Ltm Mitternacht.
Von Eduard Mörike.
Gelassen stieg die Nacht ans Land, lehnt träumend an der Berge Wand, ihr Auge sieht die goldne Waage nun der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
und kecker rauschen die Quellen hervor, sie singen der Mutter, der Nacht ins Ohr
vom Tage, vom heute gewesenen Tage.
Das uralt alte Schlummerlied, sie achtet's nicht, sie ist es müö’; ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch, der slücht'gen Stunden gleichgeschwungen.s 7
Doch immer behalten die Quellen das L_ . i, es singen die Wasser im Schlafe noch fort vom Tage,
vom heute gewesenen Tage.
Bildnis Kleists.
Von Hans Brandenburg.
Goethe hat durch ein einzelnes, aber umfassendes Sein und Wirken fast eine ganze deutsche Kultur erschaffen, so daß er immer mehr über sich weiter zeugte und etwa schon in der ihm folgenden Romanliteratur zu seinen Lebzeiten seine geistigen Kinder und Erben hätte begrüßen können, welche die Züge seiner Ahnenschaft trugen und doch eigene Individuen waren. Mit Jean Paul, Beethoven, Hölderlin, K l e i st lehnte er „wilde Burschen" ab, die, auch wo sie zart und zerbrechlich scheinen, Titanen waren, voll gleichen Uebermuts sich an die Göttertische setzend und nicht aus dem Maße lebend wie er.
Heinrich v. Kleist lebte das allerqualvollste Leben, allein er lebte es aus dem Absoluten, mit einer Konsequenz, neben der Goethes Lebenskunst ein einziger Kompromiß zu sein scheint, mit einer andersartigen Meisterschaft, zu welcher der Tod gehört, den er zuletzt als einzigen Ausweg freiwillig suchte. Er war ein Denker, der so radikal dachte und sich so an Kant verlor, daß — mit Raum und Zeit — die ganze Wirklichkeit für ihn zusammenbrach, daß ihn vor dem Wissen ekelte, daß es Wahrheit für ihn von nun an nicht mehr gab. Da schuf er eine Wirklichkeit und Wahrheit: eine ganze Welt von Gestalten. Denn Gestalt löste derart den Gedanken ab, daß der Denker plötzlich Dichter geworden war und daß dieser Dichter jetzt jede abstrakte Aeußerung verschmähte. Einzige Ausnahme bildet der gewaltige Aufsatz über das Marionettentheater, der aber leistet auf ein paar Seiten eine letzte Enthüllung alles Kleistischen Zieles und alles tragischen Menschenzieles überhaupt, die zweite Unschuld zu finden, die Unschuld mit und trotz der Erkenntnis.
Wenn sich überhaupt eine Formel für die von Kleist erschaffene ungeheure Wirklichkeit finden ließe, so könnte sie nur in dem Wort enthalten sein, daß seine Gestalten öfters ausrufen: „Verwirre mir nicht mein Gefühl!" oder „Du verwirrst mir mein Gefühl!" und mit dem das andere Wort zusammenhängt, das der Dichter dieser Gestalten für sein Teil ebenso gern gebraucht, das Wort von der „gebrechlichen Einrichtung der Welt". Seine Menschen leben ganz aus dem Gefühl, aus dem einzigen, was für Kleist blieb, nachdem es Wahrheit nicht mehr gab; darum fürchten sie sich so entsetzlich vor der Verwirrung des Gefühls — nicht etwa der Gefühle! — und gerade darum doch auch erliegen sie ihr. Sie finden Verzeihung in der Sphäre einer tragischen Gerechtigkeit. Das ist dann keine Verzeihung aus modernen Humanitätsregungen, also weder aus Mitleid noch aus der Anklage gegen bestimmte Einrichtungen und aus der Tendenz für deren Verbesserungsbedürftigkeit und Verbesserungsmöglichkeit, sondern eben eine Verzeihung nur um der einzigen, ewig unverbesserlichen gebrechlichen Einrichtung der ganzen Welt willen.
Deshalb ist es nicht völlig richtig, wenn man Kleist einen modernen, den ersten modernen, oder gar den größten modernen Dichter genannt hat. Zwar sind seine Gestalten genau so von einer einzigen Passion beherrscht wie etwa diejenigen Balzacs. Allein diese Kleistsche Besessenheit ist doch nicht wie die,enige der Balzacschen Menschen fixe Idee, bloße Monomanie, die immer zugleich etwas Lächerliches hat, sondern sic ist erhaben-tragisch, sie entstammt dem deutschen metaphysischen Triebe, dem Absoluten, sie zielt, wie alles bei dem Dichter selber, auf das Ende und den Tod, auf jenes Ende, das in der Vollendung, das buchstäblich in dem tiefen deutschen Sinnwort Voll-Endung liegt
So kommt es nicht darauf an, ob Kätchen und Graf Strahl im einzelnen glaubhaft oder gar unserer Zustimmung wert sind, sondern auf das eine in Kätchen verköperte Gefühl der weiblichen Liebe, die jede Prüfung besteht, und aus die im Grasen Strahl verkörperte männliche Härte die zuletzt an jener Liebe schmelzen muß; das ist wie im Märchen, und schon damit ist die ganze deutsche Zauberwelt der Romantik beschworen, die uns dann ganz wie ein Märchenspiel und Volkslied umfängt. In der Gestalt der Penthesilea werden Liebe und Vernichtung, Leben und Tod eines in grauenvoll süßer Hochzeit. Die Hermannschlacht ist m ihrer Rüstung und blutigen Pracht nicht aus bloßem „Patriotismus" geboren, sondern aus dem bewundernden Haß ihres Schöpfers, der lange Zeit damit umging, den Feind und Eroberer seines Vaterlandes mit eigener Hand zu töten, und der sich mit diesem Haß auf seinen einzigen ebenbürtigen Gegenspieler warf. Daß Kleists Heldenbegriff nicht der landlausige ist, zeigt am besten der Prinz von Homburg, der nur, weil or £*“1 Todesfurcht kennt und — sie überwindet, zum Helden wird.
s- s tolägt der Dichter in dieser mit der Rettung des Lebens endigenden Tragödie, darin das nüchterne militärische Preußentum zum Mythos wird, einen wunderbaren Bogen zwischen Gesetz und freier Xat, Die erst wahrhaft getan ist, als in dem persönlichen Opfermut des Prinzen das Gesetz wie eine Blüte ausgeht. Prinzessin Natalie aber sagt:
„Das Kriegsgesetz, das weiß ich wohl, soll herrschen, Jedoch die lieblichen Gefühle auch."
Das ist Kleists doppelte Melodie von der Vollkommenheit der doch so gebrechlichen Welt! Schwertschlag und Nachtigallengesang mischen sich in ihr wie nirgendwo.
Wie hätte dieser Dichter mit dem „Amphitryon" anders ein „Lust- piel nach Moliöre" schreiben können, als indem er die irdische Treue ich noch in den Tiefen der Untreue als Unschuld bewähren läßt, daß sie agar den Gott, der zu verführen glaubte, beschämt? Im Kohlhaas hat Kleist seine absolute Welt am starrsten oerleiblicht, in jenem Verbrecher aus Gerechtigkeit, der heiter die Todesstrafe empfängt, als seine ihm widerrechtlich genommenen Rösser, um die er Städte in Asche legte, wieder aufgefüttert und wieder sein geworden sind ... Auch in feinen anderen Erzählungen bis zu den kleinsten Anekdoten ist er groß, und am größten in der Novelle von der „Marquise von O", darin Sensation, Hintertreppe, Kolportage durch Meisterschaft überwunden und der trübste Stoff durch die Form zu reinster Flamme verbrannt wird.
Es gibt eigentlich nur zwei Formauffassungen: eine von der größten und eine von der kleinsten Einheit. Wenn wir in der Wissenschaft vom Menschen wieder langsam von der Theorie der Zelle zum Organ gelangen — wie sollen wir jedoch ohne den Dichter weiter wieder zum ganzen Menschen kommen, ohne doch, was wir nicht mehr dürfen, den Gewinn der Analyse preiszugeben? Aber die Dichter haben ja sogar in unserer Sprache die Periode durch den kurzen Satz verdrängt und selbst diesen noch durch Punkte, die keine Schlußpunkte sind, in seine Teile zerlegt. Kleist scheint ein drittes Formprinzip entdeckt zu haben, und vielleicht ist schon darin jene „zweite Unschuld". Er zerspellt und atomisiert auch, allein er überbaut die zerschlagenen Teile, die Sätze rollen und werden zu unzerreißbaren Satzketten, er schmilzt die Splitter und bringt sie feuerflüssig wieder zu einander,
„Das Erdbeben in Chili" beginnt: „In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronirno Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken." Und nun holte der Dichter die ganze, diesem Anfang vorausgegangene Geschichte nach, schlingt in diesen einzigen, gleichsam stehen bleibenden Satz mit einer riesigen saugenden Bewegung auf einer einzigen Seite einen ganzen Roman zurück und fährt dann, wieder beginnend oder vielmehr noch immer im Beginne, mit einem einzigen weiteren Satze die wunder- mäßige Befreiung des Gefangenen vollziehend, fort: „Eben stand er, wie schon gesagt, an einem Wandpfeiler, und befestigte den Strick, der ihn dieser jammervollen Welt entreißen sollte, an eine Eisenklammer, die an dem Gesimse derselben eingefugt war, als plötzlich der größte Teil der Stadt mit einem Gekrache, als ob das Firmament einstürzte, versank und alles was Leben atmete, unter seinen Trümmern begrub "
So ist auch Kleists Dichterwelt und Dichtersprache vorn Erdbeben erschüttert und zum Wanken gebracht, aber noch das Stürzende hält er auf, noch die Trümmer fügt er in schwebenden Wölbungen ineinander, und eine rasende Bewegung baut und türmt den feuerspeienden Zusammenbruch. Mag auch sein Höchstes und Letztes, der „Robert Guis- card", und sein eigenes Leben, beides von ihm selbst zerstört, darüber zugrunde gehen. Was hier zugrunde ging — wer vermag zu trennen, was daran persönliches Verhängnis, was Schaffenstragik, was Verhängnis, des Vaterlandes war, dessen Sänger er sich nennen durste, und in dessen tiefster Not und Erniedrigung er „die Leier tränend aus den Händen legte", selber mit feinem Liede endend?
Auf der Kurischeu Nehrung.
Von Dr. Martha Resch.
Die „Kurische Nehrung ist so merkwürdig", schreibt Alexander ewn Humboldt, „daß man sie eigentlich ebenso gut wie Spanien utb Italien gesehen haben muß, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll." Ja, es ist in der Tat ein „wunderbares Bild", das dieses eigenartige Stück Erde dem sie durchstreifenden Wanderer schenkt. Kilometerlang zieht sie sich zwischen Haff und Meer dahin, ein schmaler Streifen Sand, auf dem die Dünen nach Osten wandern und wenn ihre durchschnittliche Jahresgeschwindigkeit etwa 5 bis 7 Meter auf den ersten Blick gering erscheint, so haben sie doch schon ganze Dörfer, grünende Felder und Wälder unter sich begraben, und erst nachdem Jahrhunderte darüber hingegangen sind, werben oft die alten Hausfundamente und Kirchhöfe wieder aufgedeckt.
Von erhabener Einsamkeit und von fremdartiger Schönheit ist die Wunderwelt dieser Wanderdünen, der höchsten Europas, die ihre breiten Rücken, auf Kilometer hinaus kahl und pflanzenlos, 50 bis 60 Meter hoch gen Himmel wölben. Weit umspannt der Blick von hier das silber- graue Haff und fein jenseitiges Ufer mit den Wäldern und malerischen Gehöften der Heydekruger Gegend, weiße Wolken und blaues Meer mit blitzenden Schaumkronen.
Aber auch das mit Gras und dürren Kräutern bestandene „Kuppsten- terrain" ist von eigenartigem Reiz oder die sich flach am Haff hin- Ziehende, mit Kriechweiden und Heide bewachsene Palme, die sich hell gegen den flechtenbehangenen Nehrungswald absetzt. Mit dunklen Föhren steigt er die hohen Dünenwälle hinauf, mit Erlen und Birken umkleidet er die Bruchwiesen und Moorlöcher, wie sie bei Drei! und Perwelk, den weltabgeschiedenen Nehrungsorten, gar nicht selten.
Dem Memeler Tief gegenüber liegt auf einsamer Waldwurst der historische Sandkrug. Stille schilfbewachsene Buchten vor schweigendem Forst sind das Kennzeichen von Schwarzort. Freier, offener auf einer vorspringenden Landzunge liegt Rossitten, das Paradies der Vögel, und es ist, als ob sie davon wüßten, so zutraulich und natürlich zeigen sie sich dort und erfreuen mit dem lautesten und eindrinalichsten Gesang und Gezwitscher, wenn sie in dichten Schwärmen am Himmel flattern; denn die Nehrung, dieser schmale Streifen einsamen Landes


