Ausgabe 
21.2.1936
 
Einzelbild herunterladen

Nummer (5

Zreitag, den 21. Februar

iahrgang 1956

Mötzlich hüsteln.

Weshalb einen Dank? . , . ... . ,

Er sah sie mit einem tiefen Blick an.Es hatte ja fein können, daß auch Sie mich auslachten mit meiner Theorie. Dann würde ich nun tefchwieaen haben. So aber sollen Sie alles wissen. Ich weiß nicht, ib es angebracht ist, das zu sagen, aber ich habe das Gefühl: Sie Laben sich unzweifelhaft das Recht erworben, alles zu erfahren."

Ihre Worte bereiten vor. Es gibt also noch Bedeutungsvolleres, Mch Schwererwiegendes, als Sie den Leuten von der Behörde bekannt- fiiiben?"

Ich sagte es schon, ich war ein zweites Mal am Wegkreuz. Seitdem lpb'e ich weder Herrn Pfrundt noch seine Freunde gesprochen. Was ich Ihnen jetzt sage, erfahren nur Sie, Frau o. Blinkburg: und ich ver­täue durchaus, daß Sie zu schweigen wissen. Ich muh diese Sache nun r»ohl allein durchfechten; von Herrn Pfrundt kommt keine Unterstützung, sch will auch diese Hilse nicht. Ich werde jenen den Beweis liefern, nicht taute, auch wohl noch nicht morgen aber mag sein übermorgen, sah unser Geschäftsführer ermordet worden ist. Es besteht kein Zweifel. >a lesen Siel"

Er griff tief in seine Brusttasche und brachte einen Zettel zum Bor- Hein, einen zerrissenen Briefbogen, vielfach gefaltet.

Den fand ich an der Mordstelle. Er war vom Wind ein Stück in sie Heide hineingeweht worden. Herrn Pfrundt und den andern war das Statt aus die Art entgangen."

Frau v. Blinkburg nahm den Zettel. Es war ein Blatt aus einem iLotizbuch oder einem Heftchen. Die obere Hälfte fehlte gänzlich; aus lern gebliebenen Rest aber war ein Fetzen herausgerissen, so etwa, als iube jemand das Papier festgehalten, während ein anderer es zu ent­leihen versuchte. Biel war nicht mehr zu lesen. Es schien sich um eine Mitteilung gehandelt zu haben, Frau v. Blinkburg las:Silbersack­srahe nicht mehr Klein-Peking in der Olga." Sie lieh das Blatt suken und fand Steyers Blick auf sich gerichtet.Ist das eine Mit­telung, die Herr Alwien empfangen hat?"

Steyer nickte.Das nehme ich an."

Und was folgern Sie?" . .

Vieles. Das Blatt ist zerrissen. Es scheint, als wollte lemand Uesen Zettel an sich bringen. Alwien aber hielt ihn fest. Er lieh ihn erst los, als seine Finger kraftlos wurden. Da wehte das Blatt beiseite, Md der andere sand es nicht." .

Sie glauben, dah es um diesen Zettel ging? Daß Alwien sterben mußte, weil er diese Nachricht besaß und sie nicht herausgeben wollte?

Er antwortete nicht gleich.Es kann so sein", meinte er dann ge­dankenvoll,es mag aber auch ganz anders sein. Wo ist die Wichtigkeit tiefer Meldung? Daß jene Olga nicht mehr in der Silbersackstraße »ahnt? Daß sie nun in Klein-Peking zu finden ist? Tötet man um jsilcher Mitteilung willen einen Menschen?"

Frau v. Blinkburg sagte, und der Satz stand sicherlich am Ende einer fingeren Gedankenreihe als (Ergebnis-Mir will scheinen, das Bemer- stnswerte an diesem Zettel ist, daß Herr Alwien solche Mitteilung ! empfing! Daß also eine Verbindung besteht oder bestand zwischen ihm «Md einer Olga, die aus St. Pauli in der Silbersackstraße wohnt. Was ! tebeutet Klein-Peking? Ein Lokal vermutlich?"

Ja, ein Chinesencafe in der Talstraße."

Das dachte ich mir beinahe."

Sie sahen sich an. Frau v. Blinkburg zog fröstelnd den Schal hoher »6er die Schultern. Die Nacht atmete kalt durch die Scheiben. Aber Kiner von beiden dachte daran, jetzt die Unterredung aufzugeben

Frau v. Blinkburg hob wieder an:Sie sagten vorhin. Sie sanden

etwas. Es war dieser Zettel, nicht wahr?" und als er nickte,Sie sagten aber auch, daß Ihnen jemand am Wegkreuz begegnet sei."

. Gewih", antwortete Steyer,ich hatte dort ein sehr unerwartetes Zusammentreffen. Als ich meine Untersuchungen anstellte, tauchte plötz­lich ein Mann auf. Er rief mich an, einen Revolver in der erhobenen Hand. Aber den steckte er dann weg. Dieser Mensch ist es gewesen, der den toten Alwien gesunden hat; ein gewisser Glahn, Pachter eines Hofes hier in der Nähe. Der Rüge Hoff heißt das Gut. Es ist auch em Aus­flugsort, denn Glahn hat dort eine kleine Restauration in einem Neben­gebäude errichtet."

Das haben Sie von dem Manne selbst erfahren?

Ja. Wir redeten lange miteinander. Dieser Glahn ist ein seltsamer Mensch. Er spricht langsam, säst schwerfällig, aber sein Gesicht ist leb­haft. Die Augen verraten ihn. Sie liegen tief im Kopf und sind sehr hurtig, wissen Sie. Er scheint knorrig und bedächtig; aber das ist nur das Aeuhere. Wenn mich nicht alles täuscht: ein Kerl ohne Stetigkeit, ein Mann, auf den ich mich in einer ernsten Stunde nicht möchte ver­lassen müssen." Er bemerkte ihren verwunderten Blick, der seiner aus­führlichen Beschreibung galt, aber er deutete ihn nicht richtig.Ich weiß, was Sie sagen wollen. Man soll und darf sich nicht vom Aeuheren eines Menschen so vollkommen beeinflussen lassen, weder zur Sympathie, noch zur Abneigung. Aber als ich mit diesem Glahn sprach, spürte ich es wie einen inneren Warnungsruf: sei vorsichtig, sei mißtrauisch! Dabei redete jener, genau betrachtet, Harmlosigkeiten. Gewiß, er hatte als erster den Toten entdeckt und die Gendarmerie benachrichtigt. Er war unterwegs gewesen von seinem Hof nach dem Hotel hin. Er wollte mit Herrn Alwien sprechen, wie man mehr Gäste nach dem Rügen Hoff locken könnte. Er war beim Wegkreuz abgebogen und querfeldein dem erleuchteten Hotel entgegengegangen. Da sand er Alwien. Er glaubte anfangs, es lägen dort Plaggen, sagte er mir, aber dann erkannte er, daß dort nicht Torf ausgestochen worden war und aufgefchichtet lag, sondern, daß dies Dunkle, was sich da vom Boden abhob, ein Mensch mar Er trat heran und erkannte die Leiche sofort. Als er mir das erzählte, stockend und bedächtig, funkelten feine Augen hin und her. Ich habe niemals einen Menschen gesehen, der eine schlichte Tatsache unglaub^ würdiger darzustellen gewußt hätte. Uebrigens schien Glahn selber zu merken, daß er nicht gerade den günstigsten Eindruck auf mich machte; aber zu stören vermochte ihn das nicht. Ich fragte ihn, obgleich ich seine Antwort ja ahnen konnte:Sind Sie niemandem begegnet hier m der Nähe?"

Er schüttelte den Kops.

Wo befindet sich Ihr Gut?"

Hinter dem Pfenningshos", antwortete er. Und als habe (ch ihn -um Reden aufgesordert, begann er seine Geschichte zu erzählen. Man­ches war wertvoll zu wissen, bas meiste ein Unsinn, bäurischer Aber­glaube wahrscheinlich. Glahn sagte:

Ich ging um 10 Uhr aus bem Hause weg und machte mich auf den Weg zum Pfenningshof. Ich wollte den Professor oder Fräulein Glascha sprechen und fragen, ob ich die Heuscheune ein paar Tage benutzen könnte. Dann wollte ich, wie gesagt, noch in das Hotel, denn abends hat Herr Alwien meistens Zeit. Im Pfenningshos war der Professor nicht zu sprechen. Sie wissen wahrscheinlich, der Herr Pfenningshos, nach ihm hat der Besitz feinen Namen, wird allgemein der Professor ge­nannt. Ich glaube übrigens, daß ihm der Titel auch zu Recht zu­kommt Ja, der Professor war nicht zu sprechen; er war schon im Bett Da Fräulein Glascha nicht von selber kam, wagte ich nicht, sie so spät mit meiner Bitte zu belästigen. Ich marschierte also weiter, dem Hotel entgegen.

Ich hatte gesehen, daß im Herrenhaus des Pfenningshofs noch Licht brannte Der Professor und seine Tochter Glascha waren also noch nicht zu Bett Man hatte mich wahrscheinlich angelegen, ßilius, der Ver­walter, ist ein Schwindler. Ich änderte mich. Als ich ein Stuck schon tn der Heide war, sah ich mich noch einmal um. War jetzt alles dunkel? Nein, noch immer brannte Licht, aber diesmal gelangte ich nicht dahm, mich erneut zu ärgern, denn ich sah wieder das Kreuz auf dem Turm.

Er machte eine Pause. Ich habe den Pächter Glahn wohl recht ver­dutzt angesehen, denn er fragte sogleich:Sie haben das Kreuz nicht '"b^N^in.^ Was für ein Kreuz war es denn? Ist vielleicht eine Signal­station auf dem Turm?" ,

Nichts ist aus dem Turm. Nur heute nacht war ein Kreuz auf» gerichtet. Ein mittelhohes Kreuz, nicht für Signalmasten zu gebrauchen. Niemand hat es gesehen. Nur ich. Ich sah es die ganze Zeit, so oft ich mich umblickte. Ein schwarzes Holzkreuz, es stand geduckt, wie hinge- zeichnet gegen den Hellen Himmel Als ich dann Alwien fand oer- I gaß ich natürlich zu beachten, wann es verschwand. Er drehte sich um | und wies auf:Sie sehen, jetzt ist es nicht mehr auf dem Turm-

eheimnis der ^eide

ROMAN VON FRANK F. BRAUN

2. Fortsetzung.

Sie waren sich sehr nahe. Spannung lag in ihrem Gesicht. Er merkte $ und betrachtete sie prüfend. Da war es wohl, daß Frau v. Blinkburg «hlte, wie er sie zu durchdringen versuchte. Sie legte die Hand auf -inen Arm und sagte betont:

Sie dürfen mir vertrauen, Herr Doktor Steyer. Was Sie zu mir »rechen, wird ohne Ihren Willen kein dritter Mensch von mir erfahren

Ihr Gesicht war recht blaß geworden; nur die Röte der Lippen blieb i its merkbarer Ton. Sie brach ab; scheinbar erstaunte sie es selber, em feierliches Versprechen dem fremden Manne gegeben zu haben.

Aber Steyer nahm es dankbar auf.Danke", sagte er und mußte

iehenerZamiliendMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger