Oie Teilung der Erde.
Von Friedrich Schiller.
„Nehmt hin die Welt!", rief Zeus von seinen Höhen Den Menschen zu. „Nehmt, sie soll euer (ein;
Euch schenk' ich sie zum Erb' und ew'gen Lehen;
Doch teilt euch brüderlich darein."
Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten. Es regte sich geschäftig jung und alt. Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten, Der Junker pirschte durch den Wald.
Der Kaufmann nimmt, was feine Speicher fassen, Der Abt wählt sich den edlen Firnewein, Der König sperrt die Brücken und die Straßen Und sprach: „Der Zehente ist mein!".
Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen,
Naht der Poet, er kam aus weiter Fern'; Ach, da war überall nichts mehr zu sehen, Und alles hatte seinen Herrn.
Weh' mir! So soll ich denn allein von allen
Vergessen sein, ich, dein getreuster Sohn?" So ließ er laut der Klage Ruf erschallen Und warf sich hin vor Jovis Thron.
„Wenn du im Land der Träume dich verweilet", Versetzt der Gott, „so had're nicht mit mir.
Wo warst du denn, als man die Welt geteilet?" — „Ich war", sprach der Poet, „bei dir.
Mein Auge hing an deinem Angesichte, An deines Himmels Harmonie mein Ohr; Verzeih' dem Geiste, der, von deinem Lichte Berauscht, das Irdische verlor!" —
„Was tun?", spricht Zeus. „Die Welt ist weggegeben. Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein. Willst du in meinem Himmel mit mir leben:
So oft du kommst, er soll dir offen sein."
pmdar, -er Sänger der Olympischen Spiele.
Von Dr. Bernhard K n a u ß.
Die Statuen, die die Sieger der Olympischen Spiele in der Umgebung der heiligen Feststätte in Olympia aufzustellen pflegten, waren Weihgeschenke für den Gott, der den Sieg verliehen hatte, zugleich aber auch höchste Ehrung für den Sieger selbst. Sicherten sie doch das Gedächtnis des Ruhmes durch Jahrhunderte hindurch dem Olympiasieger, und tatsächlich gibt uns noch ein so später Reisender wie Pausanias im zweiten nachchristlichen Jahrhundert eine eingehende Schilderung der Siegerstatuen, wie er sie in Olympia aufrechtstehend fah. Heute sind all diese Bilder bis auf wenige Reste verschwunden, und nur Bruchstücke von In christen oder Grundmauern haben die deutschen Ausgrabungen im Fe tbezirk von Olympia zutage gefördert.
Aber eine andere, nicht minder schöne Ehrung der Sieger ist uns noch erhalten. Es sind die Siegesgesänge des Pindar, die Epinikien, auch sie einst Weihgeschenk und Ruhmeszeichen zugleich. In ihnen hat die Verherrlichung der Sieger in den großen allhellenischen Spielen, den Spielen in Delphi, in Nemea, auf dem Isthmus von Korinth und vor allem in Olympia edelsten dichterischen Ausdruck gesunden, dauerhafter als alles Gebilde in Erz und Marmor.
Einst hatte sich Pindar gegen den mächtigen Wettstreit der Bildhauer wehren und feine Kunst verteidigen müssen. „Ich bin nicht Bildhauer, Prunkstücke aufzustellen auf unverrückbaren Sockeln", beginnt er ein Lied, aber dafür sei sein Gesang frei und beweglich und trage den Ruhm des Siegers weithin über alle Lande. Seine Lieder haben diesen Ruhm wirklich über die Jahrtausende getragen, weiter als wohl der Sänger wie der Sieger je ahnen konnten! Uns ist damit aber eines der schönsten Zeugnisse über die Olympischen Spiele erhalten geblieben, jene Spiele, die alle vier Jahre die Griechen aus dem Mutterland, aus Sizilien, aus Kleinasien und Nordafrika zusammenführten, an denen die ewigen Kämpfe zwischen den Staaten einem Gottesfrieden gewichen waren und bei denen die hellenische Nation sich ihrer kulturellen Einheit immer wieder bewußt werden konnte.
Einblick in das lebendige Treiben auf dem Festplatz geben uns die Verse Pindars:
„Und ringsum hob die Kampfgenossenschaft Gedröhn und Lärmen. Abendlich kam der Mond mit gutem Blick und goß auf sie fein schönes Leuchten.
Da klang das ganze Gefild von Gang, bei fröhlich blühendem Festesschall ertönte die Weise des Lobliedes rings." (Nach der Uedersetzung von Hans Bogner.)
Die Kunst P i n d a r s ist streng, etwas altertümlich, wie auch die gleichzeitigen archaischen Jünglingsgestalten der Bildhauerkunst. Die Sprache ist gehoben, oft prunkvoll, fast übertünftelt. Aber in diesen übernommenen Formen gibt der Dichter Eigenes und Kraftvolles in gedrängter Fülle. Das Bild des Olympioniken steigt aus diesen Gesängen vor uns auf. Daß der Wettkämpfer wohlgebildet am Körper fei, gilt als selbstverständlich. Pindar hätte kein Grieche fein müssen, um dies besonders hervorheben zu wollen. Aber er fügt zur körperlichen Tüchtigkeit auch noch die geistige und sittliche hinzu, wie sie der echte Adel erfordert. Immer wird die edle Abkunst des Siegers betont, und nicht er allein, sondern fein ganzes Geschlecht gerühmt. Denn auch der Sieger ist ja nur ein Sproß der Familie, deren Blut von Generation zu Generation weitergetragen wird und immer wieder in adeligen Menschen sich zeigt.
Doch das Blut allein, die vornehme Abkunft bieten nicht immer Gewähr für das Verhalten. Jeder muß sich feiner Abstammung aufs neue würdig zeigen. Und so schließt sich an die Verherrlichung des Geschlechtes auch die ernste Ermahnung, die alten adeligen Ideale hochzuhalten und im Leben zu bewähren. Nie dürfe man die Dankbarkeit gegen die Götter vergessen, nie in Maßlosigkeit verfallen, die stets den Menschen Unheil bringe. Der heimische Mythos ist für Pindar ein starkes Mittel, die Sieger an die Verpflichtungen zu erinnern, die ihnen ihre Herkunft auferlegt, die sie den Göttern gegenüber haben. Immer sind Pindars Siegesgefange nicht nur Lob des Siegers, sondern zugleich auch Anrufung der Götter, so daß in ihnen noch die alte Bedeutung des Hymnus, der ursprünglich nur Göttern gebührte, weiterklingt. Für die Menschen aber ist damit die Mahnung verbunden, die Kräfte des Blutes und der Heimat zu achten und zu pflegen, und sich als Glied einer Kette zu fühlen, auf die man wohl stolz fein darf, die aber ebenso stark verpflichtet.
Es ist der ritterliche Adel Griechenlands, dem Pindar feine Kunst weiht, und der in feiner Dichtung uns in verklärtem Abglanz gegenüber» tritt. Aber so schön uns diese ritterliche Welt auch geschildert wird, sie ist doch schon zu Pindars Zeiten fast überlebt. Der Dichter selbst sah noch ihren Niedergang. Im zweiten Jahrzehnt des sechsten Jahrhunderts vor Christus ist Pindar in Theben geboren; fein Leben fällt in eine Zeit großer Entscheidungen und Gefahren für Hellas, in die Epoche der Perserkriege. Allein wie feine Vaterstadt in diesen Kämpfen in schwächlicher Unentschiedenheit abseits stand, so findet sich auch — mindestens in den uns erhaltenen Dichtungen Pindars, die ja nur einen Bruchteil feines Werkes darstellen — kaum eine Spur von dem großen Erleben jener Jahre, wie es etwa in der Persertragödie des Aefchylus mitfchwingt. Er hielt an den alten Idealen der griechischen Aristokratie fest, wie sie in feiner Heimatstadt Theben, in dem nahen Aegina, in Sparta noch maßgebend waren, während er der neuen Zeit, wie sie vor allem in Athen sich im Bewußt- werden der volksmäßigen Kräfte zeigte, ablehnend gegenüberftanb.
Dafür schien sich ihm bei den Selbstherrschern, die in den sizilischen Städten, wie Syrakus, Gela oder Akragas die Macht an sich gerissen hatten, das alte Aristokratentum weiterzuerben, und so zögerte er nicht, seine Muse auch in ihren Dienst zu stellen, was ihm schon bei Lebzeiten gelegentlich verübelt worden ist. Doch ist er auch diesen Fürsten gegenüber nicht ein haltloser Schmeichler, sondern hält auch ihnen gegenüber fein sittliches Ideal hoch und gibt der Forderung, Gerechtigkeit gegen die Menschen und Dankbarkeit gegen die Götter zu üben, beredten Ausdruck.
Dennoch zeigt sich gerade in diesen Fürstengedichten ein innerer Bruch. Denn die Stadtherren von Syrakus oder Akragas nahmen ja nicht selbst an den Olympischen Kämpfen teil, sondern sandten nur ihre Rosse und Wagenlenker — und so kann man ein Mißbehagen nicht unterdrücken, wenn man das überschwängliche Lob lieft, das Pindar etwa dem Hieran von Syrakus spendet, der ja den Wagensieg gar nicht selbst errungen hat, sondern nur die Mittel hatte, Rennpferde zu züchten — und den Dichter zu bezahlen. Denn Pindar legte auf reichliche Honorierung feiner Hymnen großen Wert, nicht anders als bie-anbern Dichter feiner Zeit. So zeigt sich gerabe in biefen oft besonders reich ausgeführten Gedichten die innere Brüchigkeit dieser Adelswelt, die Pindar wohl in ehrlicher Ueberzeugung verherrlichte, die aber bereits ihren inneren echten Sinn zu verlieren begann. Vielleicht fühlte der Dichter selbst, daß er etwas besang, was unwiederbringlich dahin war. Die Stimmung in seinen Versen wirb trüber, düsterer. Aegina, bas er befonbers liebte, feine SBaterftabt selbst wird von b-r Vormacht Athens überschattet Bald nach 446 scheint Pindar gestorben zu sein.
So mußte Pindar noch sehen, daß die überragende politische Bedeutung der Abeisgeschlechter, die er besungen hatte, verloren ging. Aber in seinen Siegesliedern hat er das dauernd Wertvolle der alten adeligen Tradition in die neue Zeit hinübergetragen und so den folgenden Generationen gerettet. In ihnen lebt die adelige Eunomia, die Wohlgesetzlichkeit, weiter, die Maß und Selbstbeherrschung einschließt und doch dem Wirken des Mannes Freiheit im selbstgegebenen Gesetz läßt. Für uns aber hat Pindar das edelste Bild des olympischen Siegers geschaffen, bas wir kennen, bes Kämpfers, untabelig an Leib unb Seele, ber keinen anbern Lohn feiner Taten erwartet als einen schlichten Kranz von Olivenzweigen unb unsterblichen Ruhm.
„Edle Urkraft lebt im Wasser,
Golb roieber leuchtet wie Feuer zur Nacht unb lobernb Überstrahlt sein Glanz bie stolze Pracht unb Kostbarkeit bes Reichtums. Doch willst bu, o Freunb, einen Wettstreit besingen, so suche nicht am reichbestirnten Himmel nach einem Gestirn, das die Sonne verdunkelt, und nicht nach würdigerem Stoff des Liedes, als es der Kampf in Olympia ist."
(Nach der Verdeutschung von A Mittler.)


