Barbara Men.
Von Theodor Fontane.
Es war im Herbst, im bunten Herbst, wenn die rotgelben Blätter fallen, da wurde John Graham vor Liebe krank, vor Liebe zu Barbara Allen.
Seine Läufer liefen hinab in die Stadt und suchten, bis sie gefunden: „Ach, unser Herr ist krank nach dir, komm, Lady, mach ihn gesunden."
Die Lady schritt zum Schloß hinan, schritt über die marmornen Stufen, sie trat ans Bett, sie sah ihn an: „John Graham, du liehest mich rufen."
„Ich lieh dich rufen, ich bin im Herbst und die rotgelben Blätter fallen, hast du kein letztes Wort für mich?
Ich sterbe, Barbara Allen."
,Zohn Graham, ich hab ein letztes Wort, Du warst mein All und Eines;
Du teiltest Pfänder und Bänder aus, mir aber gönntest du keines.
John Graham, und ob du mich lieben magst, ich weiß, ich hatte dich lieber, ich sah nach dir, du lachtest mich an und gingest lächelnd vorüber.
Wir haben gewechselt, ich und du, die Sprossen der Liebesleiter, Du bist nun unten, du hast es gewollt, ich aber bin oben und heiter."
Sie ging zurück. Eine Weil oder zwei, da hörte sie Glocken schallen;
sie sprach: „Die Glocken klingen für ihn, für ihn und für — Barbara Allen.
Lieb Mutter, mach ein Bett für mich, unter Weiden und Eschen geborgen;
John Graham ist heute gestorben um mich, und ich sterbe um ihn morgen.
Erste Opfer für Oeulschsüdwest.
Zum 50. Todestage von Lüderitz am 24. Oktober.
Von Dr. Hermann Dreyhaus.
Auf der Kattenburg in Lesum bei Bremen herrschte etwas ungemütliche Stimmung. Verwandte und Bekannte glaubten dem Hausherrn Adolf L ü d e r i tz den Plan ausreden zu müssen, durch eine abermalige Reise in das von ihm erworbene Schutzgebiet in Südwestasrika seine politische und wirtschaftliche Berechtigung zu erweisen. Die wohlmeinenden Stimmen vertraten die Ansicht, daß man im sechsten Lebensjahrzehnt nicht mehr auf Forschungsreisen gehe. Zudem habe Lüderitz seinem Volke dadurch übergenug getan, daß er in ihm den kolonialen Gedanken überhaupt erst geweckt und sogleich durch ein großes Beispiel erhärtet habe — „... wenn es auch nur eine wertlose Sandwüste ist", ergänzten die weniger freundlich Gesinnten. „Laß dir an der Ehre genügen und lebe deiner Familie und ihrem Besitz I"
Solche Worte verletzten Adolf Lüderitz. In seinem Leben hatte er es nicht vermocht, sich mit der Erhaltung des Bestehenden zu begnügen. Nun aber, wo ihm gelungen war, den Baumeister des neuen Deutschen Reiches aus der europäischen Enge in die Weltweite zu führen, wo ein Kranz von Kolonien von Westasrika bis hin zur Südsee der deutschen Wirtschaft neue Wege wies, sollte er bei dem Abflauen der ersten Begeisterung das begonnene Werk nur aus der Ferne betreuen oder anderen überlassen —
Nein, noch fühlte er sich nicht alt. Noch war ja überhaupt nicht der Ausgangspunkt feiner kolonialen Absichten zur Geltung gekommen: Siede- l u n g s l a n d wollte er seinem Volke geben, wo es Fuß fassen konnte zum Segen der Heimat! Für die Ersorschung des Schutzgebietes nach dieser Richtung war bisher so gut wie nichts getan. Es fehlte an geeigneten Männern. Was lag da näher, daß er selbst die Aufgabe ergriff, er, der Landwirt und Kaufmann, und der Schöpfer dieses Werkes, das in Pälde nach seinem Willen wachsen sollte! In Würdigung aller landeskundlichen Unterlagen dachte er Siedelungsland im Süden der Kolonie auf dem Norduser des Oranjeflusses unfern der Wüste zu finden.
Bei der Durchführung seiner Reise erfuhr Lüderitz nur bei feiner Frau gleichbleibendes Verständnis. Sie hatte in den zwanzig Jahren ihrer
Ehe gelernt, seine ungestüme Natur zu begreifen und mit ihrem weichen Herzen darin alle Härten zu mildern.
Als er an einem leuchtenden Frühlingstage Ende April 1886 von ihr Abschied nahm mit den Worten: „Wir sind allerwärts in Gattes Hand!" fiel auch der letzte Rest von Sorge von ihr. Sie fühlte sich ihrem Manne verbunden in einem durch nichts zu erschütternden Gottvertrauen.
*
Lüderitz sah sich in feinen Hoffnungen nicht getäuscht. Als der Sommer in Europa auf der nördlichen Halbkugel zur Neige ging, bereitete sich auf der südlichen in Südwestafrika der Frühling vor. In dieser Zeit hatte Lüderitz längst den Hafen Angra Pequena verlassen und von der Missionsstation Bethanien im Innern des Landes aus den Weg in den Süden der Kolonie angetreten. Eine stattliche Karawane durchquerte das zunächst felsige, ständig grüner werdende Land. Am Tage des Frühlingsanfangs, am 21. September 1886, kam die Karawane in Nabas Drift am Oranje» fluß an. Nun konnte die eigentliche Forschungsreise beginnen. Die Ochsenwagen wurden mit ihrer Begleitung nach der Station Aus, halbwegs zwischen Angra Pequena und Bethanien, zurückgeschickt. Lüderitz aber fuhr mit drei deutschen Begleitern in zwei zusammenlegbaren Booten den Fluß abwärts. Fast einen Monat dauerte die Fahrt. Zweiundfünszig Sttom- schnellen muhten überwunden werden. Doch hatten die wackeren Pioniere die Genugtuung, auf dem Nordufer eine Steppenlandschaft zu beobachten, die eben ihr Frühlingskleid anlegte. Was Wunder, daß Lüderitz ausrief: „Hier ist das Land der Zukunft. Hier können Tausende von Deutschen als Schafzüchter ihr Brot finden. Wolle kann hier wachsen und in der Heimat die Spindeln in Bewegung halten!"
In Aries Drift, 100 Kilometer vor der Mündung, wo bald die Namib, die böse Küstenwüste, beginnt, beendeten die Forscher ihre Fahrt. Sie hassten, von hier einen Boten nach Aus senden zu können, der die Ochsenwagen zur Heimführung der Expedition nach Angra Peguena herbeiholen sollte. Das Hauptziel der Fahrt, die Entdeckung von Siedlungsland, war erreicht. .
Aber wie war Lüderitz entsetzt, als sich in Aries Drift weit und breit kein Bote fand! Sollte feine kleine Schar sich aufteilen, indem zwei den Weg nach Aus suchten und zwei bei dem Gepäck verblieben? — Dieser Gedanke lag am nächsten. Aber Lüderitz ließ ihn nicht aufkommen. Man lagerte nur hundert Kilometer von der Flußmündung entfernt. Konnte man mit dieser Fahrt nicht noch den Zweck verbinden, die nur wenig bekannte Mündung zu erforschen? Wenn man am Oranje siedeln wollte, mußten der Unterlauf und die Mündung von besonderer Bedeutung werden; die Boote hatten sich zudem bei der Flußfahrt über alles Erwarten gut bewährt. Sollte man es da von der Hand weisen, bei dem sanften Südwind mit einem Boot an der Küste entlang nach Angra Pequena zu segeln? Glückte das, dann war man in derselben Zahl von Tagen am Ziel wie über Land in Wochen, ohne daß man sich besonderer Strapazen aussetzte.
Als Lüderitz seinen Gefährten diesen Plan darlegte, erschraken sie. Der Mitfahrer, Steuermann Steingröver aus Essen in Oldenburg, erhob schwere Bedenken: ein Boot von nur zwölf Fuß Länge sei auch in den Küstengewäsfern des Ozeans zu unsicher. Ein anderer schlug vor, mit beiden Booten den noch nicht hundert Kilometer südlich der Oranje- münbung liegenden englischen Hafen Port Nolloth aufzusuchen, von wo aus sich eine Schiffsgelegenheit nach Angra Pequena finden würde. Lüderitz jedoch wollte keine Umwege machen. Da erklärte sich Steingröver bereit, allein mit Lüderitz die Fahrt nach Angra Pequena zu wagen. Glückhaft ging die Fahrt auf der Flußstrecke bis zur Mündung. Hier rasteten die beiden kühnen Männer einige Tage bei einem burischen Farmer. Dieser riet ihnen dringend ab, sich auf das Meer hinauszuwagen, unterstützte sie aber doch nach Kräften, als sie auf der Durchführung ihres Planes bestanden. So fuhren sie am 23. Oktober 1886 an einem schönen Vormittag mit leichtem Südost aus der Oranjemündung nordwärts.
Christtan, der älteste Sohn des Farmers, hatte mit Teilnahme das Tun der unerwarteten Gäste verfolgt. Wenn das Boot nicht gar zu klein gewesen wäre, hätte er seinen Vater um die Erlaubnis zur Mitfahrt gebeten, denn niemand kannte wie er die Küste bis zur Walfischbai. „Die Fremden können Glück haben, wenn das Wetter so bleibt", überlegte er. Trotzdem zitterte er für sie.
Am Nachmittag hielt er es nicht mehr aus. Er sattelte fein Pferd und ritt auf das höchste Kopse. Nach langem Suchen entdeckte er das Segel nur wenig außerhalb der Barren, die der Oranjemündung weithin vorgelagert sind. Er atmete auf: nun konnte die Fahrt auf eine lange Strecke glatt oonftatten gehen.
Am andern Morgen erwachte Christian in aller Frühe. Das Haus wurde vom Sturm gerüttelt. Die Windrichtung hatte gewechfelt. Ehristians erster Gedanke waren die beiden Deutschen. Bald war die Farm alarmiert. Christian jagte mit seinem Vater und einigen Bastards wieder zu dem Kopse, von dem er am Abend zuvor das Boot zuletzt gesehen hatte.
Ein gewaltiger Anblick bot sich von der Bergkuppe. Der Ozean raste unter der Peitsche des Nordweststurmes. Wild schäumten die Kronen der Wellen auf. Die scharfen Augen der Afrikaner suchten die Fluten des Meeres ab. „Wenn sie noch am Leben sind, müssen sie zurückgetrieben und bald wieder in Sicht fein“, meinte der Farmer. Doch nirgendwo entdeckten sie ein Segel.
„Wir wollen die Küste entlang reiten", entschied er bann, „vielleicht haben sie sich irgendwie retten können und sind jetzt in Not."
Hastig ging es abwärts. Viele Meilen jagten die Reiter über den feuchten Strand. Von den Deutschen keine Spur —
Mit beklommenem Schweigen hielt der Farmer inmitten seiner Schar. Alle entblößten ihr Haupt. „Das sind Gottes Wege", sagte er, „nun gehört dieses Land den Deutschen. Der es erworben, hat es durch das Opfer seiner selbst feinem Volke verbunden!"


