Ausgabe 
22.6.1936
 
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die Vergangenheit wieder die Gegenwart ab. Vor die großen Kulissen der Geschichte, die sie eben durchwandert hatten, schob sich unvermerkt das ferne Leben, dem sie einst Hintergrund und Umwelt gewesen waren. In Oliva hatte der Doktor vergebens versucht, sich den Großen Kur­fürsten oder den Schwedenkönig oder ihre Gesandten vor dem stillen Schloß vorzustellen. Hier sah er auf einmal ohne Mühe die Ahnfrau durch die engen Gassen wandern, zur Mutter Gottes emporblicken und in deren toten Augen vergeblich einen Halt suchen in dem seltsamen Schicksal, das sie vielleicht hierher in die kleine, verlassene Stadt getragen hatte.

Also du meinst Insterburg", sagte er unvermittelt.

Der Pfarrer nickte; der Sprung der Gedanken war ihm nicht fremd. Fahr doch mit dem Dampfer übers Haff nach Königsberg. Du siehst Kaiberg, siehst die Höh' von weitem mal wieder, kommst nach Pillau, und Zeit hast du ja bei dem Wetter!"

Der Doktor sah ihn nachdenkend an:Und denn?" fragte er, unwill­kürlich in die landesübliche Ausdrucksweise gleitend.

Denn sährsts nach Insterburg, siehst zu, was du ausfindig machst, gehst allen Spuren nach, und denn kommste zurück und erzählst", fetzte der Pfarrer mit einem hübschen Lächeln hinzu.

Wie lang fährt der Dampfer?" fragte der Arzt. Der Haken hatte gesessen.

'n ganzen Tag", sagte der Pfarrer.Js kein eleganter Kahn, ganz alter Kasten, noch aus der ersten Zeit der Dampfschiffahrt. Aber es lohnt sich."

Der Doktor bestellte sich ein zweites Hellesdas Bier ist ausge­zeichnet" und einen Werderkäse dazu.Ich glaub', ich tu's."

Der Pfarrer zündete bereits seine Zigarre an.Hätt'st du dir früher nicht träumen lassen, daß du noch mal deinen Ahnen nachlaufen würdest."

Der Doktor nickte.Aber es ist gut; nur daß man auf solche Dinge dabei stößt, wundert einen" und er sah in Gedanken wieder die schmale, schlanke Gestalt der Ahnfrau langsam unter dem Schloß am Nogatufer entlanggehen, zwei Falten in der Stirne und die Augen wie suchend in die Ferne stromaufwärts gerichtet. Und er beschloß, bevor er nach Insterburg ausbrach, noch einmal nach Zoppot zu fahren.

Die Rückfahrt nach Danzig nahmen sie über Neukirch und die Weichsel­fähre bei Ladekopp. Die Burg versank rasch hinter ihnen, die Berge um Danzig stiegen mit zarten Umrissen wie duftige Schatten ins Licht; aber die Eibinger Höhe drüben lag lichtblau mit hellen Feldern und dunkeln Waldflächen in sehnsüchtiger Klarheit über dem weiten Werder, mit so viel sommerlich lockender Schönheit, daß der Doktor einmal sagte, man bekäme ordentlich Lust, gleich hinzufahren. Aber der Pfarrer bedauerte; der Wagen mühte zurück; er würde um fünf Uhr schon wieder in Danzig gebraucht.

An der Weichsel muhten sie ein Weilchen warten: die Fähre fuhr gerade vollbeladen zum jenfeitigen Ufer. Die Landschaft hatte sich gegen den Morgen völlig verändert: das Oestliche des Blicks stromaufwärts war gewichen. In majestätischer Ruhe tarnen die mächtigen Gewässer heran­gerollt; aber das Licht des Nachmittags goß einen Schimmer von zärt­licher Farbigkeit über Land und Strom. Die Mittagshelle begann gerade zu verebben: etwas von stiller Heiterkeit lag über der Welt, und das leise Rauschen des Wassers klang wie tröstliche Verheißung herauf. Im Norden über der See hatte der Himmel einen lichten Schein, war er wie durchsichtig; im warmen Wind, der mit leichtem Wehen durch die silbernen Pappeln unten am Damm ging, war etwas von Sommer und erster Ernteahnung, und über den dunkeln Flecken der Gehöfte und den hellen Weiden an den Wegen leuchtete ganz ferne da und dort warm und doldig noch ein Stückchen der Höhe am Haff herüber, so daß der Doktor wieder ganz sehnsüchtige Augen bekam.

Am Danziger Hof verabschiedeten sie sich. Der Doktor notierte die Adresse des Pfarrers und versprach zu schreiben, wenn er wieder käme. Er bedankte sich aufrichtig für die empfangene Hilfe; er schwenkte noch einmal grüßend seinen Hut, dann war der Wagen um die Ecke ver­schwunden. Georg Ebener ging in fein Fürstenzimmer, wusch sich, zog sich um und fuhr wirklich nach Zoppot. Er durchwanderte wieder Strand und Anlagen, Straßen und Cafes, genau (8 vergeblich wie beim erstenmal. Am Abend aber verlor er nicht wieder seine frisch gewechselten Gulden, sondern saß droben im Cafe am offenen Fenster, hörte in den Pausen der Musik das leise Rauschen der See und das Klatschen der kleinen Wellen am Steg, sah ferne Raketen auffteigen, die ein paar Unternehmungs­lustige vorn am Landungsplatz samt ein paar blauen und roten Leucht­kugeln abbrannten, obwohl es erst Juni war. Der Mond schien hell im Blauen, und der Doktor sand, daß das Leben außerhalb von Sprechzimmer und Klinik doch eine merkwürdig melancholische Angelegenheit wäre. Als er sich aber dabei ertappte, daß er anfing, mit seinem Bleistift, statt An­sichtskarten zu schreiben, schön geftfjroungene Initialen, vor allem lateinische R's und M's auf die Rückseite der Speisekarte zu malen, da zahlte er und brach schleunigst auf. Das ging denn doch über seine naturwissen­schaftlich abgeklärte Lebenssphäre hinaus.

*

Der Dampfer war wirklich nicht sehr elegant. Er war ein biederer, alter Raddampfer;Gustav Fechter, Königsberg" stand auf einem kleinen Metallschild an der Maschine. Man hatte ihn frisch gestrichen, um Jugend vorzutäuschen; das Asthma seiner Tätigkeitsgeräusche aber hatte etwas beruhigt Abgeklärtes, das keine Angst vor Extravaganzen etwa von Rekordversuchen aufkommen lieh. Es klingt wie dumpfe, langsame Herz­töne, dachte der Doktor; aber es paßte ausgezeichnet zu der Landschaft, durch die der nur wenig besetzte DampferCito" hieß er, als wollte er sich gebildet selbst ironisieren gemächlich und ohne Hast dahinglitt.

Die Stadt blieb bald zurück. Noch einmal grüßte das Krantor malerisch und majestätisch zugleich im hellen Morgenlicht die Fahrt begann früh um sieben Uhr, noch einmal hob sich der Turm von Sankt Marien schwer und leuchtend über die schmalen Giebelhäuser an der Mottlau dann nahm die Weichsel sie auf. Wundränder der Vorstädte zogen vor­

über, kleine Bootswerften, Spielplätze; schließlich kam die Straße, die sie tags zuvor gefahren waren, die hohen ragenden Bäume zur Rechten, begann zur Linken langsam aus dem Werderland Nehrungsland zu steigen.

Der Doktor hatte sich einen Platz am Ende des Schiffes gesucht; da saß er zwar unter einem Sonnensegel und hatte keinen Himmel über sich; aber die Landschaft, die hinter ihm zurückblieb, lag in strahlender Farbigkeit, während sie vorne, bet der Fahrt gen Osten, gegen die Sonne, in blendender Farblosigkeit heranrückte. Das Wasser unten glitt mit lautem, einschläferndem Rauschen zurück wie die Gegend, die trotz der langsamen Fahrt seltsam schnell Ferne wurde. Georg Ebener, über dem noch eine leichte Morgenmüdigkeit war, faß in seinem Mantel dicht über dem Rauschen, lieh die schwarzweißrote Fahne mit dem leicht zer­schlissenen Rand dicht über seinem Kopf im Fahrtwind flattern und sah gedankenlos den großen, schönen weißen Wolken zu, die heute den blauen Himmel schmückten und sich gewölbt verbogen in den Wellen spiegelten, die die Räder des Schiffes hinter ihm zurückließen.

Dort hinten liegt Zoppot, dachte der Doktor und sah nach den fernen Höhen, die im duftigen Blau ihrer Wälder über der versinkenden Stadt aufwuchsen. Aber für Gefühle war es noch zu früh. Daß er um dieselbe Zeit vor drei Tagen in Zoppot angekommen war, hatte er bereits vergessen.

Eine Weile sah er dem Spiel der Sucht zu, wie die Wasser am Ufer sich erst leicht senkten und dann zu einer Welle anftiegen, die zu­weilen sogar, wie eine richtige Woge sich überneigend, schaumgekrönt am Fuß des Dammes entlangrauschte, Schilf und Rohr beugte und Enten und anderes Gelier zu rascher, indignierter Flucht nötigte. Ohne zu denken ließ er (eine Augen mit dem Wasser mitlaufen, schenkte dann und wann einmal einem Haus, einem Fischerboot einen Blick, um bald wieder zu seiner Welle zurückzukehren. Sie paßte am besten zu feiner Morgenfaulheit.

Erst nach einer langen Weile erhob er sich und ging langsam auf das Vorderschiff. Es roch nach Del und Dampf und anderen Ingredienzien der christlichen Seefahrt; als er dann aber vorn an der Spitze des Dampfers stand, lag eine Landschaft vor ihm, über der er sehr bald auch den letzten Rest feiner Müdigkeit vergaß. Der breite Strom zog hell im Sonnenschein dahin. Seine Ufer säumten alte Weiden, deren silberne Blätter fast farblos im Licht standen. Vom Land jenseits der Dämme sah er nichts; nur vorne zur Rechten hoben sich schattenhaft schon die Höhen von Elbing heraus. Der Tag war strahlend und blau; das Biih der Landschaft aber hatte in all dem Licht noch einmal etwas von der Melancholie des Ostens, die den Menschen klein werden läßt in der leeren Unendlichkeit ihres Raumes. Der Doktor stand vorne auf einem Dampfer, der außer ihm noch allerhand Menschenvolk trug, wenn auch nicht allzu­viel; er stand zugleich allem, mitten im Raum über einem breiten, immer breiter werdenden Fluß, den Weiden und bräunlich grünes Schilf ein­faßten: er hatte Land und Stadt und Heute hinter sich gelassen und fuhr hier in die Verlassenheit der Erde und des Wassers hinein. Das dumpfe Stampfen der Maschinen fern hinter ihm klang wie ein letztes Grüßen aus den Ländern der Menschen.

Dieser Eindruck auf den Doktor Ebener war sehr stark, obwohl er sonst selten auf Landschaften zu achten pflegte, die das Auto immer so rasch hinter sich ließ. Aber saft zusehends wandelte sich dieser Eindruck, löste sich auf und glitt zur leichten Ueberraschung des Arztes in einen ganz anders gearteten hinüber. Die Weiden blieben zurück, die Ufer senkten sich, grüne Schilf- und Binsenwälder wogten auf beiden Seiten im Morgen­wind; dann entschwebten auch sie, und vor dem erstaunten Auge öffnete sich hell und strahlend eine riesige Wasserfläche das Frische Haff. Im Widerschein der morgendlichen Sonne lag es lichtglänzend vor dem Schiff, dessen Rhythmus bei seinem Anblick wie von selbst schneller ge­worden war: zur Linken zog sich der dunkle, kiefernbewaldete Streifen der Nehrung mit leichtem Schwung in eine größere Ferne zur Rechten stieg über Schilf und Binsen lichtüberrieselt immer deutlicher das Hohe Land von Elbing in den Morgen, ein schimmernder Schattenriß, an dessen Fuß das Wasser wieder in eine ferne Tiefe des Raumes gesogen wurde, über der weit hinten als Abschluß eine helle Rauchwolke schwebte. Elbing lag dort.

Der Doktor Ebener holte sich einen Klappstuhl und feine Sachen und machte es sich auf dem kleinen dreieckigen Platz vorne neben dem Trink- wasserfaß bequem. Die Sonne schien hier von keinem Segel behindert; aber von Zeit zu Zeit glitt von rückwärts einer der Wolkenschatten, die wie wunderlich bräunliche Flecken über das helle Haff liefen, auch eine Weile über den Dampfer hinweg. Der hielt ihn sogar, da er auch mit dem Westwind suhr, länger fest, als die ruhende Landschaft rings bas vermochte; so daß der Doktor auf seinem Stuhl, an das hellbraune Faß gelehnt, hörte das teile Rauschen der Bugwellen unter sich und fern in seinem Rücken das Stampfen der Maschinen; der Fahrtwind ging mit leichtem Wehen gegen den Westwind an seinem Kopf vorüber, und er fuhr durch die Helle, heimatliche Landschaft, als sei er der einzige Mensch weit und breit.

Cs war heimatliche Landschaft für ihn. Dort drüben, da oben, bei­nahe auf dem höchsten Punkt der Bergwand zur Rechten, die schnell näher kam, lag Schönwalde. Das Gut gehörte, als er in Danzig zur Schule ging, feinem Onkel, der bei den Husaren in Langfuhr Rittmeister ge­wesen war; wieviele Ferien hatte er dort oben in dem schönen alten Haus zugebracht. Er hob sein Zeißglas und suchte die lichte Wand da drüben ab. Aber in dem blaugrünlichen Kreis zogen nur Felder, Wald­stücke, kleine Gehöfte, hoch droben auch einmal eine Mühle, ein Kirchturm vorüber. Ob das Lenzen war? Da war er als Junge von Schönwalde aus oft gewesen; aber er wußte es nicht mehr. Das Land der Jugend war ihm entglitten in der langen Zeit des Fernseins. Wenn er es wieder besitzen wollte, mußte er ihm wohl nachgehen, wie er den Spuren der Ahnfrau nachging. Vielleicht war das sogar etwas ganz Aehnliches.

(Fortsetzung folgt.)