Ausgabe 
22.6.1936
 
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zwischen jroef Waffern hat als Zug st raße erster Ordnung große Bedeutung und nennt die vielseitigste bunteste Vogelwelt ihr eigen.

Ganz besonders aber ist N i d d e n , zwischen Hellen Dünenwällen und dunklem Wald eineOase des Friedens". .Stolz überragt sein Wahrzeichen der Leuchtturm die zottigen Föhrenkronen und unten im Dors links und rechts der breiten mahligen Straße liegen die bunten, strohgedeckten Häuschen und das rote Fischerkirchlein blickt friedlich vom Berge auf sie herab, während am Ufer die muntere Flotte der Keitel­kähne schaukelt. Mast an Mast liegen sie schmuck und blank am Hasf- strand und lassen ihre bunten, fein geschnitzten Wimpel im sonnigen Frieden vor den Fischerhäuschen blinken.

Und ob man auf den Bootstegen der kleinen schilfumstandenen Häfen steht und die Reiher, Schwarzstörche und andere Wosservögel beobachtet, auf der alten Nehrungspoststraße durch Dünen und Wald dahinwandert oder am Strande, wo Einsamkeit und großer Raum ist, der majestä­tischen Melodie der Brandung lauscht, immer spürt man die große un­verfälschte Urnatur; überall ob man mit den Fischern oder den Dünen- arbeitern plaudert, freut man sich der naturverbundenen Bewohner. Den stärksten Eindruck aber vermittelt zweifelsohne eine Fahrt ins Revier des Elches, der der Stolz und Liebling der Nehrung ist. Frühmorgens wenn der Tag anbricht, geht es mit dem ratternden Wagen zum Dorf hinaus, hinein in den taufrischen Wald, wo die Ponys der Fischer frei grasen, die im Winter, wenn es auf das Eis des Haffs geht oder zum Festland hinüber, harte Arbeit leisten müssen. Bald geht es ohne Weg und Steg voran, schmale, verschlungene Wild­wechsel kreuzen unfern Nfad, ohne Scheu steht hier und da ein Reh im Gebüsch, mit großen Augen auf uns blickend. Durch niedriges Erlen- oder Birkengestrüpp, durch Heide und Moor bleiben wir immer dem Elch auf der Spur, der sich bald in dichtem Gebüsch versteckt, bald zum Trinken an die Moorlöcher kommt.

Hinter einem Gebiet absterbenden Gespensterwaldes beginnt von neuem das Reich der Düne. Mit gleichmäßigem Knirschen bahnt sich der Wagen seinen Weg durch den mahlenden Sand, der frische Wildspuren von Hasen, Rehen und Elchen zeigt. Ein starker Duft ist um uns von jtfieer, Harz und Thymian, dessen violette Muster prächtig zu dem hellen Sandton stehen. Nun wird der Grund wieder feuchter und doch fester, mit dichter Gras- und Steinkleenarbe. Die Pferde ziehen an. Der Niddener Leuchtturm und der bucklige Schlangenberg liegen schon weit hinter uns. Es geht aus die Palwe, deren Triebsand den Pferden oft gefährlich wird. Langsam streicht eine Elchkuh mit ihrem Jungen dahin, beide friedlich an den Weiden äsend.

Wieder beginnt der Wald, mit Legföhren aufgeforstete Dünen, quer hindurch, die Beste biegen sich unter den Rädern, da liegt auf halber Höhe des Hanges breit und geruhsam hingelagert ein kräftiger Elch­bulle mit kapitalem Geweih. Ohne Scheu verharrt er an seinem Platze, sind ihm die ratternden Wagen doch viel vertrauter, als einsame Spazier­gänger und Menschen. Als man ihm allerdings gar zu nahe kommt, erhebt er sich gemächlich, schaut noch einmal stumm auf seinen Stören­fried und zieht mit gelaßenem Schreiten von bannen, kennt er doch die Verborgenheit feines Naturparadiefts, dessen ewiger Dreiklang Meer, Hass und Dünenwald wohl jedem der ihn einmal erlebt, tief in der Seele bleiben wird.

Vom Gesellschastsleben der Tiere.

Von Professor Bastian Schmid.

Gemeinschaftsleben aus Nühlichkeilsgründen.

In [einer oft recht mannigfaltigen Zusammensetzung und seinen starken Abstufungen ist das Gesellschaftsleben der Tiere eine bekannte, aber in vielen Punkten noch ungeklärte Erscheinung. Die Ursache von plötzlich erfolgenden und dauernden Vereinigungen zu Gesellschaften bei Tieren sind verschieden. Nicht selten ist es ein bestimmter, den Lebensbedin­gungen entsprechender Ausenthaltsort, ein bequemer Laich- oder Lager­platz, eine ergiebige Futterquelle oder irgendein anderer Umstand, der die Tiere zusammenführt. Denken wir beispielsweise an unsere Frösche, die sich zahlreich in Tümpeln versammeln und durch ihre Konzerte eine bestimmte Form von Geselligkeit bekunden. Dieser schwingende Rhythmus tn lauen Frühlings- und Sommernächten ist der Ausdruck gleichen Empsindens ein und derselben Art. Das Zusammenleben von Tieren beeinflußt ihr seelisches Verhalten ungeheuer. Das sehen wir an unserem Star. Während dieser Vogel im Frühling, wo er eifrig der Brutpflege obliegt, streng zu seinem Weibchen hält und jedes Männchen der Nach­barschaft bekämpft, wird er, namentlich im Herbst, gesellig. Sämtliche Eigenschasten der Brutzeit sind jetzt ausgeschaltet, Männchen sowohl wie Weibchen ziehen in großen Trupps auf den Wiesen und Weiden umher, die Tiere schlafen mit ihren Genossen gemeinsam im Schilf und Rohr, gehen mileinander nach dem Süden und weifen alle seelischen Eigen­schaften von gut verträglichen Herdentieren auf. Bei ihrer Rückkehr im Frühjahr sehen wir die Stare auf Wiesen und Fluren noch in Gesell­schaft. Aber bald lösen sich diese Bande, das Männchen wird streitsüchtig, tampfesmutig, nimmt sich ein Weibchen und schließt sich wieder völlig vom Gesellschaftsleben ab. Unter unseren Raubtieren tun sich die Wölfe 3u Rudeln zusammen, und zwar zu ausgesprochenen Jagdzwecken. Ist die Beute in ihrem Besitz und geht es an die Teilung, dann bekommt die Vereinigung bereits einen Riß. Was bis dahin diesen Zweckverband zu­sammenhielt, wird nunmehr zur Ursache heftigsten Kampfes, mit dem Erfolg, daß das ganze Rudel sich wieder zerstreut und auflöst.

Diese wenigen Beispiele des Zusammenlebens von höheren Tieren zeigen uns verschiedene Stufen der Geselligkeit. Gemeinsam ist ihnen eine gewisse Zufälligkeit der Vereinigung, aber auch der Umstand, daß es keine festen Bindungen sind. Können doch die einzelnen Tiere von einer bestimmten Gruppe abwandern und sich einer anderen anschließen (Feldsperling, Star, Wolf) oder sonstwie ausscheiden.

Gemeinschaftsleben und seelische Bindung.

Gewiß gibt es auch bei gesellig lebenden Tieren eine Reihe von gleichen äußeren, also physischen Bedingungen, nämlich gleiche Er- nährungs- und Siedlungsverhältnisse und ähnliches. Dazu kommen anderseits noch verschiedene rein seelische Erscheinungen. Hätten solche Tiere nicht ein Gesellschaftsbedürfnis, verbunden mit triebmäßigen Zweck­dienlichkeiten, würden sie nicht gesellige Grundzüge besitzen, verträglich sein und mindestens die einfachsten und ursprünglichsten Formen des Ge­meinsinns, soziale Instinkte und Gefühle mitbringen, dann wäre ein ge­deihliches Zusammenleben unmöglich.

Das Wohnen unter einem Dach bei sonst abgeschlossenem Familien­leben, wo jedes Elternpaar seinem und nur seinem Brutgeschäst nach­zukommen scheint, ist ziemlich einzigartig im Tierreich. Hier ist gewisser­maßen ein Hotel mit vielen Wohnungen und ein reger geselliger Ver­kehr der Bewohner. e

Eine bekannte Erscheinung in der Vogelwelt sind die Brutkolo- n i e n. Man denke nur an unsere Möwen, Pinguine, Albatrosse, Fla­mingos, Kormorane, Alken, Lummen u. a. m. In den sog Vogelbergen sind die Nester so dicht nebeneinander angelegt, daß Vogel an Vogel sitzt. Wenn auch solche Kolonien bis zu Millionen von Tieren zählen können, so tut das dem Brutgeschäst durchaus keinen Abbruch, selbst wenn mal ein Ei von einem Nest in ein anderes hinüberrollt und von einem anderen Vogel bebrütet wird, was z. B. auch bei unseren Möwen­kolonien und deren Mitbewohnern der Fall ist. Ja, die Verträglichkeit unter den Vögeln ist so groß, daß ein und derselbe Vogel nicht nur seine arteigenen Eier, sondern auch solche von andersgearteten mit- ausbrütet.

Soziale Ordnung: Schildwache und Leittier.

Auf einer Organisationsstufe in Verbindung mit echt sozialem Zu­sammenleben stehen Tiere, die regelrechteSchildwachen" ausfteUen und einen Führer haben. Wachttiere finden wir vor allem bei verschiedenen Nagern, Wiederkäuern und Affen vor.

Wer sich an Sommertagen vorsichtig ins Bereich unserer Murmel­tiere, also in bestimmte Hochgebirgsgegenden begibt, kann diese sowohl bei Mahlzeiten wie auch in ihrer Mittagsruhe beobachten. Da sieht man die ganzen Familien auf bekannten Steinen sich lagern, alt und jung, die Männchen immer vorsichtig spähend. Ist irgendwo etwas Verdäch­tiges zu sehen ober zu hören, dann erfolgt sofort ein Pfiff des be­treffenden Tieres, das die Gefahr wahrgenommen hat. Das Leittier kann ein Männchen ober auch ein Weibchen fein, bei den Renntieren, Gemsen, Elefanten und anderen ist stets ein Weibchen mit der Führerschaft betraut. Da die Aufgabe des Leittieres recht groß und menschlich gesprochen entsprechendverantwortungsvoll ist, so erfordert dieser Posten starke Begabung und große Umsicht. Ganz entschieden ist das Leittier das klügste der Herde; es ist aber auch das stärkste und erfahrenste, dessen Sinnesorgane aufs beste arbeiten. Dazu muß es be­fähigt fein, vor allen anderen Herdentieren die Gefahr am schnellsten und sichersten zu erkennen, zum Angriff überzugehen oder das Zeichen zur Flucht zu geben und dabei größte Vorsicht walten zu lassen. Das Leittier führt die Herde zur Tränke und zu den Futterstellen, zu den Pflanzungen, zur Salzlecke und sorgt für das, was je nach der Art­zugehörigkeit sonst für das leibliche Wohl von Wichtigkeit ist. Büßt der Führer durch vorgerücktes Alter an Fähigkeiten ein, so muß er einem anderen, geeigneteren weichen. Das Antreten der Führerschaft geht übrigens bei männlichen Tieren niemals ohne Kamps vor sich.

Von den Pavianen.

Ganz eigenartig ist das genossenschaftliche Leben bei den Pavianen entwickelt. Hier besteht neben der strengen Unterwerfung unter das Leit­tier ein völlig freies Verhalten, sobald der Führer keinen sichtlichen Einfluß mehr auf die Organisation ausübt. Während in den Augen­blicken der Gefahr ober auch bei zweckbienlichen Wanderungen, bei Ein­fällen in eine Pflanzung sowie bei der Flucht das Verhalten des Führers genau beachtet und befolgt wird, tritt in den großen Ruhepausen eine Entspannung ein. Die ganze Gesellschaft beginnt zu spielen und allerlei Unfug zu treiben. Keiner sieht mehr auf das Leittier, und jegliche Nach­ahmung feiner Handlungen unterbleibt; das ganze Tun ist völlig selb­ständig. In dem Augenblick der Gefahr jedoch, die der Führer als erster erkennt, ändert sich die Sachlage. Mit einem Schlage treten seelische Bindungen ein, und es wird geradezu blindlings befolgt, was das Leit­tier tut.

Auswirkung der Massenpsyche.

Ueberblickt man die einzelnen Gesellschaftsformen, die verschiedenen Zusammenschlüsse und Organisationen, dann heben sich deutlich einzelne Gruppen-Abstufungen von stark seelischer Prägung heraus. Neben den bereits erwähnten Eigentümlichkeiten der zu Gesellschaftsbildung neigen­den Tiere treten bei höheren Formen noch zwei hinzu, nämlich der Despotismus, also eine Art Massenpsyche im Angriff und in der Flucht.

Die Masse macht stark, ober sie unterliegt auch In beiben Fällen kann die Ursache auf ihrer eigenen Psyche beruhen. Wir nähern uns einem Dorf. Da fängt ein Köter zu kläffen an, kommt auf uns zu und will uns beißen. Aber er weicht in dem Augenblick zurück, wo wir den Stock heben ober uns nach einem Stein bücken. Kommt aber noch ein anberer ober gleich mehrere Hunbe herbei, bann bekommt auch ber ver­triebene Köter mieber Mut, und zwar hat ihm bie Masse Mut gemacht unb ihn mitgerissen. Ober: ein paar kleine Walbvögel würben ben ent­deckten Uhu nicht anzugreifen versuchen, auch eine einzelne Krähe noch nicht. Kommen ihrer jedoch mehrere zusammen, dann weicht der große Auf", unb bie ihn oerfolgenbe Menge wirb immer kühner. Steht einer Pavianherbe ein mutiger Führer vor, bann ist für Mensch unb Tier die Angriffsgefahr ungemein groß; gelingt es aber, das Leittier weg- zufchießen, so macht sich alsbald große Verwirrung bemerkbar.

'Bttanttooultet): Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Untversitäts-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.