Oer römische Brunnen.
Von Conrad Ferdinand Meyer. Aufsteigt der Strahl, und fallend gießt Cr voll der Marmorschale Rund, Die, sich verschleiernd, überfließt In einer zweiten Schale Grund; Die zweite gibt, sie wird zu reich, Der dritten wallend ihre Flut, Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.
O'e Liebe auf dem Lande.
Von Hans Thyriot. Jrn alten stillen Garten, wo ich zuerst dich fand, da stand ein roter Rosenstrauch, der blühte unverwandt.
Von Blumen bunt die Wiese, da ich vom Apfel aß, uns wuchs zum Paradiese ihr sanftes, hohes Gras.
Und auf den schmalen Wegen, die wir gegangen sind, da wehte Gottes Segen in jedem Sommerwind.
Ein Mensch in Flammen.
Von KarlHeinrich Waggerl.
Im Morgengrauen steht Peter auf, er will in das Kar gehen, um Len Schafen Salz zu bringen. Es ist kühl, ein paar Sterne flimmern noch an dem blassen Himmel, aber im Osten entzünden sich schon die höchsten Grate im Feuer der Sonne. Die Vogel smd aufgewacht, es sind kleine, fröhliche Tierchen, sie steigen nacheinander vom Boden auf, flattern einen Augenblick hoch oben in der grasgrünen Luft und Lullen die Stille mit ihrem vergnügten Gezwitscher. Peter legt sein Salz aus, und dann steigt er noch weiter bis aus den Grat, auf die Spitze eines kleinen Kegels. Von dort aus kann er die Hütte sehen, die noch tief im blauen Schatten liegt. Er will da bleiben und warten, bis die beiden auswachen und nach ihm suchen. Die Mutter wird vor die Hütte kommen — wo in aller Welt ist Peter? Dann wird er. ausstehen und rufen — ja, seht euch nur um, sucht mit euren verschlafenen Augen!
Die Mutter, nein, die ist es nicht, an die Peter jetzt denken muß. Eva wird herausschauen und vielleicht ein roenigbange fein, wenn Jte ihn hier stehen sieht, auf einer Nadelspitze über bodenlosen Abgründen Ach sie trägt ein weißes Kleid und ist über die Maßen fern, dieses Mädchen aus der Stadt; ihre Fingernägel sind blank und .feitz wie kleine Messer. Sie nannte ihn nicht beim Namen — fein einziges Mal, denkt d^Gu"n^Morgen^Jr'aulein Eva, könnte er sagen, wie gesollt es Ihnen bei mir? Er könnte ihr recht gut zu verstehen geben auf eme feine Art andeuten, daß es keineswegs (o ganz gewöhnlich ist, nicht so Durchaus ungefährlich, hier im Kar zu Besuch zu sein! — Es gwt Geheimnisse, Fräulein Eva, jawohl, in diesen wilden Gegenden! Es konnte sein, | daß Peter mehr vermöchte, als alle Welt von einem Sennhirten "'“Bir'roäre es zum Beispiel, wenn Peter plötzlich stehen bliebe, irgendwo zwischen den Felsblöcken, und brei markerschütternde Psiffe ertönen liehe? Wenn dann eine Schar wilder Gesellen auftauchte, wie aus dem Boden gezaubert, zwölf verteufelt finstere Kerle mit schwarzen Bärten, und bis an die grimmigen Zähne bewaffnet?
Küretten Sie nichts, Fräulein! würde er zu Eva sagen, wenn sie sich bleich und zitternd an ihn lehnte. Es sind verwegene Leute, bas ist wahr, kaltblütige Mörder. Aber treu wie Gold!
Seht her! würde er mit machtvoller Stimme erklären: Dies ist Fraulein Eva, sie steht unter meinem Schutz, wacht über sie, in der ganzen Welt mit eurem letzten Blutstropfen! Schwört in meine Hand!
Wir schwören! murmeln die Männer und verschwinden wie weg- 0eb'Beter "liegt mit geschlossenen Augen und atmet schwer. Etwas tun, ja eine große, märchenhafte verwegene Tat! — Sehen Sie diese Blume dort in der Wand, Fräulein Eva? Willst du, daß ich hinaussteige? Sie ist verflucht, diese Blume, sie bringt Glück, aber wer sie zuerst bricht, muß sterben, jeder. Und ich hole sie trotzdem für dich, in der heutigen ^Bittet ihn Eva, es nicht zu tun? Beschwört sie ihn mit feuchten Augen? Nein, sie schweigt. Aber das Herz wird ihr brechen, wenn sie ihn am Morgen findet, zerschlagen, tot im blühenden Kar, mit einer weißen Blume in der blutigen Faust. Ja, meine nur! So jung war Peter, und dann mußte er sterben — fragt nicht warum.
Die Sonne steht hoch am Himmel. Rauch steigt aus der Hütte, aber niemand kommt übers Kar gelaufen, um nach Peter zu suchen. Nein, zwei Frauen stehen am Herd, er ist entbehrlich.
Ernüchtert und kleinlaut tritt Peter den Heimweg an Eva sitzt vor der Hütte im Gras und näht, häkelt an einer Spitze, soviel er sehen kann, und sie schaut nicht auf, während er vorübergeht.
Beter trägt den Milcheimer in die Hütte, und bann setzt er sich fdim igfam an den Tisch. Was in aller Welt kann man tun um einen wc -Neideten Engel zurückzuholen, der im Begriff ist, geradewegs und unauchaltsam in die Unendlichkeit zu entschwinden? Es wäre gut, wenn der Berg einfiele, wenn die Hütte in Flammen aufginge, oder wenn doch mindestens die Mutter auf den Gedanken geriete, zum Essen zu rufen. Aber nichts dergleichen geschieht.
Peter hat noch kein Wort mit Eva gesprochen, das ist es auch gar nicht, was er wünscht. Als er an ihr vorüberging, starb ihm das Herz ab vor Angst, etwas sagen zu müssen. Er mochte . . >a, Peter weiß nicht, was er möchte. Ein Held sein, schweigend etwas Großartiges vollbringen, das wäre es! c
Er schaut durch das Fenster, da weidet der Stier auf dem Kar. Dieser Stier heißt Ioli, und jetzt wandelt er dahin rote der hunmlijche
Friede selbst. Sein Horn ist nur daumenlang, aber sein Nacken gleicht einem ungeheuren schwankenden Berg von Fleisch, und die kleinen rötlichen Augen verschwinden fast in der krausen Wolle feiner Stirn. Einmal machte er sich das Vergnügen, die dicke Brunnensäule umzurennen, bloß mit einem kleinen Ruck seines furchtbaren Schädels.
Peter gerät jetzt auf den Gedanken, sich mit diesem Ioli em wenig einzulassen. Der Stier kennt ihn zwar, aber es gibt allerlei Klemig- feiten, die er auch von ihm nicht gut verträgt. Das gäbe einen hübschen Spaß, einen niedlichen Tanz auf dem Kar!
In diesem Augenblick bemerkt Peter, wie der Stier unruhig wird. Er senkt den Kopf und fchnaudt über den Boden hin — bas tut Ioli nur, wenn ihm etwas Ungewohntes im Kar begegnet. Einmal geriet er wegen eines Blattes Papier, bas im Winbe vor ihm hersegelte, in Raserei, unb bamals brachte er es fertig, alles Lebendige, Kühe und Schafe, weithin über das Kar zu versprengen. Peter kann nicht sehen, was dieses Mal den Unwillen des Tieres erregt, aber es ift vielleicht doch gut, mit einer Schüssel voll Rübensutier hinauszugehen, unb das Ungetüm beizeiten wieder zu Verstand zu bringen. . , L <■ .. ,
Wenn Peter zu anderen Zeiten gesehen hatte, was er letzt steht, so wäre er wieder in die Hütte gegangen unb hätte bie Tür fest hinter sich zugemacht: Ioli nämlich hebt ben Schweif unb setzt sich brummend m Galopp, unb nicht allzuweit von ihm flattert roieber ein Blatt Papier — nein, Eva in ihrem weißen Kleib!
Es ist wirklich Eva. Sie flüchtet fdjreienb vor ben dröhnenden Hufen des Tieres, unb in ihrer blinden Angst läuft sie geradeaus in das baumlose Kar hinein... , .
Man kann einem wütenden Stier nicht auf diese Art entkommen, das weiß Peter. Er läuft nicht übermäßig schnell, aber seine Kraft ist unerschöpflich. Man muß bas Herz haben, ben Ansturm ruhig zu erwarten unb blitz chnell auszuweichen. Ober man muß versuchen, einen Baum vor sich zu bringen, barin liegt eine gewisse Möglichkeit, sich vor dem grausigen Schicksal bes Zerstampftwerbens zu retten. Rmber toten nicht wie Raubtiere, schnell, aus Blutdurst. Sie sind Mörder ohne Scheu, aus nachhaltiger, blinder Wut, der Tod hält sie nicht auf. Sie ruhen erst, wenn ihr Opfer der Erde gleich geworden ist. r. .
Peter spürt ein brennendes Glucksgefuhl, er mochte laut schreien, aus dem Zaun unb läuft — läuft um Evas Leben!
„Wende dich!" schreit er. „Schnell! Lauf zurück!" Aber Eva achtet nicht auf ihn, sie rennt nur fort unb Höri bie dröhnende Gefahr hinter sich näher unb näher kommen. Das Kar ist hier eben rote em Tisch, aber sie weiß, baß seitlich, gegen den Berg zu, große Blocke liegen, unb bortttn will sie fliehen. Der Stier verfolgt sie mit gewaltigen Sprüngen, Gras unb Erbe wirft er mit seinen Husen auf — nein, ihm wirb sie nicht entkommen! , „ „ „ . ,.
Später tarnt Peter selbst nicht genau sagen, wie alles kam. Er hatte wahrhaftig nicht Zeit, über irgenb etwas nachzubenken. Als er von der Hütte her über ben Abhang jagte unb schon ganz nahe war, sah er deutlich, daß Eva zu straucheln begann und nicht mehr lange laufen tonnte ' Alles ging blitzschnell vorüber, aber die Rettung, bie einzige Rettung lag barin, baß Peter im letzten Augenblick einen Stein aus- nahm unb baß er bas rafenöe Tier mit biefem Geschoß an ber empfindlichsten Stelle traf: an ber Sehne bes Hinterlaufes. Unb bann ftanben sich bie beiben gegenüber — Ioli unb Peter, wie Goliath unb David in 5er Heiligen Schrift. Eine Minute lang stanb es auch dahin ob der Stier nicht Lust betäme, diesen neuen Feind anzunehmen. Ader fein Hinterbein war lahm, unb außerbem, es war Peter, ber ba vor ihm stanb. Peter, mit einem Prügel in ber Hanb, bachte er wohl — bann wandte er sich ab unb trollte bavon. Peter trieb ihn einfach vor sich her wie eine zahme Ziege, weit in bas Kar hinein...
Ja, später! Später sitzt Eva auf einem Felsblock, sie ift talkweiß im Gesicht, unb ihre Zähne schlagen hörbar aufeinanber. Auch bie Mutter hat enblich ihre Sprache roiebergeroonnen. Peter aber kommt gelosten über bas Kar geschritten, ein Helb, ein ruhmbebeckter Sieger!
Peter spürt ein brennenbes Glücksgesühl, er möchte laut schreien, aber er schweigt. Vorhin, als er allein über bas Kar ging, konnte er sich kaum aufrecht halten. Tränen würgten ihn, selige Schwäche. Jetzt aber ist er so verwegen, baß er hinzutritt unb Eva mit feinen beiben Armen von ihrem Sitz hebt. Er nimmt sie fest an sich unb trägt sie noch ein gutes Stück über bas Kar — nur so, weil er es eben tun kann, wen es nichts in ber Welt gibt, was er jetzt nicht wagen bürste.
Ich banke bir, bu lieber Peter!" sagte Eva an feinem Ohr.
Das ist unbeschreiblich schön. Peter ist noch kein Mann, viel eher ein Kinb, eine harmlose schwärmerische Seele. Hier lebt er im Kar, einsam — alles ist ba ungeheuer unb groß. Zuweilen rührt ihn etwas tief im Herzen an, es ist nur ein Vogelschrei, ein fallenber Stern m ber Nacht Unb Peter läuft fort, er trifft vielleicht eins von feinen Tieren, bei bem bleibt er bann, lockt es unb gibt ihm zärtliche Namen. Nun aber ist es Eva, bie sein Herz so bewegt. ,,
Ach ja, Peter ist verliebt! Ein Mensch in Flammen, sieh her, Eva — ein ganzer iebenbiger Mensch!


