Ausgabe 
20.4.1936
 
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Driefe.

Von Lina Staab.

Blätter mit braunen Rändern Wie Blüten verdorrt und versengt, ton blassen zerschlissenen Bändern bang zusammengedrängt.

Soll ich soll ich ihn lösen, den welken, verblichenen Strauch? Fallen alle die bösen giftigen Blumen heraus Aber auch alle die Sterne, die holden, die mich beglückt, einst in traumblauer Ferne zärtlich für mich gepflückt.

Ach, sie finbs noch, die Schönen, lockerer Kranz mir im Haar, tief aus den Kelchen das Tönen, süß wie es ehmals war.

In meine Wärme gebettet, was im Kalten verdarb In meine Stille gerettet, was im Sturme einst starb Taut mir aus seligen Augen Regen sommerlich lind, werden die Blumen ihn saugen, blüht mir das welke Gebind.

Blätter mit braunen Rändern

Wie Blüten verdorrt und versengt In meines Herzens Ländern mit endlosem Sommer beschenkt.

Erika und der Brief.

Eine Geschichte von B. Brand eis.

Am Morgen war es, kurz vor acht Uhr. Erika stand unruhig wartend an der Haltestelle der Linie 17. Zweimal schon hatte sie ihre Straßen­bahn vorbeisahren lassen, ohne einzusteigen, aber auf den nächsten Wagen würde sie nicht mehr verzichten können. Auf keinen Fall! Sie wollte auch gar nicht mehr länger warten, selbst dann nicht, wenn sie sehen würde, wie Georg im letzten Augenblick lausend um die Ecke kam. Um diese Ecke dort, an der Georg und sie genau vor zwei Jahren etwas unsanft aneiuandergestoßen waren. Ach ja, aus den vielen Entschuldi­gungsworten hatten sich dann noch viel sanftere Worte ergeben; aber darüber weiter nachzudenken, war dieser Augenblick wirklich nicht günstig, mußte sich Erika plötzlich wieder vor Augen halten. Oder, wenn Georg vielleicht doch noch kommen würde, mit Blumen, nur einem ganz kleinen Veilchenstrauß für zwanzig Pfennig, oder einer Tafel Schokolade? Nur, um ihr damit zu zeigen, liebe Erika, ich weiß, was denkst du, ich ver­gesse doch nicht deinen Geburtstag, und da bin ich, nur etwas weniger zufällig als vor zwei Iqhren. Statt dessenI Gar nicht weiter darüber nachdenken. Dort vorne bimmelte schon die Siebzehn an. Rur nicht so rasch, dachte Erika. Die Straßenbahn hielt vor ihr, die Wagentüre wurde aufgerissen.Guten Morgen, Fräulein Erika!" schrie Willi. Er war höchstens vierzehn Jahre alt, seine Krawatte leuchtend rot, sollte, schön und kühn zugleich, alle Blicke auf ihren Träger lenken. Außerdem hatte Willi betont saubere Fingernägel an der rechten Hand, die er Erika entgegenstreckte, um ihr männlich stark seine Kraft beim Ein­stetgen zur Verfügung zu stellen. Aber Erika hielt immer noch ihr Gesicht abgewandt. Der Schaffner gab das Zeichen zum Abfahren, im letzten Augenblick erst sprang Erika rasch auf. Run war es entschieden, enogültig: Georg war nicht gekommen. Während sie sehnlichst auf ihn wartete, lag er sicher noch im tiefsten Schlaf.

Erst nachdem Erika diesen Gedanke» in Traurigkeit zu Ende gebracht hatte, wahrend die Straßenbahn schon der nächsten Haltestelle sich näherte, wurde ihr plötzlich bewußt, wo sie war.Guten Morgen, Willi", sagte sie jetzt erst, um dann mit einem raschen Blick auf ihre Armbanduhr festzustellen,wir haben aber heute allerhöchste Zeit!" Willi, Lehrling in dem gleichen Büro, in dem Erika als Sekretärin arbeitete, hatte es nicht gewagt, während er neben Erika auf der Platt­form stand, sie auch nur mit einem einzigen Wort in ihrem tiefver­lorene n Nachdenken zu stören. Er hatte sie nur scheu und mit leichtem Herzklopfen beobachtet. Nach diesen Worten Erikas schien er aber plötz­lich seinen ganzen Mut wiedergefunden zu haben. Er hob seinen Kopf, als wolle er dadurch größer werden. Und tröstend laut sagte er:Es ist nicht schlimm, Fräulein Erika, wenn Sie zu spät kommen; Sie sind nicht allein!" Zuerst staunte Erika, dann aber mußte sie leise lachen über die Kühnheit, mit der Willi sich zu ihrem Beschützer und Tröster anfzuschmingen versuchte.

An diesem Tage also, es war ein strahlend herrlicher Frühlingstag, kam Erika eine volle Viertelstunde zu spät in ihr Büro, das sich ein wenig außerhalb der Stadt in einer Villa befand, und nur ein kurzer, nicht einmal sehr strenger Blick des auf Pünktlichkeit sehenden Direktors war

die Folge während Willi ein ebenso lauter wie eindringlicher Verweis zuteil wurde. Und während Willi, eine Stunde später schon, wie er sich ausdrückte, den Krachverdaut" hatte, und mit gleich sehnsüchtig träu­menden Blicken, wenn er von seiner Arbeit aussah, zuerst zu Erika hm- chaute und dann zum Fenster hinaus, schien Erikas Stimmung immer noch getrübt, ja, als es Mittag wurde, sogar auf einem absoluten Tief­land angelangt zu fein. Und so benutzte Erika die kurze Mittagspause, um einen Brief zu schreiben, statt wie die anderen im Garten auf und ab zu gehen. Einen sehr ausführlichen Brief an Georg.Es ist bereits Mittag", schrieb sie,und du hast noch nicht einmal Zeit gesunden, um mich anzurufen, nachdem ich bereits am Morgen eine halbe Stunde lang vergebens auf dich gewartet habe." Und weiter brachte sie vor, dies, was ie schon seit Wochen einmal aussprechen hatte wollen:Fast keinen Abend hast du mehr Zeit für mich, entschuldigst dich mit dringenden Arbeiten, über deren Einzelheiten du mich im Unklaren läßt. Du vernachlässigst mich mit Absicht und ich sehe klar, ich spüre es sogar deutlich, deine Liebe--" Und bann weinte Erika, trocknete aber rasch wieder ihre

Tränen und schrieb zu Ende. Es wurde ein Brief, der erfüllt war von der Bitterkeit einer Enttäuschung und an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Während sie noch schrieb, war Willi ins Büro zurückge- kornmen. Er sagte, es sei gar nicht schön draußen im Garten, und er habe auch von den anderen gehört, daß Fräulein Erika heute Geburts­tag habe; er möchte gerne gratulieren.Wo hast du die Blumen her?" ragte Erika überrascht. Willi aber wurde plötzlich so rot wie feine Krawatte, weil er daran denken muhte, wie die Angelegenheit wohl ausgehen würde, wenn jetzt plötzlich, während er gratulierte, der Herr Direktor ins Zimmer gekommen wäre und die Blumen aus feinem kleinen Treibhaus unfehlbar erkennen hätte müssen.Schlingel!" sagte Erika halb drohend aber halb dabei wieder lachend, und sie versprach, die Blumen ausnahmsweise vor den Augen des Direktors zu verbergen, wenn ihr Willi bafür jetzt rasch biefen Brief zum nächsten Briefkasten bringen mürbe; benn es sei ein sehr eiliger Brief. Rasch schrieb sie bie Adresse und Willi wurde zum zweitenmal rot und spürte einen kleinen Stich in seinem Herzen, als er bie Anschrift las. Er wußte genau, welche Rolle ber Empfänger in Erikas Leben spielte, unb konnte demnach auch ahnen, was in diesem Briefe stehen würde. Hätte er gewußt, was in Wahrheit diese Zeilen enthielten, so wäre vielleicht in dem, was weiter geschah, der Einfluß, den der Frühling auf Willi gerade an diesem Tage nahm, für Erika auf eine andere Weise zum Ausdruck gekommen.

Erika war sichtlich erleichtert, als der Brief weg war; sie wußte, wahrscheinlich schon mit der Abendpost würde ihn Georg erhalten. Aber in ihrem Betrübtsein erfuhr sie keine Aufheiterung, im Gegenteil, als die Bürozeit vorbei war und sie nach Hause gehen konnte, war sie noch viel trauriger als am Morgen.

Und zu Hause erfuhr sie dann die größte Ueberraschung ihres Lebens. In ihrem Zimmer standen viele Blumen, ihre Eltern und Georg war­teten schon auf sie. Georg strahlend freudig, denn er hatte heute fein gramen bestanden, das er bei normalem Fleiße erst in einem Jahre ablegen hätte können. Tag und Nacht hatte er gelernt und gearbeitet. Dies war sein Geburtstagsgeschenk für Erika; er hatte sogar schon eine Stellung in Aussicht, so daß sie in absehbarer Zeit heiraten konnten.

Als Erika dies alles erfahren hatte, war sie wie aus den Wolken gefallen, um dann aber um fo glücklicher alles zu vergessen, wodurch sie sich gekränkt gefühlt hatte, die scheinbare Gleichgültigkeit Georgs ihr gegenüber, die in Wirklichkeit eine verborgen gehaltene, aufopfernde Liebe war. Und plötzlich fiel ihr bann ber Brief ein, ben sie heute Mittag geschrieben hatte. Sie erkannte in biefem Augenblick klar, biefer Brief müsse zu einem Unglück werbe», jetzt »ach all bem, unb wenn es auch nicht zu einem offenen Bruch kommen würbe zwischen ihr unb Georg, so würbe ber Bries sie trotzbem ihr ganzes Leben lang belasten. Noch hatte er ben Brief nicht in Hänben, aber wenn er nach Haufe kam, mußte er ihn finben. Unb als Georg sich spät Nachts verabschiedete, war Erikas Herz schwer in Sorgen um den nächsten Tag, unb ihre Hände zitterten.

Die ganze Nacht über lag sie wach. Unb am nächsten Morgen, als Georg an ber Haltestelle auf sie wartete, wußte sie, ihr Schicksal war entschieben.

Georg aber war in seinem Verhalten nicht anbers als sonst.Der Vries?" fragte Erika bebrürft.Was für ein Brief?" lachte Georg nichtsahnend.

Hat er den Brief noch gar nicht gelesen?", dachte Erika erstaunt, ober, vielleicht ist er gestern mit ber Abendpost nicht mehr zugestellt worden, und Georg erfährt alles erst jetzt, durch die Post um acht Uhr, wenn er nach Hause kommt!"

Verstört stieg Erika in die Straßenbahn ein, sie wollte auf jeden Fall Gewißheit haben. Sie erinnerte sich, Willi hatte ihr ben Brief besorgt, vielleicht hatte er nachgesehen, um welche Zeit ber Postkasten geteert werden sollte. Sie wollte Klarheit haben, wenn es sich auch nur um einen kläglichen Fristaufschub des Unvermeidlichen handeln konnte.

Und sofort, als sie int Büro war, rief sie den Lehrling Willi zu sich Der Bries!" sagte sie. Hatte noch nicht ausgesprochen, als Willi plötzlich seinen Kopf sinken ließ, über und über rot wurde.

Ich bitte um Verzeihung, Fräulein Erika, ich will es nie wieder tun", stammelte er.

Erika verstand ihn nicht.Du sollst mir sagen, ob du weißt, wann gestern der Briefkasten ausgeleert worden ist."

Willi zog bedächtig einen Bries aus seiner Tasche.

Ich konnte ihn nicht einmerfen", sagte er traurig.

Der Bries!" Erika erschrak vor Freude.

Und Willi sah zugleich schwarz und rot vor seinen Augen, er wußte nicht mehr, war er wach, ober träumte er: so unerwartet bekam er plötzlich einen Kuß von Erika. Aber als er seine Augen ganz weit aufriß, sah er nur noch Erikas Hänbe, bie ben Brief in viele kleine Stücke zerrissen.

Verantwortlich: vr. Hanü Thyriot. Druck und Derlag: Drühl'sche Aniversitäts»Duch» und Steindruckerei. L. Lange, ©leben.