Aordlichtnacht.
Von Knut Hamsun.
Ein Licht flammt auf am Himmel: Die hohe Nordlichtnacht — Ein Hochzeitsfest dort oben. Wo Scharen gehen In silberseltner Pracht?
Lichtflut sendet
Der Mond, der seinen Sternen sich verschwendet.
Der Erde Tale schweigen
In großer Nordlichtnacht —
Ein Vogelruf vom Moore Durchschwirrt die Winterstille, Schwillt und verzittert sacht.
Seltsam Brausen
Schwingt sich vom Meer wie großer Flügel Sausen.
In breiten, weißen Strömen Steht still die Nordlichtnacht — Leis knirschen scheue Schritte: Zwei, die im Schnee sich suchen, Von niemand überwacht.
Lichte Flechten
Und blanker Augen Blick in Nordlichtnächten —I
Anno Achtundvierzig.
Eine Geschichte von Paul E r n st.
Im Jahre Achtundvierzig fanden bekanntlich an einigen Orten in Deutschland Unruhen statt. Deren eigentliche Bedeutung war, daß den veränderten Verhältnissen entsprechend sich verschiedene Einrichtungen des öffentlichen Lebens hätten ändern müßen: aber da sich bei den Akten kein Vorgang für solche Aenderungen fand, fo geschahen sie immer nicht, bis endlich der weniger einsichtsvolle Teil der Bevölkerung ungeduldig wurde. Diese Ungeduld hielt man für revolutionäre Stimmung, und als sie sich äußerte, da glaubten sowohl die Regierung, als auch die Ungeduldigen, daß eine Revolution gemacht werde.
Man erzählt, daß damals in Berlin zwei Geheimräte, Exzellenzen und Abteilungsvorstände in ihren Ministerien, sich auf der Straße getroffen haben, sich kummervoll begrüßt und dann einander gefragt, was .benn eigentlich der Grund für die Revolution fein konnte. Sie wußten es beide nicht. „Es kommt ja wohl einmal vor bei uns, daß ein Rest bleibt; die Eingänge sind ja nicht jeden Tag gleichmäßig", sagte der eine; „aber das kann ich beschwören, jeden Samstag wird aufgearbeitet; und wenn ich bis zwölf Uhr des Nachts sitzen bleiben soll, bei mir findet Der Registrator am Montagfrüh immer einen leeren Aktenständer." ^.Jawohl", entgegnete ihm der andere; „das kann ich bezeugen, bei uns wird es genau so gehalten, und in den sämtlichen andern Ministerien meines Wissens gleichfalls."
Ein Bäckermeister in Berlin, der ein gutgehendes Geschäft in der Krausenstraße führte, war schon in der Zeit vor der Revolution beim Vürgerstand eine angesehene Persönlichkeit gewesen, indem er Vor- ssitzender eines bei der Polizei angemeldeten freisinnigen Vereins war; >er hatte zwei Haussuchungen erlitten und war drei Wochen lang in Haft gehalten, weil die Polizei glaubte, daß er mit den Häupten der internationalen Demokratie in Verbindung stehe. Als die Revolution gesiegt hatte, da wurde er zu verschiedenen Vertrauensämtern gewählt, denen er redlich und brav vorstand.
Seiner Frau war das politische Treiben von Anfang an nicht lieb -gewesen. Sie sagte ihm, ein Bäcker habe die Reaktionäre eben so zu Kunden wie die Demokraten; sie selber versorge den Laden, und der Mann gehöre in die Backstube; wenn der Meister außer dem Hause ist, dann tun die Gesellen nichts; es seien schon Klagen gekommen, und sie habe es ja auch selber gemerkt, daß der Teig nicht ordentlich geknetet rverde; und was denn dergleichen Reden mehr sind. Man kann sich denken, wie die Haussuchungen und die Haft die gute Frau erregt hatten. Slls aber die Revolution nun wirklich gekommen war und ihr Mann einer der Führer des Volkes wurde, da überfiel sie eine unbeschreibliche Angst.
Zu den Kunden des Meisters gehörte der Geheimrat Wagener, welcher damals die Konservativen zum Widerstand sammelte, eine Zeitung begründete, die Kreuzzeitung, und als der entschiedenste Gegner der Revolution galt. Die Frau hatte vor ihrer Heirat in dem Hause gedient und verehrte den Geheimrat Wagener, der ihr immer als ein höheres Wesen erschienen war, und auch der Geheimrat und seine Familie hatten ITlschen, denn das war der Name der Frau, immer gern gehabt wegen ühres treuen und aufrichtigen Gemüts, und Frau Wagener war sogar Patin bei dem ältesten Kind geworden.
An einem Abend, kurz vor zehn Uhr, als gerade die Haustür schon geschlossen werden sollte, klingelte der Bäckermeister bei dem Geheimrat und verlangte den Herrn zu sprechen. Er wurde in das Arbeitszimmer geführt und entschuldigte sich dort vielmals, daß er störe; dann bat er Darum, daß fein Besuch verschwiegen bleiben möge; denn er selber sei ja wohl nicht so einseitig und erkenne die Berechtigung des gegnerischen Standpunktes an; aber seine Freunde würden sagen, daß er das Volk an die Reaktion verrate, wenn sie erführen, daß er bei dem Herrn Geheimrat gewesen sei.
Nach dieser Vorrede begann er nun seine Gedanken vorzutragen. Er Hatte die Geschichte der französischen Revolution studiert. Man lebte in -wer Revolutionszeit. Das Volk hatte gesiegt. Der Herr Geheimrat mußte doch zuqeben, daß das Volk gesiegt hatte.
Der Herr Geheimrat Wagener gab es zu.
Nun, man weiß, was geschehen kann, wenn das Volk feine ewigen Rechte in die Hand nimmt, die eine kurzsichtige Regierung ihm vorenthält. Das Volk ist edel; aber es kann auch schrecklich sein. Das heißt, der Meister billigte es ja nicht, wenn Mord und Totschlag geschah. Wenn man die Preßfreiheit hatte, wenn man die Versammlungsfreiheit hatte, wenn man die Verfassung hatte, was wollte der friedliebende Bürger mehr? Er wollte feinen Geschäften nachgehen und ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft sein Aber zum Beispiel die Bäckergesellen gingen weiter.
Hier nickte der Geheimrat bedeutungsvoll. Aber der Meister, welcher in dem Nicken wohl eine Bestätigung zweifelnder Stimmen in seinem Innern ahnte, schlug sich an die Brust und rief, er werde die heilige Sache des Volkes nie verlassen.
Unvermittelt an diesen Ausruf schloß er nun einen Vorschlag. Das Volk hatte gesiegt. Der Meister hatte das Vertrauen des Volkes. Ader er verehrte auch den Geheimrat. Wenn nun, was Gott gewiß verhüten würde, das Volk seine Feinde zur Rechenschaft zog, bann konnte ber Meister dem Herrn Geheimrat doch nützlich werden?
Der Geheimrat Wagener nickte zustimmend.
Nun also. Wenn man sich aber umgekehrt dächte, daß die Reaktion siegte, daß die Führer des Volkes eingekerkert würden, bann konnte ber Herr Geheimrat bem Meister doch nützlich werden?
Der Geheimrat Wagener räusperte sich und wiegte den Kopf. Aber der Meister fuhr fort. Er war ein angesessener Bürger. Er hatte immer pünktlich {eine Steuern gezahlt. Er verlangte ja nichts, das dem Herrn Geheimrat gegen das Gewissen ging. Der Herr Geheimrat war Beamter, das wußte er wohl. Aber der Herr Geheimrat kannte ihn doch. Haussuchung hatte die Reaktion bei ihm gehalten, in Haft hatte sie ihn gesetzt. Er war ein unbescholtener Mann. Das hatte gewurmt. Er hatte keine Verbindung mit verdächtigen Leuten, er hatte sich aus Büchern und Zeitungen selber gebildet. Und weiter wollte er ja nichts, als daß der Herr Geheimrat ihm bezeugte, daß er ein rechtschaffener Bürger war. Er hatte nun feine Bürgerpflicht erfüllt. Vielleicht hatte er einmal ein Wort zu viel gejagt, das wollte er nicht abstreiten; der Mensch redet manches, wenn er in der Volksversammlung steht und die Leute wollen etwas von ihn hören. Wenn er da gefehlt hatte, gut, das wollte er büßen. Aber etwas anderes hatte er nicht getan, denn die Ehre ging ihm vor.
Der Geheimrat Wagener antwortete lächelnd, baß er für ihn ein« stehen werde, wenn man ihn wirklich anklagen sollte; er wisse, daß das wahr sei, was der Meister gesagt habe, und das werde er denn auch bezeugen.
Der Meister stand von seinem Stuhl auf, und ehe der Geheimrat es sich versehen, hatte er in feine Rechte eingeschlagen und gerufen: „Topp, es gilt". Und bann fügte er hinzu: „Und auf mich können Sie sich auch verlassen. Wenn bas Kopfabschneiden angeht, für Sie wird gesorgt".
Dann bat er noch um eine Empfehlung an bie Frau Geheimrat, und barauf ging er.
Der Mann wurde später wirklich angeklagt auf Grund von Aussagen untergeordneter Persönlichkeiten, und es wäre ihm wahrscheinlich schlecht gegangen bei der allgemeinen Verwirrung damals, wenn nicht der Geheimrat für ihn eingetreten wäre und ein gutes Zeugnis für ihn abgegeben hätte.
Quer durch den rheinischen Karneval.
Von Heinrich Zerkaute n.
Cs gibt im Rheinland keinen Präsidenten einer halbwegs guten Karnevalsgesellschaft, der nicht streng auf das oberste Gesetz hielte: „Von Zoten frei — die Narretei!" Und das dankt ihm sein Publikum mit aufrichtiger persönlicher Zuneigung und Vasallentreue. Es ist notwendig, dieses zu wissen, um die ganze Einstellung eines rheinischen Karnevals im tiefsten zu verstehen. Denn nicht nur die Karnevalsgeftll- schaften feiern ihren Karneval dort, sondern auch die religiösen Vereine. Sticht umsonst, daß im rheinischen Karneval ähnlich wie im japanischen Schauspiel die absolute Eingeschlechtigkeit vorherrscht. Die Frau hat im Rosenmontagszug nichts zu suchen, selbst die Marketenderin der prinz- lichen Garde wird von einem Manne öargeftellt.
Freilich gibt es dafür an einigen Stellen im Rheinland am Donnerstag vor Fastnacht den fogenannten Wiverfastelovend. Als noch nicht bie Zentralmarkthalle stand, vielmehr auf offenem Marktplatz eingekauft wurde, da feierten diesen Tag die Marktfrauen „zwesche Körv un Kräm met Jejuts un vil Bubei". In ber Hocheifel zum Beispiel und an ber Ahr müssen die Männer an diesem Donnerstag den Frauen bedingungslos gehorchen. Am Nachmittag geht dort heute noch die holde Weiblichkeit im Zuge von Haus zu Haus unter Anführung der jüngsten Ehefrau.
Dramatisch belebte Fastnachtszüge mit seltsamen Masken bietet am Faschingssonntag das Eifelstädtchen Malmedy. Die einzelnen Gesellschaften ziehen auf Wagenbühnen umher und führen auf Platzen kleine Possen mit Musik, Tanz und Gesang auf.
Man darf nicht vergessen, daß auch der rheinische Karneval irgendwie feinen Ursprung im katholisch-rheinischen Kirchenjahr hat. Mit dem Aschermittwoch beginnt die ernste Fastenzeit, die auf das geistliche Auferstehungsfest, auf Ostern, vorbereitet. Ehe nun der rheinische Mensch in diesen Abschnitt des Kirchenjahres eintritt, huldigt er besonders stark der Freude am Leben. Schon aus dem Jahre 1432 gibt es Ratsprotokolle aus der unbestrittenen Hochburg des rheinischen Karnevals aus Köln, die von Bestrebungen melden, der „Mummerei und heidnischen Tobung an den drei tollen Tagen Einhalt zu tun". Es ist natürlich bis auf den heutigen Tag nicht gelungen. Genau betrachtet, bedeutet also Fastnacht nur den einen Abend oder den einen Tag vor Beginn der Fastenzeit.
Aeußeren Höhepunkt bildet der Rosenmontagszug, an bem am Rhein jeder höchst persönlich entweder aktiv im Zuge selbst oder inaktiv als I Zuschauer beteiligt ist. Wenn auch der Leitgedanke dieser Rosenmorttags- | zöge von Jahr zu Jahr wechselt, gewisse typische Figuren im Zug kehren


