Eichener Zamilienblütter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang 1956
Zreitag, den 20. November
Nummer 90
Victoria
Geschichte einer Liebe von Knut Hamsun
Copyright by Albert Langen^Georg Müller Verlag,München
Johannes erhebt sich und geht ans Fenster. Es ist beinahe hell, und er sieht in dem Spiegel am Fensterpsosten, daß seine Schläfen rot sind. Er löscht die Lampe und liest noch einmal in dem grauen Licht des Tages die letzte Seite seines Buches. Dann legt er sich nieder.
Gegen Abend des gleichen Tages hatte Johannes sein Zimmer bezahlt, sein Manuskript abgeliefert und die Stadt verlassen. Er war ins Ausland gereist, niemand wußte wohin.
6.
4. Fortsetzung.
Da klopft es an seiner Türe, und eine gelbgekleidete Frau tritt ein. Sie hebt den Schleier auf, es ist die Schlohherrin, Frau Victoria. Sie ist wie eine Majestät. Der Herr erhebt sich rasch, seine düstere Seele ist in diesem Augenblick durchleuchtet, wie das Wasser von dem Lockfeuer der Fischer. Sie sind so gütig gegen alle, sagt er bitter. Sie kommen auch zu mir. Sie antwortet nicht, sie sieht ihn an. und ihr Antlitz wird dunkelrot. Was wollen Sie? fragt er ebenso bitter wie vorher: sind Sie gekommen, mich an das Vergangene zu erinnern? Dies aber ist das letztemal, gnädige Frau, jetzt reise ich für immer fort. Und immer noch entgegnet die junge Schloßherrin nichts, aber ihr Mund bebt. Er sagt: Ist es Ihnen nicht genug, daß ich meine Torheit einmal erkannt habe, so hören Sie, ich tue es noch einmal: Mein Verlangen stand nach Ihnen, ich war Ihrer nicht würdig, — sind Sie nun zufrieden? Mit steigender Heftigkeit fährt er fort: Sie antworteten mir Nein, Sie nahmen einen anderen; ich war ein Bauer, ein Bär, ein Barbar, der in seiner Jugend auf königliches Wildgebiet geraten war! Da aber wirft der Herr, sich auf einen Stuhl und schluchzt und bittet: Ach, gehen Sie! verzeihen Sie mir, gehen Sie Ihres Weges! Jetzt ist alle Röte aus dem Gesicht der Schlohherrin gewichen. Da sagt sie, und sie spricht die Worte langsam und deutlich aus: Ich liebe Sie; mißverstehen Sie mich nicht mehr. Sie sind es, den ich liebe; leben Sie wohl! Und das war die junge Schloßherrin, sie schlug die Hände vors Gesicht und ging rasch zur Tür hinaus ...
Er legte die Feder hin und lehnt sich zurück. Jawohl, Punktum, Ende. Dort lag das Buch. Alle die beschriebenen Blätter, die Arbeit von neun Monaten. Eine warme Zufriedenheit durchrieselt ihn, weil sein Werk zu Ende geführt ist. Und während er dasitzt und zum Fenster blickt, durch das der Tag graut, summt und klopft es in seinem Kopf, und fein Geist arbeitet weiter. Er ist ganz voller Stimmung, fein Gehirn liegt wie ein unabgeernteter wilder Garten da, in dem die Erde dampft:
Auf eine geheimnisvolle Weife ist er in ein tiefes, ausgestorbenes Tal gekommen, wo nichts Lebendes zu finden ist. In weiter Ferne, allein und verzeffen steht eine Orgel und klingt. Er geht näher hinzu, untersucht sie, die Orgel blutet, aus ihrer einen Seite rinnt Blut, während sie klingt. Im 'Weitergehen gelangt er auf einen Marktplatz. Alles ist öde, kein Baum zu sehen, kein Laut zu hören, nur der Marktplatz liegt öde da. Aber im Sand sind Spuren von den Stiefeln der Leute, und in der Luft steht gleichsam noch das letzte Wort, das an dieser Stelle ausgesprochen worden ist, so kurz war sie erst verlassen worden. Eine seltsame Empfindung erfüllt ihn, diese Worte, die noch in der Lust Über dem Marktplatz stehen, ängstigen ihn, nähern sich ihm, bedrücken ihn. Er schlägt sie weg, aber sie kommen wieder, es sind keine Worte, es sind Greise, eine Gruppe tanzender Greise; er sieht sie jetzt. Weshalb tanzen sie und weshalb sind sie so gar nicht froh, wenn sie tanzen? Ein kalter Hauch strömt von dieser Gesellschaft von Greisen aus, sie sehen ihn nicht, und als er sie anruft, hören sie ihn nicht, sie sind tot. Er wandert gegen Osten, zur Sonne, er kommt zu einem Felsen. Eine Stimme ruft: Bist du an einem Felsen? Ja. antwortet er, ich stehe an einem Felsen. Da sagt die Stimme: Der Fels, an dem du stehst, ist mein Fuß; ich liege gefesselt in dem äußersten Land, komm und befreie mich! Da begibt er sich fort nach dem äußersten Land. An einer Brücke steht ein Mann und wartet auf ihn, er sammelt Schatten; der Mann ist aus Moschus. Ein eisiger Schrecken erfaßt ihn beim Anblick dieses Mannes, der ihm feinen Schatten nehmen will. Er spuckt nach ihm und droht ihm mit geballten Fäusten; der Mann aber steht unbeweglich und wartet auf ihn. Kehre um! ruft eine Stimme hinter ihm. Er dreht sich um und sieht einen Kopf, der auf dem Weg dahinrollt und ihm die Richtung zeigt. Der Kopf ist ein menschlicher Kopf, und dann und wann lacht er still und lautlos. Er folgt ihm. Tage- und nächtelang rollt der Kopf vor ihm her und er folgt ihm nach; am Meeresuser schlüpft der Kopf in die Erde und versteckt sich. Er watet ins Meer hinaus und taucht unter. Da steht er vor einem gewaltigen Portal und trifft auf einen großen bellenden Fisch. Er hat eine Mähne und bellt ihm wie ein Hund entgegen. Hinter dem Fisch steht Victoria. Er streckt die Hände nach ihr aus, sie hat keine Kleider an, sie lacht ihm entgegen, und ein Sturm bläst durch ihr Haar. Da ruft er sie an, er hört selbst seinen Schrei — und erwacht.
Das große Buch war herausgekommen, ein Königreich, eine kleine rauschende Welt von Stimmungen, Stimmen und Gesichten. Es wurde getauft, gelesen und weggelegt. Einige Monate vergehen; als der Herbst kam, schleuderte Johannes ein neues Buch hinaus. Was jetzt? Sein Name kam plötzlich auf aller Lippen, das Glück begleitete ihn, dieses neue Buch war in weiter Ferne geschrieben worden, fern von den Ereignissen daheim, und es war still und stark wie Wein:
Lieber Leser, hier ist die Geschichte von Didrik und Jselin. Geschrieben in der guten Zeit, in den Tagen der kleinen Sorgen, da alles leicht zu tragen war, geschrieben mit dem allerbesten Willen für Didrik, den Gott mit Siebe schlug.
Johannes war in fremden Ländern, niemand wußte wo, und mehr als ein Jahr verging, ehe es jemand erfuhr.
Mir ist, als hätte es an die Türe geklopft, sagt der alte Müller eines Abends.
Und feine Frau und er sitzen still und lauschen. Rein, es war nichts, sagt sie dann; es ist zehn Uhr, und es ist bald Nacht.
Mehrere Minuten vergehen.
Da klopft es hart und bestimmt an die Türe, als habe sich jemand erst richtig ein Herz gefaßt. Der Müller öffnet. Das Schloßfräulein steht draußen.
Erschreckt nicht, ich bin es nur, sagt sie und lächelt furchtsam. Sie tritt ein; ein Stuhl wird vor sie hingestellt, aber sie setzt sich nicht. Sie ■trägt nur einen Schal um den Kops und an den Füßen schmale niedere Schuhe, obwohl es noch nicht Frühling ist und die Wege noch nicht trocken sind.
Ich wollte euch nur darauf vorbereiten, daß der Leutnant im Frühling kommt, sagt sie. Der Leutnant, mein Verlobter. Und er wird vielleicht Waldschnepfen hier schießen, das wollte ich nur sagen, damit Ihr nicht ängstlich werdet.
Erstaunt sehen der Müller und seine Frau das Schloßfräulein an. Noch nie war ihnen etwas gejagt worden, wenn die Gäste des Schlosses in Wald und Feld auf die Jagd gingen. Sie danken ihr demütig; wie freundlich war das von ihr.
Victoria tritt wieder zur Türe zurück.
Das wollte ich nur sagen. Ich dachte, Ihr seid alte Leute, da könnte es nicht schaden, wenn ich es euch sagte.
Der Müller antwortet:
Daß das gnädige Fräulein das tun mochte! Und jetzt ist das gnädige Fräulein in den kleinen Schuhen sicher naß geworden.
Nein, der Weg ist trocken, sagt sie kurz. Ich ging sowieso spazieren. Gute Nacht.
Gute Nacht.
Sie ergreift die Klinke und geht wieder hinaus. Da wendet sie sich in der Türe und fragt:
Ach, richtig — Johannes, habt Ihr etwas von ihm gehört?
Nein, nichts, Dank für die Nachfrage, nichts.
Er kommt wohl bald. Ich dachte, Ihr hättet Nachricht.
Nein, feit dem Frühling des vergangenen Jahres haben wir nichts mehr gehört. Johannes soll in fremden Ländern sein.
Ja, in fremden Ländern. Er hat es gut. Er selbst schreibt in einem Buch, daß er sich in den Tagen der kleinen Sorgen befindet. Da hat er es wohl gut.
Ach ja, ach ja, das mag Gott wissen. Wir erwarten ihn; aber er schreibt uns nicht, er schreibt an niemand. Wir erwarten ihn nur.
Er hat es wohl dort, wo er ist, besser, wenn seine Sorgen klein sind. Ja, ja, meinetwegen. Ich wollte nur wissen, ob er im Frühling heimkäme.
Gute Nacht nochmals.
Gute Nacht.
Der Müller und seine Frau begleiten sie hinaus. Sie sehen sie erhobenen Hauptes zum Schloß zurückkehren und mit ihren kleinen Schuhen über die Wasserpfützen in dem aufgeweichten Weg hinwegsteigen.
Ein paar Tage darauf kommt ein Brief von Johannes. In ungefähr einem Monat, wenn er ein weiteres Buch fertig hat, wird er nach Hause kommen. Es ist ihm gut gegangen in dieser langen Zeit, eine neue Arbeit, war bald vollendet, das Leden der ganzen Welt war durch fein Gehirn gewirbelt ...


