Ausgabe 
20.4.1936
 
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Prinz Eugen, der edle Witter.

Von Ferdinand Freiligrath.

Zelte, Posten, Werda-Ruseri Lust'ge Nacht am Donauufer! Pferde stehn im Kreis umher, Angebunden an den Pflöcken; An den engen Sattelböcken Hangen Karabiner schwer.

Um das Feuer auf der Erde, Vor den Hufen seiner Pferde Liegt das österreich'sche Pikett. Auf dem Mantel liegt ein jeder, Von den Tschakos weht die Feder, Leutnant würfelt und Kornett.

Neben seinem müden Schecken Ruht auf einer wollnen Decken Der Trompeter ganz allein: Laßt die Knöchel, laßt die Karten! Kaiserliche Feldstandarten Wird ein Reiterlied erfreun!

Vor acht Tagen die Asfäre Hab ich, zu Nutz dem ganzen Heere, In gehör'gen Reim gebracht;

Selber auch gesetzt die Noten;

Drum, ihr Weißen und ihr Roten! Merket auf und gebet acht!"

Und er singt die neue Weise Einmal, zweimal, dreimal leise Denen Reitersleuten vor;

Und wie er zum letzten Male Endet, bricht mit einem Male Los der volle, kräft'ge Chor!

Prinz Eugen, der edle Ritter!" Hei, das klang wie Ungewitter Weit ins Türkenlager hin.

Der Trompeter töt den Schnurrbart streichen Und sich auf die Seite schleichen Zu der Marketenderin.

dessen Scharen nicht anders als einst Hunnen, Awaren, Ungarn und Mongolen mit jedem neuen Frühjahr, die östlichen und südlichen Gaue des Reiches bedrohen konnten. Die Franzosenheere rückten über den Rhein, der blühende Garten des Reichs, die Pfalz, versank in Asche und Staub. Bald war durch das französische Gold, durch des einstigen Türkenhelden Max Emanuels haltlosen Ehrgeiz auch Bayern verloren. Französische Armeen standen an der Donau, und über die ober­italienischen Felder rückten, die Rheinflanke bedrohend, die Regimenter des Sonnenkönigs bis weit nach Tirol.

Für uns Heutige ist das Grauen dieser immer wieder gleichzeitig hereinbrechenden Türken- und Franzosennot kaum mehr ganz zu erfassen. Nur der Vertrag Frankreichs mit den Sowjets beleuchtet wie ein erhellender Blitz die ganze Furchtbarkeit jenes französischen Bünd­nisses mit einer asiatischen Großmacht. .

Infolge des unaufhörlichen Haders der unzähligen deutschen Fürsten und Fürstlein, bei der Verlotterung kaiserlicher Verwaltung, bei dem völligen Fehlen jeder brauchbaren Wehrverfassung im Reiche und vor Eugen auch in den kaiserlichen Erblanden, bei dem Fehlen jedes Reichs­gefühls schien das Ende der Deutschen unabwendbar. Denn wie sollte der machtlose, geldarme Kaiser in Wien, der nach dem Ausspruchs eines Kurfürsten seine Fürsten und Stände bei den Haaren in einen Reichs­krieg gegen Türken und Franzosen zerren muhte, dieser Not noch steuern?

Da ergriff der kaum dreißigjährige Prinz Eugen von Savoyen den Degen des Reichs.

Unter unvorstellbaren Schwierigkeiten hat Eugen nun seine Schlachten geschlagen. Der Armee fehlte es am Nötigsten, an Munition, Proviant und Monturen. Oft muhte sich der Marschall der Deutschen von seinen Unterführern Geld ausleihen, nur um die unumgänglichsten Bedürf­nisse des Tages zu schaffen. Die Reichskontingente marschierten nach Hause, wenn ihnen etwa die Quartiere nicht pahten oder ihr eigener Kriegsherr gerade wieder einmal mit den Franzosen paktierte.

Und doch war zwanzig Jahre später durch Eugens Schwert der Sonnenkönig in die Knie gezwungen, der Türke für immer in die Berge des Balkans gejagt, war das Reich wieder zur ersten Macht Euro­pas geworden, und seine von jungem Ruhm umrauschten Fahnen wehten von der Nordsee bis nach Siebenbürgen, bis an den Unterlauf der Donau, von der Ostsee bis nach Italien.

Im Guten und Bösen ist damals über das Schicksal der Deutschen entschieden worden. Denn Prinz Eugens Soldatentum, von dem Friedrich der Große bekannte, daß er von ihm den Krieg gelernt, seine weise Staatskunst haben damals den deutschen Menschen vor dem völkischen Tode bewahrt, haben das Reich vor dem schon sicheren Unter­gänge gerettet und das Reichsgefühl von neuem erweckt, das heute endlich wieder in allen Herzen lebt. Der Jubel, der von allen Türmen die Siege Prinz Eugens umbrauste, war, trotz allen Fehlern und Freveln der Kommenden, schon das Morgenläuten einer deutschen

Aber auch dort, wo selbst sein machtvoller, in Jahrhunderten denken­der und über Jahrhunderte wegschauender Geist an seiner Umwelt scheiterte, wie etwa damals, als er Kaiser Karl VI. den Weg Zeigte zur endlichen Einigung und Befriedung des Reichs, hat die von ihm regierte Weltenstunde das deutsche Schicksal bestimmt bis auf den heutigen Tag. . ...

Denn damit, daß der letzte Habsburger sich zu klem erwies für Eugens großen Plan, unter Aufgabe' aller auß-rdeutschen Interessen der Habsburger die Stromgebiete von Rhein und Donau zu einem gewaltigen, wahrhaft deutschen Reiche zu einen, hat die Zerreißung des Reichsbodens ihren Anfang genommen. Jene Sünde Karls VI. gegen den eugenischen Geist hat die preußisch-österreichischen Kriege, die Rieder­legung der deutschen Kaiserkrone vor dem napoleonischen Ansturm verursacht und in weiterer Folge das Unfaßbare möglich gemacht: die uns Heutigen so schmerzliche Abtrennung der österreichischen Ostmark, die so lange das deutsche Schild und Schwert im Osten und dann auch im Westen gewesen ist, von dem Körper des Reichs: Jene siaatsmännllche Sünde des letzten Habsburgers hat aber auch die Richtigkeit eugenischer Gedanken bewiesen, daß dieses Oesterreich, wie die Geschichte es erwiesen hat, trotz allem Glanz und Ruhm, ohne die deutsche Verankerung auf die Dauer nicht fein konnte.

Diese ihm vorschwebende Verdichtung und Einigung des Reiches um die Stromgebiete von Rhein und Donau, um das Rückgrat Europas also, hat den gewaltigen Savoyer auch dazu getrieben, buchstäblich noch am gleichen Tage, an dem er den Osmanen das letzte Stück Ungarns entrissen hatte, mit der planvollen Besiedlung der in der Türkenzeit völlig verödeten Gebiete Süd- und Südostungarns durch Bauern aus der westlichen Hälfte des Reichs, aus der Pfalz, aus Schwaben, dem Rheinland und Lothringen zu beginnen. Indem er so ganz bewußt die Kuppel des Reichs von der Ost- und Nordsee und nun auch noch von den damals noch österreichischen Niederlanden bis an die Berge des Balkans wölbte, hat er, in dem man sonst allzusehr nur den Türken­sieger und zu wenig den Bezwinger des Sonnenkönigs sieht, seine Befreiung Ungarns von der Osmanenherrschaft erst sinnvoll gemacht.

Nur wer jemals offenen Auges und Herzens durch die Tore von Peterwardein, durch die deutschen Dörfer des Banats und der deutschen Batschka gewandert ist, weih, was Vrinz Eugen dort für das Reich getan hat. Denn auch heute noch verklingt erst dort die Seele des Reichs.

Als Soldat ill Prinz Eugen von Savoyen, der am 21. Avril 1736, als Maria Theresia schon neunzehn Jahre zählte, in seinem schönen Schloß Belvedere ohne Todeskrankheit hinüberging, der Retter des deutschen Lebensraumes gewesen, als Staatsmann der Erwecker und Denken eines wahren heiligen Reiches aller Deutschen. Und dennoch nennen wir seine Zeit, in der der Sonnenkönig seine würgende Faust um bi" K-chl» des Reiches legte, die deutsche Pfalz nieber^rnnnte und bnnn fchsi-E-d doch noch von Eugen bezwungen wurde, immer noch das Zeitalter Ludwigs XIV., statt es das eugenische zu nennen.

Der des Reiches.

Zum 200. Todestage des Prinzen Lugen.

Von Alfons v. Czibulka.

Durch nichts läßt sich der Irrtum kleindeutscher Geschichtsauffassung klarer beweisen, als durch die uns heute schon fast unfaßliche Tatsache, daß in dem Zeitraum kleindeutscher Politik die berauschende Gestalt des großen Savoyers dem Gedächtnisse unseres Volkes fast völlig ent­schwand. In der Erinnerung der Deutschen jener Zeit war nichts geblieben als das unsterbliche Lied und das verschwommene Wissen darum, daß Prinz Eugen von Savoyen ein österreichischer General und ein berühmter Türkensieger gewesen ist. Dah er der größte Feldherr und wohl auch der größte Staatsmann des Reiches aller Deutschen war, kam niemand mehr in den Sinn. Was ging Klem- deutschland auch die Geschichte Oesterreichs an? Dah die österreichische Geschichte doch nur ein Teil der Reichsgeschichte ist, war völlig vergessen.

Um zu verstehen, welch unbegreifliches Verkennen des Reichs- qedankens es war, die Erinnerung an Prinz Eugen auszuloschen ihn gleichsam aus der Reichsgeschichte zu streichen und einer andern Abart kleindeutscher Geschichte, der schwarzgelben, zuzuweisen, muß man sich entsinnen, was sich in dem halben Jahrhundert fernes Wirkens durch ihn in Europa begeben hat.

Als an jenem unvergeßlichen 12. September 1683 die Bayern, die Kaiserlichen, die Sachsen und Polen, von den Höhen des Kalsten- gebirqes auf das Türkenheer niederstohend, das todgeweihte Wien befreiten, dessen Soldaten, Bürger und Studenten sich in beispiellosem Heldenmut neun lange Wochen gegen unvorstellbare Uebermacht gewehrt hatten, betrat der zwanzigjährige Prinz Eugen von Savoyen als Kriegs­freiwilliger mit dem Degen in der Fault durch d,e Bresche der Burg­bastei zum ersten Male Wien. Um diese Zeit war das heilige Reich der Deutschen selbst in einer nicht minder hoffnungslosen Lage, als es das eben gerettete Wien einen bangen Sommer lang gewesen war.

In beharrlichem, ja genialem Streben nach dem schon von Richelieu ausgestellten Ziele des delendam Germamam, des Planes der franjo- silchsn Vorherrschaft über das Abendland, dessen Krönung die heilige Krone der Deutschen auf dem Haupte des Franzosenkomgs fern sollle hatte sich der Sonnenkönig Ludwig XIV. mit dem Sultan verbündet. So wie Wien von dem Riesenheere der Osmanen umklammert gewesem so schloß sich nun von Jahr zu Jahr muner enger egender der Rmg her Franzosen- und TürkenEurme um den P nsraurn der Deutschen

Kaum zwei Tagreisen hinter Wien begann das türkische Reich,