Ausgabe 
21.12.1936
 
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Rubenw'ihnacht.

Von Otto A n t h e s.

So zeitig war die Kälte eingefallen, daß vierzehn Tage vor Weih­nachten das Eis im Rhein schonstand". An der engsten Stelle, bet der Lorelei, wo zudem noch der gewundene Lauf des Flußbettes den freien Abzug hemmte, hatte er sich zuerst gestaut. Nachdem dann die nach­treibenden Schollen, sich unter- und übereinanderschiebend, eine tiefe und hohe Mauer quer durch den Rhein gebildet hatten, kam dahinter allmählich die ganze Eistrift zum Stehen. Und als es noch em paar Tage kräftig gefroren hatte, war die Decke fo fest, daß man einen breiten Weg darüber bahnen konnte, auf dem Fußgänger und Fuhr­werke vergnüglich ohne Nachen und Fähre den Strom überschritten.

Unterhalb des Werthes, der Insel, die dem Städtchen vorgelagert war, hatte sich über dem stillen Wasser eine blanke Eisbahn hergestellt, auf der sich jung und alt einfand, teils um sich dem seltenen Spaß des Eislaufs selbst hinzugeben, teils auch nur, um in den Wurst- und Trinkbuden sitzend, dem fröhlichen Treiben zuzusehen.

Den drei Buben aber genügte das gesittete Tun auf der Straße und Bahn bald nicht mehr. Die weite Eisfläche selbst, eben, wenn man oben drüber hin sah, aber unendlich abwechslungsreich im ein­zelnen, mit kleinen Erhebungen, wo ungeduldige Schollen im Vor­wärtsdrängen sich übereinander geschoben hatten, mit Schluchten da­zwischen, in denen man verschwinden konnte, die bald mit glasglatten, bald mit phantastischen Blumenkränzen umwundenen Rundstücke, aus denen sich die Eisdecke zusammensetzte; die ganze Vielfältigkeit dieser erstarrten Welt lockte sie zu Abenteuern abseits vom allgemeinen Vergnügen. Da war eine Stelle, wo der Kamps der ziebenden Schollen gegen die haltmachende Masse einen richtigen kleinen Berq geformt hatte, der überdies, rhein- auf sich öffnend, den deutlichen Ansatz zu einer Höhle aufwies. Es kostete nicht allzuviel Mühe, das Loch so zu erweitern und zu vertiefen, daß man zu dritt bequem darin sitzen tonnte; und für Hinko den Hund war auch noch Platz. Mit alten Säcken und einem Bettvorleger aus Lammfell wurde die "Unterkunft fach- und stimmungsgemäh ausgefüttert, und nun faßen die vier, den Hund eingefchloffen, manche Stunde des Tages in spitzbübischer Behaglichkeit in ihrem Versteck, verachteten die allgemeine Unterhaltung der Eisbahn und tarnen sich besonders, ja schön beinahe abenteuerlich vor.

Es währte aber nicht lange, daß sich die Nokwendigteit bedeutsame­rer Unternehmungen herausstellte. Kurt tarn auf den erlösenden Ge-

unb entfernte das Papier von den Paketen. Dabei warf sie jedesmal einen Blick aus dem Fenster. Der Schnee schimmerte hell wie Silber.

Endlich hörte man das Läuten der Schlittenglocken. Magdalene zuckte zusammen und stieß einen leisen Laut aus. Die Magd warf einen Blick auf die Herrin, aber die machte feine Miene, dem Schlitten entgegenzu­gehen. Sie war auf den Stuhl am Feuer zusammengesunten. Die alte Magd nahm mit zitternden Fingern das Kopftuch, trat in die Holz­pantoffeln und klapperte aus den ziegelgepflasterten Hausflur hinaus.

Magdalene richtete ihre Augen auf die Tür. Ihr Herz zitterte in der Brust, als solle es zerspringen. Sie hörte Schritte auf dem Gang, und ihre Augen weiteten sich in entsetzlicher Angst. Da ging die Tür auf, und ein Mann trat herein. Er blieb mitten im Raum stehen, er hielt die Mütze in der Hand, und fein Haar, das vor drei Jahren noch so blond gewesen war, war schon grau geworden.Ich bin da, Magdalene", sagte er still.

Die Frau stand mühsam auf, ging ein paar Schritte auf ihn zu und sagte:Sieh mich an Lorenz!".

Er heftete seine großen, blauen Augen auf sie und beide Augenpaare forschten lange und angstvoll in den bekannten Zügen.Liebst du mich noch?", fragten beide Augenpaare.

Ich liebe dich noch!", antworteten beide.

Die Frau atmete tief auf.Es ist gut, Lorenz, so gut, daß du ge­kommen bitt."

Ich wäre schon lange gekommen, wenn du mich gerufen hattest , antwortete Lorenz. Er legte die Hand auf ihre Schulter.Ich danke dir, Magdalene, daß du dich überwunden hast." Und plötzlich schlang er die Arme um sie, fest und innig, wie ehedem.

Es dauerte lange, bis die Magd zurückkam, sie sah durch den Türspalt, wie die beiden den Weihnachtsbaum anzündeten.

Das kleine Mädchen schlug die Augen auf und blickte gerade in den strahlenden Raum. Erst nach einer kleinen Weile bemerkte sie, daß außer der Mutter noch jemand da war.

Kennst du den Vater nicht mehr?", fragte die Mutter. Da fiel das Kind dem Mann mit einem Iubelschrei um den Hals. Dann, als es sich mit den Spielsachen müde gespielt hatte, legte es den Kopf in den Schoß der Mutter und bat: , Mutter, erzähle mir das Märchen zu Ende."

Die Mutter errötete. Lorenz hob den Kopf und fah die Frau auf- merffam an. Dann stand er leist auf und ging ans Fenster. Die Mutter erzählte.Also eines Zages, als alle schon ganz verzweifelt waren, fiel der Frau plötzlich dos 3auberroort ein. Sie schieb es auf einen Zettel und schickte es dem Mann. Da beeilte sich der Mann, nach Haust zu kommen, und da es gerade Weihnachten mar, brachte er viele Geschenke für das kleine Mädchen mit, und alle zündeten den Weihnachtsbaum an und waren froh."

Wie bei uns!", sagte das kleine Mädchen. Und bann fragte es.Wie hieß denn bas Zauberwort, bas die Frau endlich gefunden hat."

Die Muster schwieg verwirrt. Dann beugte sie sich über das Kind und faate fo leist, daß der Mann am Fenster es nur wie einen Hauch hörte: Ick liebe dich!" v

Das kleine Mädcken nickte befriedigt und schloß die Augen. Gleich darauf war es eingefchlafen.

banken. Die urweltstche Bokanisierkrommek und bas Schmetterlingsnetz beides noch vom Grogvater her aufbewahrt, kennzeichneten ihn unmiß­verständlich als Forschungsreisenden. Und so stieg er kreuz und quer über das Eis, um endlich nach langem Suchen zur Höhle zu gelangen, wo die beiden anderen als Eskimos gekleidet das Lammfell spielte da­bei die Hauptrolle ihn mit fremdländischem Geheul empfingen und in ihre Wohnstatt einluden. Dort wurde der Kämmling dann gelabt. Die Eingeborenen brachten eine Büchse mit Delfarbinen zum Vorschein, unb nachdem die Fische verzehrt waren, trank man zu ewiger Freundschaft bas Del den Iran, sagten die Eskimos aus einem kleinen Silber­becher, den Peter von der mütterlichen Pkunkanrichte entliehen hatte.

Von dieser Erfindung war es nicht weit zu einer regelrechten Nord- polexpedition dreier Forscher, die auch deshalb besonderen Reiz bot, weil Hinko der Hund dabei tatkräftig und sinngemäß mitwirken konnte. Noch nie hat jemand von einer solchen Expedition gehört, die ohne Hunde­schlitten verlausen wäre. Also wurde Hinko vor einen Schlitten ge­spannt, aus dem alles verstaut war, was zu einem ordentlichen Winter­lager gehört. Mühselig, aber tapfer zog man über die unendliche Eis­wüste und landete schließlich nach ungezählten Zwischenfällen in der Höhle, die nun zum Lager für Monate ausgestattet wurde.

Darüber rückte Weihnachten heran. Forscher im Winterlager erin­nern sich dann der Heimat und ihrer weihnachtlichen Feier. Ein Tan­nenbäumchen wurde erstanden, mit Lichtern versehen und im Holzstall, der Hansens Eltern gehörte, hinter einem Scheiterstapel versteckt So weit war alles gut vorbereitet, aber zwei Tage vor Weihnachten setzte Tauwetter ein. Wenn bas Eis wieder in Bewegung kam, die Schollen sich wieder trennten, sich in einander schoben, sich hochkant stellten und also den Ablauf des Wassers hemmten, bann trat es über die Ufer. Die Erwartung des Hochwassers brachte die ganze Bevölkerung auf die Beine. Jeder Hauswirt stieg in feinen Keller, entfernte alles, was schwimmen konnte, und teilte die Weinfässer an ihren Plätzen fest. Am zweiten Tag des Tauens, dem Heiligen Abend, fuhr bas Eis still und ungeteilt feine fünfzig Meter rheinab, aber bann stand es wieder. Nun war alles wie zuvor, nur der gebahnte Weg zum andern Ufer war ein wenig versetzt. Und auch der Berg der Buben erhob sich wie früher über die Fläche, bloß ein bißchen weiter abwärts. Die Kerle, die den ganzen Tag in Angst um ihre Weihnachtsfeier im Winterlager gelebt hatten, schlichen am Abend, als es dunkelte, mit ihrem Bäumchen an den Rhein. Sie zögerten keinen Augenblick, die Fahrt zum Lager an= zutreten. Günstig ihrem Unternehmen war, daß die Mehrzahl der Leute der vorzubereitenden Weihnachtsbescherung wegen in den Häusern fest- gehalten war. Nur die paar Laternen der ausgestellten Wachen glimm­ten vereinzelt und trüb das Ufer entlang. Im Gänsemarsch, Peter mit dem Bäumchen voran, kraxelten sie über das Eis. Hinko der Hund machte den Beschluß. Er traute heute dem Frieden nicht, sonst war er immer an der Spitze gewesen. Kurt glaubte auch zu bemerken, bah bie Fläche ickon mehr xerttüftet wäre als vorher. Aber bie andern antwor­teten gor nickt auf seine Bedenken. Die Feier im Laqer sollte und mußte sein. Sie erreichten auch ihr Ziel und pflanzten bas Bäumcken auf den Gipfel ihres Berges. Aber gerade als Hans mit den Streich­hölzern zugange war und Licht um Licht anzündete, scholl vom Ufer her die Stimme eines der Wachehaltenben.Es gebt! Es gebt!", brüllte er. UndEs geht! Cs geht!", fielen die übrigen beulend ein. Zugleich fing es in der Eisdecke an zu knirschen und zu fingen.Wir müssen fort!" rief Kurt, der von Anfang an der Bedenklichste gewesen war. Hatt's Maul!", zischte Peter.Sie hören uns ja." Inzwischen beeilte sich Hans, soviel er konnte, und im Augenblick, da er fertig war und alle Lichter brannten, ging ein tiefer brummender Ton durchs Rbein- tal, der mit einem laufen Knall endete.Es geht. Cs geht!" schien die ganze Stadt zu schreien. Ungezählte Laternen wimmelten plötzlich das Ufer entlang, während die Buben Hals über Kopf den Rückweg antraten.

Mit einem Make verstummte der ganze Lärm am Ufer, wie auf einen Befehl. Man hatte das lichterbewehrte Bäumchen im Rbein be­merkt. Wie ein Wunder erschien es, ein holdes tröstliches Weihna 'tts- rounber in der Aufregung und Besorgnis der Stunde. Dann aber Tente einer beide Hände an den Mund und fchrie über das treibende Feld: Js do noch jemand drauß?" Keine Antwort kam zurück. In verbissenem Schweigen hasteten die Buben vorwärts. Unter ihnen schwankte der Boden und bewegte sich hin und her; einzelne Schollen richteten sich auf, fo daß die Flüchtlinge Umwege machen mußten; manchmal auch zeigten sich schon kleine Stellen offenen Wassers vor ihren Füßen. Aber fnnto der Hund war dabei und jetzt war er vorne. Mit untrüglichem Sinn umging er die gefährlichen Tiefen und leitete seine Kameraden. Die aber hatten in aller Angst doch noch den festen Gedanken weit unter­halb des Städtchens das Ufer zu erreichen, unbemerkt. Und es gelang. Wie gleichgültig mischten sie sich unter die Menge, die den Rhein säumte, und horchten auf bas, was bie Leute sagten.

Wer kann benn das bloß gemacht habe?" rätselte eine Frau.

Das is das Christkindche geroefe", sagte ein kleines gläubiges Mädchen. .

Alles lachte.

Es werd nit schlimm heut, das Wasser", stellte ein alter Mann sach­verständig fest.

Die Buben standen so lange am User, bis das Wasser um ihre Füße spielte, und sahen ihrem Bäumchen nach, das im matten Glanz seiner Lichter geruhig rheinabwärts zog. Und in das Bedauern um das ent­gangene Fest im Lager mischte sich ein (eifer Stolz, daß sie mit ihrem frommen Tun vielleicht das Hochwasser beschworen hätten.

Daß keiner was verrät!" sagte Peter.

Du auch nit, Hinko!" lachte Hans.

Und Hinko schüttelte sich die Eisspritzer aus dem Fell.

»etanttrortlid): Dr. Hans Tbvriot. Druck und Derlag: Brühl' sche UniverUtätS-Buch- und Steindluckerei. 2d. Lange, Gießen.