geschrieben
und
die
von Shakespeare
Beweis der Verwandtschaft zwischen in Deutschland Shakespeare so liebt
Wagner. Cs ist wahrscheinlich ein
jahrelangen Erfahrungen für die englische Presse wurde, ist für uns Deutsche besonders interessant.
Für einen englischen
Mr deutsche Schauspieler können Shakespeare spielen.
Von W. D. Omand.
W. D. Omand ist ein namhafter englischer Regisseur. Der folgende Artikel, der von Mr Omand auf Grund seiner
Ich habe immer das Gefühl, daß auf dem Gebiet der wahrsten schöpferischen Kunst England und Deutschland am meisten verwandt sind und ihre wertvollste Annäherung erleben. Denn in den Annalen der Kunst in jedem Land der Welt gibt es immer wieder zwei Namen, die im Relief herausgearbeitet find,
Nur deutsche Schauspieler können Shakespeare spielen. Engländer, der noch dazu so enge Beziehungen zum „ , Theater unterhält, ist das eigentlich eine beschämende Erkenntnis. Trotz-
Kopf und gekrümmtem Buckel, der Dobermann, mit dem Leib an die Erde geduckt, unter drohendem Knurren die Taktik überlegend, mit der er seinen nächsten Angriff anlegen soll. Plötzlich muh er entdeckt haben, daß ihm aus dem breiten Kopf des Katers nur eln einziges Auge wut- funkelnd anflammt. Das erscheint ihm zunächst sonderbar, weil ihm ein einäugiger Feind bisher noch nicht gegenübergestanden hat Aber dann fühlt er, daß da irgendeine Ordnung gestört sein müsse, deren Fehlen ihm zum Vorteil gereichen kann. Er beginnt daher Blitz 311i umtanjen, um ihm an die Seite zu geraten, auf der ihn nicht das hahflammende Auge anstarrt. Blitz macht die drehende Bewegung einige Male mit, dann (eat der Dobermann eine kleine Pause ein. Als er sein Spiel in einem von Zorn und Blutdurst gestachelten Tempo von neuem beginnt, kann Blitz, von Hunger und Entbehrungen enthaftet, nicht schnell genug folgen, und nun hat der Dobermann ihm jäh die rechte Seite abgewon- nen und schlägt ihm sein furchtbares Gebih in den Nacken. Blitz fühlt daß es aus ist, aber er hat gerade noch Zeit, eine kleine Wendung zur Seite zu machen und feine dolchscharfen Zähne in einen Borderfutz des Sjunbes zu schlagen, so dah bet laut aufjault unb fein Opfer abschutteln will Aber bas hält viel Mühe, unb erst nachbem er noch einige Male zugebissen hat, streckt sich Blitz, unb ber Hund ist frei.
Als ber Müllerbursche, auf ben Lärm im Hofe aufmerksam geworben, aus ber Mahlkammer herbeigeeilt, ist ber Kamps schon zu Ende. Es kostet ihm aber noch einige Anstrengung, bem wie wilb sich gebärbenben Dobermann bie Beute zu entreißen.
In ber Mühle zerbricht man sich am anbern Morgen ben Kopf. Denn eine so stattliche Katze, bie vom Kops bis zur Schwanzspitze einen guten Meter mißt, hat man noch nie gesehen. Auch bie Farbe bes Katers, ein bunkles Gelbgrau mit fast schwarzen Querstreifen, und das furchtbare Gebiß, das die mit langen Schnurrhaaren eingefaßten und im Todeskampf hochgezogenen Lippen freigelegt haben, flößt Respekt ein. Man einigt sich, obwohl man von dem Vorhandensein von Wildkatzen in dieser Gegend schon lange nichts mehr gehört hat, schließlich dahin, daß es nur eine solche sein könne. Und der Förster, der später bet der Mühle vorbeikommt, bestätigt es.
Der Tierpräparator in der Stadt hat den Kater in einen fast lebensechten Zustand versetzt, und nun sieht Blitz, der in der guten Stube bes Müllers in einem Glaskasten über einen Baumast gestreckt, auf Beute lauert, roieber mit zwei scharfen Augen tn bie Welt. Man erzählt sich, er sei ber letzte Wilbkater weit unb breit gewesen. Aber wer will das wissen?
Deutschland unb England, daß man , . ..
und in England Wagner. Tatsache ist jedenfalls, daß Shakespeare das für die Literatur bedeutet, was Wagner für die Musik darstellt. Diese beiden großen Meister haben gleicherweise das Oberflächliche verachtet unb beide sinb tief in bie Seele bes Menschen eingedrungen. Beide haben
cher gewisser Dialoge, sie doch allgemein vollkommen unbrauchbar sind, stellt man sie in einem Shakespearestück auf die Bühne.
Der Grund hierfür steht in engem Zusammenhang mit dem Proolein, ob Kunst national oder international ist. Derjenige, der hierüber wirklich einmal nachdenkt, wird früher oder später zu der Erkenntnis gelangen müssen, daß alle wirkliche Kunst nur insofern international sein kann, als man international ihren Wert erkennt. Die musikalischen Genies Deutschlands sind deswegen so überragend groß, weil ihre Kunst so un- zweiselhast und Überwältigend germanisch ist. Shakespeares einzigartige Stellung in der Welt des Dramas rührt ebenfalls daher, daß er in [einer Ausdrucksart wie in den von ihm erschaffenen Charakteren der charakteristischste aller Engländer gewesen ist.
Die moderne Technik, die den Austausch der Kunstgüter aller Nationen ermöglicht, ist durchaus nicht, wie man allgemein anzunehmen bereit ist von so wohltätigem Einfluß auf bie Kunst gewesen. Der internationale Einfluß hat unweigerlich eine Schwächung jener ausgeprägten nationalen Charaktereigenschaft herbeigeführt, die ber Kunst jebes ßanbes tf)re größte Ausbrucksfähigkeit verliehen. Wenn man so gänzlich unter[chieb- liche Kunstarten all jener Eigenarten beraubt, bie sich als vollständig unvereinbar erweisen unb den Rest in einen Topf wirft, so kann das Ergebnis ein recht eigenartiges, gut gewürztes Gericht sein, das sich aber wenn man es analysiert, als eine Zusammensetzung erweist, die keinerlei positive Eigenschaften besitzt Internationale Kunst ist nur in einem Ort ber Welt wirklich zusammengebraut worben, unb zwar in Hollywood. Die besten Techniker und Künstler wurden aus allen Landern der Welt dorthin gebracht, aber jeder, der sich ein etwas kritisches Gefühl bewahrt hat, wird leider feststellen müssen, daß die allgemeine Zusammenschmelzung und Normalisierung all dieser wunderbaren Künstler nur bas Ergebnis gezeitigt hat, sie ihrer besten Jndividualkraste zu berauben unb eine riesige synthetische Masse zu schassen, bie mit der Kunst nur noch den Namen gemeinsam hat.
In keinem andern Land der Welt ist die sogenannte internationale Kunst zu einer so entsetzlichen Fratze verzerrt worden. Aber es gibt Fein Land in der Welt, in welchem die ästhetischen Schöpfungen nicht durch fremde Einflüsse geschädigt worden sind. Vor wenigen Jahren ehe die I nationalsozialistische Regierung ans Ruder kam, bestand ine sehr ernste I Gefahr, daß die Eigenarten der deutschen Kunst vollkommen verschwinden würden. In einigen Fällen war die fremde Kunst, bie man m ben beutschen Theatern unb Konzerthallen zu sehen bekam, vielleicht gut, aber sie war, was ihre Qualität unb Natur anbetraf, mcht bie bem beutschen Wesen zuträgliche Kunst. Unb sie war bemitleidenswert unwürdig dieses Landes, das einen Beethoven, einen G o e t h e und einen Wagner zu feinen Söhnen zählt. Trotzdem haben die deutschen Schauspieler weder in technischer Vollkommenheit noch im Geist sich roeit von der Tradition und der Inspiration ihrer berühmten nationalen Vor- biltgd) Sollte,1 mir könnten dasselbe von England sagen. Man tann aber auf keiner Londoner Bühne die ursprünglichen angelsächsischen Qualitäten von liefe und derber Intensität finden. Stattdesfen sehen wir die abaeschliffene Possenhaftigkeit, die aus Frankreich herübergekommen ist, und das Handwerk der lateinischen Völker. Die Wahrheit ist, daß aus ber Vermengung europäischer Kunst, bie man bem englischen Drama unterschoben hat, jener Schauspielertyp hervorgegangen ist, den man gemeiniglich als den intellektuellen Schauspieler bezeichnet. Man kann sich keinen größeren Unterschieb benten, als ihn und seinen Kollegen in Deutschland, der in der Hauptsache ein Gefühls-Schauspieler ist.
Die Stärke bes intellektuellen Schauspielers ist seine Fähigkeit Wirkung zu erzielen unb mit einem Minimum an Tätigkeit, Bewegung ober [ogar Ausdruck. Das bedeutet durchaus nicht gleichbedeutend mit mittelmäßiger Kunst. Ohne den deutschen Schauspielern zu nahe treten zu wollen, möchte ich behaupten, daß ein Schauspieler wie unser Sir Cedric H a i d w i ck e manchmal durch das einfache Heben eines Augenlides eine größere Wirkung erzielt, als ein Gefühls-Schauspieler mit vielen Gesten unb Bewegungen. Trotzdem, in ber Schauspielkunst gelingt es allein bem I mit bem Körper arbeitenben Schauspieler, sofort ben Kontakt mit dem Publikum zu finden, und ihm allein ist es möglich, jene vielen gewöhnlichen körperlichen Bewegungen darzustellen, die so sehr menschlich sind, er allein kann wirksam die oft turbulenten aber in jedem Fall menschlichen Charaktere darstellen, die Shakespeare und andere Meister bes Dramas uns überliefert haben.
Unb barum sind heute die englischen Schauspieler meistens nicht für Shakespeare-Rollen geeignet, nicht deshalb, weil es unter ihnen keinen großen Schauspieler gibt, sondern weil ihre Kunst sich so weit von der viel größeren Kunst, deren Meister Shakespeare war, entfernt hat. Intellektuelle Schauspielkunst kann manchmal sehr geistreich sein, aber niemals kann mit dieser Technik die wahnsinnige Eifersucht eines Othello ober ber unbeherrschte Ehrgeiz einer Laby Macbeth bargestellt werben. Würbe man die Wahrheit erkennen, so müßte man feststellen, daß die Schauspieler zur Zeit der Königin Elisabeth, deren Lippen zuerst die wunderbaren Sätze Shakespeares sprachen, nicht viel anders waren, als jene Schauspieler, die heute auf ben Brettern in allen Teilen Deutsch- lanbs spielen.
Dann möchte ich noch darauf Hinweisen, daß der internationale Einfluß sich stark in ber englischen Sprache bemerkbar gemacht hat. In ben Tagen Shakespeares sprach man breiter mit angelsächsischem Vokabularium unb angelsächsischer Aussprache.
Damals sprach man Shakespeare kräftiger unb bramatischer als man ihn heute auf englischen Bühnen hört. Ich glaube, ich habe recht, wenn ich behaupte, baß ber Shakespeare, ben man damals sprach, ähnlich wie ber klang, ben man heute auf ben beutschen Bühnen hört.
Unb so, selbst auf bie Gefahr hin, einigen meiner Canbsleute zu nahe zu treten, behaupte ich noch einmal: Nur beutsche Schauspieler I können Shakespeare spielen.
bie gleiche urwüchsige Elementarkraft unb sowohl bie Worte von Shakespeare wie bie Klänge Wagners gewähren eine berartige Befriedigung bes menschlichen Kunsthungers, baß man ohne weiteres behaupten kann, es gibt keine anberen literarischen und musikalischen Werke, welche die immer vorhandene Sehnsucht der menschlichen Seele nach künstlerischen Dingen so zu stillen vermögen.
Nur Deutsche verstehen es, Wagner richtig zu interpretieren. Darüber läßt sich nicht streiten, denn wie käme es sonst, daß während der Covent Garden Saison es immer wieder notwendig ist, die besten deutschen Sänger und Sängerinnen zu importieren. Das gleiche ist der Fall in Neuyork und in anderen führenden Städten ber Welt, in benen bie Bezeichnung Wagner-Oper gleichbedeutend ist mit beutschem Musiktalent.
Leiber ist das Verhältnis der englischen Bühne zu Shakespeare ein ganz anderes. Man kann nicht länger wahrheitsgemäß behaupten, daß das Talent der englischen Schauspieler in irgend welcher Beziehung zu dem Genius unseres Nationalbarden steht. Ohne einen Augenblick lang daran zu denken, die schauspielerischen Fähigkeiten unserer modernen britischen Schauspieler herabzusetzen, muß ich eins doch sagen, daß, so groß sie auch als Darsteller gewisser Charaktertypen sind und als Spre-
dem entspricht sie der Wahrheit.
Um es gleich vorweg zu nehmen, mein Urteil ist nicht die Folge jenes Minderwertigkeitskomplexes, den man so vielen Engländern zuzutrauen sich angewöhnt hat. Wie überzeugt ich von der Kunst meines Landes bin, läßt sich aus der Tatsache ersehen, daß ich ohne Bedenken William Shakespeare als den einzigen zeitlosen Dramatiker der Welt bezeichne, er ist der einzige Mann, dem es gelang, Charaktere unb Sprache zu schassen, beren Darstellung unb Vortrag in jedem Zeitalter den Beweis für einen besonders hohen Standard an schauspielerischer Fähigkeit erbringen würde.
Veran iwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


