Kausmannsf rauen; auch anderes aus dem Mutterlands war bei der Ladung. Mit Kakao aus den Plantagen von Maracaibo, Gibraltar und Baracoa sollte die „Marquesa" zurückfahren: dafür war die Kaufsumme an Bord, die ein Sohn von Jose Escondito verwaltete und überwachte.
Das Schiff wurde von l'Olonois, genannt der finstere Franz, zuerst im Mondlicht gesehen. In der Frühe standen die beiden Schiffe tief im Golf von Venezuela. L'Olonois hatte es, das etwas schwerfällig war, bereits überfegelt und gab ihm unvermittelt und rücksichtslos einen harten Morgen^-ruß. Der erste Schuß, den er abgab, stieß das Rahfegel der „Marquesa" um. Der bleiche Dominikanermönch, der unter dem Maste kniete und den Schutz Gottes gegen die Seeräuber anflehte, wurde von dem niederstürzenden Holz erschlagen.
Eine Musketenkugel traf den Steuermann des spanischen Schiffes ins Genick. Er fiel um und verblutete unter seinem Steuerrad, das niemand mehr lenkte. Wilde Verwirrung kam unter die Spanier. Viele wurden bleich und verkrochen sich hinter die Stoffballen und Warenkisten, bis die Piraten sie mit Fußtritten hervorholten.
Die Eroberung kostete l'Olonois nur zwei Leute, da die spanische Schiffsbesatzung sich schlecht zur Wehr setzte. Bevor er die Gefangenen mit finsterem Blick musterte, ließ er Geld und Waren sich zeigen. Vor seinen Augen wurde es abgezählt: die Silbertaler füllten drei große Truhen aus; die waren mit dicken Schlössern versehen, die geheimnisvolle und verborgene Tricks hatten.
Es waren verschiedene Portugiesen unter der Besatzung, auch ein Franzose war dabei, der mit einer Spanierin in Maracaibo verheiratet war: diese ließ der finstere Franz bei sich. Die Spanier aber wurden ins Meer geworfen. Noch lange hielt sich der spanische Kapitän Juan Gallego über Wasser. Bis zum Schluß rief er den Namen „Jesus, Jesus, mein Gott!" Einige der Seeräuber bekreuzigten sich, wenn der Ertrinkende den Namen „Jesus" schrie. Aber keinem fiel es ein, ein Seil oder Holz dem Versinkenden zuzuwerfen.
L'Olonois behielt den Sohn von Jnsö Escondito als Geisel. Immer lag er in Ketten und Handfesseln im untersten und finstersten Teil des Schiffes, wo die Ratten über fein Gesicht sprangen. Der Pirat nahm stracks Kurs nach Tortuga und verkaufte die ganze Schiffsladung an französische Juden, die lange mit ihm schacherten.
„Das Schiff „Grande E a y a m a n".
Das Schiff machte seinem Namen alle Ehre.
Das Raubgeschwader von l'Olonois segelte um das Ostkap der Insel Espanola, als er den „Grande Cayaman" zu Gesicht bekam. L'Olonois, um diele Zeit verwöhnt, stolz, eitel und äußerst ruhmsüchtig, signalisierte seiner Flotte, datz er die Verfolgung und Eroberung des Spaniers allein unternehmen wolle. Er meldete weiterhin, das Geschwader möge inzwischen an der Siidklllte der Insel Savona ankern und Süßwasser einnehmen.
Der „Grande Cayaman" kam aus San Juan de Puerto Rico, der gleichnamigen Insel und hatte Kurs nach dem neuspanischen Festland. An
Bord hatte er allerbesten Kakao, der schon gemahlen war und das Schiff oanz eingestäubt hatte. Der August dieses Jahres brachte viel Gewölk, Regen und Luftunruhe. Das Meer war grau und unfreundlich, und aus Nordosten pfiff ein steifer und unbehaglicher Wind. Der „Grande Cayaman" wurde gut und geschickt gesegelt und entzog sich immer wieder den Manövern des „Speienden Drachen". So hieß damals das Flaggschiff von l'Olonois. Er hätte das andere niemals erwischt, wenn es nicht selbst auf ihn zugedreht hätte, wobei eine unvermutete Breitseite aus acht Geschützen losdonnerte. Die Kugeln, schlecht geschossen, klatschten wasser- sprühend ins Meer. Zwei Stunden dauerte die pfeifende Kanonade, hinüber und herüber, und da das Meer unruhig war, wurde von beiden Seiten wenig erreicht. Endlich gelang es einer Salve der Piraten, gemischt, mit Musketenschüssen der Scharfschützen, in die Besatzung und Geschützbedienung des „Grande Cayaman" eine blutige Gasse zu reißen. Leise fing auch das Deck zu brennen an.
Unter großem Geschrei wurde gerammt, und um beide Schiffe lag ein bitterer Pulverrauch und verdüsterte alles mit seiner Wolke. Blitzschnell, verborgen in die bleigrauen Schwaden, kamen die Piraten mit den Dolchen zwischen den Zähnen und den Pistolen in der Hand an Deck und machten reinen Tisch.
L'Olonois hatte außer sechzehn Kanonen, von denen eine während des Duells geplatzt war, hundertzwanzigtausend Pfund Kakao erobert, ungefähr zweihunderttausend Mark gemünztes Silber und dazu noch Juwelen erbeutet, die er gar nicht abschätzen konnte. Noch vor hereinsinkendem Abend ließ er den „Grande Cayaman" mit der Kakaoladung nach Tortuga gehen. Diesmal bekam der dortige Gouverneur die Ladung zur Verwertung. Zum Abzählen des Silbers brauchten sie auf dem „Speienden Drachen" Stunden. Zum Wiegen und Abzählen der Juwelenkörner viele Tage.
Die Eroberung hatte dem finsteren Franz acht Mann an Toten und Verwundeten gekostet, die gefangenen Spanier wurden mit nach Tortuga gebracht, wo sie der Gouverneur erst auspeitschen ließ und dann als Stein- träger bei Befestigungsarbeiten verwendete.
Das Schiff „San Pedrido."
An der langgestreckten Insel Savona, wo süßes Wasser aus einer Felswand unmittelbar ins Meer stürzte, wartete l'Olonois mit seinem Raubgeschwader auf die Rückkehr der eroberten „Marquesa", die von Tortuga frischen Fleischproviant mitbringen sollte.
Gemächlich ließen sie die Fässer mit Wasser vollaufen. Von der nahen Küste der Insel Espanola kamen prächtig geputzte Mischlingsweiber herüber und lachten. Waren die Piraten nicht bei diesen Schönheiten, so stiegen sie aus den Felsen umher und sammelten Eier in die Hüte; denn der große Felsen war ein einziges Vogelnest. Andere Räuber ließen das Meerwasser auf heißen Steinen verdunsten, in denen seit undenklichen Zeiten Mulden geschabt waren. Das zurückbleibende Salz kratzten sie ab und sammelten es in Säcke.
Der Wind war heiß, oft brachte er aus der Sandwüste, die hinter den Felsen begann, Staubwolken und Millionen Körnchen mit. Abends saß das Gesträuch im Steinwald voll summender Moskitos und bedeckte schwarz die Landzelte, unter denen ein Teil der Piraten saß und Feuer hatte, woran Tabaksblätter verbrannt wurden, um die Stechfliegen zu vertreiben. So lungerten sie schon acht Tage und hatten etwas Langeweile.
Um diese Zeit war ein leichtes spanisches Kriegsschiff, bekannt unter dem Namen „San Pedrido", aus dem Hafen Comana an der venezuelanischen Küste abgefahren und hatte Kurs nach der Stadt San Domingo im südlichen Espanola oder Haiti. Durch widrige Winde war das Fahrzeug weit nach Osten abgekommen und versuchte an der Küste von Savona günstigen Westwind vom Lande her zu finden.
Das war sein Verderben. Es segelte mitten in das Raubgeschwader von l'Olonois hinein. Von allen Seiten umringt, machte die Besatzung, die von einem Kapitän befehligt wurde, den sie nur den „dicken Jerimo" nannten, keinen Versuch, zu entkommen oder sich zu verteidigen. Es fiel kein Schuß, und es floß kein Tropfen Blut.
Zwei Affen faßen hoch in den Segelschnllren. Die Besatzung hatte sie zur Belustigung. Als die Piraten an Bord kletterten, meckerten und schimpften die Alten grimmig. Ihre Bancmenfchalen klatschten l'Olonois vor die Füße.
Er sand in der Pulverkammer des „San Pedrido" ganze siebentausend Pfund Pulver und einen Berg von Lunten. In der Gewehrkammer standen, sorgfältig eingefettet, fünfzig Musketen, die noch keinen Schuß getan hatten. Auf den Läufen der acht Deckgeschütze lief der Glanz der Sonne sprühend hin und her und bewies, daß sie erst frisch aus einer Waffen- gießerei gekommen waren.
Am meisten Spaß machte ihm die Tatfache, daß das Schiff die Löhnungskasse für die Besatzung der Stadt San Domingo mitsührte. Es waren vierzigtausend Mark in Silber, wunderbare runde Scheiben neuester Prägung, dick wie Wurstscheiben und hell im Klang, wenn er sie auf dem Handteller Hüpfen und tanzen ließ.
„Donner und Doria: die Schnapswirte von San Domingo werden schlechte Geschäfte machen und die Soldaten werden hunderttausend Flüche gegen mich speien."
„Sollen sie, sollen sie", schrie l'Olonois nach einer Pause. „Haß und Flüche habe ich gerne!"
Dann ließ er der ganzen spanischen Besatzung die Ohren schlitzen und in die Sandwüste hinter den Küstenfelsen jagen, ohne Waffen natürlich, nichts zum Fressen und der ganzen Kleidung entledigt. Nackt und voll tiefer Traurigkeit zogen die Männer ab.
Nach den Affen in den Segelschnüren schoß der finstere Franz zum Zeitvertreib. Wie man nach Scheiben schießt.
verantwortlich: l)r. HansThyriot.— Druck und Verlag: Vrühl'fche Universitäts-Buch» und Stein dr uckerei. R. Lange, Gießen.


