SiehenerZaiMenblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1956 Montag, den 2|. Dezember Nummer 99
Klick aus dem Spielzeugladen
Roman für das große und kleine Volk
Von Friedrich Schnack
Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig
4. Fortsetzung.
Schritt um Schritt pirschte sich Klick näher an Pong. Bernhard kramte aufgeregt in seinen Kisten mit dem roten amerikanischen Obst.
.Beißt er?"
'.Möglich, aber höchstens mich!", antwortete Klick. „Verhalte dich ruhig."
„Pong!", lockte er, „da bist du ja. Wenn du wüßtest, wie dich der Hustenonkel sucht. Den hast du schön erschreckt. Du bist ein Kerl, ein Lausbub!" , , _.
Pong spitzte das Mäulchen, es sah aus, als ob er verlegen wäre. Die Apfelsinen rollten unter seinen Händen weg.
„Versteht er dich denn?", fragte Bernhard.
Muß man denn verstanden werden, wenn man mit einem redet? , meinte Klick und wandte sich wieder dem Affen zu: „Hast dir das Bauchlein vollgefressen? Ein schönes rundes Bäuchlein hast du, voll Bananen und Apfelsinen. Hast du auch Rosinen gefuttert?"
Rein!", warf Bernhard ein. „Die haben wir mcht hier ...
„Ist ja auch gleichgültig", sagte Klick. „Hauptsache ist, daß ich mit ihm schwätze und meine Hand bereits an seinem Bauchfell habe ...
Er kraulte und streichelte Pong. Langsam schob er daoei seinen rechten Arm um das Tier, das noch eine Apfelsine gegen die Wand schmiß, dann wurde es von Klick sanft von seinem goldenen Sitz weggehoben.
Ich hab ihn, Bernhard!", jubelte Klick und drückte den Affen zärtlich an seine Brust. „Mach Bestandsaufnahme, melde den Schaden und laß ""^Ind^Klick trug den Flüchtling aus dem Haus auf die Gaffe. Draußen boq gerade ein Junge um die Ecke bei dem Käsegeschäft; der hatte, weiß der Kuckuck, eine braune Wollmütze auf dem Kopf. Das war doch Klicks liebe alte Mütze! Rasch tat der Affenjäger eine seitliche Wendung und stockte den Affen an der Brust. Unmöglich, den Jungen zu verfolgen. Auch wäre'die kalte Luft für Pong schädlich. Er sah dem Jungen mit einem scharfen Blick nach, prägte sich Gang, Haltung, Körpergröße fest em und chwenkte herum. Da der Hustenonkel wahrscheinlich noch nicht wieder im Laden war eilte Klick heimwärts, huschte am Schnürsenkelmann vorbei und ging in seine Wohnung. Hier war es schön warm. Den Assen im Arm haltend, räumte er schnell den Kleiderschrank aus legte auf den Boden innen ein paar Bogen Zeitungspapier und setzte das Tier hinein. Dann eilte er hinunter, um den Hustenonkel und die Freundin herbeizutrommeln. Der Laden war wieder geöffnet, die beiden blickten ihm erwartungsvoll entgegen. Papageiengezeter empfing ihn.
„Da kommt er!", rief der Onkel und winkte mit seiner Hand ent- täU*9d)afonnte nicht früher kommen", rief Klick, „hatte zu tun."
',Oh, wir hatten nichts zu tun", spöttelte der Tierhandler, dem der Verlust'des Assen sehr nahe zu gehen schien.
„®s kommt nicht darauf an, daß etwas getan wird , meinte Klick, „sondern daß etwas geschieht!" .... «
Versteht sich. Siebengescheiter! , versetzte der Hustenonkel bitter. „Du hast ihn wohl in deinem Kopf gefangen, meinen Pong?' .
„Zuerst ja. Zuerst kommt der Kopf!", sagte Klick und streifte mit einem lächelnden Blick seine Freundin. „Vorhin habe ich ihn im Kopf gefangen.. Jetzt ... ach!", bat er, „laß mich doch mal schnupfen, Onkel, draußen zieht es, mir ist furchtbar kalt ..." „
Dräsecke rappelte die Dose aus der Tasche und reichte sie seinem Reffen.
„Nimm lieber gleich zwei, für alle Fälle!"
Klick nahm zwei Bonbons.
„Danke!"
Die grünen Dinger steckte er in die Backenecken.
„Und nun ...?, drängte Ali. .
Jetzt habe ich ihn im Kleiderschrank! , rief Klick ftegesftcher.
Zwei verblüffte Gesichter starrten ihn an. Kornüch sahen die aus Er lachte. Die Vögel stimmten in sein Lachen ein und tauchten auf ihren
„Im Kleiderschrank steckt er, Onkel. Ich hab ihn erwischt. Bei Kublers Erben hab ich ihn gefangen."
„Klick!", rief der Hultenonkel.
„Aus dem Apfelfinenlager hab ich ihn herausgeholt.
Der Huftenonkel begann auf feinen dünnen Fliegenbetnen hin und her zu schaukeln.
„Klick, bist ein Mordskerl. Hast fünf Mark bei mir gut. Eine Spürnase bist du! So ein Strick, dieser Spitzbube ..."
„Wie, bitte?", unterbrach ihn Klick.
„Ich meine natürlich Pong, den Spitzbuben .. ", sagte der Onkel und langte nach seinem Regenschirm. „Run wollen wir ihn aber heimholen, den verlorenen Sohn!"
Ricka krächzte: „Hast du auch bezahlt?"
„Nachher zahl ich den Finderlohn aus", antwortete der Tierhändler seinem bunten Vogel. „Kommt jetzt!"
Und da holten sie Pong aus dem Kleiderschrank.
Das Schiff „Anastasia" und eine kleine Miitzenjagd.
Klick kaufte sich von feinem Affenlohn eine sandfarbene Sportmütze. Sie war hübsch und kostete zwei Mark fünfzig. Den Rest des Geldes legte er für bedürftige Zeiten auf die hohe Kante, er steckte sie in feine Sparbüchse. In der neuen Mütze stellte er sich seiner Freundin vor; aber Ali war etwas enttäuscht, wenn sie auch zugeben mußte, daß die Sportmütze ihren Freund gut kleidete. An ihre angefangene Strickerei dachte sie.
„Die braune Wollmütze willst du nun nicht mehr haben?"
„Aber Ali, die neue ist doch eine Sommermütze. Was soll ich im Winter aufsetzen, wenn ich deine warme Wollmütze nicht habe?"
Ihr Gesicht heiterte sich auf.
„Laß dir aber nur Zeit damit", riet er.
Vor Ostern machte er sich wieder im Spielwarengeschäft nützlich. Frau Trockenhut lag krank, das Packmädchen muhte Verkäuferin (ein, die erste Verkäuferin bediente die Ladenkasse — da war es denn gut, daß Klick in seiner freien Zeit hinter dem Packtisch stand. Ball- und Sandspiele, Osterhasen und ähnliche Spielsachen für das Frühjahr wurden gekauft. Auch Schiffe. Eines Tages kam der lange Kapitän, den der Huftenonkel Sassafrah genannt hatte, in den Spielzeugladen.
„Guten Tag, Herr Kapitän!", wünschte Klick hinter dem Packtisch.
„Tag, mien Jong!", antwortete der Seesahrer. „Na. dich kenn ich doch?" „Ich hatte bereits die Ehre im Tierladen des Herrn Dräsecke", schnurrte Klick.
„Du scheinst mir ja der reinste Hansüberall zu sein, bald bist du hier, bald dort."
„Womit können wir dienen, Herr Kapitän?", fragte die Verkäuferin, die das Wort Kapitän aufgeschnappt hatte.
Kapitän, Kapitän ... läutete es in Klicks Ohren. Wie das klingt! Wie eine Schiffsglocke im Wind auf der Elbe, wenn die Schlepper unter der Brücke durchfahren.
„Ich möchte ein Schiff haben", sagte der Kapitän.
Natürlich will er ein Schiss haben, meinte Klick insgeheim. Was anders könnte ein Kapitän auch verlangen?
„Soll es ein Schiff mit Uhrwerk fein?", erkundigte sich die Verkäuferin. „Oder ist ein einfaches Boot angenehm? Ist der Junge, für den es bestimmt ist, schon älter?"
Sassafrah strich seinen Knebelbart.
„Nicht für einen kleinen Jungen!", sagte er. „Für einen großen, wie ich einer bin, für mich will ich ein Schiff haben. So etwas wie ein Modell. Ein großes Segelschiff soll es fein — das größte, das Sie haben." _ , „ , , ,, „, , ,
Klick kam hinter dem Packtisch hervor. Kem Wort hatte er sich entgehen lassen Hier redete ein Seefahrer, ein Mann, der zwischen Deutschland und Schweden durch Stürme fuhr. Er raste die Treppe hinauf ins Lager: das allergrößte Segelschiff, für das sich bis jetzt noch kein Käufer gefunden hatte lag oben aufbewahrt. Seine Zeit war angebrochen. Er rammte die Leiter gegen ein hohes Gestell, kletterte hinauf und zerrte eine riesige Pappschachtel herunter. In den Laden mit ihr! Noch ehe die Verkäuferin ihre Schiffsvorräte vorgesührt hatte, war er wieder unten.
Wir haben einen schönen Dreimaster, Herr Kapitän!", rief er.
"Donnerkrach!", sagte der Kapitän, einen Blick aus die hohe Schachtel werfend, „du kennst dich aber aus. Du hast ja Schiffsverstand, möchtest wohl auch mal Kapitän werden?" m »
Berufssorgen kannte Klick nicht. Das Leben lief seinen Gang — Tag um Tag. Einen künftigen Beruf hatte er noch nicht «-wählt Aber da ihn nun der Kapitän fragte, stieg in seinem Herzen ein ,ahes Wunschbild auf- Klick in einem weihen Leinenanzug, schlank und gebräunt unter einem Segel stehend, in den Wind gebogen, wie er es im Sommer auf der Elbe einmal gesehen hatte. So zu sein, das wünschte er.
„Mal sehn", sagte der Kapitän, „rote das Ding aussteht. Seine tiefe Bauchstimme rollte durch den Laden.
Die Verkäuferin hob die Fregatte aus der Schachtel.
Segel gerefft'" bemerkte Klick. Er kannte die Seemannsausdrucke.
Sassafrah bfinferte ihn an. Fühlend umglitten die breiten Seemanns» hä„de den Schiffskörper, wie man den Leib eines jungen Rassetiers ab-


