Ausgabe 
22.5.1936
 
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Kummer hat.

(Fortsetzung folgt.)

Höllische ta seiner Art hat. Er bleckt zwar die Zunge und rasselt mit Ketten aber wenn man genauer hinsieht, so entdeckt man mitunter Hosenröhren und Schnürstiefel unter seinem Pelz. Im Grunde fürchtet chn natürlich niemand, obwohl es von Vorteil ist, eine Bettstatt hinter sich zu haben, unter der man verschwinden kann, wenn er mit seiner Virkenrute zu nahe kommt. Er ist nichts weiter als ein Mädchenschreck, ein Angsttraum für die ganz Kleinen. Burschen wie David sind seiner Rute schon entwachsen. Mehr noch, David beschließt sogar, diesmal den Teufel mit Beelzebub auszutreiben und sich selbst als Klaubaus zu ver­suchen. Zu diesem Zweck entleiht er sich eine Hirschdecke beim Toten­gräber, der gelegentlich mit Fellen handelt, er gürtet etliche Kuhketten um die Hüften und leimt sich schwarze Wolle ins Gesicht. Die Horner kann er sich ersparen, wenn er seine Wollhaube aussetzt und ein paar Krähenfedern hineinsteckt, und was die Zunge betrifft, so braucht er nur seine eigen« herauszustrecken, die ist lang genug.

Fehlt noch etwas? Versuchsweise, um die Wirkung zu erproben, rasselt er einmal durch den Gang und über die Treppe hinunter. Schwester Angela kommt aus der Stube, sie kreischt laut aus und fällt rücklings wieder in die Tür zurück.

Dann steht David also draußen in der Dämmerung, ein einsamer Teufel auf dem verschneiten Kirchplatz. Kein Mensch ist unterwegs, das trifft sich gut, aber gewissermaßen ist es auch unheimlich, so still und so dunkel. Nur die Bäume bewegen sich im lautlosen Wind und schütteln den Schnee aus dem Gezweig. Di« Wahrheit zu sagen, es ist David nicht ganz wohl in seiner Haut, ein wenig graut ihm vor sich selber, vor dem scheußlichen Gespenst, das er ist. Er hat eigentlich vorgehabt, in das Pfarrhaus zu gehen, nicht um den alten Pfarrer zu versuchen, sondern um vor einer bestimmten Tür so lange zu rasseln und zu grunzen, ms da jemand auf den Knieen lag und mit ausgehobenen Händen um Er­barmen flehte. .

Bist du Agnes, wollte er sagen, die einen gewissen David auf den Tod gekränkt und beleidigt hat?

Ja, aber sie wollte es nie mehr tun.

Oh, das käme nun zu spät, die Tränen und das reumütige Gewinsel, sie hätte sich früher besinnen sollen. Ohne Gnade müßte sie zur Holle fahren. Ja, und da würde sie an den Zöpfen aufgehängt, unter ihr stünde eine Pfanne mit siedend heißem Krapsenschmalz, und jeden Tag risse ein Haar, nur ein einziges. So dick die Zöpfe auch sind, einmal hinge sie doch am letzten Härchen und fiele und müßte elend verbrennen, wenn nicht David sich im Himmel ihrer erbarmte und ein rotes Band hinunterhängen liehe, an dem sie sich halten könnte. Aber es wäre wohl nicht so sicher, ob er ihr wirklich zu Hilfe käme, nach allem, was sie ihm angetan hat.

Ach, würde Agnes jammern, gibt es denn gar keine Rettung mehr? Nein, keine.

Und wenn ich ihn kniefällig um Verzeihung bitte? Wenn ich auch den Ring annehme, den er mir kaufen will und ihm ewig treu fein werde, immer und ewig?

Ja, dann! Dann würde David wohl doch ein letztes Mal gnädig fein, wenn Agnes so gute Vorsätze hätte!

Wäre er nur schon so weit! Es friert ihn erbärmlich an den Zehen, unschlüssig schaut er in den Pfarrgarten hinüber. Dort ist es noch viel finsterer u"d unheimlicher als unter den Bäumen auf dem Kirchplatz. Außerdem ':ri David schon die ganze Zeit in der Nähe etwas knurren und sck- ii, und wenn das vielleicht der Försterhund ist, so wird es

gut fein ,.rb noch dem Rückweg umzusehen, nach dem kürzesten Weg hinter eine Haustür. nrx., . » ... .

Ja, aber leider hat der Försterhund die Wildhaut schon gewittert, plötzlich kommt er durch den Schnee herangestäubt, und im nächsten Augen­blick hockt der hirschlederne Teufel auf dem Birnbaum.

Waldmann läuft im Kreis um den Baum und verbellt das Wild, wie es sich für einen guten Hund gehört. Wahrscheinlich kommt es ihm ein bißchen wunderlich vor, daß die Hirsche neuerdings auf Baume klettern. Ader einerlei, er tut seine Pflicht und gibt gar nichts auf schone Reden, auf alle Würste und Zuckerstücke, die ihm David verspricht.

Darüber vergeht eine gute Zeit. Dann und wann unternimmt der Hund etwas gegen die Langeweile, er springt und schnappt nach Davids Zehen und David zieht die Beine noch ein wenig höher in das Astwerk hinauf Die Finger frieren ihm ab, vielleicht muß er die ganze Nacht hier oben sitzen, und am Morgen ist er zu Eis erstarrt, ein erfrorener Klaubauf im Birnbaum. .

In seiner Herzensangst fängt David laut zu beten an. Alle vierzehn Nothelfer ruft er herab, die vierzig Märtyrer im besonderen, einige von ihnen waren ja selbst mit wilden Tieren ins Gedränge geraten. Den Försterhund rührt fteilich auch das nicht, aber schließlich kommt der Retter doch, und zwar in Gestalt des heiligen Nikolaus, der an feinem Tag durch das Dorf wandert, weißbärtig und würdevoll mit Stab und goldener Mütze. Erstaunt hebt er feine Laterne und betrachtet dieses zottige Gespenst auf dem Baum, bann hakt er feinen Krummstab in das Halsband des Hundes, um ihn zum Schweigen zu bringen.

Wer bist du? ruft er hinauf.

Aber David bleibt die Antwort schuldig. Blitzschnell wischt er herunter und verschwindet mit rasselnden Ketten in der Dunkelheit.

Der heilige Nikolaus und (ein Klaubaus stehen da und schütteln die Köpfe und wundern sich sehr. War das etwa doch ein richtiger Teufel, der Leibhaftige, wie man sagt? Stinkt es nicht ein wenig nach Schwefel hinter ihm her? #

Ein paar Tage später kommt die Krämerin zu David in die Dach­kammer. Das ist eine Ehre für ihn, er räumt auch gleich die Aepsel von der Bank, damit sie sich setzen tarnt. Nimm Platz, sagt er nut Anstand.

Aber Agathe will nicht bleiben, cs ist ihr zu kalt in dieser Stube. Sie bringt nur eine Nachricht für den kleinen David. Deine Mutter ist gekommen, sagt die Krämerin. . ..

So die Mutter! David hat einen Apfel angebissen, letzt legt er ihn wieder weg. Die Mutter, sagt Agathe ganz einfach, sie ist da. Den ganzen Sommer hindurch hat c an sie gedacht, sie war etwas Lichtes,

das ihn überall begleitete, eloa» Heiliges in feinen Gedanken. Oft faß

er um die Mittagszeit tm Kirchturm und wartete, bis die Postkutsche in das Dorf rollte. Allerlei fremde Leute fliegen vom Wagen, die Mutter nicht. Er hätte mit allen Glocken geläutet, wahrhaftig, das hätte er getan. Ein paarmal fragte er die Krämerin, ob denn die Mutter nicht kommen wollte. Ich weiß es nicht, sagte Agathe, sie ist genau so närrisch wie du.

Und nun, mitten im Winter, ist sie plötzlich da. David ist den ganzen Tag herumgelaufen wie sonst, es war gar kein besonderer Tag. Und in­dessen fuhr die Mutter über Land, reifte durch Schnee und Kälte, ob David wohl beim Schlitten fein wird? dachte sie vielleicht.

Komm jetzt mit, sagte die Krämerin. Aber fei nicht laut, sie ist krank.

Ja, die Mutter sitzt im Bett, sie hat ein weißes Nachtjäckchen an; und auch ihr Gesicht ist seltsam weiß und schmal unter dem aufgebundenen Haar. Nun steckt sie das Sttickzeug zusammen, David tritt an das Bett und schluckt und nimmt ihre Hand und fchluckt noch einmal hinunter, es ist so schwer, etwas zu sagen.

Du bist aber groß geworden, meint die Mutter, und dann rührt sie ihn wieder so an der Schläfe an, wie damals in der Stube des Pfarrers. Er ist wirklich gewachsen, fügt sie für sich hinzu, und die Krämerin bestätigt das, ja, sagt sie, aber nicht an Weisheit! Wie stellst du dich denn an, David, du Haubenstock, kannst du nicht wenigstens Guten Tag wünschen?

Guten Tag, stößt David heraus und schweigt wieder.

Was soll er denn sagen? Die Krämerin versteht das zu wenig, sie selbst freilich ist nie um ein Wort verlegen. Laß ihm Zeit, meint die Mutter, ich bin ihm ja noch fremd.

Sie greift unter die Kissen und zieht eine Schachtel heraus. Da habe ich dir etwas mitgebracht, sagt sie. Aber ich weiß nicht, vielleicht freut es dich gar nicht, du bist mir ja ganz entwachsen, Kind. Meinen ©ebanten, verstehst du? __

Und was ist es also, was holt die Mutter aus dieser Schachtel?

1'^Nun ja, ein hölzernes Pferdchen auf Rädern, einen Schimmel, man kann ihn an einer Schnur hinter sich herziehen.

Hetze! macht David und betrachtet das Ding und stellt es auf den Boden. Er wünscht von Herzen, es gefiele ihm, oh, die Mutter soll nicht meinen, daß er keine Freude daran hat. Es ist sicher em besonders hüb ches Pferdchen, mit seinem Schweif und dem Sattelzeug und allem. Er wird es zwar nicht immer hinter sich herziehen können, wenn er dem Pfarrer beim Blochfahren hilft, aber auf der Truhe wird es sich gut machen, ober ber Pater Johannes kann es für eine Weile in die Krippe (teilen.

Ja sagt die Krämerin, bann nimm also bein Roß und beine Schachtel unb troll bich! Die Mutter muh jetzt Mebizin schlucken, unb bann muß sie

Vor ber Haustür wartet Davib, bis Agathe herauskommt. Er möchte etwas fragen, ob die Mutter (ehr krank ist, ob sie doch nicht sterben muß? Der alte Andreas hat auch Medizin genommen, und dann ist er g^Nun, antwortet Agathe, heule nur nicht gleich. Wenn sie den Winter übersteht, dann ist es gut.

Die Krämerin gibt der Kranken heißen Tee zu trinken. Siebenkrauter» tee sie rückt ihr die Kissen zurecht, und Monika macht auch gleich gehorsam die' Augen zu, es gibt keine Widerrede, wenn Agathe jemanben zum Schlafen bettet Unb es wäre boch seltsam, wenn bas alles nicht hülfe, Oie Ruhe unb bie Wärme unb bie gute Pflege, von bem nicht zu reben, was Davib aus eigenen Stücken tut.

Davib nämlich geht mit feinem Sparbuch zum Postmeister unb tunbigt das Darlehen. Gewiß, es täte ihm leib, wenn der Staat seinetwegen in Bedrängnis geriete, aber er braucht bas Gelb auf die Stunde. Sechs Schillinge und zweiundsechzig Groschen zählt er dem Pfarrer auf den Tisch er soll drei Messen lesen, damit die Mutter wieder gesund wird

So auf Meinung! Das will ber Pfarrer gern tun, aber bas Geld soll David nur wieder mitnehmen. Bring es mir ein, sagt der Pfarrer gutgelaunt, wenn du einmal Bischof bist. Ja, und grüße die Mutter!

Krank ist Monika, es wurde nichts aus der Arbeit im Spital. Sie sollte lieber aufs Land gehen, meinte der Oberarzt, das könnte sie noch retten, bessere Luft unb Sonne unb so. Ob sie benn niemanb habe, bei bem sie ein paar Monate bleiben könne?

Rein, log Monika, niemand. Und sie wollte es doch in der Küche ver- ^Wirklich niemand? Merkwürdig, ber Oberarzt hatte ba einen Bries bekommen, darin wurde er sozusagen auf Ehre und Gewissen ver­pflichtet, in dieser Sache mit Monika Ordnung zu schassen. Das muß em handfestes Frauenzimmer fein, sagte er, diese Krämerin, nut der mochte ich keine Händel haben! Und außerdem hatte sie recht, Monika mußte zunächst einmal trachten, gesund zu werden, in jeder Beziehung nicht wahr» Und dann würbe sich auch bas übrige schicken, ganz gewiß! Kurz unb gut ber Oberarzt brachte Monika selbst in feinem Wagen zur Bahn unb löst- bie Karte für sie, auch bas war in bem Brief fo befohlen. An­bei zwanzig Schilling für bie Kosten, schrieb Agathe.

Unb nun hat die Krämerin, was sie braucht, einen Schützling, den sie hegen unb pflegen kann, mit einer Art gewalttätiger Güte, wie es in ihrem Wefen liegt. Monika fügt sich willig, sie ißt Suppe und ttmkt fuße Milch, o ja, sagt sie jeden Morgen, es geht mir schon bester.

Monika lächelt, aber die Krämerin läßt sich nicht täuschen. Warum weinst du benn? fragt sie plötzlich. c . .

Ich meine ja nicht, sagt Monika erschreckt. Jetzt nicht mehr glaube mir.

Gut Agathe schweigt. Eine Wunde muß bluten, denkt sie, sonst heilt sie nicht. Wie ist es, fragt sie eine Weile später geradezu, hast du ihn noch einmal gesehen?

Rein, nicht mehr, antwortet Monika leise.

Die Krämrin schaut nicht hin, sie kniet vor dem Ofen und schichtet Späne hinein, unb in ber Stille, währenb bie Flammen aus bem Holz schlagen hört sie, wie Monika verstohlen schluchzt und wie die Tropfen aus das Deckbett fallen. Das ist gut, Tränen sind immer gut, wenn man