Trauerweide.
Von Gottfried Keller.
Es schneit und eist den ganzen Tag, Der Frost erklirret schars und blank, Und wie ich mich gebärden mag — Cs liegt ein Mägdlein ernstlich krank.
Das Rosengärtlein ist verschneit, Das blühte als ihr Angesicht, Noch glimmt, wie aus der Ferne weit, Der Augen mildes Sternenlicht.
Noch ziert den Mund ein blasies Rot Und immer eines Kusses wert;
Sie läßt's geschehen, weil die Not Die Menschenkinder beten lehrt.
,Hch lieb auch deinen lieben Mund, Lieb deine Seele nicht allein — Im Frühling wollen wir gesund Und beide wieder fröhlich sein!"
„Ich lieb auch deiner Fühe Paar, Wenn sie in Gras und Blumen gehn; In einem Bächlein sommerklar Will ich sie wieder baden sehn!"
„Auf dem besonnten Kieselgrund Stehn sie wahrhaftig wie ein Turm, Obgleich der Knöchel zartes Rund Bedroht ein kleiner Wellensturm!"
Da scheint die Wintersonne bleich Durchs Fenster in den stillen Raum, Und auf dem Glase, Zweig an Zweig, Erglänzt ein Trauerweidenbaum!
O Erde, du gedrängtes Meer Unzähliger Gräberwogen, Wie viele Schisflein kummerschwer Hast du hinuntergezogen, Hinab in die wellige grünende Flut, Die reglos starrt und doch nie ruht!
Ich sah einen Nachen von Tannenholz, Sechs Bretter von Blumen umwunden, Drin lag eine Schisferin bleich und stolz. Sie ist versunken, verschwunden!
Die Leichte fuhr so tief hinein. Und oben blieb der schwere Stein.
Ich wandle wie Christ aus den Wellen frei, Als die zagenden Jünger ihn riefen;
Ich senke mein Herz wie des Lotsen Blei Hinab in die schweigenden Tiefen;
Ein schmales Gitter von seinem Gebein, Das liegt dort unten und schließt es ein.
Oie ge!be Toienvorreiiersche.
Bon Werner Bergengruen.
Alte Leute in Reval wissen aus den Erinnerungen ihrer Kindheit von einer merkwürdigen Frau zu erzählen, welche „die gelbe Totenvorreitersche" genannt wurde. , t
Die gelbe Totenvorreitersche ist jung gewesen und verheiratet. Ihr Mann war ein armer Oberleutnant von der Linieninsanterie und ist im Kaukasus verschollen. Als damals die Nachricht kam, da ist in ihrem Kopfe eine gcwisie Verschiebung vor sich gegangen. Nicht daß sie ähnlich getan hätte wie die Kapitänswitwe Johanson, welche jeden Abend ihres ertrunfenen SDlnnnes 23ett cibbecttc uni) (eine Pantoffeln bereitftetlte, nein, das hatte sie schon ausgenommen, daß der Oberleutnant tot war und sie nie wieder an seinem Arm nach Katharinental promenieren wurde. Aber es war ihr der Gedanke gekommen, ihr Mann habe wohl kein rechtes Begräbnis gehabt, und niemand sei nach Schicklichkeit mit seiner Leiche gegangen.
Da befestigte sich in ihr die Vorstellung, sie verrichte einen schuldigen Dienst an seinem Andenken, wenn sie einen besonderen Eifer zu Leichenbegängnissen hege. Ja, indem sie den Zeitenlauf gleichsam umkehrte, wollte es ihr scheinen, als könne, wenn sie selber bei fremden Begräbnissen ihre Teilnahme bezeige, ein Fremder zum Vergelt auf den Einfall kommen, der verlassenen und unbegleiteten Leiche ihres Gatten die christlichen Totenehren zu erweisen. Zugleich aber hatte sie eine Vorstellung ihrer Wichtigkeit und Bedeutung, ja, einer gewissen militärischen Führerschaft. Hatte denn nicht bloß das geschehene Unglück sie verhindert, Majorin, Oberstin, ja, Generalin zu werden? Darum kam ihr nicht in den Sinn, sich einfach einem Totengefolg« anzuschließen, sondern sie hatte sich an seine Spitze zu stellen. «»..
So kam es dahin, daß in Reval kein Leichenbegängnis ohne die Witwe stattfand. Kein Wetter, keine Jahreszeit konnte sie hindern. Formierte sich vor dem Sterbehause oder der Kirche der Trauerzug, so war sie plötzlich zur Stelle. Bei feierlichen Staatsbegräbnissen geschah es wohl, daß die Polizei Absperrungen vornahm; allein auch diese wußte sie zu durchbrechen. Plötzlich leuchtete aus allem Schwarz ihr langer zitronengelber
Spenzer vor. An eine besonder« Bedeutung dieser auffallenden Farbenwahl muß wohl nicht gedacht werden; vielmehr dürfen wir annehmen, es habe sich ein solches Kleidungsstück von ausnehmend haltbarem Stoff in ihrem Eigentum befunden, und da ihre Einkünfte knapp waren, so. trug sie es durch sehr viele Jahre; als sie später einmal eine Neuanschaffung vornehmen mußte, da wäre ihr und allen Revalensern eine andere Farbe bereits unausdenkbar erschienen. .
Die Glocken läuten, der Zug setzt sich in Bewegung, die Führerin auch. Unter der schwarzen Haube quellen im Winde die zotteligen weißen Haare vor. Hoch ausgerichtet, im Marschschritt, führt sie unermüdet den ihr anvertrauten Zug den langen, langen Weg zum Friedhof von Ziegels- koppel, zum Moikschen Kirchhof oder zu den Begräbnisstätten der Dör- pischen Vorstadt; und wie marschierende Soldaten es tun, so wirst die starkknochige Person ihre Arme taktmäßig nach links und rechts. Nie verringert, nie vergrößert sich der Abstand zwischen ihr und der eigentlichen Spitze des Leichenzuges, obwohl sie sich nie nach ihm umblickt. Geschieht einmal eine Stockung, so teilt sich ihr die Störung des Marschrhythmus mit und sie tritt soldatisch aus der Stelle, bis das Erschwernis behoben und der regelmäßige Weitergang hergestellt ist. Am Friedhofseingang angekommen, verläßt sie ihren Platz an der Tete, tritt zur Seite und laßt nun generalsmäßig den Trauerzug an sich vorbeidefilieren.
Jeder kennt sie, niemand hindert sie. Ein frisch nach Reval versetzter Gendarmerieofsizier sah sie mit ärgerlicher Verwunderung, rief: „Was für ein Unfug!" und wollte einschreiten. Aber da wurde er augenblicks von einigen Respektpersonen beiseite genommen und mit wenigem Zureden belehrt und besänftigt. _ ,
Im Lauf der Jahrzehnte ist es dahin gekommen, daß die gelbe Totenvorreitersche wohl gar kein Wissen mehr davon hat, weshalb ste allen Beerdigungen vorangehen muß. Es ist, als überlebe sie ihr eigenes Dasein nur in jener Verrichtung, sie ist die gelbe Totenvorreitersche, sonst nichts, als erhalte nur diese Pflicht den Körper der Greisin am Leben. S>e hat keinen Stock, auf den sie sich stützen, keinen Schirm, mit dem sie sich trocken halten könnte, denn sie bedarf ja beider Arme zu den ,hr vorgeschriebenen militärischen Schlenkerbewegungen. Ihr Gehör, ihr Gesicht schwächen sich ab. Nichts aber hindert sie, das Ihrige zu tun.
Manch einer fragte sich: „Wie soll es einmal mit ihrem eigenen Begräbnis werden?" Und so sehr war man gewöhnt, ein Leichengefolge ohne ihre Mitwirkung als unvorstellbar anzusehen, daß fast die Meinung aufzukommen vermochte, sie könne dem Gesetz des Sterbenmussens nicht unterworfen sein, — denn wie hätte ihre eigene Bestattung gedacht werden können, ohne daß sie selber dem Zuge vorangeschritten wäre?
Indessen sollte es sich erweisen, daß man ihrer Teilnahme an den Revaler Leichenzügen den Rang eines Naturgesetzes voreiligerweise zuerkannt hatte. In einer der Vorstädte starb ein wohlhabender russischer Kausmann, in dessen Familie allerlei dunkle Ehe- und Erbschaftszerwurf- nisse zu Hause sein sollten. An einem düsteren und wolkigen Vormittag im Spätherbst bewegte sich, von der gelben Totenvorreiterschen geführt, der Trauerzug zum Alexander-Newski-Friedhof. Unweit des Muhlenteiches ereignete sich etwas Ausregendes. Ein berittener Gendarmerieofsizier holte den Leichenkondukt ein, drängte sein Pferd an den Sarg, der nach russischer Sitte unverschlossen getragen wurde, und salutierte fluchtig vor dem Toten. Dann winkte er, die Träger blieben erschrocken stehen, der Offizier erklärte den Zug für aufgelöst, die Leiche für beschlagnahmt. Weitere Auskünfte v-rweigerte er, später erst erfuhr man, daß eine eingelausene Anzeige den Verdacht eines Giftmordes wachgerusen hatte. Nach geschehener ärztlicher Untersuchung — das Ergebnis braucht uns hier nicht zu kümmern—, wurde der Tote in nächtiger Heimlichkeit EAgesetzt.
Die gelbe Totenvorreitersche hatte auf ihre Weise gespürt, daß dem Leichengefolge irgendein Hemmnis widerfahren war. Sie machte halt, trat auf der Stelle und setzte sich nach ihrer üblichen Weise wieder in Bewegung. Am Friedbofseinaang trat sie, die Hacken zusammenschlagend, mit einer exerziermäßigen Wendung aus die Seite, um den Zug defilieren 3U Si^schoute. sie spähte: die Straße war leer! Ein paar schmutzige Kinder platschten in den breiten und öden Regenpsützen und schrien lachend:
Gelbe Totenvorreitersche! Gelbe Totenvorreitersche!"
Am nächsten Morgen hatte die Greisin keine rechte Lust, ihr Bett zu verlassen; eine Beerdigung stand für diesen Tag nicht bevor. Stutzig gemacht durch die ungewohnte Stille, trat gegen Abend eine Nachbarsfrau bei ihr ein und fand sie in einem Zustand der äußersten Schwache. Auf ihre Fragen erhielt sie knappe und verquere Antworten. Sie rückte der Alten die Kissen zurecht, brannte das Nachtlämpchen an und entfernte sich, um Suppe aufzuwärmen und der gelben Totenvorreiterschen davon zu bringen. Als sie mit dem dampfenden Suppentopf wiederkehrte, da saß die Alte sehr aufredjt in ihrem Bett, gegen die hochgeschichteten Kissen zurückgelehnt, und sah, vom flackernden Nachtlämpchen verzerrend beschienen die Eintretende aus weitgeöffneten Augen mit glasiger Strenge an Die rechte Hand hatte sie salutierend an die Haube gelegt, als nehme sie einen Parademarsch von Totengefolgen ab. Da die Nachbarin sie berührte, fiel der Arm kraftlos herab, er hatte sich in dieser Stellung nur behaupten können, weil er von den Kissen gestützt wurde. Die gelbe Totenvorreitersche war nicht mehr am Leben.
Einige Tage danach wurde sie zu Grabe getragen. Unaufgefordert, unverabredet, strömten die Menschen durch den Nebel zu ihrem Geleit, vom Dom, von der Unterstadt und den Vorstädten, Menschen aller Stande und Volkszugehörigkeiten. An jeder Straßenecke schwoll der Zug, und es war mancher dabei, dem es sonst nie in den Sinn gekommen wäre, sich unter eine Gassenmenge zu begeben. Alle, alle gingen mit, alle deren Toten die Alte in Jahren und Jahrzehnten ihre sonderbare Teilnahme ^Sch-Menhast und dunkel erschienen sie einander in der früh einsallenden Dämmerung, die unter dem verhängten Himmel Häuser und Menschen m ein ungewohntes und ungewisses rauchiges Licht rückte. Unübersehbar schien die Zahl, vertrauteste Menschen wurden sich zum Spuk, wer sollte einander erkennen? Ein scheues Raunen erhob sich, ein verwundertes


