Ausgabe 
21.2.1936
 
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>r»ran wörtlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Univrriitäts-Duch- und Steindruckerei. A. Lange, Gieße«.

Der Soldat als Gprachschöpfer.

Von Z)r. Georg Böse.

Im mittelalterlichen Deutschland hat die standes- und zunstmäßige Abschliehung sehr stark zu einer sprachlichen Sonderentwicklung in den verschiedenen Gesellschaftskreisen und Berufen beigetragen. Zum großen Teil ergab sich das einfach aus wie wir heute sagen würden den technischen Notwendigkeiten: die Angehörigen der Bäckerzunft waren im Bereich ihrer Tätigkeit zusätzlich aus einen anderen Wortschatz angewie­sen als die Steinmetzen oder Zimmerleute, und die Gesamtheit der Handwerker wiederum hatte ihre sprachlichen Eigentümlichkeiten, die sie gegen den Stund' der Bauern, der Ritter und Landsknechte oder der Gelehrten abhob. Wenn auch viele dieser Sprachschöpfungen in den all­gemeinen Gebrauch übergegangen sind und kaum mehr ihren Ursprung verraten, so gibt es doch auch heute noch eine Sprache der Handwerker und der Seeleute, der Jäger, der Bergleute und der Studenten. Ja, es sind neueBerufssprachen" dazugekommen, man braucht nur an eines der jüngsten geschichtlichen Beispiele, an das Fliegerdeutsch, zu erinnern, das eine Fülle von Ausdrücken und Redewendungen geschaffen hat, die dem Außenstehenden nur zum geringen Teil verständlich sind.

Eine besondere Lebenskraft hat die Standessprache der Sol­daten bewiesen, die sich ihren echt volkstümlichen Geist, ihre Anschau­lichkeit und ihren unverwüstlichen Humor bis heute erhalten hat. Keiner der reichblühenden Zweige unseres deutschen Sprachstammes läßt sich wohl vielleicht mit Ausnahme derBurschensprache" mit ihr an Lebendigkeit und urwüchsigem Reichtum vergleichen. Die Freude des Kriegers an Derbheiten und kameradschaftlich gemeintem Spott hat ebenso wie die Lust an Wortverdrehungen und merkwürdigen Fremd­wörtern und die Neigung zur Erhaltung der heimatlichen Mundart ein seltsam buntscheckiges Sprachgebilde entstehen lassen, das die schicksal- volle Entwicklung deutschen Soldatentums in reizvoller Weise spiegelt. Ihre erste große Bliite hat die Soldatensprache zur Zeit der Landsknechte und des Dreißigjährigen Krieges erlebt. Aus den Werken von Militär- schriftstellsrn wie Fronsperger, Wallhausen und Wendelin S ch i l d k n e ch t, vor allem aber aus den Soldatenliedern und Kriegs­dichtungen erhalten wir einen Einblick in dieFeldsprache" des 16. und

immer wieder. So die Funken in Köln, die Stadtsoldaten in Bonn oder die Ranrenaarde in Mainz. Eine stattliche Reitergruppe bildet alljahr- lick die Mrengarde der Stadt Köln anno 1800", ein etwa- verspäteter Nachklang aus ^der Zeit der Freiheitskriege, als ,unge Kölner Burger­söhne sich in ihren grüngelben Freischärleruniformen gegen französisch Unterdrückung wandten. In Köln sieht man auch ,edes Jahr im Zuge des Prinzen Karneval denBellegeck". Er springt vor dem Prinzen einher in^den Händen ein hölzernes Schwert und einen bemalten Schild chwinqend Dieser Bellegeck geht bis in das Mittelalter zuruck und dürste wohl seinen Ursprung haben in einem seßhaft gewordenen Lustig­macher, die bei allen öffentlichen Festen als Possenreißer mckwirkt^ Er iand durch einen Erlaß der französischen Militärverwaltung sein Ende, um dann wieder auszuleben durch eine Erlaubnis des Platzkommandanten: II est permis au citoyen Bellenjeck de faire son tour.

Wohl der berühmteste Ball des ganzen Rheinlandes ist der Funken­ball im Kölner Gürzenich. Eine historische Stätte ersten Ranges, der ein Wort noch vergönnt sei. Nachdem im Jahre 1396 der dntte Stand, das Bürgertum, die edlen Geschlechter nach wiederholten Kämpfen ge­stürzt und ihre Vorrechte für immer beseitigt hatte, erreichte unter der nun einqesührten Verwaltung die Stadt Köln den Höhepunkt ihrer Große und ihres Wohlstandes. Eine Reihe großartiger Bauten verkündeten da­mals ein neues Zeitalter des Reichstums und des Glanzes. Man be­schloß, ein Haus zu errichten mit dem doppelten Zweck, daß alle unteren Räumlichkeiten als Warenherberge den Handelsleuten dienen Jouten, während die oberen Räume aus einem einzigen großen Festsaal bestehen sollten. Man berechnete klug, welchen Nutzen und Ruhm es der Stadt bringen könnte, wenn der Umfang und die Ausgestaltung des Saales derart wären, daß er Kaiser und Könige zur Abhaltung feierlicher Staatshandlungen geeignet erschiene. . ...

In einer Chronik von 1499 ist daher Köln gerühmt als einüberaus schöner Platz, um ritterlichen und fürstlichen Staat zu halten, wie nicht leicht mag in deutscher Nation gefunden werden, es sei mit Stechen mit Brechen, mit Turnierhalten, mit Tanzen und Springen'. Im Jahre 1441 wird mit dem Bau des Gürzenich begonnen, worüber von dem Chro­nisten gemeldet wird:In dem selven Jähr begonde die Stadt Coelen tzo machen bat große koestliche Danzhus boven Muren, bat man norript Gürzenich". Eine für bie bamalige Zeit ungeheuere Summe von 80 000 Goldgulben ist zum Bau bes Gürzenichs verwendet worden.

Auch Goethe kannte bereits die tollen Künstlerfeste im Düsseldorfer Malkasten", im Hause des klassischen Mäzens Jacobi, das heute noch im Hofgarten liegt und in dem alle berühmten Manner ihrer Zeit wenigstens auf einen Tag Gast der Düsseldorfer Künstler waren. Auch einmal der große Humorist und Zeichner Wilhelm Busch. In vielen schönen Reden wurde er den Abend über gefeiert; er ließ alles stumm über sich ergehen. Endlich endlich klopfte er an fein Glas. Im gleichen Augenblick herrscht Stille, jeder will den berühmten Gast sprechen hören. Und in die feierliche Aufmerksamkeit hinein tönt Wilhelm Buschs sonorer Baß:Ober, noch ein Glas Bierl"

Der erste organisierte Mainzer Karneval fand im Jahre 1838 statt. Und die größte Mainzer Karnevalsgesellschaft besteht über achtzig Jahre. Das Ende der Fastnacht bildet im Rheinland vielfach die Verbrennung oder Versenkung einer Strohpuppe. Am Niederrhein ist es Sitte, am Faschingsdienstag eine Strohpuppe ins Wasser zu werfen. In den Städten ist Kehraus der Mummerei in Gestalt von Fischessen, die stille und ernste Fastenzeit tritt in ihre Rechte ein.

17. Jahrhunderts. Nicht der Offizier sondern der einfache Manr. ist der eigentliche Schöpfer dieser Sprache, aber der Vorgesetzte, der sich mit seuien Soldaten aus Tod und Verderben verbunden fuh t, hat sich ihrer oft bewußt bedient, wenn er bei aller Wahrung der Manneszucht dem Geist wahrer Kameradschaftlichkeit treu blieb und Felbherren wie der Alte Dessauer und der Marschall Vorwärts sind nicht zuletzt so volcs- tümlich gewesen, weil sie auch durch das Wort den Weg zum Herzen des ^Wie viele Redewendungen sind aus dem Feldlager und von den Kasernenhösen auf das Alltagsleben übergegangen, ohne daß mir uns ihrer Abstammung bewußt sind. Ausdrucke wie ,/iuf Knall und Fall , Rädelsführer",jemandem den Laufpaß geben ,aus den Hacken sein , ins Gras beißen" undin hellen Haufen" sind ursprünglich in der Landsknechtssprache zu Hause gewesen. Die Bezeichnung , Kamerad für den Kampfgenossen ist übrigens erst jüngeren Datums unter den Lands­knechten redete man sich mitBruder",Gleicher ,Mitgesell oder »M't- bursche" an. Der Gemeine war für den Vorgesetzten schlechtweg einKerl , spater wurden aus den einfachen SoldatenLeute ,Burschen oder Muschkos" (Musketier), in Bayern auch Gescherte"

Die Wandlung vom Landsknechts- und Söldnerheer zum Volksheer hat ihre Spuren natürlich auch in der Sprache hinterlassen, wenn auch manche alten Ausdrucksweisen beibehalten wurden.Kommiß ist viel­leicht eines der umfassendsten Wörter der Soldatensprache. Früher war damit allein diekriegsherrliche Verpflegung" gemeint, in dieser Be- deutunq kommt der Ausdruck bereits in der Reuterbestallung Karls V. vor, wo er zunächst nur das Verpflegungswesen bezeichnet, ein Ursprung, ben es noch heute inKommisbrot",Kommißfutter unbKommißsack verrät Dann geht bas Wort allgemeiner auf bas Soldatenleben über, und man spricht vonKornmißjunge",Kornrnißbrotritter" und bei einem strengen Unteroffizier von einemKommißknuppel".

Ueberhaupt spielen die Spitznamen in der Soldatensprache eme^ große Rolle Die Schweizer nannten die deutschen LandsknechteHeim oder Kanonenfresser". Die Kavalleristen hießenStiefelschmierer . In Bayern führten bie schweren Reiter den BeinamenTrampeltiere . Die Kürassiere sind dieKlempner" oderMehlsäcke", die Husaren dieBinbfaben- junqen" wegen der Schnüren, die UlanenKrötenspießer ,Padbem» siecher" ober auch reitenbeLaternenanzünber". Von bcr Artillerie sprach man kurzweg von berBombe" ober auch von derkotigen Bombe . Die Feldartilleristen heißenKnalldroschkenkutscher" oderZylinder- und Kanonenwischer", die FestungsartilleristenWallrutscher . Zahlreich sind die Spottnamen für die Infanteristen; nur einige Beispiele:Sand- Hasen",Fußlatscher",Stoppelhopser",Dreckstampser" oberKilometer- schweine". Die Jäger nennt manLaubfrösche",Grünspechte ober , Grashupfer". Die Pioniere sinb bieMaulwürfe" oberWasserratten , bie Ei endahner bieSchwellenträger" oberWagenschieber". Der Train heißt einfachKolonne Prrr" oberschweres Getränk" und seine Sol- batenZwiebackkutscher" ober (wegen ihrer ehemals blauen Uniform) Veilchendragoner". Die Spielleute haben den SpitznamenSpiel- möpse",Spielhengste" oderFedervieh" erhalten, unter ihnen nennt man die Pfeifer und HornistenBlechspucker",Gießkannenkukscher oder auch kurzwegHornvieh", die TrommlerTrommeljunge ,Wirbeltiere oberFellkünstler". Die Trommel gehört gewissermaßen in bas Wappen bes Soldaten, schon die Landsknechte folgten demKalbfell , unb über ihrer letzten Ruhestätte schlug man basPumerlein Pum".

Einige Truppeneinheiten hatten wieder ihre besonderen Bezeichnun­gen, die meist voller Stolz als Ehrentitel geführt wurden. So hieß das Regiment Jtzenplitz unter Friedrich dem GroßenDonner und Blitz j die preußischen Gardejäger nannte man wegen ihrer LitzenSilberlinge. Unter den Regtmentsnamen ist vor allem die BezeichnungMaikäfer bekannt. ., ,, _ ~

Natürlich bleiben auch die Vorgesetzten nicht ungeschoren. Der Feld­webel ist derSpieß" ober auch berAlte", manchmal auch bieKom- pamemutter"; oft heißt auch der Hauptmann berAlte", ebenso häufig , Sompanieoater",Häuptling" oberPatron"; die Adjutanten kommen in der Sprache verhältnismäßig am schlechtesten weg, sie werdenTmten- spion",Federfuchser" ober garSchreiberseele" genannt. Der General­stäbler wanbelt sich wegen seinerHimbeerhöschen" mit denJntelligenz- streifen" alsKarmaisinvergnügter" burch bas Dasein. Ein General hat Siegellackbüchsen", unb seineroten Beine" sind sprichwörtlich geworden.

Die nochgrünen Rekruten", die auchnasse Stifte" genannt werden, werden zunächst einmal ordentlichgedrillt" odergebimst",geschnickt" gebeutelt",geschlissen",getaucht" oder es werden ihnendie Hammel­beine lang gezogen". Haben sie erst einmal dasKlüftchen", ben Waffen- rock, an, so bekommen sie benKuhfuß",Schießprügel", bieKnarre' oberdas Kracheisen" in die Hand, damit sie lernenGriffe zu kloppen'.

Zahlreiche Namen gibt es für bie einzelnen Uniformteile. Die Litewka ist bieGroßvaterjacke", ber MantelWinbsang", bie Halsbinbe heißt Hunbebinde", bie DrillichhofeKaffeesack".

Der Hosenboben führt ben efjrenben BeinamenArmeefeuerzeug", weil man an seiner Fläche gern bie Zünbhölzer anstreicht. Die Stiefel nennt manHochstapler",Kähne",Kinbersärge",Knobelbecher" ober Trittchen".

Die bekannteste Bezeichnung für den Tornister ist wohlAffe", aber er heißt auchDachs,Rheumatisrnuskasten" oberBunbeslabe", bie sol- batische Kopfbebeckunz (vor bem Kriege) ist bieHurrahtute", bieTulpe" berBlitzableiter" oberSuppenpott". An der Seite hängt der Säbel, die Jungfer",Plempe" oderKrötenspieß" ober bas Seitengewehr, bas Käsemesser".

Schon biese Beispiele, bie nur einen kleinen Ausschnitt aus ber Sol- batensprache geben, vermitteln einen Einbruck von ber kraftvollen An­schaulichkeit und der oft witzigen Treffsicherheit der Bezeichnungen. Sie zeigen die Waffenträger des Volkes von einer Seite, die gewiß ebenso zum Geist wahren Soldatentums gehört wie der Heldenmut, den sie so oft aus den Schlachtfeldern bewiesen.