Seine Arbeit? Noch am gleichen Abend fing Abarn barnft an bie I Bretter hinauszutragen, es wurde ihm schwer genug, aber er brauchte ^''unb'bann geschah es, daß er auf dem Heuboden in ein Loch trat und siel hatte das einen Sinn? Das muß der Pfarrer wissen, ob es einen Sinn hat, wenn Adam plötzlich durch einen verdammten Laden bricht und sich unten aus der Futterraufe zu Tode schlagt.
Denk an deine Sünden, Adam! sagt der Pfarrer.
Sünden, ja freilich. Adam ist kein heiliger, das kann er gar nicht sein Es gab nie einen Heiligen, der mähte und drosch und Vieh aufzog. Sünde! Ach der Haß ist sündhaft, die Harte des Herzens, sogar die Lust am Leben, wenn man es streng nimmt. Es ist schon so, aus dem Boden, der den Schwamm ernährt, kommen auch die Würmer, die ihn verderben. Wann in allen Jahren hatte Adam Zeit gehabt, m Sack und Asche zu gehen? Sack und Asche halsen da nicht der Acker verlangte wie vordem nach ihm, und die Tiere vermehrten sich. Der Her? blieb gnädig und sah nur seine Arbeit an, nicht seine Sunden. Dafür lag ja das Holz auf dem Anger, darum wollte Adam das Zuhaus aufschlagen, — daß ihm zuletzt, wenn alles getan war, etn paar Tage blieben, mit dem Herrn allein zu rechnen. Sieh her, wurde er sagen soundso viel hast du mir anvertraut, soundso viel gebe ich dir zurück, ich war ein guter Arbeiter. Keinen Tag habe ich verschwendet, dein Segen hat Frucht getragen, sieh es an. Ich war nicht demütig, nicht friedfernq, nicht arm in deinem Geiste. Ich habe deinen Namen nicht in Liedern gepriesen, ich bin nur ein Bauer, so würde er mit dem I Herrn reden. . ... ,
Jetzt nicht, sagt Adam laut und schüttelt den Kops — spater!
Der Pfarrer setzt sich zu ihm, er nimmt die kalte Hand des Mannes von der Decke und spricht ihm leise zu. Gib nach, sagt der Pfarrer, leg deine Hände überkreuz und gib nach, einmal wirst dis es ja doch tun
Auch der Pfarrer ist alt, ein Bauer wie Adam. Krumm und schwerfällig hockt er auf dem Stuhl, mühsam sucht er die Worte in seinem Kopf zusammen. Warum will sich Adam wehren, wenn ihm Gott end ich die Last abnimmt? Noah hat 500 Jahre gelebt, Methusalem 960, aber vor dem Herrn ist es, als fiele ein Blatt vom Baum zur Erde, dieses ein wenig höher, das andere ein wenig tiefer aus dem Geäst, glaube mir! Gott sitzt wie ein Hafner an der Scheibe, so könnte man sagen, wie ein Töpfer formt er die Dinge mit seiner Hand und gibt ihnen Farbe und glüht sie im Feuer, damit es zuletzt gute Topfe werden, prächtig von Ansehen und für ewige Dauer. Da mußt du nicht töricht sein, alter Adam, und klagen, brenne mich stärker, glühe mich länger, Gott versteht sein Handwerk.
Adam nickt, er läßt es geschehen, daß ihm der Pfarrer die steifen Finger auf der Brust ineinander flicht. Das Sterben ist eine schwere Arbeit, Herr mein Gott, das letzte Tagwerk ist das schwerste! Die reife Seele löst sich wie eine Kindesfrucht aus den Krämpfen des gebärenden Leibes. Die Kraft der Mächtigen versagt in diesem Kampf, die Weisheit der Weifen, und es ist nirgends mehr ein Trost, außer in dem Licht, das aus der Einfalt des Glaubens leuchtet.
Einfältig ist alles, was der Pfarrer sagt, er hat eine gute und vertraute Art zu reden. Mit dem breiten Nagel seines Daumens pflügt er das Kreuzzeichen in die schweißnasse Stirn des Mannes; und wenn er den Namen des Herrn nennt, so schöpft er ihn mit einer ruhigen Gebärde aus seinem Schoß, streut ihn wie Samenkorn aus der hohlen Hand.
Und er nimmt dem Sterbenden die Traglast ab, Stein um Stein, er löst die Ketten, die ihn drücken, und die Stricke, die ihn schnüren, sei getrost, Bater Adam, sei zufrieden! Alle Heiligen erwarten dich in der Herrlichkeit, die Stärke deines Engels wird dich tragen! Der Herr selbst ist unterwegs zu dir und tritt ein unter dein Dach in Gestalt des Brotes. Brot war ja auch deine Sorge und der Sinn deiner Arbeit im Guten unb Bösen, barum wirb bir viel verziehen fein. Deine Zweifel werben dir vergeben um der sieben Worte des Herrn willen, der selbst irre wurde und nicht wußte, warum ihn der Vater verlasien hatte. Deine Schuld wird verziehen durch die Milde des Herrn, der den ersten Stein nicht nach der Sünderin warf.
Der Pfarrer wartet. Auch Adam sucht jetzt nach Worten in feinem Kopf, es müßte nur ein einziges erlösendes Wort fein, aber die Gedanken gehen schon weite Wege in der Dämmerung der überschatteten Seele. Und vielleicht kommt der Tod schneller als das Wort, nach dem Adam sucht.
Allmählich erlischt sein Gesicht, es wird grau und leblos rote morsche Rinde unter dem Gestrüpp des Bartes. Er atmet schnell und flach, bann und wann hebt er die breite Brust und sammelt einen letzten tonlosen Schrei im zerfallenden Gehäuse feines Leibes. Sein Atemstoß erfüllt die ganze Kammer, er bewegt das Tuch auf dem heiligen Tisch, die Kerzenflammen zucken und schlagen knisternd in das Wachs zurück.
Adam? fragt der Pfarrer beklommen.
Gib mir das Kreuz, antwortet der Mann.
Und dann neigt der Pfarrer fein Ohr tief über den keuchenden Mund. Adam hat die Augen weit geöffnet, sein Blick durchstreift die Wildnis des Gebens, die von Sünden wuchert. Laster, ja, sieben schwere zuerst, Hossart qnd Neid, und Sünden wider den Geist, im Herzen verborgen, aber vor Gott ungebüßt, siebenmal sieben. Es ist still in der Kammer, der Tod tritt noch einmal in den Schatten zurück, während der Mensch bekennt, ter Engel tritt zurück und verhüllt sein Angesicht, und nur das Sterblicht leuchtet ruhig und milde wie das rote Wundmal in der Seite des Herrn.
Der Pfarrer segnet den Kranken und spricht ihn los, jetzt trägt er die Stola weiß auf den Schultern Er reicht ihm die Wegzehrung und salbt >hn mit heiligem Del. und bas alles, Gebete und Hanbreichungen, bas ist licht nur von ungefähr so, wie ein schwacher Mensch ben anbem tröstet, onbem darin wirkt die Kraft des Glaubens vieler Geschlechter. Und ner immer den Willen hat zu hören, der findet seinen Trost, auch ein ?önig, auch ein Dauer.
Vergib uns unsere Schuld, betet der Pfarrer, erlöse uns vorn Uebel! Amen sagt Adam und seufzt und rückt sich zum Schlafen zurecht.
Adam stirbt. Am nächsten Tag kommt der junge Bauer in bas Dorsi um den Sarg zu bestellen. Er sucht auch den Pfarrer auf, hockt bet ihm in der Stube und schwenkt ben Hut zwischen feinen Knien, ganz so rote Adam sah, mit feinen breiten Schultern und dem krausen Haar tm @e3a; zuletzt ging es schnell mit dem Vater. Gegen Mittag schickte er Christine auf ben Anger, bie TOagb, mit ihr sprach er no$. Es muß Eisenzeug gekommen sein, sagte er, ich habe Klammern für das Zuhaus beim Schmieb gekauft. Aber als Christine zuruckkam, war er schon hm- über, Gott tröste ihn. Im Frühjahr, sagt ber Schmieb, tm anderen Frühjahr sollte er erst bie Klammern bringen. „
Unb nun will also der Sohn das Begräbnis ausmachen daran soll nichts versäumt werden, das meint auch Christine, am feierlichen Amt UnbSom™intÜ(n)riftin(! das? Dann hast du eine brave Magd im Haus, fa03aerabera”erfoC da kein Gerede geben. Es ist nichts als Bosheit und Geschwätz hinter einem Mädchen her, das seine Arbeit tut, tm Stall so gut wie früher am Schanktisch. Christine bleibt auf dem Hof, es macht nichts aus, wenn sie vielleicht das Taufzeug früher brauchen wird als den Trauring. Darüber sollen sich die Dorfleute nicht wundern, ber Briefträger ober der Forstgehilfe mit feinem dreckigen Mundwerk.
Gut, sagt der Pfarrer, laß ben Förster. Aber was ben Vater betrifft, den bringt ihr also morgen früh. Und dann, fügt er hinzu und streift den jungen Bauern mit einem Blick, dann legst du ja wohl etn sicheres Brett über das Loch tm Heuboden?
Der Sohn geht noch zum Totengräber, er soll die Grude ausheben für einen breiten Männersarg, der Vater verlangt seinen P atz >m Leben wie im Tod. Die Bauern auf Eck haben auch tm Friedhof ihren Schritt- breit Boden als festen Besitz, sie leben lang genug, daß der letzte immer fein frisches Bett in der Grube findet, und nur selten kommt eine neue Truhe dazu, ehe die frühere in Staub und Moder zerfallen ist. Der Vater wird in allem seine Ehre haben nach Brauch und Herkommen, sechs Lichter voraus, Laternenträger in blauen Kutten Fahnen und Musik, das ganze Dorf wird ihn geleiten. Aber zuletzt soll sich die Erde für immer über ihm schließen. Ein anderer Adam wird von feinem Grabe weggehen und wird den Pflug in die Furche heben, wo er stehen blieb, derselbe Adam. n , . .
Wie sagte der Pfarrer? Leg ein sicheres Brett über das Loch, sagte er Ja auch das. Auch ein neues Schardach auf der Wetterfette, neues Haghoiz für die Zäune, neue Rohre für den Brunnen. Aber das Bauholz auf dem Anger kann nun wieder liegenbleiben, es ist niemandem mehr im Wege. *
Seltsam, immer wartet irgendeine Arbeit aus David. Es gibt keinen I Menschen im ganzen Dorf, er mag ansehnlich oder gering sein, der ihn nicht sogleich anriefe, wenn er ihn nur von weitem zu sehen bekommt. Da bricht eine Kuh in das Saatfeld, David läuft und bringt sie wieder auf den rechten Weg. Er schleppt Wasier in die Küchen und holt Frachtgüter vom Postwagen. Anderswo ist der Knecht unterwegs, um ein Gatter zu flicken, aber er hat die Nagelkiste vergessen, bei allen drei Teufeln. Der Knecht fetzt sich hin und pfeift auf zwei Fingern, und wo immer David gerade stecken mag, er kommt an ben Zaun und holt die Nagelkiste. David weiß, auf welcher Tenne dieser Knecht sein Werkzeug liegen f)at.
Jetzt, am Abend nach ber Schulzeit, Hilst er bem Totengräber bei ber Arbeit ber steht ihm bafür seinerseits in einer schwierigen Sache bei. Auch Darob hat nämlich seinen Schilling in ber Tasche, anfangs schien es als sollte alles mit ein paar Krapfen abgetan fein, aber im letzten Augenblick kam ihm ber heilige Antonius zu Hilfe, für eine Dreigrofdjen- ter’ wirkte er dieses Wunder. Und nun möchte David das gewisse Haarband kaufen. Allein, er kann nicht selbst in den Laden gehen und danach fragen, das ist unmöglich. Dho, würde die Krämerin sagen, kleiner David, gehst du auf Brautfchau? — und vielleicht käme sogar Agnes in den Laden, um Brennöl zu kaufen, und dann wäre alles verdorben.
Nein, der Totengräber wird das Haarband kaufen, obwohl auch er feine Bedenken hat. Laß dir raten, fagt er zu David und redet ihm ernsthaft zu, Haarbänder und Kopftücher, ich kenne das. Hänge dein Geld nicht an die Weiber; das ist alles verloren und vertan, was du an I die Weiber hängst, glaube mir, David sollte bedenken, wie cs dem König Salomo erging, ber ihrer tausenb hatte, unb bann war seine Weisheit bahin, nicht zu reben von bem großen Felbherrn Holosern, ben schon eine einzige um ben Kragen brachte. Was ihn betrifft, ben Totengräber, so hält er sich jeberlei Anfechtung mit Branntwein vom Leibe, bie Weiber unb bie Pest, einerlei. Der Mensch ist gut, wenn er schläft, betrachte bas, Davib! Aber wie kann ein Mensch ruhig schlafen, wenn er nicht betrunken ist?
Der Totengräber sitzt auf bem umgelegten Grabkreuz unb schaut mit I Rührung in bas schwarze Loch zu seinen Füßen. Die Reihen ber Gräber betrachtet er, Kreuze unb Hügel, biese seltsame Lanbfchast im srieblichen Abenblicht. Der Winb wiegt die Büsche an der Mauer, immergrünen Wacholder und Haselstauden, die schon Kätzchen tragen. In jedem Jahr begrünt sich der Garten des Herrn zuerst. Das mag von der guten Erbe kommen, aber es könnte auch eine Verheißung sein, ein Gleichnis des seligen Frühlings, von bem geschrieben steht. Einige Gräber sinb mit Tuffsteinen ober mit Buchsbaum eingefaßt unb sauber gehalten, später werben ba Tulpen blühen, Brennenbe Liebe unb Astern im Herbst. Aber auch bie anberen bleiben nicht ganz ohne Schmuck, für sie sorgt ber Winb, ber Gärtner aller Vergessenen, unb bie Vögel bes Himmels kommen unb ftreuen Samen auf bie armseligen Hügel im Mauer- f (hatten.
Ja, unb hier, neben bem Tor, wirb Abarn liegen, er hat einen guten Platz, niemanb wirb aus unb ein gehen, ohne sich feiner bühenben Seele mit einem Tropfen Weihwasser zu erbarmen.
1 (Fortsetzung folgt.)


