Ausgabe 
21.8.1936
 
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SietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

zrritag, den 21. »uguft Nummert

FELIX TIMMERMANS

Die Delphine

EINE GESCHICHTE AUS DER GUTEN ALTEN ZEIT Aus dem Flämischen übertragen von Peter Mertens /Insel-Verlag Leipzig

Die Delphine.

Die bescheidene Oellampe mit dem schiefen Blechschirm spannte em Zelt aus Licht und Pfeifenrauch über den runden Tisch und die zwo f Hande. An den gebräunten Wänden hingen Portrats Zeichnungen Pfeifen. Lor- beertränze, darunter ein goldener und ein jüberner, Bilderbogen, Tab - und Geldbeutel, Briefe und getrocknete Blumen Erinnerungen an

chqeschenke um ein altes Aushängeschild mit dessen Rücken ein häßlicher Amor sah und

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Da hingen sie nlm als Weihgeschenke um em altes Aushangeschüd mit einem wütenden Delphin, auf dessen Rücken em häßlicher Amor sah und Liebespseile abschoß nach braunen Tritonen und fetten Seenymphen, die in einiger Entfernung zwischen den weißen Wogenkammen spielten.

In einer stillen dunklen Ecke glomm der geheimnisvolle Bauch emer alten Mandoline, mit Perlmuttereinlagen geschmückt und mit langen blassen Bändern umhängt. Ein Delfter Tabakskops mit kupfernem Deckel stand dickbäuchig auf dem Tisch neben Z'nnkrugen und 9r.D6en Sier- qläsern, in denen gelbes Bier wabbelte. Während draußen im Dunkeln ein nasser Schnee an die Fensterscheiben klatschte, ein toller Wmd wütend an den Bäumen zerrte und im Schornstein ein Geräusch machte, als ob jemand leise ein Lied vor sich hin summe war hier drinnen der Kamin heiß und hell von flammendem, knisterndem Holzfeuer.

Liier saßen die sechs Delphine jeden Abend beisammen: Pirruhn, Corenhemel, Van de Rast, Kuckuck, Schwan und Bruderherz. Sie unter­hielten sich über Kunst, Liebe und Philosophie, spielten Karten oder Schach, sangen und tranken oder rauchten um die Wette aus ihren langen, durch- räucherten Tonpfeifen. Dann gab es noch dieguten Tage und die ge­waltigen, Bacchus gewidmeten Delphinenfeste: wenn einer Geburtstag hatte, am Dreikönigstag und in den Tagen des Weinmonats.

Die Abende in dem kleinen Saal des GasthofesZum Delphin waren für diese Männer ein Bestandteil ihres Lebens geworden, em Vergnügen, das sie nicht mehr entbehren konnten. m v f . _____

Und doch wollte einer fortgehen: Livinus Bruderherz, em junger Kunstmaler mit einem schwarzen Bart und braunen Monchsnugen.

Also ich reise morgen nach Paris", sprach er mit sanfter Stimme. Der Abschied von meinen guten Kameraden fallt wir schwer, aber es geschieht der Kunst zuliebe. In dieser kleinen stillen Stadt mit ihren schmalen Straßen, die oben zusammenwachsen, mit ihren runden Brucken und trägen Wasserwegen, mit der einsamen Sonne auf den Platzen, wo das Gras zwischen den Pflastersteinen wächst, da ist gut leben für jemand der seine Kunsternte hereingebracht hat, um dann m spateren Jahren hier friedlich zu arbeiten wie Michael Schwan. Aber ich bin jung und brauche für meine Kunst das große Leben ..." Seme Stimme wurde noch sanfter.Ich habe jedoch nur das Reisegeld. Mein Vater gibt mir nichts, und jetzt müßt ihr mir helfen ..."

Pirruhn ergriff das Wort:Ein großer Mann schlagt sich ohne einen Deut durch die Welt. Mein Vater hat mit einem einzigen Centime am gefangen, und den hatte er mitten auf dem Marktplatz gefunden. Als er ihn fand, sagte er: .Ein Centime und noch ein Centime ist em Cent, und er ist der reichste Mann der Stadt geworden. Hier sind zehn gramen, und wenn du damit nicht auskommst, bann kannst du ruhig ms Kloster

^ßioinus betrachtete traurig lächelnd die beiden silbernen Fünffrank- ^^Corenhemel öffnete feine perlenbestickte Geldbörse, der weißhaarige Michael Schwan hatte bereits ein Goldstückchen zwischen Daumen und Zeigefinger, als Pirruhn befahl:Keinen Cent mehr! Er foll uns mal ^'^Das^werde ich tun", sagte Livinus plötzlich stolz,und wenn ich ^"^Recht'so",^knurrte Pirruhn^.Das kraftvolle Wort von Livinus macht aus diesem trübseligen Abschied einen großen Tag! Die Kronen auf den Kopf! Und Liebfrauenmilch!" ,

Jeder setzte nun eine Lorbeerkrone aus, Corenhemel eme silberne und Pirruhn, als Vorsitzender, eine goldene. Van de Rast, ein Balzacgestcht, em Mann mit einem Wolfsdarm, rieb sich die Hände Freude m Er­wartung des guten Weines, den er so gerne mochte, und Barbara, die dicke

Wirtin mit einer Spitzenmütze und goldenen Ohrgehängen beeilte sich, die Bierkrüge gegen kristallene Weingläser umzutauschen, aus denen bunte Wappen eingebrannt waren, und den sonnigen Rheinwein aus dem Keller 3 ^Ach" seufzte der blonde, zarte Corenhemel, während er seinen dünnen Backenbart streichelte,könnte ich nur auch von hier fortgehen, zuruck nach Rußland! Aber meine Frau, meine kranke Frau versperrt mir den Weg

Durch deinen Schmerz bist du ein Dichter , tröstete ihn Pirruhn.

Der schwarzgelockte Kuckuck, geschmeidig in ferner enganliegenden, kastanienbraunen Joppe, legte die alte Mandoline auf die spitzen Kme, und alle fangen:

Wir leben von fröhlichen Liedern, Von Blumen und glühendem Wein, Von Liebe und feuchten Küssen Im silbernen Mondenschein."

Am nächsten Tage, in einem stillen, hartnäckigen Regen, reiste Livinus Bruderherz mit der roten PostkutscheDer Windhund nach Pans; er trug aus dem Rücken einen Malkasten und eine Violine und hatte zehn Franken in der Tasche. *

Das Leben der Delphine ging seinen ruhigen Gang.

Van de Rast fertigte Holzschnitte an für Almanache, Bilderbogen, Gänsespiele und Heiligenleben, betätigte sich als Glockenspieler auf dem Turm spielte die Klarinette in der Kapelle von Sankt Cacilia und war Mitglied vieler Vereine, mit Vorliebe solcher, in denen es die meisten Festesten gab. Seine dicke Frau erwartete das neunte Kind.

Schwan malte in seiner friedlichen Wohnung die sehr gesuchten, zarten Landschaften: Corenhemel lebte seinen Erinnerungen an Rußland und die Geliebte, die er dort gehabt hatte: er schrieb seineMemoiren und sammelte Kameen und Mosaike.

Kuckuck, der Sohn aus dem SchnupftabaksladenZum Mohren , machte viele Gedichte auf feine vielen Geliebten, die er jede Woche wechselte unb arbeitete zwischendurch an seiner Doktorarbeit für tue Universität zu Löwen:Das Leben und die Werke des Lierschen Dichters Cornelius ^Pirruhn widmete sich seinem Notarberuf, schob aber säst die ganze Arbeit seinem langen Schreiber Koppenholle zu.

Und jeden Abend trafen sich die Männer im vertrauten Lampenlicht des Delphins.

Herr Pirruhn und Fräulein Adelaide von Sink-Jan.

Herr Pirruhn, der Notar, wohnte am Ouatemberplatz in einem großen gelben Haus mit flachem Zinkdach, das an den vier Ecken eine steinerne Vase trug. In der Mitte des kleingepflasterten Platzes stand eine steinerne Pumpe, auf der ein vergoldeter Sankt Georg in der Sonne glänzte.

Pirruhn fah man bei Sonne und Regen stets mit einem hohen Hut aus weißer Seide, einem pflaumenblauen Mantel und einem Spagterftotf, dessen Griff ein Ziegenhorn war. ,

Es kam auch vor, daß er im Winter, wenn es ihm gerade etnfiel, noch einen grünen Mantel mit dreistufigem Kragen über den anderen zog.

Er war kurz und viereckig gebaut wie eine Schachtel, fein Kopf faß dicht auf den Schultern, ohne Hals: das breite Sinn, auf beiden Seiten von einem harten, stacheligen Backenbart eingerahmt, zog er em, wie em Stier, der zum Stoß bereit ist.

Pirruhn hatte grüne Augen.

Sagte man:Heute ist schönes Wetter", bann schnauzte er zuruck: "2)®eimtrad)enbem)'@emitter rauchte er feine lange Pfeife vor ber Tür unb^gudt^in den H^^ Bläschenregen unb bichten Nebel, unb um darin spazieren zu gehen, ließ er die dringendsten Akten liegen. .... ..

Er rauchte viele Pfeifen von morgens bis abends: er arbeitete mit zweien; während er die eine rauchte, stopfte er die andere.

d Wenn er verreiste, nahm er stets zwei Pfeifen mit, die er, um sie nicht 3U zerbrechen, in den Aermel feines Mantels schob. .

3 Eines Tages besuchte er die Wohltätigkeitstombola "Eib und schweig. Jedes Los kostete einen Franken.Geben Sie mir tausend Lose! sagte ^'r,r,2ßie meinen Sie, bitte?" fragte das Fräulein, erschrocken vor der ^^Geben'sie mir ein Los!" sagte Pirruhn. .n

Er behauptete, bah bie Seele bes Menschen im Bauch faßeTraurige Leute haben stets piepsende und schlaffe Bäuche" und stundenlang konm er sich mit jemand herumstreiten. Wenn man ihm zum Schluß recht gab wie der Apotheker Schnipp, dann sagte Pirruhn:Nein, ich habe nicht recht, Sie. haben recht."