den Korbsessel zurück. Ihr war, als müsse
dem hier
Ich mir dem ver-
diese Ueberlegung angestellt!"
„Dann ist es gut. Ich muß Ihnen nämlich noch etwas sagen, war in diesen anderthalb Stunden findig wie ein Kriminalist, scheint jetzt selber. Ich habe mich auf dem Bahnhof erkundigt, wer mit letzten Zug, dem einzigen am Abend, wie Sie wissen, unfern Ort lassen hat."
„Und?"
Heidekraut."
„Aber das ist recht unverdächtig, scheint mir."
„Oder geschickt gestellte Vertuschung! Nämlich: dieser Mann fuhr nach Altona. Sie wissen, wer etwa auf St. Pauli wohnt, fährt bis Altona."
nicht beendet.
Steyer sprach nicht weiter. Er lehnte sich in
Frau v. Blinkburg griff sich an die Stirn.
sie den Teil des Körpers berühren, der jetzt in Aktion treten sollte.
Aber da sagte Adalbert Steyer gedämpft, und das machte es wohl, daß sein Ton fast zärtlich klang: „Grübeln Sie" nicht darüber nach, liebe gnädige Frau, was etwa dieser Glahn auf dem Turm des Pfenningshofes gesehen haben kann. Suchen Sie nicht, ob der schlechte Eindruck, den der Mann auf mich machte, zu Recht besteht. Vielleicht unterlag ich wirklich nur einer Aversion; ich mag den Typ nicht, den er verkörpert; diese personifizierte Bauernschläue, bieder und — gerissen Aber es kann gut möglich sein, daß ich ihm Unrecht tue. Auf keinen Fall dürfen wir uns verleiten lassen, den Verdacht wie einen Ball zu jonglieren! Wo er hinfällt, wen er trifft, der ist der Mörder! Das geht nicht!"
„Aber um Himmels willen, Herr Doktor, ich habe nie und nimmer
„Ihre Erwartung ist berechtigt! Tatsächlich nähern wir uns jetzt Punkt, wo ein Verdacht auftauchen kann. Ein einziger Mensch hat den Zug bestiegen. Das konnte mir der Schalterbeamte und sein Kollege an der Sperre fest versichern. Ein Wanderer, sagten sie, er kam in allerletzter Minute. Er war erhitzt vom Lauf und völlig außer Atem. Er führte einen Rucksack mit sich, einen Wanderstock und einen Strauß
Wir sahen beide den Pfenningshof liegen. Der Turm auf dem Herrenhaus stand als dunkle Silhouette gegen dm Himmel. Von einem r°,Me^hab?n"sich getäuscht", sagte ich, „eine Wolkenbildung hat Sie genarrt. Oder ein Baum vielleicht?" „ . ,
Solche Bäume gibt es nicht. Und Wolken kenne ich. Herr rief er ärgerlich. „Das Unglück lag in der Luft. Haben Sie nicht den Hund ^U!©emift°r®s hat sich herausgeftellt, daß es Herrn Alwiens Hund gewesen ist. Er hat nach dem unglücklichen Sturz an der Leiche zu wehklagen begonnen." m . . .
Glahn sah mich an, eine ganze Weile; wir standen allein in der nächtlichen Heide. Die Minute war unbehaglich. Ich traute ihm noch immer trotz seiner biederen Erzählung.
„Sie glauben an Spuk?" versuchte ich zu scherzen.
Da ließ er den Blick abgleiten. „Sie sind aus der großen Stadt, sagte er „Sie mögen darüber lachen. Wir hier haben längst emgesehen, daß es das gibt, Spuk und warnende Zeichen. Glauben Sie mir das, Herr! Es ist nichts lachhaft an diesen Dingen, als die Worte, die man ihnen gegeben hat."
Er schwieg. Ich verstand wohl, was er hatte ausdrucken wollen; ich räumte ein, daß er in gewisser Weise recht hatte; und zum erstenmal, seit ich ihn kannte, war er mir nicht mehr ganz so zuwider.
„Ich wollte Sie nicht kränken", sagte ich.
„Schon gut", entgegnete er knapp, rückte an seinem Hut und fetzte sich in Bewegung. Ich blieb, denn noch waren meine Nachforschungen
„Das scheint mir an den Haaren herbeigezogen, lieber Freund."
Steyer antwortete nicht sofort. Lieber Freund, hatte sie gesagt; seine Augen leuchteten. Für zwei, drei Herzschläge vergaß er die ganze Mordgeschichte. Lieber Freund, hatte sie gesagt!
Begriff sie diesen Blick? Fast schien es so. Sie sah wie ertappt zur Seite.
Da räusperte er sich heftig und vollkommen grundlos. „Unsere Spur weist nach St. Pauli", sprach er, „diese Olga aus der Silbersackstraße wohnt dort."
„Gewiß, ich erinnere, aber ..."
„Pst. Noch eins. Wissen Sie, wann der Zug geht? 22.18 Uhr. Also 15 Minuten nach 10 Uhr. Wissen Sie, wie lange man vom Wegkreuz bis zum Bahnhof geht? Eine Viertelstunde! Wenn also ein Mann erschöpft und schweißnaß dort anlangt, im Augenblick, als der Zug abfahren will, so wird er vor 10 Minuten noch am Wegkreuz gewesen sein. Stimmt die Rechnung?"
„Ja. Wenn es keinen anderen Weg zum Bahnhof gibt."
„Es gibt nur den einen Weg. Oder querfeldein! Aber das riskiert kein Fremder, denn allerorts warnen die Tafeln vor Sumpflöchern und Bohrgruben, die verlaßen sind. Ich fasse zusammen: der — Wanderer, der den letzten Zug nahm, hat sich genau in der Zeit, da der Mord geschehen fein muß, in der Nähe des Wegekreuzes befunden; wahrscheinlich war er gerade am Wegkreuz, als Alwien niedergeschlagen wurde. Er langte taumelnd im Bahnhof an. Erschöpft, glaubten die Beamten. Vielleicht war er aber außerdem noch verstört!" — Er fuhr nach Hause. Sein Reiseziel hieß Altona. Das Hamburger Grenzviertel dort ist St. Pauli Er wird also in Altona wohnen oder auf St. Pauli. Kann er nicht in der Silbersackstraße wohnen und die Olga, die uns noch unbekannt ist, sehr gut kennen? Kannte er vielleicht auch den Herrn Alwien?"
Frau v. Blinkburg verschloß sich diesen Zweifeln nicht. „Wenn der Zettel, den Sie hmben, wirklich eine Mitteilung an Herrn Alwien enthielt, gebe ich Ihnen recht. Wenn Herr Alwien wirklich Beziehungen zu dieser Olga unterhielt, die auf St. Pauli wohnt und nur im CafS „Klein-Peking" nt sprechen ist, dann kann dieser Heidewanderer, der den letzten Zug erreichen mußte, allerdings eine bedeutungsvolle Figur werden. Aber roas hat Herr Alwien, ein Mann in gesicherter Position, mit
diesen Lenken aus einem Chinesenlokal auf St. Pauli zu schaffen? Wer
ist diese Olga?"
Steyer erhob sich. „Sie sagten es eben beinahe selber, gnädige Frau. Eine fragwürdige Existenz!" Er lächelte. „Aber das genügt uns hier nicht. Ich fahre morgen nach Hamburg. Ich will fehen, ob ich die Dame Olga nicht vielleicht im Chinesencafs ,Klein-Peking" auffinden tang'rQU v. Blinkburg schritt neben ihm zur Treppe. Der Kellner drehte noch einmal alle Lichter an.
Auf dem Flur reichte Frau v. Blinkburg dem Schriftsteller die Hand. „Gute Nacht", sagte sie. Er senkte den Kopf, bis er die Hand berührte. "Gute Nacht", sagte auch er. Ihre Blicke streiften sich noch einmal und rissen sich dann rasch los. Frau v. Blinkburg schritt davon, den Gang entlang, ihrem Zimmer zu. Er blieb stehen und sah ihr nach, bis eine Korridorbiegung sie verschwinden ließ. Dann ging auch er in fein Zimmer.
4. Kapitel.
Frau v. Blinkburg erfuhr am anderen Morgen von dem Kellner, daß Doktor Steyer tatsächlich schon zeitig in der Frühe das Hotel verlassen hatte. Er würde nicht bald zurück sein, hatte er hinterlassen; zum Mittagessen bestimmt nicht, wahrscheinlich auch nicht am Abend, sondern erst spät in der Nacht. „Ich glaube, Herr Doktor Steyer ist nach Hamburg gefahren", schloß der Ober. Frau v. Blinkburg antwortete nicht, sie vergaß sogar das Danke. Da zog er sich zurück. Er war der Dame nicht böse, er war Menschenkenner; längst hatte er bemerkt: etwas bedrückte die Dame; es mußte mit dem Schriftsteller Zusammenhängen; also war es wohl eine Liebesgeschichte. Er kannte sich auch darin aus. Liebesgeschichten waren immer im ersten Teil so abwechslungsreich. Flucht oder Davonlaufen des einen Partners; Verkennung; Rückkehr; Versöhnung schließlich. Niemand hätte ihm diese Weisheit auszureden vermocht.
Tatsächlich traf er mit seiner Meinung in diesem Falle wenn auch nicht direkt ins Schwarze, so doch nicht vorbei. Liebe war wohl im Spiel, ober wenigstens ein Vorgefühl, aus dem Liebe werden konnte. Frau v. Blinkburg fühlte sich zu diesem Adalbert Steyer hingezogen, er war ihr angenehm, seine Art, seine Reden und sein Aeußeres gefielen ihr. Sie hätte auch sicherlich dieser Neigung keinen Widerstand entgegengesetzt. Sie war frei und alt genug; sie hatte geraume Zeit gewartet; an Wunder glaubte sie nicht mehr, aber an wundervolle Glücksmöglichkeiten. Wenn sie jetzt so gedankenvoll vor dem Kafseetisch saß, hatte das seine ganz bestimmten besonderen Gründe.
Die Sonne ichien; bunte Kringel in allen Farben des Prismas warf die schräggestellte Scheibe des halbgeöffneten Fensters auf die Tischdecke. Ein Strauß Feldblumen leuchtete, und Wicken dufteten sogar. Aber Frau v. Blinkburg achtete das alles nicht. Sie rührte in ihrem Kaffee, den sie gewiß auf solche Art erkalteln ließ, und sah die Wand an. In Wirklichkeit schaute sie nach innen.
Der jüngste Kellner, nicht jener, mit dem sie eben gesprochen hatte und der ihr den Kaffee serviert hatte, der kleine rotblonde Bursche, hatte ihr vorhin, kaum daß sie Platz genommen hatte, den Wanderstock des Doktors vorgelegt. „Ist dies Ihr Stock, gnädige Frau, oder gehört er dem Herrn Doktor? Ich sand ihn heute morgen unter dem Tisch, an dem die Herrschaften gestern abend gesessen hatten."
Frau v. Blinkburg brauchte nur einen Blick auf den knorrigen Knüppel zu werfen, und sie hatte Steyers Stock erkannt. „Er gehört natürlich Herrn Doktor Steyer", hatte sie mit leichtem Verweis im Ton geantwortet. Welch eine Idee, ihr diesen unförmigen Stock zuzumuten! „Aber Sie können ihn hierlaffen. Hängen Sie ihn da über den Stuhl."
Der Junge hatte getan, wie ihm geheißen.
Da hing nun der Stock. Hing jetzt noch da, und wenn sie auch nicht Hinsehen wollte, sie mußte einfach; ihre Blicke kehrten immer wieder zurück, magisch angezogen von diesem dunklen Fleck aus dem Stockgriff.
Gewiß, das alles konnte Zufall fein! Es mußten Flecke in der Färbung des Holzes fein, bei der Beizung entstanden. Aber warum bann diese innere Unruhe? Ihr Herz pochte viel zu rasch. Sie hatte einmal in einem Museum eine Keule gesehen, eine schwere alte Schlag
waffe; und der Wärter, der zugleich den Erklärer machte, hatte auf die dunklen Flecke an der Verbreiterung der Keule hingewiesen. „Hier sehen die Herrschaften noch die Blutflecke, ein Zeichen, daß diese Keule wirklich einmal benutzt worden ist als fürchterliche Waffe!"
Als fürchterliche Waffe! Wenn man diesen Wanderstock umdrehte, den Handgriff als Schlagende benutzte ..
Er verließ das Hotel gestern zu jenem Abendspaziergang, bevor der Hund sein entsetzliches Heulen anfing. Der Hund bellte an der Leiche seines Herrn. Als die Klagelaute erschollen, war Steyer gerade zurück. Der Mord geschah, während er in der Heide war ...
Er, er, er! Was geht „er" mich denn an. Sie nahm den Löffel aus der Taffe und führte den Kaffee zum Mund. Entschlossen machte sie sich ein Brötchen zurecht. Sie aß nur das eine. Der Appetit war plötzlich weg. Als sie sich erhob, nahm sie den Stock an sich. Sie trug ihn, wie man einen Wanderstab benützt; dieser war viel zu schwer für sie.
Sie wußte nicht wohin, was mit diesem Vormittag anzufangen. So schritt sie dem Dorfe zu. Sie würde sich ein paar Ansichtskarten kaufen.
Auf der Straße schien ihr der Stockgriff in ihrer Hand sonderbar rauh. Sie sah ihn sich genauer an und betrachtete auch ihre Hände. Da erschrak sie so sehr, daß sie mitten auf der Straße stehenblieb. Diese Flecke waren erst über Nacht getrocknet, bas war ganz beutlich erkennbar. Wenn es eine Farbe war, mußte es eine billige Farbe fein, bie bnran geraten war; sie zerkrümelte unb ließ sich abreiben. Wie grobes Pulver — unb färbte bie Hänbe, wo sie nicht ganz trocken waren, mit einem Rostton.
Frau v. Blinkburg setzte sich wieber in Bewegung. Der Schreck war in sie hineing&fallen wie ein Stein, er lag nun auf ihrem Herzen ober auf bet Seele, benn eigentlich wußte sie gar nicht, wo biefer unbestimmte Druck ba in der Brust saß.
(Fortsetzung folgt.)


