Besuch in Lübeck.
Von einem Gießener.
Gießen—Lübeck, nordwärts fährt der Zug, Kilometer um Kilometer _ Kassel—Hannover—Hamburg —; aus Mitteldeutschlands Waldbergen mit ihren Burgen und Schlössern, vorbei an Marburg, an Wilhelmshohe, werden Hügelland und weites ebenes Land, Weidekoppeln, Felder und Wälder, endlos dehnt es sich aus bis zum Horizont. In Hamburg weht die Luft der Weltstadt und der Hafenstadt. An endlosen Straßenzügen vorbei, über lange Eisenbahnbrücken, Kanäle, Hafenarme, fuhrt der Zug ein in den Riesenbahnhof. Wir sind in Norddeutschland, wir sind am Meer. Weites Land, breite Häuser, große Industrieunternehmen, ausgedehnter Handel und Schiffahrt. Es ist immer wieder die großzügige Anlage aller Unternehmungen, aller Wesensäuherungen in Norddeutsch- land, die dem Mittel- und Süddeutschen ausfallll Die Industrialisierung Deutschlands hat freilich in allen Teilen des Reiches umfangreiche Werke und Betriebe ins Leben gerufen, trotzdem ist gerade diese Art der Lebensäußsrung nur in Norddeutschland so stark aus alle Gebiete menschlicher Tätigkeit ausgedehnt und für die Denkart der Bevölkerung charakteristisch. Der Grund dafür liegt ja auch offen zu Tage: hier oben ist von vornherein das weite Land, das unendliche Meer, hier waren chon vor Beginn jeder Großindustrie die großen landwirtschaftlichen Betriebe, waren die mächtigen Kaufherren der Freien Reichsstädte.
Eine gute Stunde noch fahren wir, bis die Türme der Freien und Hansestadt Lübeck auftauchen. In Hamburg, wie auch in Kiel ist von vergangenen Tagen nicht viel mehr wahrzunehmen, zu mächtig sind die Wogen der neuen Zeit hier über alles hinweggegangen; in der Weltstadt Hamburg verschwindet ein altes Haus, wie es sich hin und wieder über die Zeit hinweggerettet hat, hier herrscht der Hochbetrieb der Hafenstadt, hier ist das Tor Deutschlands zur Welt, unzählige Schiffe liegen im Hafen, bringen Güter aus allen Ländern der Erde, Tag um lag arbeiten die Kräne, an endlosen Kaimauern liegen Schiffe und wieder Schiffe Menschen aus allen Weltteilen kommen und gehen zu ,eder Stunde. In Lübeck ist alles kleiner, ist alles übersichtlicher und ruhiger. Wie die Ostsee zum Großen Ozean, so verhält sich Lübeck zu Hamburg. Und nicht nur das: Was für Mittel- und Süddeutschland Rothenburg o. d. T. bedeutet, das ist Lübeck für Norddeutschland. Das Bild der alten Hansestadt ist hier erhalten, wie nirgends sonst. Man braucht kein Historiker zu sein, um festzustellen, wie der Mauerring der alten Stadt verlief; in genauer Form einer Ellipse legt sich ein Wasserring um die alte Stadt. Wasser ist hier Hauptelement — schmal und schnell beginnt der Fluß seinen Laus im Gebirge, träge und breit liegt er im Flachland, Seen und Kanäle füllt sein Wasser —. Zwei breite Straßen führen durch die Altstadt von Süd nach Nord, vom Mühlentor zum Burgtor, sie laufen auf dem Kamm des Hügels, der sich wie ein Schild aus der umliegenden Landschaft erhebt, begrenzt von dem Wasserring. In derselben Linie, fast genau in einer Reihe stehen die alten gotischen Backsteinbauten der Lübecker Kirchen mit ihren sieben Türmen, die dem Stadtbild ein eigenes Gepräge geben, die man sieht, von welcher Seite man auch an die Stadt herankommen mag. Vor den vier Toren nach allen Himmelsrichtungen hin liegen die Vorstädte, die Wohnviertel der neueren Zeit, während die Altstadt mehr und mehr zur Geschäftsstadt, zur City wird. ,
Wer an einem sonnigen Tag auf einen der Turme siegt, dem bietet sich ein unvergleichlicher Anblick: Leuchtend grün schimmern die Kupferdächer der Kirchen und der vielen Türme und Türmchen auf dem Rathaus und überall, hell- und dunkelrot glänzen die Ziegeldächer der unzähligen Giebelhäuser, breit, mit Plastiken und Ornamenten geschmückt stehen die Häuser der Renaissance und des Barock da. Durch das Grün der Bäume auf den alten Wallanlagen, in den Gärten und Parks leuchtet auf allen Seiten das blaue Wasser der Trave, der Wackenitz und vieler Kanäle, weiße Segel und hohe Schiffsmasten beleben das Bild. Der Zauber einer alten Stadt begegnet uns auf Schritt und Tritt, aber es ist nicht die alte Stadt, wie wir sie aus Mitteldeutschland kennen, hier ist es die Seestadt. Hohe, schmale Portale, weit in die Diese gehende Häuser in engen Straßen am Hasen erzählen von vielen Gütern, die hier einmal gelagert waren, erzählen von langen gefahrvollen Seereisen, von alten mächtigen Kausmannsgeschlechtern, vom Glück und Unglück vieler Generationen. Ein Gang ins Stadtmuseum bestätigt und erläutert vieles, was man vorher nur geahnt hat. Da tut sich die ganze Welt des Mittelalters vor unfern Augen auf: Die alte Stadt, auf den Kreis innerhalb ihres Mauerringes*befchränkt, in Bezirke eingeteilt nach Kirchengemeinden, die Menschen in Zünfte, in Genossenfchasten eingefügt mit festen Bräuchen und Sitten. Die Kirche steht da überragend im Leben jedes einzelnen, genau so überragend, wie noch heute die Türme der gotischen Kirchen über der Stadt stehen. Der Sinn für Gemeinschaft, für Familie und Staat mußte ungeheuer groß sein in dieser Stadt, die zu ihrer Blütezeit den ganzen Ostseekreis beherrschte, die solche Bauten schuf und über viele Jahrhunderte unverletzt erhielt, bis Macht und Glanz zerfiel und nur noch die steinernen Zeugen die Erinnerung an eine große Vergangenheit bewahrten.
Von alledem berichten die Dinge, die jetzt im Museum ihr stummes Dasein fristen, all die Kirchenbilder und Altäre, die Meßgewänder, Taufsteine und Kelche. Mehr noch erzählen sie: Von den Menschen der Renaissance, des Barock, des Empire, der Biedermeierzeit. Handwerkertruhen, Zunftbriefe, gedruckte Bibeln berichten von stillem Fleiß einer arbeitsamen Bevölkerung; Kaufverträge, wundervolle geschnitzte Nach- bildunrr-n Lübecker Schiffe, die an der Decke aufgehängt find, sagen von Kauimannschaft und unternehmenden Seefahrern. — Aber da ist noch mebr, aus dem großen Gebiet der Kultur und Kunst eine solche Fülle, wie sie nur in einer Stadt reicher und alter Geschlechter so schön aufblüben kann. Welch prachtvolle, mit reichem Schnitzwerk versehene Schränke find da zu sehen, prachtvolle Gemälde holländischer und norddeutscher Maler; ja, man hielt es für wert, ganze Zimmereinrichtungen
von der Tapete bis zu den Vorhängen getreu nachzubilden und hier erst zeigt sich ein gepflegter Geschmack und ein Gefühl für Stilreinheit o ausgebildet, wie man es selten findet. Betritt man eine der Kirchen, o wiederholt sich der Blick in die Kulturgeschichte vergangener Jahrhunderte, nur, daß hier nicht alles nach Epochen geordnet uns entgegentritt; wie die Jahrhunderte Stein um Stein und Denkmal um Denkmal hier aufgebaut und zusammengetragen haben, so sehen wir es heute vor uns, neues steht neben altem; hier ist ein Senator zur Ruhe be>- gesetzt worden, hier ist eine Denktafel für einen berühmten Sohn der Stadt in die Wand eingelassen, dort ist eine Orgel, von einem berühmten Meister gebaut, und an jedes Stuck heftet sich eine Reihe von Erinnerungen, die dem alteingesessenen Lübecker von Bedeutung sind. Es ist ja so selten, daß ein Raum, eine Stätte und gar eine ganze Stadt sich durch solch lange Zeit fast unverändert erhalten hat, daß wir sehen und ohne schwierige wissenschaftliche Mittel nachprüfen können, wie man rüher gelebt und gebaut hat.
Jede Zeit wird versuchen, einer Stadt ihr eigenes Gepräge zu geben, e kräftiger und rücksichtsloser sich der jeweilige Zeitgeist gebärdet, desto mehr wird er ändern. Dem Stadtbild Lübecks hat dieser Geist nicht viel Schlimmes angetan. Das Schlimmste, wie überall, sind die Häuser, die um 1900 gebaut wurden. Diesem unselbständigen, sämtliche Stile früherer Zeiten nachahmenden Geschmack gegenüber hat sich heute endlich wieder eine neue starke Richtung durchgesetzt, die unserem technischen Zeitalter entspricht, ohne an Formschönheit und Reinheit anderen Stilen etwas nachzugeben. So bietet sich heute das Holstentor inmitten neuartigster Straßenanlagen in einer Geschlossenheit und Einheit, wie sie nicht besser hervortreten könnte; hier treten zwei Stile zusammen, beide völlig rein und von starkem Willen zeugend und die Wirkung ist hierdurch nicht aufgehoben, sondern verdoppelt. Auch eine Straße kann ja Stil zeigen und gerade unsere modernen Kunftstraßen, wie sie am schönsten von den neuen Autobahnen dargestellt werden, zeigen den neuen Stil und die Richtung, in der er sich betätigt, in bester Weise.
Alte Giebelhäuser — Kirchen — Denkmäler — Stadtwälle mit wundervollen Anlagen, Gärten und Parks: man könnte denken: Lübeck war einmal eine mächtige und bedeutende Stadt, heute ist es ein Museum, eine Stadt der Rentner, eine Stadt am Rande des großen Geschehens. Das ist nicht der Fall. Freilich nimmt Hamburg durch den Kaiser-Wil- helm-Kanal einen Teil des Oftseehandels an sich, aber — Lübeck liegt doch immer noch an der Ostsee selbst an günstigster Stelle und pflegt den Geist der Verbindung aller Ostseeländer und der Menschen nordischer Rasse, aufbauend auf einer jahrhundertealten Tradition, Lübeck ist auch heute noch die führende Stadt im Oftseehandel. Und dieser Handel ist gewiß nicht kleiner geworden seit dem Mittelalter, nur ist inzwischen der Welthandel andere Wege gegangen feit der Entdeckung Amerikas. Hat auch Hamburg diesen Welthandel in die Hand genommen und ist für Deutschland das Tor zur Welt geworden, so hat Lübeck daneben, hier an der Ostsee immer noch Aufgaben zu erfüllen, die von keiner kleinen Bedeutung für das Reich sind, Aufgaben kultureller und wirtschaftlicher Natur. Wir brauchen nur mit einem Dampfer ober Motorboot die Trave abwärts zu fahren, so sehen wir das weite, großzügig angelegte Industrie- und Hafengebiet Lübecks. Da sind Säge- und Hobelwerke mit ungeheuren Holzvorräten — hier liegen finnische und russische Dampfer —, da sind Maschinenfabriken, sind Werften, Fischindustrien und Rauchereien, Großbetriebe aller Art, und schließlich weitet sich das Hafenbecken noch einmal bei Schlutup in dem eigentlichen Industriehafen und oor uns liegt das imposante Hochofenwerk mit seinen drei Schmelzöfen. Kröne von riesigen Ausmaßen fördern hier das fchwedifche Erz vom Schiff direkt ins Werk .
Weiter geht's mit dem Dampfer nach Travemünde. Lübecks Dftfeebab unb Vorhafen. Wie der Gießener Sonntags nach Bad-Nauheim fährt, fo der Lübecker nach Travemünde. Doch, was gibt es hier nicht alles zu sehen. In solchem Hafen, ist er auch nicht allzugroh, gibt es immer interessante Dinge zu sehen, besonders für Landratten: Da kommen und gehen Schiffe von und nach Lübeck, da liegen kleine Schlepper, Fischerboote, Segelboote, von der großen eleganten Jacht bis zum Paddler, der sich ein kleines Segel aufgesetzt hat. Fast jeden Sonntag gibt es Besuch von der Kriegsmarine und allen Neugierigen ist Gelegenheit gegeben, sich solch modernes Kampfschiff von innen und außen genau zu besehen. Doch was ist das alles gegen bas wunbervolle Erleben: in ber See haben, sich in ben weichen Wellen bes blauen Meeres zu wiegen unb bann ftunbenlang am Strand liegen in dem feinen weichen Sand, die herrliche Sonne und den weichen, angenehmen Seewind genießen zu können, träumen und nichtskun. Das ist die rechte, wirkliche Erholung von dem Hasten und Jagen einer Großftadtwoche. Und wer Lust hat, kann am Nachmittag unb Abenb noch taufenb anbere angenehme Dinge tun, als ba find: eine kleine Segelfahrt in bie See hinaus unternehmen, im Kurhaus Kaffee trinken unb tanzen ober auf ber langen Stranb- promenabe sich ergehen unb fo ein klein wenig angeben mit fernem neuen Felbstecher ober feinen Anzügen nach neustem Schnitt, nicht zu vergessen bie Damen mit den hinreißenden Badekostümen und all das unter wohlwollender Assistenz eines internationalen Publikums, bas bie ganze Gegend reichlich bevölkert.
Auch sonst ist in Lübeck kein Mangel an Ausflugsorten unb Zielen für Sonntagsausflüge, wer hat nicht schon von ber holsteinischen Schweiz mit ihren zahlreichen Seen gehört ober vom Ratzeburger See, von Mölln, ber Till-Eulenspiegel-Stabt ober vom Sachsenwalb. Seen, Wälder unb Felber überall unb wer einmal in einem Seengebiet gewesen ist, (ei cs am Bobensee ober an ben bayrischen Seen, ber weiß, was eine Landschaft dadurch an Schönheit gewinnt. Wer diese Stabt wirklich kennenlernen will, ber muß nicht nur bie Kunstwerke unb Museen besehen, sonbern auch ein Auge für die heutige Zeit haben, muß bie Umgebung ber Stabt besuchen unb ben Sinn ber Bevölkerung verstehen lernen.
"Veraniwortltch: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Untvers itäts.Duch» und Lteindruckerei, R. Lange, Gießen.


