Eichener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1956 Montag, den 22. Juni Kummer 47
Oie Fahrt nach öer Ahnfrau
Erzählung von Paul Fechter
Copyright 1935 by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
(3. Fortsetzung.)
„Das' 'n Roman", sagte ablehnend der Arzt. Der Pfarrer nickte: „Jewiß, es kommt aber auch in der Wirklichkeit vor. Du kannst ja versuchen, es nachzuprüfen: wenn dieser Johann Benedikt — ein schöner Name übrigens — ein Großonkel von dir war oder hätte werden können, so muß er entweder in Danzig, wenn er noch dort geboren ist, oder zum wenigsten hier in Marienburg festzustellen sein. Du weißt ja sogar seinen Jahrgang. Wenn wir den finden, sehen wir schon viel klarer."
Der Doktor nickte, etwas verstimmt durch die Tatsache, einer Familie anzugehören, in der offenbar nicht immer alles glatt gegangen war. „Die Hauptsache ist — wo kam sie her? Was sie erlebt hat, ist weniger wichtig."
Der Pfarrer lächelte auf seine stille Art: „Ein bißchen geht es dich doch auch an", sagte er. „Etwas von dem Stolz, den Frau Regina gehabt zu haben scheint, lebt doch in dir fort, nicht?"
Georg Ebener sah mit leichtem Erstaunen in das schmale Gesicht des Jugendgefährten) dann nickte er langsam: die Konsequenzen der Ahnen- uche beunruhigten ihn sichtlich. Schließlich fragte er, was er weiter un sollte. Der Pfarrer riet ihm, erstens in Danzig noch einmal zu ragen, eventuell auch hier nachzuforschen, ob eine Eintragung des Kindes Johann Friedrich Benedikt Ebener bei seiner Geburt vorhanden war, um dann nach Insterburg zu fahren, um dort den Vorfahren der Regina Katharina Müller auf die Spur zu kommen.
Der Doktor machte ein bekümmertes Gesicht; er hatte sich seinen Ritt nach Ostland weniger arbeitsbelastet vorgestellt. Aber der Pfarrer lächelte nur von neuem, zog seine Zigarrentasche und hielt sie Herrn Koslowski hin, der, mit dem Versprechen, ihn abends nach dem Dienst zu rauchen, seinen Anteil am geistlichen Tabak sorgfältig in der Brusttasche barg und dann hoffnungsvoll auf den Doktor sah. Der zog es aber vor, sich mit einem durch ein Markstück geschmückten Händedruck von dem würdigen Manne zu verabschieden.
*
Sie gingen durch den Markttagslärm der kleinen Stadt, vorüber an Kartoffelwagen und Eierkörben, spärlichen Blumenständen und reglos in der Sonne hockenden Frauen mit schwarzen Kopftüchern — und auf einmal ragte vor ihnen die leuchtend rote, hohe Wand des Schlosses auf. Sie umschritten die Mauer über dem Graben — und riesenhaft hob sich, schon im Schatten ihrer Nische, die gewaltige Gestalt der Mutter Gottes am Chor der Schloßkapelle in den hellen Tag, mit ihren großen, wunderlich seelenlosen Augen wie vor Jahrhunderten über die kleine Stadt zu ihren Füßen fort in die Ferne nach Osten starrend. Aus der sauberen, neuen preußischen Gotik hob sich in dieser ragenden Gestalt etwas Fremdes, Geheimnisvolles: Georg Ebener mußte an die Weichsel denken, wie sie da in ihrer gewaltigen Breite, mit der gleichmäßig gefühllosen Mächtigkeit ihres Ganges aus der lichtflimmernden Weite kam — erster Bote des Ostens, den die toten Augen der Madonna ebenfalls zu suchen oder zum wenigsten zu erwarten schienen.
Sie gingen weiter bis zum Eingang, schritten über die Zugbrücke unter dem hohen Tor hindurch, standen im mittäglich leeren Hof, in dem der junge Rasen um den Brunnen grünte und die Schatten tiefschwarz m die roten Mauern schnitten. Die Verkaufsstelle der Besucherkarten war geschlossen.
_ Pfarrer zog seine Uhr, es war halb eins. „Würdest du gern das Schloß sehen?"
Der Doktor sah mechanisch auf seine Armbanduhr. „Gott — der Remter. Aber es scheint nicht zu gehen."
... Malletke lächelte: „Warte mal? Er verschwand im Schloß, der Doktor horte eine Tür gehen, hörte sprechen; dann trat der Pfarrer wieder heraus und sagte: „Komm!"
In der Hand hatte er ein paar große Schlüssel.
„Sie saßen gerade beim Essen", sagte er wie entschuldigend, „aber sie kennen mich, und du willst ja nicht alles sehen."
Durch hallende Gänge, über Treppen, um die noch winterlich kalte r.usl war, stiegen sie hinauf, und auf einmal standen sie im Sommer-
» d" Meisters, in dem wunderbaren Raum mit der einen dunkeln, p',®. Saute in der Mitte, aus der das lichte Gewölbe wie eine leichte, riesiae, von unten gesehene Malvenblüte sich entfaltet. Draußen vor den hohen Fenstern lag fern der Tag: nur eine Scheibe war unten geöffnet und ließ den Blick hinabgleiten über den Strom in das weite,
sommergrüne Land, aus dem vor Jahrhunderten die Kugel gekommen war die noch jetzt, frisch schwarz gestrichen, den Fenstern gegenüber oben in der Wand saß.
Unwillkürlich sahen sie beide zu gleicher Zeit dorthin. „Es war doch gut, daß das nicht glückte", sagte der Doktor. „Wenn die polnisch« Kugel die Säule getroffen hätte —
„Die Geschichte wäre wohl auch nicht viel anders verlaufen" meinte der Pfarrer.
„Aber dies alles wäre zerstört", sagte der Arzt.
Der Pfarrer lächelte wieder. „Jewiß, aber man hätte es ebenso oder anders wieder aufgebaut. Als nach 1772 die Preußen kamen, wurde viel mehr von dem alten gotischen Erbe zunichte gemacht — und später Hal man 5 doch wieder restauriert."
Georg Ebener fragte zweifelnd, ob der Alte Fritz wirklich soviel ab- gerissen hatte. Der Pfarrer zuckte die Achseln. „Stell dir mal die Zeit oor e‘n armes Land, das vor kaum zehn Jahren einen siebenjährigen Krieg abgeschlossen hatte; einen König, dem alle Gotik noch viel mehr Greuel “ar £(5,.?.eem Geheimrat Goethe, und der trotz all seinem Sinn für Kunst ein Politiker war, das heißt, an das Leben dachte. Arbeitsraum für hundert arme Weber war ihm viel wichtiger als eine ganze alte Burg Er war nicht sentimental, und mit Kunst und Geist hat Preußen sich von Staats wegen überhaupt nur einmal abgegeben — nach Tilsit, als Schenckendors fernen bösen Aufsatz über die Barbarei hier schrieb und damit dies Schloß rettete.
3n dem Doktor regte sich Widerspruch. „Die Preußen haben die Burg auch wieder zurechtgemacht", sagte er vorwurfsvoll. Der andere nickte- „Es gibt viele, die behaupten, sie hätten es lieber lassen sollen."
©eorg ebener widersprach: man könne doch das Alte nicht einfach verfallen lassen. Der Pfarrer schwieg, öffnete eine kleine Tür und winkte- „Komm!
Wieder Gänge, wieder Treppen, und bald standen sie in einem neuen, langen Saat, der hatte neue bunte Fenster, die Wände und Teile der Bogendecken waren bunt bemalt, von dem Gewölbe hingen Kronleuchter aus Hirschgeweihen herab. Schwere, lange Tische standen auf dem bunten Stetnmo aitfufjboben, und schwere Schränke ragten an den Wänden. „Wie gefallt dir das?"
Der Dakar nickte: „Sehr hübsch. Wie in Nürnberg ober auf der Wartburg.
Der Pfarrer lachte. „Siehst du — aber nicht wie in Marienburg. Das ist nicht Ordensgotik, sondern Butzenscheibengotik — beinah' Ratskeller. Hier ist nichts mehr von Geschichte wie oben im Sommerremter "
Aber der Doktor widersprach von neuem. Das hätte er schon oft ge- h°", und das fei ja auch ganz gut; aber wenn es auch mehr Stil 1900 als Shl 1400 ober fo fei: in hunbert Jahren sei unsere Zeit auch Geschichte, unb man nehme dies alles hin als alt, wenn auch nicht als (0 alt. Er könne bas nicht einfehen.
Der Pfarrer nickte, bas hätte allerhanb für sich. Aber nun wollten sie weiter; sonst kämen sie zu spät nach Danzig zurück.
Sie wanderten durch den hallenden Kreuzgang, vorüber an der Tafel, beren alte Inschrift um ben ermorbeten Hochmeister Werner von Orseln klagte, treppauf unb treppab, burch die Küche unb bie Schlassäle ber Ritter, unb schließlich ftanben sie in ber Kapelle. Golbenes Licht füllte den Raum, in dem auch viel neuer Glanz war. Aber als sie in ber Sankt-Annen-Kapelle an bie schlichte Grabplatte traten, beren Inschrift melbete, baß hier ber ehrwürbige Bruber Hinrich von Plawen ruhte ba verwehte die Zeit, unb Geschichte stieg auf, hart unb voll von Vorwürfen für bie eigene Welt, die diesen Mann, der den Osten gerettet hatte, erst nach langen Umwegen unb langer Not hier in ber Burg zur Ruhe kommen ließ, die ihm noch einmal die Bewahrung ihres deutschen Daseins verdankte.
Der Doktor wunderte sich, wie vertraut ihm die Geschichte des Komtur« von Schwetz noch war. „Lag er nicht zuletzt in Lochstädt?" fragte er mit einem Anklang von Sachverständnis.
Der Pfarrer nickte: „Du hast deinen Wichert gut gelesen."
Da lachte ber Doktor unb gab bie neue Rolle roieber auf. Schließlich tarn er aus Berlin unb war Mebiziner.
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Im „König von Preußen" aßen sie zu Mittag. Mit Mühe fanben fte noch einen freien Tisch; überall saßen Gäste, Einheimische, Frembe. Der Doktor sah sich mit einiger Verwunderung um. Der Pfarrer klärte ihn dahin auf, das bie Werbung für ben Osten, bas Tannenberg-Denkmal, bie neu erwachte Symbolwirkung ber Marienburg eine Menge Besucher aus dem Reich heranzögen. Die Hotels hier wären ben ganzen Sommer hindurch gut besetzt unb wären badurch auch viel besser geworden als früher.
Das Essen und das Bier — Elbinger Englischbrunner — bestätigten feine Behauptung. Aber zugleich löste im ruhigen Sitzen unb Warten


