Der Lieblingsbaum.
Don Conrad Ferdinand Meyer.
Den ich pflanzte, junger Baum, Dessen Wuchs mich freute, Zähl' ich deine Lenze, kaum Sind es zwanzig heute.
Oft im Geist ergötzt es mich, lieber mir im Blauen, Schlankes Astgebilde, dich Mächtig auszubauen.
Lichtdurchwirkten Schatten nur Legst du auf die Matten, Eh' du dunkel deckst die Flur, Bin ich selbst ein Schatten.
Aber Haschen soll mich nicht Stygisches Gesinde, Weichen werd ich aus dem Licht Unter deine Rinde.
Frische Säste rieseln laut. Rieseln durch die Stille.
Um mich, in mir webt und baut Ew'ger Lebenswille.
Halb bewußt und halb im Traum lieber mir im Lichten
Werd' ich, mein geliebter Baum, Dich zu Ende dichten.
wollen?"
Am fünften Tage in der Frühe begann er recht zu behalten. Die meisten Passagiere saßen im Speisesaal beim Frühstück, da verkündete der Lautsprecher von der Kommandobrücke, daß der Kapltan den werten Gästen etwas Interessantes mitzuteilen habe. Das war etwas Ungewöhnliches. Alle spitzten die Ohren. Ruhig und beruhigend klang gleich darauf die Stimme des Seebären:
„Seien und werden Sie nicht nervös. Der Mann im Korb hat einen Eisberg gesichtet. In einer halben Stunde längstens werden wir ihn passieren. Eisberge, die man sieht, haben keine Gesahr. Ein guter Rat nur- Ziehen Sie sich warm an, ehe Sie mit Kameras zum Promenadendeck gehen. Eisberge sind herzlos kalt, -unb die Linie übernimmt keine Versicherung gegen Schnupsen."
Alles lachte. Alles war nervös. Jeder wußte etwas anderes, und niemand wußte etwas richtiges.
„Ich fahre zwölf Jahre zur See", sagte der Erste Offizier, den der Kapitän sofort unter die Passagiere beovdert^hatte, um zu beruhigen, „aber einen Eisberg habe ich noch nie gesehen."
„Er kommt aus dem ewig-einsamen, unbewohnten Thule", schwärmte eine blonde Frau und sah den Offizier an wie den Weihnachtsmann.
, Eigentlich ist es internationale Pflicht der USA.-Marine, jeden solchen Burschen bereits im Hohen Norden zu torpedieren. Der scheint ihnen eben ausgekommen zu sein!"
„Huh! Warum denn gleich torpedieren!? —" entsetzte sich die blonde Frau, „man könnte doch auch darauf schießen ... Ober sie anbohren, damit sie sinken ..."
„Der Eisberg wird Ihnen gleich selbst die Antwort darauf geben!" sagte der Offizier.
„Bring mir den Sealpelz auch noch mit, denn der Kapitän hat immer recht!"
Der Käpten macht seine Scherze, Adele, verlaß dich drauf!'
„Und die Reifedecke dazu! Sie befahl. Er trottete davon.
„Schleimsuppe, bitte!", baten die Gesunden.
Ich habe sie als Kind schon nicht gemocht", sagte der Sachse, dem die Hafergrütze nicht mehr mundete. Der Kapitän wollte die Stimmung heben: „Wenn die Herren Mut haben und noch Reservekräfte, dann gehen Sie einmal mit mir in den Raum, in dem unsere lebende Tlerfracht ist. Sie haben das Erhabenste gesehen, ich will Ihnen noch etwas zeigen.
Der Weg führte über hundert Spindeltreppenstufen.
Tief haustief ging es in den Bauch des Ozeankolosses. Der AbsUeg auf den engen Treppen, dazu in ewigen Windungen war ein akrobatisches Kunststück, dazu die leisen Anzeichen der Seekrankheit. Wir schafften es mit einigen blauen Flecken. .. ,L .. . ,
Endlich waren wir im Laderaum für lebende Fracht. An Hunderten von Kanarienvögeln und Edeltauben vorbei, die alle tiefphilosophisch in ihren kleinen Holzkäfigen saßen, kamen wir zu einer langen, aber schmalen Kiste. Der Kapitän zündete Licht an und sagte:
„Darin ist das königlichste Tier neben dem Löwen — ein Tiger!"
Wir traten näher. In diesem Augenblick hörten wir ein tiefes Seufzen. Wir sahen in die Kiste, die an ihrer einen Schmalseite nur vergittert war. Fracht ist teuer, und sie wird auf den Quadratzentimter berechnet. Em Tiger stand darin — ober lag er? — als habe er den Jammer ber ganzen Welt allein zu tragen. Ich habe noch nie unb nie mehr ein so armseliges Gesicht gesehen. Die Äugen sahen uns gequält entgegen. Unb nun liefen aus seinen Augen Tränen, zwei schwere bicke Tränen^bie langsam herab- rollten. Einige Sekunden später schrie der Tiger ^ue^ch-ungluctt.ch. Aller Hoheit hatte sich dieses erhabene Tier begeben. ^ie .volle Verzweiflung der eingesperrten Kreatur sprang uns an und wandelte alles in uns in Mitleid. .
„Man möchte ihn herauslassen", sagte jemand, „er wurde aus der H^^Dafür^ möchte ich doch nicht garantieren. Immerhin, die Seekrankheit vergißt auch er nicht mehr!", meinte der Käpten.
.Solch ein erhabenes Tier und nun so kläglich ■■■“
Der Tiger ließ seinen Kopf hängen unb sank noch kleiner in sich zu- sarnmen lebend am Hubsonpier an, allerdings mit zwölf
Stunden Verspätung, und wir hatten sogar einen Kaps Lebewesen meh an Bord, als sich an der „Alten Liebe" eingesch.fit hatten In der Passa- gierklasse war ein Baby geboren worden. Der Schlffsarzt schmunzelte vor 1 Stolz ... __
,0 wir haben 18 Grad Morgenkemperatur ... Wenn sie um drei Grad 'fällt, was macht das schon aus?"
-zck habe acht Tage nicht mehr niesen können , sagte der Obersteward, „als ich mit Byrd am Nordpol war. Meine Nase war nicht erkältet, sondern glattweg eingefroren!“
„Da ist er schon!" Ein Sachse fiel mit seinem Glas fast über die N°Er war es nicht schon, aber nach einer Viertelstunde war er es, unb nun gab es ein Erlebnis. Jedes Gespräch verstummte, nur einer sagt« noch, ber den Mund nicht halten konnte: ~
„Nur ein Viertel eines solchen Eisberges guckt über das Wassert* Der Erste Offizier stellte sachlich fest:
„Von ber Kommandobrücke hat man ihn gemessen: 42,2 Meter übet ^"Langsam wie ein Zyklopenauge, das eben über den ftortjont fttjaut, kam er auf uns zu. Als er größer wurde, flammte er in taufend Farben auf Er funkelte wie ein Riefendiamant. Vom blendenden Weiß feiner Oberfläche durchlief er alle Skalen des Spektrums über jarteftes ©run- gelb zum sattesten Blau und fort zum flammenden Rot, um bann violett unb blau zu verklingen. Strahlen bes Li^ts Achten, und irgendwelche Schründe ober Risse, die er Haden mochte brachen die S rohlen und seine Farben noch einmal, zehnmal, hundertmal. Der Diamant wuchs ins sinnlos Uebertnmenfionale, und er wuchs an uns heran von Se ©title an Bordorote in einer Kirche. Kein Windhauch In den Lüsten. Beugte sich selbst die Natur von solcher Majestät?
Nun hörte man mit einem Male, wie der Eisberg das Wasser mit seinen Kanten und Ufern zerschnitt das ohnmächtig 'hm angischte. Wie ein Segler, der vor dem Winde liegt, sauste er dahin, hatte eine unerhörte Geschwindigkeit, auch wenn man die unseres Schiffes, das ihm immer noch entgegenfuhr, abrechnete. Und nun warf er feine Halte gegen uns. Wie ein Eishauch des Pols selbst berührte sie uns. Nicht der Eisberg ließ sich von der Gegend, in der er herrschte, d'e Temperatur diktieren, sondern er bestimmte sie, rote sie seinem Wohlbehagen paßte. Er schrieb die Gesetze vor, niemand sonst! Wir waren fröstelnd froh, daß er zweihundert Meter weg war. Das Thermometer zeigte zwei
I sind nun war er ganz nah! Dieser Einsiedler, dieser Einzelgänger, der zum Golfstrom in fein endliches Verderben zog. Im Spiel ber Farben glaubte man bunte Vögel, Raubtiere auf ihm zu erkennen, Fata Morganen einer erregten Phantasie. Er bulbete kein Leben um sich. Ein Koloß, em Urweltlicher. Das Erhabenste, was wir bisher an Naturschauspielen gesehen hatten. Die meisten Passagiere stellten ihre Photoapparate ein, als er im Abziehen war. Man fror, aber bie Mäntel lagen vergessen auf ben Stühlen... •' _r
Als er verschwunben war, meinte ber Obersteward:
„Der dicke Herr wird dicke Sachen bringen. Als ich mit Byrd ...
"Windstärke elf bis zwölf mindestens!" Der Steward verschwand in seinem Büro. Und der Sturm kam in der Tat. Kam so toll. Doch darüber ein andermal! Beim Abendessen schon waren die Passagiere dezimiert.
I Der Steward meinte:
„Das leichte Dinner, meine Herren?"
Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck unb Verlag: Drühl'sche UniversttätS.Vuch. und ©teinbrudetei. X Sange, ©leben.
Der Eisberg und der Tiger.
Zwei Erlebnisse auf dem Atlantischen Ozean.
Von Heinrich Hinck.
Unser Zwanzigtausendtonner hatte von der „Aston Liebe in Cuxhaven ab vier Tage ruhigste Meerfahrt hinter sich. Wir lagen noch zwei Tage vor der Freiheitsstatue, und schon machte sich unter den Passagieren etwas wie Landefieber bemerkbar. Koffer wurden gepackt und Verabredungen für Fortsetzung der Bekanntschaft noch m USA. getroffen. Man hatte sich doch beim Verdauungsschlaschen aus dem Promenadedeck immer so außerordentlich gut verstanden. Ganz kühne Seelen schauten schon nach dem Paß- und Polizei-Lotsen aus, der b.s einen Tag von Neuyork entgegenzukommen pflegt. „Wir haben „Kells Icitckev noch nicht hinter uns", meinte der Obersteward vom Grillroom, dessen tausendste Uebersahrt über den Atlantischen wir gefeiert hatten. Er war Pejsimist von Haus aus. So meinte ein Passagier zu Hm: „Haben Sie noch so Diel kulinarischen Vorrat, weil Sie uns noch Nicht los sein


