Ausgabe 
20.7.1936
 
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Sie warf ihm einen zierlichen Handkuß zu, und der Bruder entfernte ich aus dem Wege durch das Boudoir und über die Hintertreppe. Sobald ie allein waren, wendete Lady Vandeleur sich zu dem Privatsekretär und agte:

Harry, ich habe heute morgen etwas für Sie zu besorgen: aber Sie sollen sich eine Droschke nehmen; mein Privatsekretär soll keine Sommer­sprossen kriegen!"

Die letzten Worte sprach sie mit Gefühl und mit einem Blick halb mütterlichen Stolzes, der den guten Harry beseligte, und er ries, er sei entzückt, daß er eine Gelegenheit habe, ihr dienen zu können.

Es handelt sich wieder einmal um ein großes Geheimnis!", sagte sie mit einem listigen Lächeln; niemand darf darum wissen, als mein Sekretär und ich. Sir Thomas würde den fürchterlichsten Spektakel machen, und wenn Sie nur wüßten, wie überdrüssig ich dieser Szenen bin! O Harry, Harry können Sie mir erklären, warum ihr Männer so heftig und ungerecht seid? Aber ich weiß ja. Sie können es nicht! Sie sind der einzige Mann auf der Welt, der von diesen schändlichen Leiden­schaften nichts weiß; Sie sind zu gut, Harry, und so freundlich; Sie sind wenigstens einer, der ein wahrer Freund einer Frau sein kann, und wissen Sie was? Ich glaube, durch den Vergleich mit Ihnen erscheinen die anderen Männer häßlicher."

Sie sind so freundlich zu mir!" rief Harry leidenschaftlich.Sie behandeln mich wie"

Wie eine Mutter", unterbrach Lady Vandeleur ihn;ich versuche Ihnen eine Mutter zu sein. Oder wenigstens", verbesserte sie sich mit einem Lächeln,beinahe eine Mutter. Ich bin zu jung, um wirklich Ihre Mutter zu sein. Lassen Sie mich also sagen: Ihre Freundin Ihre auf­richtige Freundin."

Sie machte eine Pause, die lang genug war, um auf Harrys gefühl­volles Herz zu wirken, aber nicht lang genug, um ihn zu Worte kommen zu lassen; denn sie fuhr gleich fort:

Aber dies alles tut nichts zur Sache. Sie werden in dem Eichen­schrank auf der linken Seite eine Pappschachtel finden; sie steht unter dem rosenroten Schleppkleide, das ich Donnerstag mit meinen Mechelner Spitzen trug. Diese Schachtel bringen Sie sofort nach dieser Adresse", gleichzeitig gab sie ihm einen Zettel,aber unter keinen Umständen geben Sie sie aus den Händen, bevor Sie eine von mir selbst geschriebene Empfangsbestätigung erhalten haben. Verstehen Sie? Antworten Sie, bitte antworten Sie! Die Sache ist ungeheuer wichtig, und ich muß Sie bitten, etwas aufzupassen!"

Harry beruhigte sie, indem er ihre Vorschriften buchstäblich genau wiederholte. Sie wollte ihm gerade noch mehr sagen, da stürzte plötzlich General Vandeleur, purpurrot vor Zorn, in das Zimmer. In der Hand hielt er eine ungeheuer lange, dichtbeschriebene Kleiderrechnung.

Wollen Sie fid) das gefälligst ansehen, Madame!" schrie er.Wollen Sie die Güte haben, sich dieses Dokument anzusehen? Ich weiß ja gut genug, daß Sie mich meines Geldes wegen geheiratet haben, und ich hoffe, ich habe Ihnen ein so großes Nadelgeld ausgesetzt, wie man es von einem Manne in meinen Verhältnissen verlangen kann. Aber so wahr mich Gott geschaffen hat ich will jetzt einmal dieser unanständigen Verschwendungssucht ein Ende machen."

Herr Hartley", sagte Lady Vandeleur,Sie haben wohl verstanden, was Sie zu tun haben. Darf ich Sie bitten, es sofort zu besorgen?"

Halt! rief der General Harry zu;noch ein Wort, bevor Sie gehen!"

Dann sagte er zu Lady Vandeleur:

Was hat dieser reizende Bursche zu tun? Ich will Ihnen mal was sagen: ich traue ihm nicht weiter als Ihnen selber. Wenn er nur einen Funken von Ehrgefühl im Leibe hätte, würde er die Zumutung, in diesem Hause zu sein, verächtlich ablehnen; und was er mit seinem Gehalt eigent­lich tut, ist aller Welt ein Rätsel. Was hat er zu besorgen, Madame? Und warum schicken Sie ihn so plötzlich hinaus?"

Ich nahm an, Sie hätten mir etwas unter vier Augen zu sagen", antwortete die Dame.

Sie sprachen von einer Besorgung", sagte der hartnäckige General; machen Sie in meiner augenblicklichen Stimmung keinen Versuch, mir etwas vorzulügen! Sie haben ganz bestimmt etwas von einer Besor­gung gesagt!"

Wenn Sie darauf bestehen, Ihre Dienerschaft zu Zeugen unserer unerquicklichen Streitigkeiten zu machen", antwortete Lady Vandeleur, so ist es vielleicht besser, wenn ich Herrn Hartley bitte, Platz zu nehmen. Nein? Dann können Sie gehen, Herr Hartley! Ich hoffe, Sie behalten alles im Gedächtnis, was Sie in diesem Salon gehört haben; es kann Ihnen vielleicht von Nutzen sein."

Harry verlieh schleunigst den Salon, und als er die Treppe hinauf- lies, konnte er hören, wie der General mit lauter Stimme predigte und wie Lady Vandeleur in schrillem Ton auf jeden Satz eine eisige Ant­wort gab. Wie bewunderte er diese Frau aus vollem Herzen! Wie geschickt wußte sie einer unbequemen Frage auszuweichen! Mit welcher selbst­bewußten Kühnheit wiederholte sie ihre Aufträge unter dem Feuer der feindlichen Kanonen! Und anderseits wie verabscheute er ihren Gatten!

Die Vorgänge dieses Morgens waren nichts Ungewöhnliches gewesen; denn er hatte für Lady Vandeleur fortwährend geheime Aufträge aus­zurichten, die sich hauptsächlich auf Kleiderangelegenheiten bezogen. Daß ein Skelett im Hause Vandeleur war, wußte er recht wohl. Die bodenlose Verschwendungssucht der Frau, die ihre eigenen Schulden nicht kannte, die ihr persönliches Vermögen längst verschlungen, drohte täglich auch das ihres Gatten zu verschlingen. Ein- oder zweimal jedes Jahr schien ein Skandal und völliger Zusammenbruch unvermeidlich zu sein; bann lief Harry bei allen Lieferanten herum, erzählte ihnen allerlei kleine Geschichten und machte kleine Abzahlungen auf die ungeheuer hohe Rech­nung; dann gab es wieder eine neue kleine Frist und die Lady und ihr getreuer Sekretär atmeten wieder auf. Denn Harry stand in doppelter Eigenschaft mit Leib und Seele auf der Seite der einen 'riegführenden Partei; er betete nicht nur Lady Vandeleur an, deren Gatten er fürchtete und verabscheute, sondern er stimmte auch von Natur mit ihrer Putzsucht

überein, und die einzige Verschwendung, die er selber sich erlaubte, waren seine Anzüge.

Er fand die Pappschachtel an dem ihm beschriebenen Ort, machte sich forgsältig zum Ausgehen zurecht und verließ das Haus. Die Sonne schien warm; die Entfernung, die er zurückzulegen hatte, war beträchtlich, und zu [einem Aerger hatte das plötzliche Eintreten des Generals Lady Vandeleur davon abgehalten, ihm Geld für eine Droschke zu geben. Es war anzunehmen, daß an diesem heißen Sommertage seine weiße Haut argen Schaden nehmen würde; und mit einer Pappschachtel am Arm durch halb London zu lausen, war für einen jungen Mann seines Cha­rakters eine fast unerträgliche Demütigung. Er blieb stehen und überlegte. Die Vandeleurs wohnten am Eaton-Platz, die ihm angegebene Adresse war in der Nähe von Notting Hill; er konnte also offenbar durch den Park gehen, wenn er nur die Alleen vermied, in denen viele Menschen spazieren gingen; und er dankte seinem Himmel, daß es noch verhältnismäßig früh am Tage war! Um sich seine unangenehme Last möglichst bald vom Halse zu schaffen, ging er etwas schneller als für gewöhnlich, und er hatte schon ein ziemliches Stück Weges durch den Kensington-Park zurückgelegt, da sah er sich plötzlich an einer einsamen Stelle in einer Gruppe von Baumen dem General gegenüber.

Bitte um Verzeihung, Sir Thomas", bemerkte Harry, indem er höflich ausbog; denn der andere hatte sich ihm mitten in den Weg gestellt.

Wohin gehen Sie, Herr?" fragte der General.

Ich mache einen kleinen Spaziergang im Grünen", antwortete der junge Mann.

Der General schlug mit seinem Spazierstock auf die Schachtel und rief: Mit dem Ding da? Sie lügen, Herr! Und Sie wissen, daß Sie lügen!"

Wirklich, Sir Thomas!" antwortete Harry;ich bin es nicht gewöhnt, so angeschrien zu werden."

Sie begreifen Ihre Stellung nicht", sagte der General.Sie sind in meinen Diensten, und Sie sind ein Diener, gegen den ich den ernstlichsten Verdacht habe. Wer bürgt mir dafür, daß Ihre Schachtel nicht voll von Teelöffeln ist?"

Es ist ein Zylinderhut darin, der einem Freunde gehört", sagte Harry.

Sehr schön!" antwortete General Vandeleur.Dann wünsche ich Ihres Freundes Zylinderhut zu sehen. Ich interessiere mich", fuhr er mit einem grimmigen Lächeln fort,ganz besonders für Zylinderhüte; und ich glaube, Sie wissen, daß ich nicht mit mir spaßen lasse!"

Ich bitte um Verzeihung, Sir Thomas es tut mir außerordentlich leid, aber dies ist meine Privatangelegenheit."

Der General packte ihn ohne Umstände mit der einen Hand an der Schulter, während die andere in sehr bedrohlicher Weise den Spazierstock schwang. Harry gab sich verloren. In demselben Augenblick sandte der Himmel ihm einen unerwarteten Beschützer in Charlie Pendragon, der plötzlich hinter den Bäumen hervortrat und sagte:

Aber, General! Nicht doch! Einen so schwachen jungen Mann zu schlagen, geziemt einem höflichen Mann nicht!"

Aha!" rief der General, indem er auf feinen neuen Gegner zustürzte: Herr Pendragon! Bilden Sie sich vielleicht ein, Herr Pendragon, ich lasse mich von einem niedergebrochenen Lebemann wie Sie ausspionieren und von meinen Vorsätzen zurückhalten, weil ich das Unglück gehabt habe, Ihre Schwester zu heiraten? Meine Bekanntschaft mit Lady Vandeleur hat mir jeden Appetit benommen, etwas mit den Mitgliedern ihrer Familie zu tun zu haben."

Und bilden Sie sich ein, General Vandeleur", versetzte Charlie, meine Schwester habe auf alle Rechte und Privilegien einer Dame ver­zichtet, weil sie das Unglück gehabt hat. Sie zu heiraten? Allerdings hat sie sich, indem sie das tat, viel vergeben; aber für mich ist sie immer noch eine Pendragon. Ich mache es mir zur Aufgabe, sie gegen unvor­nehme Mißhandlungen zu schützen, und wenn Sie zehnmal ihr Gemahl wären, so würde ich es nicht erlauben, daß sie in ihrer Freiheit beschränkt wird, ober baß ihre Boten, die sie in Privatangelegenheiten schickt, mit Gewalt auf offener Straße angehalten werden!"

Was bedeutet denn das, Herr Hartley?" fragte der General.Herr Pendragon ist, wie mir scheint, ebenfalls meiner Meinung. Auch er nimmt an, daß Lady Vandeleur etwas mit dem Zylinderhut Ihres Freundes zu tun hat."

Charlie sah, daß er einen unverzeihlichen Schnitzer begangen hatte, und versuchte dies schnell wieder gutzumachen, indem er rief:

Was, Herr? Ich nehme an, sagen Sie? Ich nehme gar nichts an! Ich nehme mir nur die Freiheit, einzuschreiten, wenn ich sehe, daß jemand seine Stärke mißbraucht und seine Untergebenen brutal behandelt."

Während er diese Worte sprach, gab er Harry einen Wink, den dieser aber nicht verstand, weil er zu schwerfällig ober zu aufgeregt war.

Wie soll ich Ihr Benehmen verstehen, Herr!" fragte Vanbeleur. Wieder erhob der General seinen Spazierstock und führte einen Schlag nach Charlies Kops; dieser aber parierte den Hieb mit seinem Regen­schirm, stürzte sich trotz seinem lahmen Fuße auf seinen viel stärkeren Gegner, packte ihn um den Leib und ries:

Laufen Sie, Harry, laufen Sie! Lausen Sie doch. Sie Trottel!"

Harry stand trotzdem noch einen Augenblick wie versteinert da und sah zu, wie die beiden Männer miteinander rangen; bann aber drehte er sich um und lief davon, so schnell er konnte. Als er einen Blick über seine Schulter zurückwarf, sah er, wie der General unten lag und Charlie auf ihm kniete, daß Sir Thomas aber immer noch sich anstrengte, nach oben zu kommen. Der ganze Park schien voll von Leuten zu sein, die von allen Seiten herbeiliesen, um die Prügelei zu sehen. Dieser Anblick ver­lieh dem Sekretär Flügel, und er verlangsamte seinen Schritt nicht eher, als bis er Bayswater Road erreicht hatte, wo er in eine menschenleere Seitenstraße einbog.

(Fortsetzung folgt.)