Nummer 55
Montag, den 20. Juli
Jahrgang 1936
Gießener Kmiilienblätler
Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger ______
Der Diamant öes Raüfchah
von Robert Louis Stevenson
Copyright by Verlag Albert Langen / Georg Müller, München
Die Geschichte von der Schachtel.
Bis m seinem sechzehnten Jahre in einer Prioatschuleund später auf einer der großen Hochschulen erzogen, durch die England nut Recht berühmt geworden ist, hatte Harry Hartley die gewöhnliche Büdung eines Gent, (eman. Zu jener Zeit legte er eine ausfallende Abneigung gegen iedes Studium an den Tag, und da sein einziger, noch am Leben befindlicher Verwandter unwissend und schwach war, so durfte erfein Leben damit zubrinqen, daß er sich nur mit nichtigen Modedingen beschast gte. Als er zwei Jahre daraus in der Welt ganz allein stand, war er aemahe em Bettler. Für ein tätiges, betriebsames Leben war Harry feiner Anlage, wie seiner Erziehung nach ungeeignet. Er konnte romantische Lieder fingen und aus dem Klavier sich selber leidlich dazu begleiten; er war em anmutiger, obgleich etwas schüchterner Reiter; er hatte eine ausgesprochene Vorliebe für das Schachspiel, und die Natur hatte ihn mit einem außerordentlich vorteilhaften Aeußeren in die Welt geschult. Blondhaarig, rosenwangig, mit Taubenaugen und einem sanften Lächeln, hatte er ein angenehmes, melancholisch-zärtliches Aussehen und em sehr anschmiegendes unterwürfiges Benehmen. Aber alles in allem genommen war er nicht der Mann, ein Held im Kriege oder ein Sprecher tm Staatsrat zu fein.
Ein glücklicher Zufall und etlicher Einfluß, der zu feinen Gunsten geltend gemacht wurde, verschafften Harry, als er in diese Not geriet, die Stelle eines Privatsekretärs beim Generalmajor Sir Thomas Vandeleur, Komtur des Bathordens. Sir Thomas war ein Mann von sechzig Jahren, von lautem, prahlerischem und anmaßendem Wesen. Aus irgendeinem ©runbe, für irgendeinen Dienst, über dessen Art viel geflüstert und manche Behauptung ausgestellt und abgeleugnet wurde, hatte ihm der Radschah von Kaschgar den fechstgröhten der in der Welt bekannten Diamanten geschenkt. Diese Gabe machte General Vandeleur aus einem armen Mann zu einem reichen aus einem unbekannten und wenig beliebten Soldaten zu einem der Löwen der Londoner Gesellschaft: der Besitzer des Radschah-Dlamanten war in den abgeschlossensten Kreisen willkommen und hatte eine junge, schöne Dame von vornehmer Geburt gefunden die bereit war, selbst um den Preis einer Heirat mit Sir Thomas Vandeleur den Diamanten ihr eigen zu nennen. Es wurde damals allgemein gesagt: da gleich^ gleiche anziehe, so habe ein Juwel das andere angezogen; sicherlich war Lady Vandeleur nicht nur persönlich ein Edelstem von reinstem Wa ser, sondern sie zeigte sich auch der Welt in einer sehr kostbaren Fassung und galt für viele vertrauenswürdige Autoritäten als eine der drei ober vier Damen, die sich in ganz England am besten kleideten.
Harrys Pflichten als Privatsekretar waren nicht übermäßig beschwerlich; aber er hatte eine Abneigung gegen langes Arbeiten; es war ihm unangenehm, feine Finger mit Tinte zu beschmutzen, und d,e Reize der Lady Vandeleur und ihrer Toiletten zogen ihn oft aus der Bücherei i ihr Boudoir. Er wußte sich sehr reizend mit Damen zu benehmen konnte mit Geschick über Modeangelegenheiten sprechen, und war niemals glücklicher, als wenn er über die Farbenschattierungen eines Bandes sein Urteil abgeben ober eine Besorgung bei emer Modistin °usnchten durfte. Kurz und güt, die Erledigung von Sir Thomas Vandeleurs Briefen geriet kläglich In Rückstand und Mylady hatte dafür eine zweite Kammer- j""Schiießlich kam es so weit, daß der General, der ein Ar ungeduldiger alter Soldat war, in einem Zornanfall von seinem SUihl aussprang, seinem Sekretär zubrüllte, er bedürfe seiner Dienste nicht langer^ und diese Worte mit einer erklärenden Gebärde begleitete, wie sie zwischen Gentlemen höchst selten zur Anwendung kommen. Da unglücklicherweise die Tür offen stand, fiel Herr Hartley, mit dem Kopf voran, die Treppe hinunter, ob etn)Q5 beschämt und sehr tief bekümmert. Das Leden !m Hause des Generals war gerade so recht nach seinem Geschmack: er bewegte sick wenn auch in einer mehr ober weniger zweifelhaften Stellung, in sehr seiner Gesellschaft; er tat menig; er ah und trank ausgezelchnet und er empfanb eine lauwarme Befriebigung in ber Gegenwart von Laby Vanbeleur, bie er in seinem eigenen Herzen mit einem leidenschaftlicheren Namen bezeichnete. „rhnf-
Unmittelbar nachbem er bie Beschimpfung durch den Soldaten erhalten hatte, eilte er in das Boudoir und klagte seinen Schmerz.
„Sie wissen sehr wohl, mein lieber Harry , antwortete Lady Vandeleur — denn sie rief ihn bei feinem Vornamen wie em Kmd ober einen
Dienstboten —, „daß Sie ja überhaupt niemals tun, was der General Ihnen- sagt. Sie werden vielleicht sagen, daß ich das ja auch nicht tue. Aber das ist etwas anderes. Eine Frau kann für jahrelangen Ungehorsam Verzeihung erlangen, wenn sie ein einziges Mal in geschickter Weise klein beigibt; außerdem ist man ja nicht mit seinem Privatsekretar verheiratet. Es wird mir leid tun, Sie zu verlieren; da Sie aber doch nicht langer in einem Hause bleiben können, wo Sie beschimpft worden sind, so will ich Ihnen hiermit Lebewohl sagen. Aber ich verspreche Ihnen, dem General soll sein Gebaren noch leid tun!“
Harry machte ein langes Gesicht; Tranen standen ihm hoch in den Augen er blickte Lady Vandeleur mit zärtlichem Vorwurf an und sagte:
„Mylady, was ist eine Beschimpfung? Ich würde wirklich recht gering von einem Menschen denken, der nicht ein paar Dutzend Beleidigungen zu vergeben wüßte! Aber sich von seinen Freunden zu trennen, bie Bande zärtlicher Hingebung zu zerreißen, das — .
Er konnte nicht weiter sprechen, denn seine Rührung überwältigte ihn und er meinte (aut. m .... s.
Lady Vandeleur sah ihn mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck an. fiC Dieser' kleine Dummkopf bildet sich ein, in mich verliebt zu sein. Warum sollte er nicht mein Diener werden, anstatt ^rwatfetretor des Generals zu fein? Er ist gutmütig, diensteifrig und versteht etwas von Toiletten; außerdem wird eine solche Stellung >hn davon abhalten, dumme Streiche zu machen. Er ist tatsächlich zu hübsch, daß man ihn könnte seinen eigenen Weg gehen lassen.
An demselben Abend überredete sie den General, der sich seiner Lebhaftigkeit bereits ein bißchen schämte, ihr ihren Wunsch zu erfüllen, und Harry wurde in die weibliche Abteilung des Hauses versetzt wo er em beinahe himmlisches Leben führte. Er war stets außerordentlich nett angezogen, trug zarte Blümchen in seinem Knopfloch und konnte Besucher taktvoll und ergötzlich unterhalten. Er war stolz daraus, einem schonen Weibe als Diener untertan zu fein; leben Befehl ^r Lady Vandeleur sah er als eine besondere Huld an, und er brüstete sich sogar vor anderen Männern die ihn verspotteten und verachteten, mit seiner Stellung als männliche Kammerzose und Putzmacherin. Besonders aber vom moralischen Standpunkt aus schien ihm sein Dasein beneidenswert zu sein Sündhaftigkeit hielt er für eine wesentlich männliche Eigenschaft, und seine Tage bei einer zartfühlenden Frau zu verbringen und hauptsächlich mit Näharbeiten beschäftigt zu sein, hieß nach seiner Meinung eine Zauder- insel inmitten der Stürme des Lebens bewohnen.
Eines schönen Morgens kam er in den Salon und begann einige Noten zu ordnen, die auf dem Klavier lagen. Lady Vandeleur unterhielt sich am anderen Ende des Zimmers ziemlich lebhaft mit ihrem Bruder, Charlie Pendragon, einem ältlichen jungen Herrn, der durch ausschweifenden Lebenswandel sehr klapprig geworden war, und auf dem einen Fuß bedeutend hinkte. Der Privatsekretär, dessen Eintreten sie nicht beachteten, konnte nicht umhin, einen Teil ihres Gespräches anzuhoren.
„Heute ober niemals!", rief bie Laby. „Es bleibt dabei: heute soll es 9e|C?So'l)eute, wenn es fein muß", antwortete der Bruder mit einem Seufzer Aber es ist ein falscher Schritt, ber uns in ben Abgrunb fuhren
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b°^Du^rMes^mein Mann9 muß so boch schließlich mal sterben." 'Aus mein Wort, Clara", sagte Penbragon, „ich glaube, bu bist die herzloseste Spitzbübin in ganz England." ,
Ihr Männer", antwortete sie, „seid so plump angelegt, ba& 'hr niemals eine feine Schattierung begreifen könnt. Ihr selber sew habsüchtig, bektia unbescheiden gleichgültig; und trotzdem empört es euch wenn eine Frau'eüimal an die Zukunft denkt. Aber solcher Unsinn paßt mir nicht. Du würdest einen gewöhnlichen Geldverleiher verachten, wenn er so dumm wäre wie nach eurer Meinung wir Frduen sein sollen.
Du wirst wahrscheinlich recht haben', antwortete ihr Bruder, „du warst ja immer kluger als ich. Und jedenfalls kennst du meinen Wahl-
b«l. »m bl.
. , '«nVhHnriiÄ belfer als du selber .Und Clara noch über bie Fa- mS NwÄ, s°7aute?ber z'weitt Teil des Satzes? Ja, du bist ber befte Bruber, ben es geben kann, unb ich habe dich von Herzen heb!
Herr Penbragon machte ein ziemlich dummes Gesicht zu. diesen Lob- spruchen er ^stand, auf^ und^sag-mich si^hi ich weiß ja nun ganz genau, was ich zu tun unb zu sagen habe, unb will auf ben .zahmen ®OtSuaUbasa!fier ist ein verruchter Mensch und könnte vielleicht alles kaputt machen."


