Ausgabe 
23.10.1936
 
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und gingen beschämt und glücklich nach Haus, die Last so vieler schweren Jahre los zu sein.

Am Abend dieses Tages wurde in Versailles am Place Dauphin die zweite Szene mit beschränkten Rollen gespielt, auf allerhöchsten Wunsch um sechs Uhr beginnend. Die La Motte hatte die Szenerie gestellt: durch Tapetenwände war eine Art Alkoven eingebaut, der durch eine Scheibe in der Tür einen verborgenen Einblick in das Zimmer erlaubte. Der Vorplatz draußen war hell erleuchtet, drinnen brannten nur zwei Kerzen vor dem Spiegel überm Kamin, durch blauseidene Spitzengardiuchen noch verhängt. Der Alkoven war dunkel bis auf den schwachen Straßenschein und auf das Licht, das durch die Scheibe in der Tür einfiel, so daß, wer darin war, vom Zimmer aus nicht gesehen werden konnte.

Um sechs Uhr kam der Kardinal im Wagen. Sein Kammerdiener trug ihm das Kästchen die Treppe hinauf bis an die Tür: dort nahm er selber es unter den Mantel und trat mit seinen anderthalb Millionen in das ärmliche Theater ein, diesmal unverkleidet als Kardinal. Die Gräfin Balois-La Motte empfing ihn schwarz, die Spitzen um ihren schmalen Hals nur mit einer einzigen Perle sestgesteckt, die in dem dicken Licht bleich leuchtete wie ihr Gesicht. Wie wenn ihre Rolle das vorschrieb, schwieg sie, und weil er ihr das Kästchen nicht in die Hände geben wollte, bedeutete sie ihm, es auf die Marmorplatte am Kamin zu stellen, zwischen die beiden Leuchter. Er war durch seinen Cagliostro an solchen Umstand längst gewöhnt: So stand das Prachthalsband der Dubarry nach zehn Jahren endlich zwischen den Leuchtern der La Motte, die das Stahlkästchen mit einem blauen Schein beglühten, und über ihm auf einer goldverzierten Marmoruhr lächelte eine Statue der Em­pfindsamkeit.

Es gehörte zu den Launen der Königin, daß sie manchmal warten ließ. Nach peinlichen Minuten einer durch keine Frage gestörten Pano­mime fuhr ihr Wagen vor und Schritte kamen aus der Treppe.

Namens der Königin hörte der Rohan melden und zog sich auf einen Wink der Gräfin in den Alkoven zurück, wo er das Stichwort durch die Scheibe abwarten konnte. Im Hellen Licht der geöffneten Tür erkannte er eine schlanke Gestalt in schwarzer Seide, die der Gräfin in Unter­würfigkeit einen Brief hinreichte. Die schien leblos vor Würde, las die Adresse und tat den Ueberbringer mit einer Handbewegung hinaus Dann vom Gefühl ihrer Rolle doch überwältigt, winkte sie dem Kar­dinal und reichte ihm mit beiden Händen, sich tief verbeugend, den kleinen Lilienbrief. Sie sah ihn funkelnd an und todblaß, wie noch ein­mal zu warnen; erst als er ungeduldig abwehrte und mit dem Brief zurück in den Alkoven ging, klingelte sie dem Kammermädchen, den Boten wieder einzulassen. Dem übergab sie vor den Augen des Kar­dinals, dem durch die Scheibe nichts entging, mit starrer Feierlichkeit das Kästchen, das er mit ehrfürchtiger Verbeugung von ihr empfing Das Kammerkätzchen öffnete die Tür, mit ihm diskret verschwindend, und auf dem Theater stand die Gräfin mit dem Groß-Almosenier von Frankreich, dem Prinzkardinal Rohan, allein. Ihre Rollen waren so, daß sie nichts sagen konnten; nach einigen Minuten verließ der Rohan ver­wirrt von dem Ereignis das Gemach. Die kleine Jeanne blieb mitten darin stehen, bis das Geräusch von seinem Wagen verklungen war. Dann löschte sie die Kerzen und verschwand im Licht, das draußen den Borraum blendend füllte.

In der Rue Neuve-Saint-Gilles zu Paris aber ging in dieser Nacht die Jeanne de Luz de Saint-Remy de Valois - La Motte wenig vom Spiegel fort. Das Halsband war zu schwer für sie; es funkelte wie Tau im Morgenlicht und stach mit roten und mit grünen Strahlen um ihren nackten Hals und ihr Gesicht. Der Graf und ihr Billette, der Sekretär der ganz geheimen Dinge, noch im schwarzseidenen Kleid der Panto­mime, mußten sie umgeben mit Bewunderung. Und keiner ging zu Bett in dieser Nacht, sie legte das Halsband nicht ab bis in den frühen Mor- gen, weil es zum ersten und zum letztenmal von einem Menschennacken getragen wurde. Zwei Jahre lang hatten die Boehmers ganz Europa nach den Diamanten abgesucht, zehn Jahre hatte es gewartet auf einen königlichen Nacken; nun lasteten seine Steine aus den schmalen Schul­tern einer vom Hause Valois.

VI.

Es war nicht die Schuld der Jeanne, daß sie das Halsband nicht länger tragen durfte als diese eine Nacht. Sie konnte auch nicht, den Boehmers gleich, zehn Jahre lang auf einen Käufer warten. So mußte sie den Rat befolgen, den sie selber den Juwelieren gegeben hatte, das Halsband aufzuteilen und die Diamanten einzeln zu verwerten. Es war nur schade, daß sie keine Hebung in diesem kostspieligen Gewerbe hatte. So kam nicht jeder der Hunderte von Steinen auf die Behand­lung, die ihm im einzelnen gebührte. Was nicht mit den Händen aus­gebrochen werden konnte, wurde mit dem Messer abgestemmt, wobei leichthin für ein paar Tausend Livres bei einem ungeschickten Stoß zersplitterte. Auch daß die Diamanten in der Tischschublade sich wie Kieselsteine aneinander scheuerten, war nicht gut. Doch als die Boeh­mers nach ein paar Tagen in der Rue Neüve-Saint-Gilles speisten, war alles schon besorgt; die Juweliere saßen klug und bescheiden mit der Vertrauten der Königin zur Tafel und ahnten nicht, daß ihre fo mühsam und mit ungeheuren Kosten gesammelten Diamanten ihnen noch einmal so nahe waren; freilich schon gerüstet, in den Kreislauf der Welt zurückzukehren.

Weil die La Motte zu ihren Diamanten keinen gefälligen Wappen­richter hatte, der ihr den Stammbaum dafür Herrichten und besiegeln konnte, fo war diese Rückkehr in die Welt heikler als die ihrige. Der Billette versuchte es zuerst und wurde, weil er Anfänger noch in diesem Handel die Preise zu ungeschickt ansetzte, am ersten Tag schon als Diamaniendieb verhaftet. Glücklicherweise verlor er gleich den Kopf mit dem Geständnis, daß er im Auftrag seiner Gräfin Valois - La Motte am Handeln fei; denn weil die Jeanne bei der geheimen Polizei schon längst bekannt war als eine von den Damen, die mit ihrem

Einfluß bei Hof Geschäfte machten, und weil kein Diamantendiebstahl gemeldet war, ließen sie den Billette vorläufig wieder frei.

Er sollte nun nach Holland reifen und hatte allen Mut verloren, so daß der Graf La Motte als Chef des Hauses sich selber entschließen muhte, mit dem Warenlager von einer Million in den Taschen nach England zu gehen, indessen der Sekretär der inneren Angelegenheiten zur Beruhigung der ängstlichen Gräfin in der Rue Neuve-Saint-Gilles Wohnung nahm. Es ging dem Grafen genau wie ihm: er verstand so wenig von den Preisen, daß er zur Sicherheit der Steine, von denen die schönsten plump beschädigt waren, in London zum Sitzen kam; bis wiederum die Polizei aus Paris die Weisung erhielt, ihn loszulassen, da kein Einbruch in Diamanten gemeldet sei. Danach gelang es ihm tatsächlich, für einige hunderttausend Livres Steine umzusetzen. Die Jeanne versuchte unterdessen mit kleinen Stücken ihre Künste in Paris, sie tauschte und verkaufte bei Juwelieren, bezahlte Schulden mit Dia­manten und schickte zufällige Bekannte aus der Provinz herum mit Steinen aus einem angeblichen Familienschmuck. Gegen das Frühjahr brachte ihr die Steinsaat schon mehr Goldernte, als der Cagliostro mit seinem Stein der Weisen jemals schaffen konnte.

Den Kardinal hatte sie zur Vorsicht wieder nach Zabern in den Wartestand geschickt, durch eins der blaubeschnittenen Billetts; nicht ohne noch einmal in Bescheidenheit vom Groß-Almosenier ihre üblichen Louisdor erwirkt zu haben. Die Nachrichten aus London tarnen immer günstiger; längst konnte sie den Bekannten verkündigen, daß der Graf beim Rennen in England große Gewinne mache; die Stimmung in der Rue Neuve-Saint-Gilles fing an, nach so viel Jahren gespannter Sorge sich behaglich ins Breite zu dehnen. Schon nahmen hohe Staatsbeamte und rechtschaffene Leute am Salon der Gräfin teil. Man munkelte, daß die verschwenderische Freundschaft der Königin eine neue Polignac gefunden habe; denn weil die Folgen der Gunst so sichtbar waren, zweifelte keiner, daß nun auf biefer zierlichen Gräfin der höchste Sonnen­schein ruhte, der, wie ein frecher Spötter bemerkte, eigentlich ein Mond­schein wäre, weil nach den Andeutungen der Gräfin die Königin die nächtlichen Besuche mehr als die andern zu lieben scheine.

Als die Rennen in England dann vorüber waren, und der La Motte mit seiner Glückshand ein erhebliches Gepäck mitbrachte in Kleidern, Schmuck und Kunstgeräten, wie sie ein Mann von Welt besitzen muh, der seinen Reichtum würdig tragen will: war das Frühjahr schon in die heißen Tage geraten, so daß die Herrschaften sich aufs Land begeben mußten. Nun endlich kam der Tag, an dem die Jeanne de Luz nach ihren Träumen in die Heimat als eine anerkannte Fürstin vom Hause Valois einziehen konnte.

Durch Wochen gingen die Kuriere, und im Mai begannen die Wagen­züge aus Paris, das Zubehör der Spiegelgalerie nach Bar-sur-Aube zu bringen, darin die Gräfin das Muster von Versailles noch übertreffen wollte. Die erstaunten Bürger sahen den Pater Loth als Hofmeister den Troß der fremden Handwerker kommandieren und den Billette die Betteljungen zum Spatz mit Livresstücken werfen, wie wenn im Dienst der Gräfin das Geld geflogen tarne. Die Gerüchte verstiegen sich ins Unermeßliche, auch in der Spottfucht, die sie um ihrer Beziehungen 3um Rohan willen die Kirchenfürstin nannte: und dennoch hatte das Talent der Jeanne gesorgt, daß ihre Wirtlichteit die tühnste Phantasie noch überraschte.

Sie kam am letzten Maitag, bei tnallweißen Wolten und einem noch frühlingskalten Wind. Der Billette hatte vor dem Stadttor eine Tribüne errichten lassen und zwölf Mädchen ganz in Weiß gekleidet, die da mit Veilchen in silbernen Körbchen auf sie warten mußten. Die Stadtmufik zu Pferde stand beiseite in grünen langwallenden Gewändern. Er selber war stahlblau in Seide mit golden ziselierten Knöpfen an dem schlanken Rock. Um vier Uhr meldeten drei Schläge an der Turmglocke, daß ihr Wagen im Gesichtskreis der Stadt erschienen wäre. Die Musikanten spielten, daß die Gäule unruhig wurden, Vorreiter tarnen an auf schweißbedeckten Pfer­den, die Jungen mußten ihre Mützen schwenken, und die Alten, die da zu Hunderten standen, taten spöttisch und staunend mit, bis endlich unter Jubelrufen der Wagen selbst vierspännig anfuhr.

Er war perlmutterfarben und mit weißem Tuch ganz ausgeschlagen, Kiffen und Decken aus weißem Atlas glänzten in der Sonne und trugen das Wappen der Valois, das an den Wagentüren umrahmt war von der Devise:Vom König, dem Ahnherrn, nenne ich Blut, Namen und Lilien mein". Und wenn die Bürger von Bar-sur-Aube, deren nichtsnutzigste hier staunend gafften, auch niemals fo glänzende Lakaien gesehen hatten: ihre Augen hingen doch unverwandt an dem Neger, der mit Silberlitzen und -treffen aus dem Trittbrett stand. Selbst der Nicolas verschwand dagegen, trotz feinem scharlachroten und spitzenbesetzten Samtrock; und nur die Jeanne, die Herrin selber im weißen Atlas mit Girlanden aus schwarzem Samt und zarten Federsäumen, zog durch ihre Einfachheit die Blicke an, als der Billette vor ihr vom Pferde stieg und barhaupt an den Wagen schreitend mit Bersen sie willkommen hieß. Sie reichte ihm mit Lächeln ihre Hand, die er mit demütiger Verbeugung küßte, indessen der Graf steif auf- gerichtet wie die Lakaien sitzen blieb. Dann mußten die zwölf Mädchen von der Tribüne ihre Veilchen in den Wagen schütten, die Stadtmusikanten setzten ihre Gäule und Trompeten vor dem Wagen her in einen feierlichen Schritt, und unter Glockenläuten und Böllerschießen, wie eine Königin, zog Jeanne de Valois-La Motte in ihre Heimat ein, darin kein Fenster an der Straße, die sie zog, geschlossen blieb.

Der Einzug endigte mit einem großen Fest, dazu ein jeder als Ehren­gast geladen war, der, wie der aufgeputzte Herold in allen Gassen ver­kündigte, Wein und Kuchen einer Valois zu schätzen wisse. Und wie es angefangen hatte, fo ging das Schauspiel alle Tage, und jeden Abend war im Hause der Gräfin große Tafel, auch wenn sie selber nicht zu Hause war. Wer aber meinte, daß sie mit ihrem Glück dem Hochmut verfallen war, der mußte sich bekehren, als sie am dritten Tag schon mit der Prozession demütig nach Clairvaux ging, wo sie freilich vom Abt um der Beziehungen zum Rohan willen wie eine wirkliche Kirchenfürstin ausgenommen wurde.

(Fortsetzung folgt.)