Ausgabe 
23.10.1936
 
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Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Nummer 82

Zreitag, den 23. Oktober

Jahrgang 1936

Die Halsbandgefchichte

Erzählt von Wilhelm Schäfer

Copyright by Albert Langen x Georg Müller Verlag, München

3. Fortsetzung.

Dieses Halsband im ungeheuren Wert von anderthalb Millionen lag den Juwelieren Boehmer und Bassenge, die man kurzweg die Boehmers nannte, schon im elften Jahr lähmend auf dem Geschäft. Es war ursprüng­lich für die Dubarry bestimmt gewesen, der es der alte König kaufen sollte. Die Juweliere hatten Europa abgesucht nach schönen Diamanten, und im Geschmack der Dubarry und ihres Ludwigs ein plumpes Stück daraus gemacht, das alles überprahlte. Darüber aber war der König an den angesteckten Blattern eines Müllermädchens gestorben, das sie ihm selber zur Genesung beibrachte. Weil sie im Kloster das Diamanten-Halsband nicht mehr brauchen konnte, und weil die Antoinette als Königin gleichsam den hergebrachten Posten der königlichen Hausmaitresse selber verwaltete, so hatten die Juweliere das Prachtstück danach dem neuen König für seine Gemahlin vorgelegt. Vielleicht, daß die den Ursprung kannte, doch sicher auch, weil ihren heißen Kopf schon damals die Revanche an England für den Pariser Frieden bewegte: sie widersprach herzhaft den schon begin­nenden Gerüchten von ihrer Verschwendungssucht mit einem Wort, das ihr die Herzen der Franzosen gewinnen sollte, obwohl dies nicht gelang: Eie hätten in Frankreich Schiffe nötiger als Schmuck.

Danach versuchten es die Boehmers, die aus Sachsen und zähe Juden waren, nacheinander bei allen Höfen in Europa; doch was dem Sonnen­könig selber zu teuer war, das konnten die Trabanten noch weniger be­zahlen. So daß die Boehmers, die außer ihrem eigenen Vermögen acht­hunderttausend Livres für die Diamanten verzinsen mußten, sich auf die Dauer nicht mehr halten konnten und immer hitzigere Versuche machten, der Königin von Frankreich das Halsband aufzuhängen. Als sich der Boehmer schließlich der Antoinette vergebens zu Füßen geworfen hatte, er müsse ins Wasser gehen, wenn sie den Schmuck nicht kaufe: beklagten sich die Juweliere bei jedermann, daß sie der Hof mit ihrer Kunst im Stich gelassen habe, und boten eine hohe Vermittlergebühr, wer ihnen zum Verkauf verhülfe.

Der Laporte war von Schulden so geplagt, daß er die anständigen Gelegenheiten, sie los zu werden, schon nicht mehr von den andern trennen konnte. Er redete der Gräfin zu, den Schmuck zum wenigsten doch anzu­sehen. Sie ließ sich lange bitten, bis die Boehmers mit ihrem Stahlkästchen in der Rue Neuve-Saint-Gilles erscheinen durften. Und als sie ihr das Halsband zur Probe, damit sie vor dem Spiegel die Wirkung sähe, um­hängen wollten, wehrte sie ungnädig ab: Der Schmuck sei viel zu schwer, nicht nur für ihre zierliche Person, und sie begreife, daß die Königin ihn nicht anlegen möchte. Sie sollten ihn zerteilen und die Diamanten einzeln verwerten, statt ihren Zinsverlust zu häufen. Wie wenn sie ihn vor solchem Schicksal schützen müßten, schlossen die Juweliere ihren Schmuck erschrocken wieder in das Kästchen: Das könnten sie natürlich alle Tage, wenn sie nur Diamantenhändler und keine Künstler wären. Sie brachten ihr Stahl­kästchen mit der Meinung zurück, daß die Gräfin nur auf einen Wink der Königin so absprechend gewesen wäre, und leuchteten dem Laporte, der sich am selben Abend noch vorsichtig nach den Aussichten seiner Provision erkundigte, unwirsch nach Hause.

Doch schien es diesmal, als ob die La Motte die allerhöchsten Launen nicht mitberechnet hätte; denn schon am andern Mittag ging eins von ihren Billetts der Königin nach Straßburg: Obwohl der ersehnte Augenblick noch nicht da sei, beschleunige sie seine Rückkehr eines geheimen Geschäftes wegen, das sie ihm nur durch den Mund der Gräfin anvertrauen könne. Darüber war es Weihnachten geworden und erst nach Neujahr erschien der Rohan in Paris. Die La Motte hatte viel vom Cagliostro gelernt; sie empfing ihn kalt und mißbilligend, wie wenn sie selber die Kammerherrin und für den Leichtsinn am Hofe verantwortlich wäre: Die Königin wünsche im geheimen das Halsband der Boehmers zu besitzen und wolle es aus den Ersparnissen ihrer Schatulle bezahlen. Sie ermächtigte ihn, den Kauf in ihrem Namen abzuschliehen, und werde ihm eine unterzeichnete Voll­macht zukommen lassen. Er möge die Termine mit den Juwelieren ab­machen; vom 1. August ab von Vierteljahr zu Vierteljahr, so daß die Summe in zwei Jahren getilgt sei. Ihr Name aber dürfe, weil der Ankauf ohne Wissen des Königs geschehe, in dem eigentlichen Vertrag keinesfalls genannt werden, sondern der Kardinal müsse den Kauf für sie abschließen.

Es war zum Abend in der Wohnung der Gräfin, wo sie ihm diese Eröffnung machte. Er saß im Hut und Mantel eines Klerikers vor ihr, weil er nicht wollte, daß ihn die Dienerschaft erkannte. Die lange Warte­zeit in Straßburg und Zobern seit jenem Abend in Versailles hatte ihn

verdrießlich gemacht, nun blieb er schweigend sitzen, so vorgebeugt, daß sie im scharfen Schatten des Kerzenlichtes seine Miene nicht erkennen konnte. Sie wartete nicht ab, was er ihr sagen würde, stand auf und blieb in eine Ecke des Zimmers abgewandt erbittert stehen; sie war in einem grünseidenen Hausgewand, in dessen Falten die Erregung ihres kleinen Körpers wie Wasser niederrieselte: Bis hierher ginge ihre Pflicht. Sie selber habe jhm zu sogen, daß sie nicht wünsche, noch einen Satz in dieser Angelegenheit mit ihm zu sprechen. Er möge der Königin schrei­ben, was sie als Vermittlerin nicht zu wissen brauche. So dürfe auch die Ehrfurcht und Verehrung sich nicht dem Leichtsinn einer Königin opfern. Sie wisse aber, daß es gefährlich sei, den Mächtigen zu wider­sprechen, und bäte ihn zu gehen, bevor ein weiteres Wort gefallen wäre.

Die La Motte wußte, daß der Rohan, vom Cagliostro aufgereizt, den sonderbaren Argwohn hatte: sie selber hielte ihn nur hin gar nicht im Willen der Königin um ihre Wichtigkeit als Zwischen­trägerin nicht zu verlieren. So mußte ihre Warnung den Verdrießlichen erst recht erhitzen. Er beeilte sich, den Cagliostro aus Lyon zurück­zurufen, wo er die Seidenhändler von den Krankheiten des Reichtums heilte; und weil die Diplomatenkünste leicht zu einer Dummheit führen, die dem natürlichen Verstand nicht möglich ist: so legte sich der Kar­dinal auf seinen Rat mit einem Brief der holden Majestät zu Füßen, um sie mit dieser Heimlichkeit, der sich Marie Antoinette leichtsinnig ausliefere, ganz in der Hand zu haben. So konnte Mitte Januar die Gräfin Valois-La Motte zum freudigen Erstaunen der Juweliere mit der Nachricht zu ihnen kommen, daß ein hoher Käufer für das Hals­band gefunden scheine. Doch würden ihnen bei dem hohen Preis natür­lich Zahlungstermine vorgeschlagen, so daß sie ihnen empfehlen müsse, sich durch peinliche Abmachungen zu sichern. Sie selber möchte in dem Handel nicht genannt sein; auch wäre es ihr unangenehm, von ihnen mit einem Gefühl der Dankbarkeit bedacht zu werden. Sie fände nach wie vor, daß es für dieses Halsband am besten wäre, wenn seine Dia­manten einzeln verwertet würden. Wenn sie den Ankauf trotzdem befürwortet habe, sei das aus andern als künstlerischen Gründen ge- fchehen.

Die Juweliere verloren vor dieser resoluten Gräfin ihren ganzen Künstlerstolz; sie fanden bei solcher Selbstlosigkeit ihren Einfluß be­greiflich und hüteten sich, die Goldwaage ihres Ehrgefühls durch irgend­eine Erkenntlichkeit zu verstimmen. Freilich erstaunten sie und verstanden die Warnung der La Motte, als der verschuldete Kardinal Rohan als Käufer bei ihnen erschien. Er fand das Halsband gleich der Gräfin zu mastig, worauf die Juweliere in gekränkter Bescheidenheit erwiderten: es scheine ihnen, als würde dieser Tadel der Königin zuliebe nachge­sprochen. Doch sei es ihnen nicht unbekannt, daß nur der Aerger über die böswilligen Gerüchte von ihrer Verschwendungssucht die Königin abgehalten habe, das Halsband zu erwerben. Vor ihnen selber habe sie das Halsband nur seufzend in das Kästchen zurückgelegt.

Seufzend? spöttelte der Rohan und strich mit seinen Damenhänden leicht über die Diamanten wie an den Saiten einer Harfe hin. Es wird wohl Eure Zudringlichkeit mehr als das Halsband gewesen sein, was sie seufzen machte. Doch hörte er schon nicht mehr auf die beleidigten Beteuerungen; ihm selber hatte dieser Seufzer den letzten Hauch von Zweifeln fortgeblasen, und er verhehlte den Juwelieren nun nicht mehr, daß zwischen seiner Absicht, das Halsband zu erwerben, und den heim­lichen Seufzern der Königin ein Zusammenhang nicht ganz unmög­lich sei.

Es wurde demnach ein Vertrag in allen Punkten durchgesprochen, und im Entwurf durch die La Motte angeblich der Königin unterbreitet, die einverstanden war. Am vorletzten Januar waren die Juweliere im Hotel Straßburg, die Abmachungen zu unterschreiben; am letzten brachte die Gräfin den Vertrag von der Königin zurück: in jedem Punkt ge­nehmigt und am Schluß ausdrücklich mit Marie Antoinette von Frank­reich unterschrieben. Die Königin wünsche, daß er als ein Pfand ihres Vertrauens in seinen Händen bleibe und niemand gezeigt würde. Dar­auf kamen die Juweliere am ersten Februar zwar mit der Kassette, jedoch mit unverhohlenen Bedenklichkeiten. Sie wußten, daß der Rohan im Besitze sehr großer Renten war, solange er lebte, bei seiner Ver­schuldung aber, falls er unterdessen starb, kaum eine Erbschaft hinter­lassen konnte, auch nur einen Teil der Summe zu decken. Nun hatte er zwar angedeutet, daß er den Schmuck in einem hohen Auftrag kaufe; sie wollten aber in aller Demut wissen, bevor sie die Kassette wirklich aus den Händen ließen, wer diese hohe Stelle sei. So bedrängt, auch viel zu eitel in seinem Stolz, als der von heimlicher Gunst Besonnte dazustehen, zeigte der Kardinal den beiden die Unterschrift der Königin. Da sah der Boehmer den Bassenge an und der ihn wieder, und beide nickten der alten Weisheit zu, daß beim Hof die Hintertüren zu den Gemächern offen stehen, während die Portale vorn nur zu den Sälen der Wache führen, küßten das Stahlkästchen noch einmal zum Abschied