Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot.-Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Duch. und Eteindr uckerei. R. Lange, Sieben.
Cr nickte kaum merklich zu der Meldung des Leutnants. Er sagte ruhig: „Sie packen Ihr Zeug, nehmen die Offiziersjolle und melden sich beim Kapitän des .Zephir'! Diesen Brief geben Sie abl" — „Zephir", das war die Fregatte, die auf Station in Westindien bleiben sollte.
Langsam, bedrückt ging Philipps durch das leise sich wiegende Schiff. Er nahm Abschied von den Kameraden, packte seine Sachen, rief die Jolle ans Fallreep.
Auf Quarterdeck des „Zephir" stand Kapitän Wood und sah zu, rote sein Erster die Ankergasten ans Gangspill pfiff. Er war untersetzt, breit, beinahe dick. Doch man sah es ihm an, daß ihm der Wind aller Meere um die Ohren gepfiffen hatte, und er sein Handwerk verstand.
„Da sind Sie ja, Philipps", lachte er und hielt dem Leutnant die Hand hin. „Wohl ein bißchen marode, daß Sie der Hardy hier in Westindien läßt? Machen Sie sich nichts draus! 'n Schiff ist der olle „Zephir" schließlich auch. Sie haben ein Dienstschreiben? Geben Sie her!--
Eben ging drüben auf dem Admiralsschiff ein Signal hoch. Von allen Rahen der Flotte fiel das weiße Tuch, flatterte knatternd im Winde, üllte sich und stand dann prall und rund in der Sonne.
Eine Stunde später glitt auch der „Zephir" aus dem Hafen von Fort de France. Er ging nach San Domingo. —
Sechs Wochen blieb der „Zephir" in Westindien. Dienst gab's wenig. Dafür Tanz und Landausflüge. Ließ sich eigentlich recht gut an, diese Strafversetzung! Nur schade, daß man nichts von Nelsons Flotte Hörtel
Eine Woche, ehe der erste Postsegler fällig war, ging der „Zephir" wieder in See. An einem strahlenden Morgen lief die Fregatte in Kapstadt ein. Am Nachmittag bat Leutnant Philipps um Landurlaub. Kapitan Wood sah ihn an, sagte „tio!" und verschwand brummend unter Deck. Philipps zuckte die Achseln. War eine Seele von einem Menschen, der Alte, aber manchmal schon verdammt wunderlich.
Auch am zweiten und dritten Tage sagte der Kapitän nichts als „no! .
Was der Käpt'n nur hatte? Er hatte ihm doch, weiß Gott, nichts getan. Philipps ging ick die Messe, um seinen Aerger beim Zeitungslesen zu vergessen. Aber Zeitungen lagen keine auf. Merkwürdig! Erst zu Mittag hatte doch das Postboot einen Pack Zeitungen gebracht. Mit der ersten Post, die die Fregatte seit Fort de France erhielt.
Da rief ihn der Kapitän an: „Kommen Sie mal mit, Philipps! Es klang gröber als es wohl sollte. In seiner Kajüte blieb Kapitän Wood mit einem Ruck vor dem Leutnant stehen. „Werden sich gewundert haben, Herr, über mein ewiges ,no!‘. Kann's nicht ändern. Haben ja selbst gesagt, daß Sie von England nichts mehr hören wollen. Kann ich dafür, daß Sie ein Narr waren und der Hardy ein Satan ist?"
Jetzt wußte Leutnant Philipp, warum die Kameraden schwiegen, wenn er von England zu reden begann.
Um Landurlaub bat er nicht mehr. Hätte ihm auch wenig geholfen! Kapitän und Kameraden blieben freundlich und zuvorkommend. Nur von England sprachen sie nicht. Briefe und Zeitungen bekam er keine. Selbst der Bordbarbier, dem der Schnabel klappernd wie seine Schere ging, redete von Gott und der Welt, nur nicht vom Königreich.
Nach zwei Jahren ging der „Zephir" von Bombay aus in die Heimat zurück. Nur Philipps blieb. Er kam als dritter Offizier in das neue Stationsschiff. Sonst änderte sich nichts. Nie fiel in seinem Beisein em Wort über England. Nie lag in der Messe eine Zeitung oder eine Zeitschrift auf. Nie erhielt er einen Brief.
Schiff um Schiff kehrte nach zwei, nach drei Jahren nach England zurück. Nur Philipps blieb. Auch die neuen Kameraden waren zuvorkommend und liebenswürdig. Sooft er aber den Kapitän eines neuen Stationsschiffes, von leiser Hoffnung getrieben, um Landurlaub bat, erhielt er als Antwort, je nach Temperament des Gefragten, ein grobes, sanftes oder verlegenes „No!" —
Fünfzehn Jahre vergingen so. Da kam wieder, diesmal mit einem Linienschiff, Kapitän Wood auf Station. Aber wenigstens hatte das leidige Auf-der-Reede-liegen ein Ende. Das Linienschiff hatte den Auftrag, die Goldküste von Piraten zu säubern. Kapitän Wood begann für Philipps zu hoffen. Nach einer tapferen Tat des Leutnants würde wohl auch die Admiralität ein Einsehen haben.
Vor Santa Isabel auf Fernando Poo kam es an einem Nachmittag zum ersten Gefecht. Ein amerikanischer Pirat, dessen Ausluger wohl berauscht in den Marsen schliefen, segelte, aus Santa Isabel auslaufend, dem Linienschiff vor den Bug. Zwei Breitseiten des Engländers brüllten auf, dann kam es zum Entern. Seinen Leuten voran sprang Leutnant Philipps auf das Deck des Korsaren. Ein Pistolenschuß warf ihn zurück.
Am Abend lag er bleich, mühsam atmend in seiner Kammer. „Zwei Stunden noch — vielleicht!", meldete der Schiffsarzt dem Kapitän, als dieser nach dem Befinden des Leutnants fragte.
Langsam ging Kapitän Wood in die Kammer des Schwerverwundeten. Er legte seine sjZranke aus die wachsgelben Hände des Leutnants, fragte freundlich: „Was kann ich für Sie tun, Philipps?"
„Sie dürfen ja nicht, Kapitän!", antwortete der Leutnant leise und sah gegen die Balken der Decke.
„Was darf ich nicht, Philipps?"
„Mir von England erzählen, Kapitän." Tränen rannen über fein weißes Gesicht. . .
Da verschluckte Kapitän Wood einen Fluch. Ob er es durfte, wußte er nicht. Cs scherte ihn auch nicht. Er zog einen Stuhl ans Bett, setzte sich, nahm wieder die eiskalten Hände des Leutnants in seine und begann zu erzählen. Leise, wie eine Mutter zu ihrem Kinde spricht, das schon die Augen zum Schlafe schließt. Er erzählte von Trafalgar, von Nelsons Ruhm und Tod, von Wellington, Blücher und Waterloo, von Napoleons Sturz und Ende und davon, wie nun Englands Flaggen über allen Meeren wehten. _
Dann blickte er auf. Da lag lächelnd der Tote vor ihm.
Nelsons Offiziere.
Novelle von Alfons von Czibulka.
Ein halbes Jahr vor dem Ruhme von Trafalgar suchte Nelson, von Toulon nach Aegypten jagend und im Weststurm wieder bis Gibraltar aufkreuzenü, die französisch-spanische Flotte vergebens im Mittelmeer. Als er Gibraltar passierte, hörte er, daß die Franzosen und Spanier einen Handstreich auf die englischen Besitzungen in Westindien planten. Nelsons Flotte flog über den Atlantik.
Drei Wochen später tauchten aus leise atmendem Meer die blauen Berae von Martinique. Von der Besatzung eines karaibischen Fischkutters erfuhr man, daß die feindliche Flotte fast einen Monat in Fort de France geankert habe und erst vor zwei Tagen mit Kurs gegen Europa wieder in See gegangen sei. Brausend wie die Tornados über der Westindischen See, jauchzte der Jubel über die britischen Schiffe. Hatte man doch vom Feinde bisher nicht ein Segel gesehen. Nelson befahl, auf der Reede von Fort de France zu ankern. Ohne Wasser und Proviant konnten auch Nelsons Schjsfe nicht fahren. . „ .
Am Abend saßen in „Kapitän Morgans Schatzhöhle', rote zur Erinnerung an die alte Flibustierzeit eine am Ende des Hafens gelegene, romd- fchiefe Weinschenke hieß, unter Hibiskussträuchern und Palmen Offiziere der „Victory“. An einem kleinen, länglichen Tisch, auf dem em Windlicht stand und um den die Glühwürmer tanzten: der erste und dritte Leutnant des Flaggschiffs, ein dicker Häuptling von der Achtern-Batterie, der Schiffs- arzt und ein Midfhipman. ri o , . , .
,Gott verdamm mich", rief Johnson, der erste Leutnant, „zehn Guineen, daß der Nel innerhalb zweimal vierundzwanzig Stunden diesen verdammten Villeneuf am Kragen hat!" Villeneuf, das war der Admiral der französisch-spanischen Flotte. .
Von Nelsons Offizieren schien keiner anderer Meinung zu sein. Der Erste gab’s noch nicht auf. „Zehn Guineen und meinen Hut — samt totem versteht sich!", rief er, um die Wettlust zu wecken, und stülpte den Zweimaster rote einen Teewärmer über sein Weinglas.
Johnsons Hut, das wollte was heißen. Bei Gott! Seit vier Jahren war dieser Hut in der britischen Flotte berühmt. Vielmehr der Rubm daran, der jetzt im Flackern des Windlichts glühte, und den Johnson vor Malta einem algerischen Korsaren abgenommen hatte.
Niemand?", fragte der Erste betrübt. „Na, Philipps, und Sie?
Philipps, der dritte Leutnant der „Victory“, schüttelte den Kopf. „Nein, Johnson, ich wette nicht."
„Warum denn nicht?", fragte der Schiffsarzt.
„Wie sollen wir denn den Feind einholen, wenn wir hier sinnlos auf Martinique fitzen?" .
Der dicke Batterieoffizier widersprach: „Ohne Wasser können wir nicht fahren, Philipps, und Grünzeug brauchen wir auch."
„Grünzeug! Sehr richtig!", sekundierte der Doktor, der jetzt in fernem Element war. „Grünzeug brauchen wir. Oder wollen Sie, daß uns der Skorbut befällt und uns allen die Zähne wackeln?"
Besser unsere Zähne wackeln als die Bäuche aller Landratten über den"Spaß, daß wir seit drei Monaten hinter Napoleons Flotte her find und nicht einen Rattenschwanz gefunden haben. Ein Narrenstreich, diese Fahrt über den Atlantik! Hat wohl Tinte gesoffen, der Nel!"
Johnson wollte auffahren. Da kam vom Strande her Nelsons Flagg- kapitän. Kapitän Hardy schien gut gelaunt. Er rief schon von weitem: „Halloo boys, gute Nachricht! Morgen früh, neun Uhr, geht s Anker auf! Mit einer herrischen Bewegung des Kopfes winkte der harte, riesengroße Mann den Mulatten herbei, der in der schwach erhellten Tür lehnte:
Wein! — den besten — für alle!" Dann fetzte er sich. „Na, Johnson, ich wette Sie haben schon Ihren nächsten Monatssold zum Pfand gefetzt, daß die „Victory“ innerhalb einer Woche Bord an Bord mit Villeneufs Admiralschiff liegt —"
„Innerhalb von vier Tagen, Kapitän!"
„Johnson, Sie waren immer schon Optimist. In einer Woche ja, in sechs Tagen vielleicht ..." ,
„In vier, Kapitän ... Zehn Guineen und meinen Hut!
Kapitän Hardy schlug sein Feuerzeug an. „Ihren Hut samt Stein? Johnson, das ist unchristlich. Sie wissen, Spielen und Wetten fuhrt m des Teufels Rachen. Aber für Ihren Hut will ich gern in der Hölle braten ... Zwanzig Guineen dagegen! In einer Woche. Johnson, nicht eher. Er schob seine Pranke in Johnsons Hand. „Schlagen Sie durch, Philipps! ■
„Nein, Kapitän!" . , .
Hardy ließ Johnsons Hand los, sah den dritten Leutnant verwundert an, lachte und sagte: „Warum denn nicht, Philipp?"
„Weil weder Sie, Kapitän, noch Johnson die Wette gewinnen werden.
„Weshalb?"
„Weil wir diese Affenfahrt von Aegypten nach Westindien uno wieder zurück nach Portsmouth umsonst gemacht haben werden. Eine Schande diese Fahrt! Lieber will ich von England nichts mehr hören, als noch länger wie ein Narr hinter dem Villeneuf herjagen."
Hardy legte die Pfeife vor sich auf den Tisch. „Schlechter Scherz, Leutnant, ober Ihr Ernst, daß Sie lieber von England nichts mehr hören wollen, als noch länger mit Horatio Nelsons Flotte zu fahren?"
„Mein Ernst, Kapitän!" —
Kapitän Hardy klopfte feine Pfeife aus, warf eine Münze auf den Tifch, nickte Johnson zu und ging. In der Stille, die ihm folgte, konnte man tun darauf die Riemen von der Kapitänspinasse plätschern hören, die auf die ..Victory“ zuhielt, deren Lichter noch aus der Reede blitzten.
Leutnant Pbilipps schlief in dieser Nacht nicht viel, Kapitän Hardys Gesicht hatte nichts Gutes verheißen. So wunderte er sich auch nicht weiter, als ihm schon um fünf Uhr morgens ein Matrose meldete, daß der Leutnant sofort zum Kapitän kommen solle.
Hardy stand, mit den Händen auf dem Rücken, an den Kreuzmast gelehnt unter dem turmhohen Dom aus Wanten, Stangen und Rahen.


