>r»ran wörtlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univrriitäts-Duch- und Steindruckerei. A. Lange, Gieße«.
Der Soldat als Gprachschöpfer.
Von Z)r. Georg Böse.
Im mittelalterlichen Deutschland hat die standes- und zunstmäßige Abschliehung sehr stark zu einer sprachlichen Sonderentwicklung in den verschiedenen Gesellschaftskreisen und Berufen beigetragen. Zum großen Teil ergab sich das einfach aus — wie wir heute sagen würden — den technischen Notwendigkeiten: die Angehörigen der Bäckerzunft waren im Bereich ihrer Tätigkeit zusätzlich aus einen anderen Wortschatz angewiesen als die Steinmetzen oder Zimmerleute, und die Gesamtheit der Handwerker wiederum hatte ihre sprachlichen Eigentümlichkeiten, die sie gegen den Stund' der Bauern, der Ritter und Landsknechte oder der Gelehrten abhob. Wenn auch viele dieser Sprachschöpfungen in den allgemeinen Gebrauch übergegangen sind und kaum mehr ihren Ursprung verraten, so gibt es doch auch heute noch eine Sprache der Handwerker und der Seeleute, der Jäger, der Bergleute und der Studenten. Ja, es sind neue „Berufssprachen" dazugekommen, man braucht nur an eines der jüngsten geschichtlichen Beispiele, an das Fliegerdeutsch, zu erinnern, das eine Fülle von Ausdrücken und Redewendungen geschaffen hat, die dem Außenstehenden nur zum geringen Teil verständlich sind.
Eine besondere Lebenskraft hat die Standessprache der Soldaten bewiesen, die sich ihren echt volkstümlichen Geist, ihre Anschaulichkeit und ihren unverwüstlichen Humor bis heute erhalten hat. Keiner der reichblühenden Zweige unseres deutschen Sprachstammes läßt sich wohl — vielleicht mit Ausnahme der „Burschensprache" — mit ihr an Lebendigkeit und urwüchsigem Reichtum vergleichen. Die Freude des Kriegers an Derbheiten und kameradschaftlich gemeintem Spott hat ebenso wie die Lust an Wortverdrehungen und merkwürdigen Fremdwörtern und die Neigung zur Erhaltung der heimatlichen Mundart ein seltsam buntscheckiges Sprachgebilde entstehen lassen, das die schicksal- volle Entwicklung deutschen Soldatentums in reizvoller Weise spiegelt. Ihre erste große Bliite hat die Soldatensprache zur Zeit der Landsknechte und des Dreißigjährigen Krieges erlebt. Aus den Werken von Militär- schriftstellsrn wie Fronsperger, Wallhausen und Wendelin S ch i l d k n e ch t, vor allem aber aus den Soldatenliedern und Kriegsdichtungen erhalten wir einen Einblick in die „Feldsprache" des 16. und
immer wieder. So die Funken in Köln, die Stadtsoldaten in Bonn oder die Ranrenaarde in Mainz. Eine stattliche Reitergruppe bildet alljahr- lick die Mrengarde der Stadt Köln anno 1800", ein etwa- verspäteter Nachklang aus ^der Zeit der Freiheitskriege, als ,unge Kölner Burgersöhne sich in ihren grüngelben Freischärleruniformen gegen französisch Unterdrückung wandten. In Köln sieht man auch ,edes Jahr im Zuge des Prinzen Karneval den „Bellegeck". Er springt vor dem Prinzen einher in^den Händen ein hölzernes Schwert und einen bemalten Schild chwinqend Dieser Bellegeck geht bis in das Mittelalter zuruck und dürste wohl seinen Ursprung haben in einem seßhaft gewordenen Lustigmacher, die bei allen öffentlichen Festen als Possenreißer mckwirkt^ Er iand durch einen Erlaß der französischen Militärverwaltung sein Ende, um dann wieder auszuleben durch eine Erlaubnis des Platzkommandanten: „II est permis au citoyen Bellenjeck de faire son tour.
Wohl der berühmteste Ball des ganzen Rheinlandes ist der Funkenball im Kölner Gürzenich. Eine historische Stätte ersten Ranges, der ein Wort noch vergönnt sei. Nachdem im Jahre 1396 der dntte Stand, das Bürgertum, die edlen Geschlechter nach wiederholten Kämpfen gestürzt und ihre Vorrechte für immer beseitigt hatte, erreichte unter der nun einqesührten Verwaltung die Stadt Köln den Höhepunkt ihrer Große und ihres Wohlstandes. Eine Reihe großartiger Bauten verkündeten damals ein neues Zeitalter des Reichstums und des Glanzes. Man beschloß, ein Haus zu errichten mit dem doppelten Zweck, daß alle unteren Räumlichkeiten als Warenherberge den Handelsleuten dienen Jouten, während die oberen Räume aus einem einzigen großen Festsaal bestehen sollten. Man berechnete klug, welchen Nutzen und Ruhm es der Stadt bringen könnte, wenn der Umfang und die Ausgestaltung des Saales derart wären, daß er Kaiser und Könige zur Abhaltung feierlicher Staatshandlungen geeignet erschiene. . ...
In einer Chronik von 1499 ist daher Köln gerühmt als ein „überaus schöner Platz, um ritterlichen und fürstlichen Staat zu halten, wie nicht leicht mag in deutscher Nation gefunden werden, es sei mit Stechen mit Brechen, mit Turnierhalten, mit Tanzen und Springen'. Im Jahre 1441 wird mit dem Bau des Gürzenich begonnen, worüber von dem Chronisten gemeldet wird: „In dem selven Jähr begonde die Stadt Coelen tzo machen bat große koestliche Danzhus boven Muren, bat man norript Gürzenich". Eine für bie bamalige Zeit ungeheuere Summe von 80 000 Goldgulben ist zum Bau bes Gürzenichs verwendet worden.
Auch Goethe kannte bereits die tollen Künstlerfeste im Düsseldorfer „Malkasten", im Hause des klassischen Mäzens Jacobi, das heute noch im Hofgarten liegt und in dem alle berühmten Manner ihrer Zeit wenigstens auf einen Tag Gast der Düsseldorfer Künstler waren. Auch einmal der große Humorist und Zeichner Wilhelm Busch. In vielen schönen Reden wurde er den Abend über gefeiert; er ließ alles stumm über sich ergehen. Endlich — endlich klopfte er an fein Glas. Im gleichen Augenblick herrscht Stille, jeder will den berühmten Gast sprechen hören. Und in die feierliche Aufmerksamkeit hinein tönt Wilhelm Buschs sonorer Baß: „Ober, noch ein Glas Bierl"
Der erste organisierte Mainzer Karneval fand im Jahre 1838 statt. Und die größte Mainzer Karnevalsgesellschaft besteht über achtzig Jahre. Das Ende der Fastnacht bildet im Rheinland vielfach die Verbrennung oder Versenkung einer Strohpuppe. Am Niederrhein ist es Sitte, am Faschingsdienstag eine Strohpuppe ins Wasser zu werfen. In den Städten ist Kehraus der Mummerei in Gestalt von Fischessen, die stille und ernste Fastenzeit tritt in ihre Rechte ein.
17. Jahrhunderts. Nicht der Offizier sondern der einfache Manr. ist der eigentliche Schöpfer dieser Sprache, aber der Vorgesetzte, der sich mit seuien Soldaten aus Tod und Verderben verbunden fuh t, hat sich ihrer oft bewußt bedient, wenn er bei aller Wahrung der Manneszucht dem Geist wahrer Kameradschaftlichkeit treu blieb und Felbherren wie der Alte Dessauer und der Marschall Vorwärts sind nicht zuletzt so volcs- tümlich gewesen, weil sie auch durch das Wort den Weg zum Herzen des ^Wie viele Redewendungen sind aus dem Feldlager und von den Kasernenhösen auf das Alltagsleben übergegangen, ohne daß mir uns ihrer Abstammung bewußt sind. Ausdrucke wie ,/iuf Knall und Fall , Rädelsführer", „jemandem den Laufpaß geben , „aus den Hacken sein , „ins Gras beißen" und „in hellen Haufen" sind ursprünglich in der Landsknechtssprache zu Hause gewesen. Die Bezeichnung , Kamerad für den Kampfgenossen ist übrigens erst jüngeren Datums unter den Landsknechten redete man sich mit „Bruder", „Gleicher , „Mitgesell oder »M't- bursche" an. Der Gemeine war für den Vorgesetzten schlechtweg ein „Kerl , spater wurden aus den einfachen Soldaten „Leute , „Burschen oder „Muschkos" (Musketier), in Bayern auch Gescherte"
Die Wandlung vom Landsknechts- und Söldnerheer zum Volksheer hat ihre Spuren natürlich auch in der Sprache hinterlassen, wenn auch manche alten Ausdrucksweisen beibehalten wurden. „Kommiß ist vielleicht eines der umfassendsten Wörter der Soldatensprache. Früher war damit allein die „kriegsherrliche Verpflegung" gemeint, in dieser Be- deutunq kommt der Ausdruck bereits in der Reuterbestallung Karls V. vor, wo er zunächst nur das Verpflegungswesen bezeichnet, ein Ursprung, ben es noch heute in „Kommisbrot", „Kommißfutter unb „Kommißsack verrät Dann geht bas Wort allgemeiner auf bas Soldatenleben über, und man spricht von „Kornmißjunge", „Kornrnißbrotritter" und bei einem strengen Unteroffizier von einem „Kommißknuppel".
Ueberhaupt spielen die Spitznamen in der Soldatensprache eme^ große Rolle Die Schweizer nannten die deutschen Landsknechte „Heim oder „Kanonenfresser". Die Kavalleristen hießen „Stiefelschmierer . In Bayern führten bie schweren Reiter den Beinamen „Trampeltiere . Die Kürassiere sind die „Klempner" oder „Mehlsäcke", die Husaren die „Binbfaben- junqen" wegen der Schnüren, die Ulanen „Krötenspießer , „Padbem» siecher" ober auch reitenbe „Laternenanzünber". Von bcr Artillerie sprach man kurzweg von ber „Bombe" ober auch von der „kotigen Bombe . Die Feldartilleristen heißen „Knalldroschkenkutscher" oder „Zylinder- und Kanonenwischer", die Festungsartilleristen „Wallrutscher . Zahlreich sind die Spottnamen für die Infanteristen; nur einige Beispiele: „Sand- Hasen", „Fußlatscher", „Stoppelhopser", „Dreckstampser" ober „Kilometer- schweine". Die Jäger nennt man „Laubfrösche", „Grünspechte ober , Grashupfer". Die Pioniere sinb bie „Maulwürfe" ober „Wasserratten , bie Ei endahner bie „Schwellenträger" ober „Wagenschieber". Der Train heißt einfach „Kolonne Prrr" ober „schweres Getränk" und seine Sol- baten „Zwiebackkutscher" ober (wegen ihrer ehemals blauen Uniform) Veilchendragoner". Die Spielleute haben den Spitznamen „Spiel- möpse", „Spielhengste" oder „Federvieh" erhalten, unter ihnen nennt man die Pfeifer und Hornisten „Blechspucker", „Gießkannenkukscher oder auch kurzweg „Hornvieh", die Trommler „Trommeljunge , „Wirbeltiere ober „Fellkünstler". Die Trommel gehört gewissermaßen in bas Wappen bes Soldaten, schon die Landsknechte folgten dem „Kalbfell , unb über ihrer letzten Ruhestätte schlug man bas „Pumerlein Pum".
Einige Truppeneinheiten hatten wieder ihre besonderen Bezeichnungen, die meist voller Stolz als Ehrentitel geführt wurden. So hieß das Regiment Jtzenplitz unter Friedrich dem Großen „Donner und Blitz j die preußischen Gardejäger nannte man wegen ihrer Litzen „Silberlinge. Unter den Regtmentsnamen ist vor allem die Bezeichnung „Maikäfer bekannt. ., ,, _ ~
Natürlich bleiben auch die Vorgesetzten nicht ungeschoren. Der Feldwebel ist der „Spieß" ober auch ber „Alte", manchmal auch bie „Kom- pamemutter"; oft heißt auch der Hauptmann ber „Alte", ebenso häufig , Sompanieoater", „Häuptling" ober „Patron"; die Adjutanten kommen in der Sprache verhältnismäßig am schlechtesten weg, sie werden „Tmten- spion", „Federfuchser" ober gar „Schreiberseele" genannt. Der Generalstäbler wanbelt sich wegen seiner „Himbeerhöschen" mit den „Jntelligenz- streifen" als „Karmaisinvergnügter" burch bas Dasein. Ein General hat „Siegellackbüchsen", unb seine „roten Beine" sind sprichwörtlich geworden.
Die noch „grünen Rekruten", die auch „nasse Stifte" genannt werden, werden zunächst einmal ordentlich „gedrillt" oder „gebimst", „geschnickt" „gebeutelt", „geschlissen", „getaucht" oder es werden ihnen „die Hammelbeine lang gezogen". Haben sie erst einmal das „Klüftchen", ben Waffen- rock, an, so bekommen sie ben „Kuhfuß", „Schießprügel", bie „Knarre' ober „das Kracheisen" in die Hand, damit sie lernen „Griffe zu kloppen'.
Zahlreiche Namen gibt es für bie einzelnen Uniformteile. Die Litewka ist bie „Großvaterjacke", ber Mantel „Winbsang", bie Halsbinbe heißt „Hunbebinde", bie Drillichhofe „Kaffeesack".
Der Hosenboben führt ben efjrenben Beinamen „Armeefeuerzeug", weil man an seiner Fläche gern bie Zünbhölzer anstreicht. Die Stiefel nennt man „Hochstapler", „Kähne", „Kinbersärge", „Knobelbecher" ober „Trittchen".
Die bekannteste Bezeichnung für den Tornister ist wohl „Affe", aber er heißt auch „Dachs, „Rheumatisrnuskasten" ober „Bunbeslabe", bie sol- batische Kopfbebeckunz (vor bem Kriege) ist bie „Hurrahtute", bie „Tulpe" ber „Blitzableiter" ober „Suppenpott". An der Seite hängt der Säbel, die „Jungfer", „Plempe" oder „Krötenspieß" ober bas Seitengewehr, bas „Käsemesser".
Schon biese Beispiele, bie nur einen kleinen Ausschnitt aus ber Sol- batensprache geben, vermitteln einen Einbruck von ber kraftvollen Anschaulichkeit und der oft witzigen Treffsicherheit der Bezeichnungen. Sie zeigen die Waffenträger des Volkes von einer Seite, die gewiß ebenso zum Geist wahren Soldatentums gehört wie der Heldenmut, den sie so oft aus den Schlachtfeldern bewiesen.


