ein wenig
an seinen Haus, mit wieder in
wollte.
„Ich kann auf meinen Stand nicht verzichten", erwiderte sie stolz.
„Ich kann warten", sagte Pirruhn.
Und er wartete geduldig wie ein Tiger.
Nach Tisch schlief er Immer eine halbe Stunde in seinem Bibliothekszimmer; im Sommer hielt er sein Mittagsschläschen in der Kirche, weil dort keine Fliegen waren. . v . ...
®r tat viel Gutes im stillen; aber wenn jemant> zu ihm kam, um sich zu bedanken, dann wurde er mit einem drohend erhobenen Finger aus der Tür gewiesen. r, s
Pirruhn trug im Winter wie im Sommer, wochentags, an Fest- und Feiertagen, sogar bei der Prozession denselben purpurnen Mantel. Livi- nus' Vater muhte ihm jedes Jahr einen solchen Mantel machen und vier Hosen dazu in verschiedenen Farben. Er hatte auch einen schwarzen Anzug, den er nie getragen hatte und der ihm nur dazu dienen sollte, darin begraben zu werden ...
Fast jeden Tag — es war eine Seltenheit, wenn es nicht geschah — suchte Herr Pirruhn um halb sieben Uhr abends das Häuschen auf, in dem Fräulein Adelaide von Sint-Jan wohnte.
Sie war für Pirruhn die Farbe und der Honig seiner Tage. In diesem weißen Hause mit seiner runden Tür und der hohen Freitreppe hing mit dem Duft von Aepfeln, die hier stets vorhanden waren, der Duft seiner stillen Liebe.
Adelaide war von adeligem Blut, geboren auf dem Herrensitz „Das Einhorn" zu Grobbendonck; sie hatte in einer silbernen Wiege mit Venediger Spitzen gelegen, aber ihr Vater hatte mit seinem Vermögen schlecht gewirtschaftet.
Als sie achtundzwanzig Jahre alt war, brach die Katastrophe über ihre Familie herein; der Vater starb, und alles mutzte öffentlich verkauft werden, um die Schulden zu decken.
Es war Pirruhn, der mit diesem großen Verkauf sein Amt als Notar antrat. .
Als er ihr im Sterbehaus begegnete, verliebte er sich gleich bis über die Ohren in sie; er selbst kaufte die ganzen Güter, suchte sie dann auf und bot ihr sämtliche Besitztümer wieder an, wenn sie seine Frau werden
Inzwischen verkaufte er das „Einhorn" samt Inventar Freund von Egmont zu den fünf Fontänen, aus dem blauen dec Bedingung, daß er den Landsitz mit sämtlichen Möbeln Besitz nehmen dürfte, falls er Adelaide heiraten sollte. Aber sein Freund konnte dieses herrliche Landgut nicht lange genießen, denn er wurde als Botschafter nach Italien geschickt und mußte die Verwaltung seinen beiden
Schwestern überlassen.
Viele Jahre waren nun vergangen, aber Pirruhns Liebe war die gleiche geblieben.
Das Haus, in dem Adelaide jetzt wohnt«, gehörte ihm. Um sie aber in ihrer Ehre nicht zu verletzen, lieh er sich die Miete bezahlen. Jeden Monat wurde ihr die fällige Summe, kein Deut mehr oder weniger, heimlich unter die Tür geschoben, und sie vermutete, daß das Geld von Pirruhn stammte. Eines Tages, als sie es ihm unbedingt zurückgeben wollte, nahm er das Geld an und warf es in den flammenden Herd.
Regelmäßig brachte ihr dieser oder jener Bauer, je nach der Jahreszeit, ein Körbchen mit Erdbeeren, Kirschen, Birnen, Aepfeln, Pflaumen oder Walnüssen, sogar eine kleine Kiste mit sorgfältig in Watte verpackten Weintrauben. Wenn Adelaide fragte: „Wer schickt die Sachen?", dann antworteten die Leute stets: „Sankt Nikolaus ..."
Täglich um halb sieben, nachdem er zu Abend gegessen hatte, ging Pirruhn zu ihr; er rauchte einige Pfeifen, sie spielten eine Weile Schach, oder er las ihr aus der Zeitung „Die neue Laterne von Antwerpen" vor, während sie für die vornehmen Familien der Stadt Stickereien anfertigte. . ,
Er liebte sie immer noch so quellsrisch wie vor zwanzig Jahren, aber er wollte sie nie mehr fragen; das mußte nun von selbst kommen.
Adelaide war eine stolze, edle Erscheinung mit runden Augen, einer gebogenen Nase und Ringellocken neben ihren Hängebacken, und sie sprach mit geschlossenen Zähnen. ,. „. . . .
Man sah, daß sie früher viel gelitten hatte. Diese gewaltige Erniedrigung war ein Dornenkleid für sie gewesen. ....
Sie, die einst in einer silbernen Wiege gelegen hatte, wohnte letzt in einem kleinen, aber schmucken Hause; sie mußte selbst das Bett machen, das Geschirr aufwaschen, den Fußboden scheuern, Sand streuen und die Kartoffeln schälen. , _
Sie war jedoch sehr fromm und versuchte, ihren Schmerz mit dem Trost der Religion zu vergolden; allmählich gewann diese schweigsame Einsamkeit auch ihren Reiz, und angenehme Stunden erblühten gleich Sternen am Gewölbe ihres Lebens.
Noch nie hatte sie ihr Nein bereut, sie würde auch jetzt noch nein sagen; der Abstand zwischen ihm und ihr war zu groß, sie zog ein buntes Wappen über ihrem Namen allen Reichtümern der Erd« vor.
Sie wußte, daß Pirruhn sie noch immer liebte; seine standhafte Liebe, die er durch sein ganzes Benehmen deutlich zum Ausdruck brachte, war wie eine ferne Musik, der sie gerne lauschte, aber sie fühlte sich sehr gekränkt, weil er aus reiner Dickköpfigkeit nicht noch einmal um ihre Hand anhielt.
Das konnte ihr stundenlang den Schlaf rauben.
Das Testament.
Der Marktplatz war ein köstliches Juwel von Renaissancehäusern, die prunkvoll mit Gold und Bildhauerwerk verziert waren. Zwischen ihnen stand das einfache gotische Rathaus, das fast bis an die Häuser au1 der Ostseite reichte, die stets im Schatten tagen.
Corenhemels Haus stand in der Sonne, an der Ecke der Storchstraße. Es war ein hohes, schmales Gebäude, mit weißer Oelfarbe gestrichen; zwei Karyatiden, eine männliche und eine weibliche mit Ballonbrüsten, trugen neben dem mittleren Fenster ein goldenes Füllhorn; unter den
anderen Fenstern hingen Girlanden, und auf dem Rücken eines üppig geschweiften Frieses glänzte das Gold eines Bienenkorbes.
An der Ecke des Hauses stand betrübt in einem blauen Glaskasten eine große Madonna der Sieben Schmerzen, mit sieben langen Blech- chwertern im Herzen. .
An einem mächtigen Eisenschnörkel hing eine Laterne davor, tn der allabendlich eine Kerze angezündet wurde. .
In diesem Hause herrschte großer Kummer; die Frau lag seit drei Jahren krank zu Bett, und er war bläh vor Sehnsucht nach feiner rüheren russischen (Beliebten, mit ihren Hellen kindlichen Traumaugen...
Pirruhn war gerade bei Corenhemel und betrachtete im großen Saal die neue Kameensammlung, als sein Schreiber keuchend hereinkam, um ihn an das Sterbebett von Fräulein Angelina von Egmont zu den fünf Fontänen zu holen, die bereits die geweihte Kerze in der Hand hätte und ihm noch etwas Wichtiges mitteilen wollte.
„Wenn es so wichtig ist, was sie mir zu sagen hat, dann mag sie am Geben bleiben, bis ich komme", sagte Pirruhn und widmete sich mit größtem Interesse den zarten Kameen. Er legte sie vorsichtig auf die Hand und betrachtete sie mit scharfen Augen. Es waren schwarze, blaue, aurorarote, bernstein- und honigfarbene, auf denen sich schlohweiße Kupidos, römische Kaiserköpfe, Mediciprinzessinnen und mythologische Visionen abhoben. „ ,
„Es ist wie draufgehaucht und festgefroren , sagte Pirruhn, „wer das' mit einem Diamanten fertigbringt, hat den Teufel im Leibe."
„Ach", seufzte Corenhemel, „und mit diesem Zeug versuche ich meinen Kummer zu lindern."
„Nur gut, daß es nicht glückt", meinte Pirruhn. „Ader letzt muß ich fort, sonst kann die alte Jungfer nicht sterben. Auf Wiedersehen!
In gewohntem Schritt ging er zum Lindendelch, wo das Blaue Haus stand, der alte Sitz der Familie von Egmont zu den fünf Fon- tangn einer kleinen Kammer, die spärlich möbliert war, lag das alte Fräulein in einem blauen eisernen Bett, gelb wie eine Birne und mit blaßpurpurnen Sippen. In ihren dünnen Händen hing ein schwerer Rosenkranz, und ihre hellgrauen Augen starrten fromm auf die Wand, wo ein farbiges Glaskästchen hing mit einem Bild der heiligen Anna, ihrer Patronin. , , . , .
Der Pfarrer kniete am Fußende, und der kleine Arzt putzte feine Hornbrille mit dem Rockärmel.
Die heiße Sonne drang rahmgelb durch die geschloffenen Vorhänge, hinter denen eine Hummel gegen die Fensterscheiben brummte.
Ein samtener Pfirsich lag neben einer Medizinflasche, und eine lange Kerze brannte auf einem Leuchter aus grünem Steingut.
Fräulein Angelina war reich und verschwenderisch eingerichtet aber aus Frömmigkeit lebte sie ein strenges Leben mit Beten und Fasten. Das „Einhorn", das sie früher für ihren Bruder, der in Italien gestorben war, und jetzt für dessen Tochter Anna-Marie, die noch in Italien wohnte, verwaltet hatte, betrat sie nie, obwohl Pirruhn und der Gärtner sie dringend darum gebeten hatten. Die Zimmer in dem Blauen Hause waren schön und üppig mit antiken Schätzen ausgestattet und mit weichen Teppichen belegt; aber sie lebte in dieser kahlen Kammer wie eine Nonne in ihrer Zelle und wollte wie eine Nonne fter@i"" freute sich, Pirruhn zu sehen, wollte sich aufrichten, aber es ging nicht. Sie winkt« ihn zu sich und sagte mit tonloser Stimme: „Ich habe auf Sie gewartet."
„Das ist sehr schön", sagte Pirruhn.
„Ich gehe nun bald ein zum Herrn, zu meiner Schwester und zu meinem Bruder ..." ...... , m. .
„Sie können doch nicht ewig am Geben bleiben , tröstete Pirruhn.
Mit schwacher Stimme sagte sie bann: „Anna-Marie ist nicht gekommen ... Ich hatte nur einen Bruder, Ihren Freund ... Wenn er aus Italien zu Besuch kam, hat er sie nie mitgebracht ... sie könne die Reise nicht aushalten, sagte er. Er starb, auch bann tarn sie nicht. Meine selige Schwester Rachel und ich, wir haben immer auf sie gewartet; sie wäre uns ein Trost gewesen in unserer Einsamkeit ... Auch ich werbe sterben ... und begraben werden, ohne sie jemals gesehen zu haben. Sie muß mein Grab besuchen!"
Die Kranke wollte sich ausrichten, eine Drohung lieh den erlöschenden Augen einen kurzen Glanz. „ ,
Aendern Sie das Testament! ... Sie muß em Jahr, em ganzes Jahr hier wohnen, in diesem Hause, damit sie mein Grab besucht und für mich betet ... Vorher darf an sämtliche Besitztümer nicht gerührt, auch nichts davon verkauft werden und wenn alles in Drummer ginge und das Gras in den Wiesen faulte ... Das ist mein letzter Wille
Plrruhn schrieb ihn schnell mit einer Gänsefeder auf em Stuck Papier, bas er aus einer Ueberfetzung der Prebigten Fenelons gerissen hatte, und ließ es von ihr unterschreiben.
Als sie zitternd ihren Namen geschrieben hatte, fiel ihr die Feder aus der Hand. Sie schloß die großen Augenlider, ihr Atem pfiff. Der Arzt fühlte ihre Hand am blauen, flachen Puls; er klopfte nicht mehr.
Der Pfarrer nahm die Kerze vom Geuchter herunter, ergriff die Hand, die ihm der Arzt überließ, legte die kalten Finger um die braune Wachskerze und sprach die Gebete der Sterbenden: „Elias und Enoch, erlöst diese Seele aus den Gefahren der Welt!"
Die Flamme knisterte, brannte aber gleichmäßig weiter, wie gemalt auf der Stille. _
Das Zimmer war hell, voll gardinengedämpfter Sonne. Und ganz allmählich, so wie eine Sommerwolke eine andere Gestalt annimmt, ohne daß man es merkt, kam der Tod über sie. Flüsternd neigte sie den kleinen gelben Kopf ein wenig zur Seite, ein dürftiges Lächeln blieb an ihren weiß ausgeschlagenen Lippen hängen.
Der Arzt schloß ihr mit seinem breiten Daumen die Augen, und Pir- rutjn sagte: „Sie ist bei Petrus ..."
(Fortsetzung folgt.)


