Ausgabe 
20.11.1936
 
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töcranttnottlid): vr. HanSTbhriot. Druck und Der lag: Drühl'iche Univ ersitäts-Buch» und Steindrucker ei, R. Lange, Gi eben.

An einen Gefallenen.

Von Hans Thyriot*.

Ach, dies mußte so sein: Du hast es gewußt Und hast dich vollendet Nach deinem Maß und Gesetz. Den Deinen blieben Tränen, Trauer und Stolz, Ein gehütetes Bild, Die Briefe und frühen Gedichte Und jener Hügel auch, Drüben im Westen, so schmal, Dunkel mit Goldlack geschmückt Aber im Frühling Wölbt sich gewaltig. Siebenfach widerstrahlend. Als himmlische Brücke Siehe: der Regenbogen Tröstlich von dir zu mir.

GeMsker und Gefrage:Wer ist denn das da? Wie ähnlich er dem toten Ritterschaftshauptmann sieht! Und dort, ist das nicht die Ratsherrin Korb­macher ... Frau von Heydenacker ... der Aeltermann Kawelkamp ... Friseur Krausberg ..."

Gott steh mir bei, mein Großvater!", rief em junges Mädchen. Dicht hinter dem Sarge aber schritt ein blasser junger Mensch im langen, dunklen Osfiziersüberrock, mit Backenbart und vorgebürstetem Schlafen­haar, so wie es zu den Zeiten des Kaisers Nikolaus die Site der Armee gewesen war. . . , , -

Eine Frau preßte ängstlich den Arm ihrer Nachbarin und sagte:Dort vorn! Sehen Sie es denn nicht? Dort vorn!"

Dort vorn, vor der Spitze des Zuges her, dort bewegte sich etwas wie ein zitronengelber Sonnenstrahl, und es blieb schwer zu begreifen, wie er die Nebelschicht der niedrig lastenden Wolken durchbrochen haben mochte. Am Friedhofseingang schien er zur Seite zu gleiten, und wenige Augen­blicke später war er nicht mehr zu erblicken.

Abendzug kam nicht wieder.

Ziemerer plante nichts Geringeres, als den Standort dieses Ge­schützes ausfindig zu machen. Es war ein etwas phantastischer Plan, den nur ein Zufall gelingen lassen konnte, doch sand er einen Bundesgenossen dafür in dem Unteroffizier Bette, der zu seinem Geschütz gehörte.

In einer der unruhvollen Nächte lag Ziemerer mit Bette aus einem kleinen Erdbunker unweit der Batterie, denn Engels hatte ihnen wegen der erhöhten Alarmbereitschaft, die inzwischen anbefohlen worden war, untersagt, sich noch allzu weit zu entfernen. Dieser Erdbuckel war eben hoch genug, um einen Blick über das flache Land hinter den feindlichen Linien zu gewähren, doch wurde er auch von drüben gesehen, weshalb sich bei Tage niemand dort zeigen durfte. Schweigend lagen sie hinter dem faulenden Stumpf einer Pappel und lauerten auf den großen Mündungsstrahl, der nun häufiger als sonst aufzuckte. Vielleicht leuchtete Ziemerer hierbei allzu oft mit dem dreierlei Licht aus die Karte, die vor ihnen aus der Erde lag. Gleich nach Mitternacht zischte eine Granate heran und zerschmetterte ihm beide Beine. Sie mußte, wie Bette später sagte, aus einem Schnellfeuergeschlltz gekommen sein, das sich dicht hinter dem vordersten feindlichen Graben befand. Ein Schmerz durchgrauste Ziemerer, als zerbeiße ihm ein eisernes Maul die Knie, und preßte ihm ein langgezogenes Schreien aus. Es klang wie das quäkende Kreischen eines angeschossenen Hasen. Allein er verlor das Bewußtsein nicht, so sehr er es auch wünschte, und faßte sich wieder. Er gedachte, was er Suebo-Vandalia schuldig war. Freilich würde Suebo-Vandalia niemals erfahren, wie sich der Vundesbruder Ziemerer benommen hatte. Das traf sich schlecht, und es tat ihm leid.

Bette war unverletzt geblieben. Er wollte sich oder dem Schicksal deswegen grollen, doch es gelang ihm nicht. In den überstandenen Schrecken und in das Erbarmen mit dem kleinen Ziemerer mischte sich immer wieder eine dünne Freude. Als er mit Stubbe, dem Sanitäts­unteroffizier, zurückkam, lag Ziemerer schon schweigend und zitterte nur zuweilen und knirschte mit den Zähnen. Stubbe, ein schnurrbärtiger Mann, mit einem zutunlichen Trinkergesicht, schnürte ihm sogleich mit den Gummiringen, die er in seiner großen Tasche mitgebracht hatte, die Beine oberhalb der getroffenen Stellen ab, wobei er in einem singenden Ton unaufhörlich:Ruhig, ruhig, immer ruhig!" sagte, obwohl Ziemerer ganz still hielt und auch sonst niemand etwas äußerte. Als sie ihm aber den Buckel hinuntertragen wollten, biß das Eisenmaul abermals zu, und Ziemerer stieß mit unerwartet hoher Stimme wieder sein Kreischen aus.

Sie möchten ihn lieber hier liegen lassen, vielleicht an den Baumstumpf gelehnt, schlug er dann vor, wobei ihm die Tränen über das Gesicht perlten. Dort werde er bestimmt nicht mehr schreien, es sei das nur so ein Augen­blick gewesen. Da lehnten sie ihn einstweilen hin, wie er es haben wollte, und Bette setzte sich stillschweigend neben ihn. Nach einer Weile kam auch Stubbe noch einmal zurück.Zeig einmal her, Kollege", sagte er sanft und knöpfte ihm den Mantel und den Waffenrock auf, um ihm ein schmerznehmendes Gift unter die Haut der Brust zu spritzen. Bette hielt ihm dazu die Lampe mit dem dreierlei Licht. Auf dem Seidenband, das Ziemerer unter seinem grünen Wollhemd schräg über die nackte Brust geknüpft hatte, leuchteten die bunten Farben Suebo-Vandaliae auf.

Alsbald kam ein wunderbares Wohlbefinden über Ziemerer. Vielleicht hatte er schon allzuviel Blut verloren, oder Stubbe hatte die Gabe des Traumgiftes falsch bemessen: es hatte keine Gewalt mehr, ihn einzu­schläfern, sondern durchdrang seine leeren Adern mit sanften Wirbeln von Heiterkeit. Es war nicht anders, als sei er berauscht. Und wie allen Trunkenen ihr Leben mit einemmal nicht mehr hoffnungslos erscheint, und wie sie Gram und Pein vergessen, so empfand auch Ziemerer keinen Schmerz mehr und gedachte nicht mehr des Todes. Mit dünner Stimme begann er ein Lied zu singen. Es war ein Lied, das sie oftmals mit schwerer werdenden Häuptern im Biergarten der Frau Thienemann gesungen hatten, wenn die anderen Gäste längst gegangen waren. Dort war er auch jetzt wieder, doch saß er schon auf der Erde im Gras. Er sang:

Ach, wenn doch wieder Montag, Dienstag, Mittwoch wär! Und ich bei meiner, bei meiner Laurentia wär!

Laurentia!

Das Laurentia des Kehrreimes war in einem halb klagenden und halb verlockenden Ton nach einer langgezogenen Weise zu singen. Er sang es viele Male, auch als ihm die Zunge für den übrigen Text schon zu müde geworden war. Zuweilen hob er die freie Hand auf eine zierlich verbind­liche Weise zum Gruß an die Mütze, als bedanke er sich für eine erwiesene Aufmerksamkeit. Unteroffizier Bette konnte aber nicht sehen, wen w begrüßte und bei wem er sich bedankte, obwohl er neben ihm saß und ihix stützte und seine andere Hand mit seiner Linken umschlossen hielt. Vom Feinde abgewendet saßen sie nebeneinander, bis Ziemerer gestorben war. Es geschah ganz unbemerkt im ersten Licht.

Oer Londoner Abendzug.

Von Paul Alverdes.

In seiner ErzählungReinhold im Dienst", die in einer preiswerten Einzelausgabe erschienen ist, hat Paul Alverdes dem stillen Heldentum der im Kriege gefallenen deutschen Jugend ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Mit Erlaubnis des Albert Langen/Georg Müller Verlages in München veröffentlichen wir daraus den nachstehenden Ab­schnitt.

Es war eines späten Nachmittags, als unvermutet der Londoner Abendzug über die Batterie hinwegfuhr. Den Londoner Abendzug nannten sie in jener Gegend ein Geschütz von allerschwerstem Kaliber, das für gewöhnlich gegen Abend, wenn es die Sonne genau im Rücken hatte, auf die deutschen Stellungen zu feuern pflegte. Man vermutete, daß es ein eingebautes englisches Schiffsgeschütz sein müsse, obwohl es einstweilen nicht gelungen war, seinen genauen Standort auszumachen. Es verfeuerte Granaten von Mannesgröße, und das Geräusch, mit dem sie sehr flach und nicht sonderlich schnell durch die Luft daherkamen, war mit dem Donnern und Dröhnen eines vorüberfahrenden Eisenbahnzuges ungefähr zu vergleichen. Darum wurde die Erscheinung der Londoner Abendzug genannt.

Seit längerem war er ausgeblieben. Jetzt kam er so dicht über die Batterie gezogen, daß alle verstummten und einander mit weißen Ge­sichtern anstarrten. Dann war der Abendzug am Ziele. Auf einem nie­deren Hügelkamm einige hundert Meter hinter ihnen, wo eben ein ganzes Rüdel laut schwatzender und lachender Infanteristen mit irgend­einer Arbeit beschäftigt war, spreizte sich plötzlich ein ungeheurer Fächer aus brauner Erde auseinander. Dann reckte er sich zu einer strudelnden Wolke von Kirchturmhöhe empor. Eine Weile stand sie dort, und dis Erde platzte und schollerte weithin herab, bis in die Batterie. Dann klärte sie sich und wankte wie ein fallender Baum und zerging. Immer noch war es ganz still. Mit einem Male aber kam langgezogen ein vielstimmiges Heulen und Kreischen von Männern herüber. Es tönte immer noch fort, als jetzt aus dem frischen Braun der aufgeworfenen Erde ein paar Gestalten auftauchten, die sogleich mit sonderbar über­triebenen Bewegungen zu laufen begannen. Sie liefen, wie man im Traume läuft, mit wild emporgeworsenen Knien, ohne doch eigentlich von der Stelle zu kommen, Sie hatten tödliche Wunden empfangen und begannen noch einmal zu laufen, als vermöchten sie die vergangene Zeit auf eine wunderbare Weise noch einmal zu überholen und das Ge­schehene ungeschehen zu machen. Alsbald aber brachen sie in die Knie und kippten um und waren nicht mehr zu sehen. Immer noch tönte das Jammern und Kreischen fort. Jetzt begannen die Kanoniere, mit nach rückwärts gedrehten Gesichtern an ihre Plätze gebannt, zu stöhnen oder mit zeternden Stimmen in wilde Verwünschungen auszubrechen. Dann riefen sie nach Spaten und Tragbahren, und schon wollten einige

* Aus dem GedichtbandeMagische Welt" von Hans T h y r i o t, Propyläs i-Verlag, Berlin, gebunden 2, RM.

hinüber, um den Getroffenen beizustehen und die Verschütteten auszu­graben. Indessen stellte sich Engels in ihren Weg.Alles hierbleiben!" schrie er außer sich,alles hierbleiben, und keiner rührt sich vom Platz, ihr werdet schon sehen, weshalb!" Murrend kehrten die Leute an ihre Geschütze zurück. Nicht lange, und auf der linken Seite des Hügelkammes wurde eine Kolonne von Soldaten sichtbar, die unter der Führung eines dünnbeinigen Offiziers mit Schaufeln und Tragbahren im Gänsemarsch langsam auf den frischen Trichter losmarschierten. Es war jetzt ruhig geworden, der Zug verschwand in der Grube, und nur noch die Helle, befehlende Stimme des Leutnants war zu hören. In diesem Augenblick zog der Abendzug abermals dicht über die Batterie hinweg. Die Kano- . . . ..... ', während Engels plötzlich seine Mütze über dem Kopf

zu schwenken begann und auf seinen alten Beinen auf den Hügelkamm losrannte. Aber chon spreizte sich genau am alten Ort der Fächer aus Erde aufs neue, chon fuhr die Wolke empor, in welcher ein paar Augen­blicke lang hoch oben die wirbelnde Gestalt des Offiziers $u erkennen war. Es war deutlich zu sehen, daß er einen Spaten in der Hand hielt. Danach aber wurde alles still und blieb es auch, und auch der Londoner