Ausgabe 
23.3.1936
 
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Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1936 Montag, den 23. März Kummer

DasIahr des Herrn

Roman von Karl Heinrich Waggerl

Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig.

Immer ist der Tod unterwegs, der düstere Engel. Wir kommen aus dem Dunkel, anfangs ist die Welt noch klein zwischen den fünf Brettern der Wiege. Aber die Welt wächst mit uns Jahr um Jahr. Die Macht des Bösen wächst, auch der Mut, die schöne und törichte Kühnheit der Jugend. Liebe kommt dazu, dann ist es schon mehr der Freude und der Qual, Kummer des Herzens, Schuld des- Blutes. Wir treiben umher und kämpfen uns müde, und am Ende ist die Welt wieder klein zwischen den fünf Brettern des Sarges. Ach, Jahr um Jahr, es ist dennoch eine kurze Zeit und unser letzter Schrei ist nur ein Widerhall des ersten.

Im grauenden Morgen geht der kleine David mit der Laterne vor dem Pfarrer her durch das Dorf. Es ist kühl, eine klare Nacht im ersten Frühling. Die Dächer der Häuser glänzen silbrig vom Tau. Draußen auf den Feldern stehen Kühe im weißen Bodenrauch, sie strecken ver­drossen die Hälse und brüllen, die Weide ist noch kurz und mager um diese Zeit. Aber hoch unter dem Himmel zieht schon der Wind mit rauschenden Flügeln vom Süden her.

Das Dorf schläft, zusammengedrängt kauern die Dächer in der warmen Mulde des Tales, wie eine friedliche Herde ruhender Tiere. Irgendwo schlägt eine Uhr in den dämmerigen Stuben, ein Kind schreit aus dem Schlaf, und im Stall wiehern die Gäule. Jetzt geht der Roß- knecht über die Straße zum Brunnen, auf halbem Wege bleibt er stehen und stellt den Eimer hin und schlägt das Kreuz über seiner haarigen Brust. Auch der Pfarrer hält ein, er hebt das heilige Brot, um den Knecht zu segnen, und David läutet dreimal dazu mit silberner Schelle.

Amen, sagt der Mensch. Er wischt sich über den Bart, weil seine Stimme so grob war, und dann steht er noch eine Weile allein da, schaut vor sich hin und nickt zu seinen Gedanken.

Der Pfarrer nimmt den Weg bergauf über die Wiesen. Allmählich erlöschen die Sterne im Widerschein des aussteigenden Tages, der helle Himmel rundet sich, kleine Wolkenbälle schweben hoch oben im Licht, rosige und runde Wölkchen über den dunklen Leibern der Berge. Auch die Vögel fangen zu singen an, Meisen und Ammern, plötzlich ist da eine Unmenge von Vögeln im Gezweig der Sträucher. Andere steigen von den Aeckern empor, ihr Gefieder entzündet sich plötzlich im Licht, singend fallen sie zur Erde zurück. Dann hebt die Sonne ihr blendendes Haupt über den Berg und rollt prächtig einher, das mütterliche Gestirn, die ganze Weite des Himmels erfüllt sich mit ihrem Glanz, Himmel und Erde. Der Wind macht sich auf, tauig und frisch vom reinen Atem der Nacht. Er bläht das weiße Chorhemd des Pfarrers und umspielt ihn sanft, der den Herrn über die Felder trägt.

Unten im Dorf schlägt die Frühglocke an, schon die ganze Zeit wartet David auf das Morgenläuten Er hat zwar noch Agnes im Pfarrhaus geweckt, und sie versprach ihm den Dienst in die Hand, aber Agnes ist ein Mädchen, und das weiß jedermann, wie unverläßlich Mädchen sind, wie hinfällig in ihrer ganzen Art. Es konnte geschehen, daß Agnes den Schlüssel zur Glockenstube verlor, vielleicht zog sie auch den falschen Strang, was Gott verhüten mochte, und läutete zur Vesper in der Mor­genfrühe, oder sie schlief überhaupt und vergaß alle Schwüre. Es war nicht auszudenken, was geschähe, wenn Agnes wirklich den Tag einzu­läuten versäumte, niemals ist dergleichen vorgekommen. Vielleicht schlie­fen dann die Dorsleute in Ewigkeit fort, um erst am Jüngsten Tage aufzuwachen, vielleicht rollte sogar die Sanne am Himmel zurück, und die Nacht käme wieder, und selbst Gott sähe es betroffen an und striche diesen mißratenen Tag aus dem Plan seiner Schöpfung.

Ja, Morgenglocke, Abendläuten, das ist nicht wie anderswo hier im Tal ist das Leben fest gefügt und geordnet von altersher Der Tag, den du beginnst, ist nicht irgendein Tag. es ist Florian! oder Siebenmanner ober der Tag, an dem du säen sollst, Heu machen und Korn schneiden, damit das Jahr sich rundet. Es hat auch jedermann feinen sicheren Platz in dieser Welt, der Bauer im Kirchstuhl so gut rote e n Land­streicher den der Herr um der Werke willen vor die Tur stellt. Als der Mesner alt wurde und starb, war der kleine David eben groß genug, daß er den Strang ziehen und die Sterbeglocke für ihn lauten konnte.

Aber nein, Agnes hat ihr Versprechen gehalten. Sie nimmt auch den richtigen Strick und setzt zweimal ab, wie es Brauch ist damit der Mensch Zeil hat, seiner Sünden halber an die Brust zu klopfen. Und nur zuletzt schlägt der Klöppel ein paarmal nach, das kann nicht anders

(ein. Agnes weiß nicht, daß man die Glocke schon abfangen muß, wenn sie am weitesten ausschwingt, daß man es weich und nachgiebig tun muß, mit einer Kunst, die nur wenigen gegeben ist. Und außerdem wäre Agnes ja auch zu schwach dazu, das kleine Ding

Ja, er ist zufrieden, David, der Glöckner und Herold des Herrn. Die Sonne scheint warm und freundlich auf der Halde, er hebt wieder seine helle Stimme und antwortet auf den Psalm, den der Pfarrer spricht; und weil ein Hase über den Weg hoppelt, läutet er auch für ihn dreimal mit silberner Schelle. David wird der kleinen Agnes eine neue Schreib­feder schenken oder etwas für ihr Nähzeug. Und wenn der Pfarrer nur ein wenig besser bei Atem wäre, wenn er also noch zurecht käme mit der letzten Wegzehrung für den Bauern auf Eck, so würde wohl auch für David ein Schilling abfallen. David könnte beim Krämer ein Haarband für Agnes kaufen, eines von der breiteren Sorte.

Im Hausflur knien die Hafleute, Kinder und Weiber aus der Nach­barschaft. Seit Stunden knien sie da und beten halblaut im Chor, immer dieselben bitter traurigen Worte vorn Kummer Mariä und von der Marter des Herrn. Der Pfarrer tritt ein, niemand begrüßt ihn, nie­mand geleitet ihn, er weiß selbst, wo sich die Leute auf Eck hinbetten, wenn sie sterben wollen.

Aber der junge Bauer steht hinter ihm auf und spricht das Amen

mit starker Stimme.

Ja, in dieser Kammer zu ebener Erde, düster und schwarzgebeizt vom Rauch der Kerzen, die in vielen Steroc,künden niederbrannten, hier liegt nun Adam und wartet. So wie er lagen alle vor ihm auf den harten Kissen, immer wieder ein Adam oder ein Jakob, bann und wann auch eine von den Frauen im Wechsel der Geschlechter Stall und Tenne standen noch nicht, die ganze geräumige Breite des Hofes, als der erste auf Eck diese Bettlade in die Wand zimmerte. Er hat auch feinen Namen in das Holz geschnitten, ein A und ein 0 und die Zahl des Jahres. Enkel und Enkelkinder lasen diese Ziffer von der Decke, wenn sie sich hier ausstreckten, um auf den Tod zu warten. Im Leben fanden sie nie Zeit dafür, aber nun hatten sie müßige Stunden genug. Sie zählten zurück, es war eine lange Rechnung über Jugend und Kindheit hinaus, und darin lag gewiß ein Trost für den Mann, der die Ziffer vollmachen und sterben mußte. n.

Der Pfarrer stellt das Allerheiligfte auf das weiße Linnen des Tisches, dann tritt er an das Bett und beugt sich über den Sterbenden. Adam, sagt er, hörst du mich?

Ja, Adam hört. Er atmet mühsam aus seiner breiten Brust, kleine Schweißperlen hängen in seinem Bart, und die grauen Hände hat er weit von sich auf die Decke gelegt. Sie gehören ihm nicht mehr. Werk­zeuge des tätigen Lebens waren sie, diese Hände haben gesät und ge­erntet, und die Wunde ist noch nicht verheilt, die ein Nagel am Zug­scheit des Pfluges in das Fleisch gerissen hat. Nun liegen sie da und find welk geworden, sie zerbröckeln wie zwei Schollen Erde auf brachem Ca,2lbam wendet langsam die Augen und schaut den Pfarrer an. Laß es, sagt er, warte! . ....

Es ist noch nicht so weit, meint Adam, nein, er hat nur Unglück gehabt vielleicht geht es vorüber. Adam brachte vieles hinter sich zeit seines'Lebens, Gott griff ihn hart an, aber schließlich nahm er doch roieber bie Hand von seinem Nacken, und bann war sein Nacken ge­segnet und trug die Last. Geduldet euch, wartet noch mit dem Amen vor der Tür!

Es gab eine Zeit, da standen nur zwei Kühe im Stall, jetzt sind es roieber zwölf. Damals riß bie Seuche alle nieber bis auf zwei. Abam überftanb bas, es war in seiner Jugend. Nachts trug er Mist in großen Lasten von den Almen herunter, so half er sich, und das Bauland ver­lor nicht am Ertrag. Adam hat die Dreschtenne neu gebaut, er hob das Dach und machte Platz für eine Sommerküche. Die Waschhütte kam dazu, der Obstgarten, der schon das zehnte Jahr trägt. Dort wollte er zuletzt ein Zuhaus aufstellen, eine freundliche Kammer für die alten Tage, unter fdjroertragenben Bäumen unb nicht zu weit von den Bienenstöcken. Das Holz lag abgebunden auf dem Anger bereit, dem Sohn war es im Wege, aber dem Vater eilte es nicht damit

Dann starb die Frau, das war schlimm für den alten Adam, viel­leicht hätte er doch bas Zuhaus schon früher bauen müssen. Er wäre weniger einsam gewesen, bie Mutter hätte noch manches zum Guten geroenbet mit ihrer müben Friedlichkeit Eine neue Magd tarn auf den fiof ein junges Ding aus dem Dorf. Anfangs ließ sie sich gut an, aber bann krachte zuweilen bes Nachts bie Stiege vor ihrer Kammer, unb mit einem Male war auch ihr bas Holz auf bem Anger zuwiber, sie brauchte Platz für einen Bleichboben, gerade diesen Fleck Rasen brauchte sie. Adam schwieg. Geduldet euch, wartet! Zuerst wollte er noch den Heuboden neu belegen . ,

Laß den Heuboden, meinte der Sohn. Das ist meine Arbeit sagte er.