Ausgabe 
21.12.1936
 
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Winterhilfe zur Weihnucki.

Von Joses Magnus Wehner.

Es segnet jede Hand, die heute schenkt;

Cs betet, wer der Armut heut gedenkt.

Wer heute gibt, steckt an der Liebe Licht, Auf ihm ruht Gottes ernstes Angesicht.

Denn nur die Liebe hat die Welt geweiht, Das Opfer nur wirkt ihre Ewigkeit.

Drum fei gesegnet, wer sich heut vergißt, Dem Nächsten Vater, Freund und Bruder ist.

In deiner Gabe tönt der Schöpsung Klang, Dein Liebeswort wird Gottes Lobgesang ...

Der Knecht las mit schwerfälligen Augen die Aufschrift und sah sie ungläubig an.Nur abgebenl", sagte sie kurz.Soll ich auf Antwort warten?", fragte er bedächtig.Ich weiß nichtl", sagte sie tonlos. Es schien einen Moment, als ob sie im Begriff fei, den Brief wieder an sich zu nehmen. Aber dann riß sie sich zusammen.Geh schon", sagte sie, und beeile dich, damit du nicht zu spät zur Weihnachtsfeier nach Hause kommst." . .

Sie stand am Fenster, als der Schlitten wieder aus dem Hoftor glitt. Der Schnee leuchtete so stark, daß man trotz der Nacht das Gefährt eine ganze Strecke die Landstraße entlang verfolgen konnte.

Sie deckte das schlafende Kind zu und ging in die Küche. Die alte Magd stand am Herd und richtete ihre sorgenvollen Augen auf die Frau. Sie hatte Magdalene schon als Kind auf dem Arm getragen.

Die beiden Frauen sprachen nichts, aber die junge qina rastlos auf und ab rückke Tövse an das Feuer, schnitt Brot und Flettch aut. deckte den gescheuerten Tilch mit einem weißen Tuch und stellte Teller darauf.

Die Magd folgte ihr mit den Augen und sah. daß die Frau einen Teller mehr als sonst auf den Tisch gestellt hatte. Es sah aus, als ob sie etwas fragen wollte, aber ste schwieg.

Nach einer geraumen Zeit begann Magdalene von selbst zu sprechen. Sie sprach, ohne aus Antwort zu warten, sie zählte auf, was man in diesem Jahr eingenommen haste, wie gut das Getreide gestanden und wie gut es verkauft war. Zwei Küde waren anqeschafft. und die Stute hatte ein Fohlen geworfen. Dabei sah sie die Magd eindringlich an.

Du hast gut gewirtschaftet, Magdalene", sagte die Alte,ihr seid nicht mehr so arm. wie ehel>-m "

Bei demihr" zuckte Magdalene zusammen und begann weiter zu sprechen fiebrig und eilig, als wolle sie etwas betäuben. Unzählige Male ging sie in die Stube hinüber, stellte den Weihnachtsbaum auf den Tisch

Weihnachtsgeschichte.

Bon Mar6 Stahl.

Den ganzen Tag über hatte es in dichten Flocken geschneit. Sie sielen Io leise wie Watte auf Berge, Wälder und Städte, es sah aus, als follte ile ganze Welt unter dicken, weißen Daunenbetten begraben werden.

Alle Geräusche waren gedämpft. Wenn ein Pferd mit einem Schlitten über die makellos weiße Landstraße fuhr, fo hörte man keinen Laut außer dem Schnauben des Tieres und dem Läuten der Schlittenglocken.

Die Mutter war mit dem Kinde in der Stadt gewesen, sie hatte die junge, braune Stute vor den kleinen Schlitten gespannt und war vom srühen Nachmittag an von Laden zu Laden gefahren, um einzukaufen. Es hatte bis zum Abend gedauert, denn die Geschäfte waren voll von Leuten, die alle noch in den letzten Minuten etwas zu besorgen hatten. Es war schon lange dunkel, als sie heimfuhren.

Sie faßen beide, Mutter und Kind, auf dem kleinen Holzbänkchen, das quer über den Schlitten gelegt war. Hinter ihnen lagen die Einkäufe im Stroh, geheimnisvolle Bündel, die das Kind mit neugierigen Augen be­trachtete, jedesmal, wenn die Mutter aus dem Laden trat und ein neues Paket zum Schlitten trug, hatte das Kind, das auf dem Schlitten wartete, vor Vergnügen leise aufgeschrien und das harte Gesicht der Mutter war bann etwas weicher geworden.

Jetzt saßen beide eng aneinander geschmiegt. Die Mutter hatte den städtischen Hut abgenommen und sorgfältig in eine Tüte verpackt, die hinten im Stroh lag. Das weiche, dunkle Kopftuch, das sie jetzt umgebunden hatte, ließ ihr blasses Gesicht in dem Schneelicht noch blasser erscheinen. Sie lenkte das fromme Pferd fast gar nicht, es trabte ganz von selbst nach Hause, beflissen, bald in den warmen Stall zu kommen. Die Mutter hielt die Zügel mit der einen Hand und hatte den anderen Arm um das kleine Mädchen geschlungen, das aus großen Augen in die Schneenacht sah.

Cs war alles so einschläfernd, der Schnee, der so leicht fiel, der leise Gang des Pferdes und das lautlose Gleiten des Schlittens. Aber das Kind, schlief nicht. Ab und zu streifte ein Zweig des Christbaumes, der grün und duftend neben den Paketen lag, die Hand des kleinen Mädchens, und jedesmal empfand das Kind einen fteudigen Schreck. Es schmiegte sich noch dichter an die schweigsame Frau und bat:Mutter, erzähle mir ein Märchen."

Die Frau schrak zusammen, sie war so sehr in bittere Gedanken ver- ftritft gewesen, daß sie das Kind und den Weihnachtsabend ganz vergessen hatte Sie wollte etwas Abweisendes sagen und öffnete schon den Mund, als ihr einfiel, daß das arme Kind nicht dafür verantwortlich zu machen sei Sie besann sich also einen Augenblick, drückte das Kind an sich und begann:Es war einmal ein Mann und eine Frau, die lebten zusammen in einem Hause, das lag in einem tiefen Walde."

Ist das das Märchen von Hänsel und Gretel?", fragte das Kind.

Nein, es ist ein ganz neues Märchen", sagte die Mutter.Also höre zu. Der Mann und die Frau liebten sich sehr, sie waren beide sehr arm, aber sie waren dennoch sehr glücklich. Eines Tages bekamen sie ein kleines Kind "

War es ein Mädchen?", fragte das Kind.

Ja, es war ein Mädchen", fuhr die Mutter fort,aber unterbrich m,ch nicht immer, Evchen." ....

Wie hieß das Mädchen?", fragte die Kleine hartnäckig weiter.

'Es hieß zufällig auch Evchen", sagte die Mutter,aber nun fei artig. Cs war wirklich ein schönes Leben, das die drei führten. Der Mann las der Frau alles von den Augen ab, so lieb batte er sie, und die Frau wieder dachte nur an den Mann und an das Kind, und den ganzen Tag sang und lachte sie bei der Arbeit. Cs machte ihr gar nichts aus, daß sie arm waren, und der Mann sagte oft zu der Frau:Was kümmert mich aller Reichtum der Welt, wenn ich dich nur habe."

Die Frau war darüber natürlich sehr froh, sie meinte, das Leben müsse immer so weiter gehen. Aber eines Tages geschah etwas, das anfangs aus^b. wie ein großes Glück, aber bann ein großes Unglück wurde."

Wird das Märchen nun traurig?" fragte das Kind.Ach, bitte, laß das Märchen nicht zu traurig werden, ich bin bin schon so traurig genug."

Die Mutter bog sich überrascht vor und sah dem Kind ins Gesicht. Warum bist du denn traurig?", fragte sie betroffen:habe ich dich nicht lieb genug, Cva?"

Du bist immer fo ernst I", sagte das Kind schüchtern. Die Mutter schwieg ein Weilchen.Geht das Märchen nicht weiter?", fragte das kleine Mädchen. , ,

Doch, doch, es gebt weiter", antwortete die Mutter,also eines Tages kam eine Fee in den Wald, anfangs fah es aus, als ob es eine gute Fee

gellen."

Der Knecht machte ein ärgerliches Gesicht, sagte aber nichts.

Man fah der Frau an, daß sie gewohnt war, zu befehlen, und fetten zu bitten, jetzt im Lampenlicht, das aus dem Fenster fiel, sah man, daß sie sehr hübsch war, nur sehr bleich und mit seltsam harten Zugen, die ihrer Jugend nicht paßten.

Sie schritt mit dem Kinde auf dem Arm schwer die Treppe hinauf, die Decken und der Mantel schienen sie zu Boden drücken zu wollen, fo schlepvend war ihr Schritt. Sie legte leise das Kind auf das Sofa, wo es vor Müdigkeit gleich einschlief.

Ein paarmal ging sie hastig im Zimmer auf und ab und rang habet die Hände. Ihr Gesicht spiegelte einen schweren Kampf wider und ihre Stirn wurde feucht von Schweiß. .

Dann ging sie entschlossen zum Tisch, nahm einen Briefbogen und Feder unb Tinte. Einen Augenblick überlegte sie, dann schrieb sie em paar Worte hin und darunter: Magdalene.

Sehr eilig faltete sie den Zettel zusammen und steckte ihn in einen Umschlag. Als der Knecht an die Tür klopfte, hatte sie schon die Adresse ge ebrieben und reichte ihm den Brief mit einer leicht herrischen Ge-

fef, denn ste schenkte den beiden allerhand fchöne Sachen. Aber dadurch wurde der Mann unzufrieden mit seinem Schicksal, er sehitte sich nach Dingen, die er nicht haben konnte. Da lockte ihn die Fee vom Hause fort und versprach ihm alle Reichtümer, wenn er mit ihr tarne. Di« Frau warnte ihn, denn sie wußte, daß es eine böse Fee war, aber darüber ergrimmte der Mann und fchalt die Frau, und eines Tages ging er wirklich mit der bösen Fee fort."

Das ist kein hübsches Märchen", sagte das Kind.

Nein, es ist kein hübsches Märchen?", sagte die Mutter,bu hast recht, soll ich aufhören?"

Du kannst es doch hübsch machen", bat das kleine Mädchen,du kannst doch machen, bah bie Frau ben Mann erlöst, fo baß er roieber zurück­kommen kann."

Da muß sie erst bas Zauberwort wißen, das ihn erlöst", antwortete die Mutter.

Das ist doch ganz einfach", Jagte die Kleine vertrauensvoll.

Die Mutter drückte bas Kind leicht an sich und lächelte.Und wenn es ihr nun nicht einfällt?"

Es muh ihr einfallen", rief die Kleine,das Märchen soll gut aus­gehen."

Wie denkst du es dir denn?", fragte die Mutter.Erzähle du doch einmal weiter."

Das Kind dachte angestrengt nach.Ich dachte fo: Die Frau sagt das Zauberwort, er läuft der bösen Fee fort, nimmt viele hübsche Sachen mit, die schenkt er alle seinem kleinen Kind, und alle zünden dann zusammen den Weihnachtsbaum an."

Das hast bu bir hübsch ausgedacht", meinte bie Mutter, bann waren beibe still. .

Der Schnee fiel weich mit leisen Flocken unb lag auf bem dunklen Kopftuch her Frau unb aus bem hellen, offenen Haar bes Kindes. Das Pferd wieherte leise, es witterte den Stall.

Mutter", fragte das Kind plötzlich,wo ist der Baier?"

Die Frau zuckte etwas zusammen, dann sagte sie:Du weiht doch, daß der Vater verreist ist, frage nicht mehr "

Kommt er nie wieder?"

Die Frau murmelte:Vielleicht."

Er soll zurückkommen", bat bas Kind,bitte, sag ihm, bah er wieder- ko^Die^Mutter antwortete nicht darauf. Gleich danach tauchten die Lichter des Dorfes wie winzige Pünktchen aus der Schneewüste auf.

Der Knecht öffnete das Hoftor, und der Schlitten glitt in den Frieden des umhegten Hofes, der Hund kam bellend aus dem hellen Rechteck der Haustür gestürzt und umkreiste wedelnd die Ankömmlinge.

Die Frau stieg aus bem Schlitten unb nahm bas Kind auf den Arm. Es tut mir leid, Jens", sagte die Frau,aber du muht sofort ein anderes Pferd einspannen unb nochmals zur Stabt fahren, ich habe etwas Der»