Ausgabe 
23.3.1936
 
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phidtte.

Don Matthias Claudius.

Ich war erst sechzehn Sommer alt. Unschuldig und nichts weiter Und kannte nichts als unfern Wald. Als Blumen. Gras und Kräuter.

Da kam ein fremder Jüngling her; Ich halt ihn nicht verschrieben Und wußte nicht wohin, woher; Der kam und sprach vom Lieben.

Er hatte schönes langes Haar

Um seinen Nacken wehen;

Und einen Nacken, als das war. Hab ich noch nie gesehen.

Sein Auge, himmelblau und klar!

Schien freundlich was zu flehen;

So blau und freundlich, als das war. Hab ich noch keins gesehen.

Und fein Gesicht wie Milch und Blut!

Ich habe nie so gesehen: Auch, was er sagte, war sehr gut Ich konnt's nur nicht verstehen.

Er ging mir allenthalben nach,

Und drückte mir die Hände,

Und sagte immer o und och, Und küßte sie behende.

Ich sah ihn einmal freundlich an. Und fragte, was er meinte;

Da fiel der junge schöne Mann Mir um den Hals und meinte.

Das hatte niemand noch getan;

Doch war's mir nicht zuwider Und meine beiden Augen sah'n In meinen Busen nieder.

Und sagt chrn nicht ein einzig Wort,

Als ob ich's übelnährne, Kein einzigs, und er flöhe fort; Wenn er doch wiederkärne!

Blitz.

Die Geschichte eines Wildkaters.

Von Peter Esten.

Am Oberlauf des fröhlich murmelnden Eifelbaches liegt die alte Mühle, in deren Nachbarschaft Blitz, der Wildkater, vor nun wohl zehn Jahren zur Welt gekommen ist. Die mächtige. Hohle Kopfesche, in der damals an einem rauhen Vorfrühlingstag Musch, die Katzenmutter, drei Jungen das Leben gab, steht heute noch, zwischen Fichten und Wald­kirschbäumen, in der Mitte der bewaldeten Berglehne.

Von den Erlebnisien seiner Iugendtage hat Blitz wohl keines mehr hell in der Erinnerung. Weder entsinnt er sich, wie er auf dem weichen Mulm der Kinderstube mit feinen Geschwistern sich balgte, noch wie er um das blutwarme kleine Getier, das die Mutter nachts in ihren Schlupf­winkel schleppte, fauchend die ersten harmlosen Kämpfe ausfocht. Auch die vom süßen Dust der blühenden Kirschbäume, dem Schlag der Nachtigall und dem Klappern des Mühlrades erfüllte Helle Mondnacht, in der zum ersten Male der Tod nach ihm griff, ist längst aus feinem Gedächtnis gelöscht. Damals war, als sie zu dreien sich vorsichtig aus ihrer Höhle gewagt hatten und auf dem moosgepolsterten Kopf der Esche kauerten, wo sie ungeduldig auf die Rückkehr der Mutter warteten, die diesmal länger als sonst ausblieb, plötzlich ein schwarzer Schatten aus dem mondbeglänzten Geäst auf sie zugestoßen. Blitz hatte, mehr aus Instinkt als in rechter Erkenntnis der Gefahr, das einzige getan, was ihm Rettung bringen konnte: er war rückwärts kopfüber in die Baum­röhre gekollert und hatte sich, am ganzen Leibe vor Schrecken zitternd, in den hintersten Winkel der Höhle verkrochen. Daß es Hassan, der Waldkauz gewesen war, der sie überfallen mit mit seinen dolchscharfen Krallen die Schwester davongettagen hatte, konnte Blitz damals noch nicht wissen. Er hatte noch einige schrille Wehschreie des von Hassan davongetragenen Opfers vernommen und dem kläglichen Miauen des Bruders gelauscht, der, statt wie Blitz in die Höhle zu plumpsen, nach draußen gepurzelt war und minutenlang, kläglich miauend, um den Stamm der Esche irrte, den er nicht zu erklettern vermochte. Dann war es still geworden, und auch Musch mußte dem Bruder nicht begegnet fein. Als sie gegen Morgen mit einer Amsel im Maul in der Höhle erschienen war und nur noch Blitz angetroffen hatte, mochte sie wohl geahnt haben, was vorgefallen war. Stundenlang hatte sie draußen die Kleinen mit zärtlichen Lauten gelockt, dann ihre grimmige Toten­klage in den dämmernden Wald geschrien und zuletzt Blitz aus seiner Kinderstube getrieben und ihn in den verlaßenen Schieferstollen ge­schleppt, dessen verfallener Eingang eine Strecke weiter unter wucherndem Brambeergerank versteckt lag. ,

In diesem Stollen, der nun wohl schon seit Menschenaltern von keines Menschen Fuß mehr betreten wurde, hat Blitz jetzt fein Quartier ausgefchlagen. Daß er dieselbe Herberge bewohnt, in der er, ängstlich

behütet, heranwuchs und von den Anstrengungen seiner ersten inst Musch unternommenen nächtlichen Jagdzüge ermüdet, die Tage verschlief, ist ihm noch dunkel erinnerlich. Aber er weih nicht, was aus Musch geworden ist. Im ersten Herbst seines Lebens hatten sie, nachdem ihr Verhältnis allmählich an Zärtlichkeit verloren hatte, eines Tages sich getrennt und sind sich seither nie wieder begegnet.

Blitz, der vor Wochen aus fernen Wäldern in das heimatliche Tal zurückgekehrt ist, liegt nun feit Stunden vor dem Eingang des alten Stollens in einer Mulde unter dem dichten Brombeergerank und döst in den dunstverhangenen Wintertag. Seit neulich, als ihn der Hunger in einen Dorfgarten trieb und er, der Witterung eines Hafenwechfels folgend, durch eine Luke in der Weitzdornhecke schlich, ein hinter einem Baum auf der Lauer stehender Bauer feine Schrotflinte auf ihn richtete und ihm das rechte Auge ausfchoß, fühlt er sich reichlich elend. Die grimmen Schmerzen, unter denen er das halbe Augenlicht verlor, haben zwar allmählich nachgelassen. Sie waren übrigens nicht schwerer zu ver­winden, als andere Wunden, die er im Laufe feines an Kämpfen reichen Lebens davongetragen hat. Damals etwa, als er sich in den Bau Grim­barts verirrte und nach heldenhaftem Kampf mit einer aufgeriffenen Flanke weichen mußte; und ein ander Mal, als er Reinecke, der ihn überfiel, zwar mit feinen Krallen die bösartige Fratze schlimm zurichtete, es aber nicht verhindern konnte, daß der rote Teufel ihm ein handgroßes Stück Fell vom Rücken riß.

Diese und andere Kämpfe, deren Wunde, so sehr sie auch schmerzten, bald verharschten, hatten Blitz im schlimmsten Falle für einige Tage in ein Versteck getrieben, in dem er sich gesund schlief und die Kräfte für neue Kämpfe fammelte. Aber nun ist plötzlich alles anders. Wenn er in den letzten Tagen eine Beute anfprang und mit der rechten Tatze zu- fchlug, bann mußte er hinterher meist die felifame Erfahrung machen, daß er daneben gegriffen hatte, und die Beute ihm entronnen war. So entging ihm neulich sogar ein Wasserhuhn, das er früher ohne An­strengung beschlich, das ihm aber diesmal, als er es brauten im Mühlen- graben anfprang, mit schrillem Angstraf entwischte.

Seit Tagen wühlt ihm nun ber Hunger wie brennenbes Feuer im Magen. Vorgestern hat er oben im Walbe eine oerenbete Krähe gesun- ben unb sich an bem Aas halb satt gefressen. Aber hinterher schüttelte ihn ber Ekel, unb er brach ben nach Verwesung riechenben Fraß roieber aus. Er hat seither immer roieber bie morschen Baumstümpfe umlauert unb gierig bem Piepsen ber Mäuse gelauscht, bie branten ihren Siebes» spielen nachgingen. Aber wenn einer ber kleinen Wichte, die er früher ohne Anstrengung überrumpelte, schließlich aus seiner Röhre austauchte und er nach ihm griff, faßte er daneben.

Blitz hat vor etlichen Wochen, bevor er fern Auge verlor, einige Nächte lang sich drunten bet der Mühle umhergetrieben und allerlei Beute gemacht. Feiste Ratten trieben im Hof und in der ffiagenremife ein fo sorgloses Spiel, daß man nicht lange auf der Lauer zu liegen brauchte, um mit federndem Sprung unter sie zu fahren unb sich die stattlichste herauszugreifen. Aber als er bas letzte Mal unten jagte, war plötzlich aus einem Winkel bes Schuppens ein Wesen herausgeschnellt, vor besten unheimlicher Schnelligkeit er sich nur mit Mühe burch einen Sprung auf bie Hofmauer hatte retten können. Zunächst war er sich nicht barüber klar gewesen, mit welchem Feinb er es zu tun habe, aber als er, fauchenb unb mit gekrümmtem Rücken oben auf ber Mauer sitzenb, wuterfüllt von bem'nach ihm schnappenben Gegner angebellt würbe, wußte er, bah er es mit einem Hunbetter zu tun hatte. Aber nicht mit einem der gewöhnlichen harmlosen Dorfköter, von denen er schon manch einen jaulend und mit blutiger Nase in die Flucht getrieben hatte, sondern mit einer Bestie, vor der man sich in acht nehmen müßte.

Seit der Begegnung mit diesem Bösen hat Blitz feine Streifen nach ber Mühle eingestellt. Er ist auch, als er jetzt mit bellenbem Magen aus feinem Lager in ber Brombeerhecke aufbricht unb durch den Wald schleicht, über bem nun bie schmale Sichel bes Neuwonbes hängt, ent­schlossen, bie Mühle zu meiben So versucht er sein Glück zunächst bei einem Holzstapel, den er vorsichtig abhorcht und nach Witterung von Bogelgetier untersucht Aber diesmal scheint nicht einmal ein Zaunkönig zwilchen den Klafterscheiten zu nächtigen. Unb fo trottet Blitz verbrosten weiter. Er erklettert unten am Waldrand eine Kopfweide und horcht lange in das Gewirr der Gänge, die in den morschen Stamm hinunter­führen. Irgendwo in der Tiefe pfeifen Mäuse. Es mästen auch einige Kohlmeisen in den Schlupflöchern stecken, aber nur Ohr unb Nase kom­men auf ihre Kosten, und so heftig Blitz, des Lauerns endlich müde, mit wütenden Tatzenhieben das Moospolfier um die abwärtsftihrenden Gänge aufreißt, ber Erfolg bleibt aus unb nichts Lebenbiges torkelt ihm aus ben Schlupflöchern in bie Fänge Er sucht bann noch ben Mühlen­graben ab, in bem er früher oft ein Teichhuhn ober eine Wasterarnsel unter ber Uferböschung aus ihren Schlupflöchern herausholte aber ba wittert er halb, baß ein Hermelin schon vor ihm bageroefen ist und daß er sich keine Mühe mehr zu geben braucht.

Und fo kommt es. baß Blitz, ben ber Hunger schließlich alle Vorsätze vergessen ließ, eine Weile nach Mitternacht auf ber Hofmauer der Muhle sitzt und entschlossen ist, sich, koste es was es wolle, eine Ratte zu holen. Er hört erst, lang hin auf die mit Hauswurz bewachsene Mauer gestreckt, die ihm bekannten Geräusche ab: bas Klappern des alten Rades, das Rauschen des fallenden Wassers, das dumpfe Mahlen ber Steine im Innern ber Mühle unb an was sonst noch sein Ohr gewöhnt ist Nichts Derbächtiges erregt sein Mißtrauen, unb so sehr er sich anftrengt, bas Halbdunkel des Hofes mit feinem bellen Auge zu durchforschen: auch von bem Hunbetter ist nichts zu sehen. Trotzbem hält Blik noch eine Viertelstunbe auf seinem Beobachtungsposten aus. Dann richtet er sich auf gleitet in ben Hof unb brückt sich im Schatten der Mauer auf den Schuppen zu. Aber ba stürzt ihm, kaum baß Blitz einige vorsichtige Schritte getan hat, aus besten halbgeöffnetem Tor ber Dobermann ent­gegen und es beginnt ein Kampf auf Leben und Tod Blitz nariert ben ersten Angriff mit einem furchtbaren Tatzenschlag, ber bem fWnb au er über bie Nase fährt unb ihn verbüßt rurückichnellen läßt ©efunhenlang stehen sich bie beiben atemlos gegenüber. Blitz mit straff vorgerecktem