Ausgabe 
20.4.1936
 
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O nein, das nicht.

Schafhüten?

Nein.

Ins Kloster?

Auch nicht. Warte nein, doch nicht.

Ach Gott, mit deinem Nein und Nicht, geh doch überhaupt zum Kuckuck, meinetwegen I

Schweigen.

Du sagst es ja weiter, beginnt David wieder.

Keine Antwort.

Wenn du es nämlich bestimmt niemandem sagst...

Agnes schüttelt heftig ihre Zöpfe, also gut

Ich werde Einsiedler, erklärt David feierlich.

Was? r r

Einsiedler. Das ist viel, viel mehr als eine Klosterfrau oder ein Pater. David wird hoch oben aus dem Berg in einer Höhle leben, ganz allein im Wald, wo er am tiefsten ist. Und er wird sich von nichts als von Schwämmen und Wurzeln nähren und Wasser dazu trinken, und nachts wird er aus der bloßen Erde schlafen, zuerst auf Reisig, dann auf Brennesseln und zuletzt auf Glasscherben, bis sich Gott zu ihm herabläht. Gott redet nämlich mit den Einsiedlern, wenn sie schon ganz dürr und ausgezehrt sind. Er kommt in Gestalt einer Wildtaube aus den Wolken herab, manchmal ist er auch ein Fuchs oder ein Reh, und dann darf der Einsiedler drei Fragen stellen.

Was fragt er denn?

Nun, ob Gott vielleicht ein Erdbeben im Sinn hat oder ein Hoch­wasser, und wenn es so ist, dann wirft sich der Einsiedler auf die Knie und bittet inbrünstig um Gnade für die Menschen. Nur diesmal noch, er wird gern dafür auf Hufnägeln schlafen, nicht nur auf Glasscherben.

Nein, antwortet Gott, ich will ihnen endlich eine Lehre geben. Weil sie dich so lange verspottet und verachtet haben, darum will ich sie züchtigen, und das ist mein letztes Wort.

Aber der Einsiedler läutet dennoch Sturm mit seiner Glocke, er hat nämlich eine. Oder er steigt selbst herab und warnt die Menschen, alle bis aus einen oder zwei, Ja, diese beiden werden dann schon merken, an wessen Ohren sie sich vergriffen habenl

Kann ich auch Einsiedler werden? (ragt Agnes

Dir? Nein, keine Rede. Ein Mädchen!

Ach was, du Affe!

Oder vielleicht doch. Agnes könnte eine eigene Höhle in der Nähe haben, es gab welche, fromme Frauen, die fingen so an, und nachher bauten sie ein mächtiges Kloster. Das wäre sogar besonders großartig, in aller Stille trügen sie Steine zusammen und singen zu bauen an. Was ist das nur für ein wunderbares Gemäuer auf dem Berg, würden die Wallfahrer sagen. Ja, das ist ein Kloster, David und Agnes haben es gebaut. So? Unser Einsiedler lebt immer noch in einer Höhle! Nun ja, der eure!

Ja, David will nun endgültig der Welt entsagen. Bedenke, Agnes, er hat sozusagen alles vor sich, was ein Mensch überhaupt vermag. Er könnte Großknecht beim Vorstand werden oder in die Stadt ziehen und einen zweiten Laden aufmachen, noch größer, zwölf Stockwerke hoch. Nur einen Brief brauchte er zu schreiben, liebe Mutter, und so. Aber nein, er bat das alles überlegt und verworfen.

Ja, fcyon, aber der Pfarrer wird das nicht erlauben, meint Agnes, der hochwürdige Onkel wird bestimmt böse fein.

Nur anfangs, das war von jeher so. Als der heilige Antonius in die Wüste ging, da rauften sich auch seine Verwandten die Haare aus, er sei ein Schandfleck in der Familie, schrien sie, so etwas überlebten sie nicht, und hinterher setzten sie ihn in den Kalender.

Das ist alles wahr, allein Agnes hat doch viele Bedenken, was das Wäschewaschen betrifft, und wenn es regnet, und ob sie dann gar nichts mitnehmcn dürse, nicht das Strickzeug wenigstens und ein Deckbett für die Nacht.

Nein, nichts, darauf käme es eben an.

Ach, es ist ein schwerer Schritt, so völlig allein im finsteren Wald, und für das ganze Leben, Agnes möchte Bedenkzeit haben.

In den nächsten Tagen geschieht nichts Besonderes, man mäht weiter und bringt das Heu ein, David und Agnes tun wie sonst ihre Arbeit. Es fällt niemandem auf, wie bedeutsam die Blicke sind, die sie sich zu­werfen, wenn der Pfarrer meint, daß man bald Kirschen pflücken werde oder daß Davids Pelz demnächst doch einmal unter die Schere müsse, er sähe ja wie ein Waldmensch aus. Wie ein Waldmensch, sagt der Psarrer!

Am Tage vor Pfingsten aber kommt die Köchin zu Agathe in den Laden. Seit Menschengedenken ist sie niemals weiter als bis in die Kirche gegangen, und nun segelt sie mit wehenden Röcken durch das ganze Dorf. Um alles in der Welt, hat niemand die Kinder gesehen?

David und Agnes sind verschwunden. Man fand nur einen Zettel auf dem Kopfkisien des Mädchens, lebt wohl! stand darauf geschrie­ben. Betet für mich, lebt wohl auf ewig! Und was noch unheimlicher ist, auch die Sonntagskutte des Paters war verschwunden, einfach fort aus feinem Kasten, ja, und am Hals der Leitkuh fehlt die Glocke. Gegen Mittag kam sie plötzlich von der Weide heim, stand da und schüttelte immerfort den Kopf, mit nichts um den Hals, ein gräßlicher Anblick!

Kann sich ein Mensch so etwas erklären? Nein, Agathe kann es auch nicht. Daß die Kinder verschwunden sind, mnq ja noch hingehen, wenn David im Spiel ist. Aber eine Kutte, eine Kuhglocke? Oh, die Köchin Helene hat das längst vorausgesehen, es steckt etwas Verruchtes in diesem Burschen, sagte sie immer, und das kann auch gar nicht anders fein, wenn man das Herkommen bedenkt!

Das laß nur gut fein! antwortet die Krämerin scharf. Wenn es lauter Pfarrköchinnen gäbe, stürbe bte Welt aus. Sucht im Dachboden, rät sie, im Kirchturm, oder wartet einfach. Zur Essenszeit wird David schon zurück sein, es müßte sonderbar zugehen, wenn er die Samstags» "nefen versäumte.

Allein es wird Abend, die Nocken zerfallen im Topf, und David kehrt nicht zurück. Pater Johannes ist außer sich, es ist Schändung, sagt er, Kirchenraub! Er hat sein Sonntagsgewand wie ein Heiligtum gehütet, aus reinem Kamelhaar war es gewoben. Und darum will er jetzt Roß und Reiter hinter dem Kuttenräuber herjchicken, mindestens den Wacht­meister, daß er ihn tot ober lebenblg roieberbringe.

Ja, aber Roß und Reiter helfen da nicht. Um diese Zeit saßen die Kinder schon mitten im dichten Wald, freilich nicht sehr hoch über dem Tal, denn Agnes war bald müde geworden. Wie lange gingen sie denn chon so, immer mühsam durch düsteres Stangenholz und Farngefieder und schwarzen Morast, wie viele Stunden? Und wo waren die Höhlen, in denen sie bleiben wollten?

Das alles wußte David nicht. Er war ausgewogen in dem Glauben, daß nur an Einsiedlern in der Welt Mangel fei, nicht aber an paffen­den Wohnungen für sie. David hatte für fein Teil alles Notige defchafst. Er trug die Glocke unter dem Arm, mit Heu ausgeftopft, damit sie nicht vorzeitig laut wurde. Den Rosenkranz und bas Gebetbuch hatte er nicht vergessen, Nägel für ein Kreuz, bas er zimmern wollte, unb eine leere Flasche wegen ber Glasscherben. Lange war er im Zweifel gewesen, ob es ihm erlaubt sei, bem Pater eine Kutte zu entführen. Aber wenn Pater Johannes wirklich zu völliger Armut verpflichtet war, bann konnte auch bie Kutte nicht ihm gehören, sonbern Gott gab sie bem, ber sie am meisten zu Ehren brachte. Unb außerbem, ließ nicht ber Herr selbst einen Esel einfach vom nächsten Zaun holen, als er in Jerusalem einreiten wollte?

Nun, Davib wartete auf ein Zeichen. Der Wald war still und förm­lich trächtig von Wundern, jeden Augenblick konnte irgend etwas Un­gewöhnliches geschehen. Vielleicht öffnete sich ein Fels unb rückte aus­einander, ober es trat ein Engel aus bem Holz und wies ihm den Weg. Agnes wiederum meinte, hierher käme wohl niemals ein Engel, in fo einen scheußlichen Morast, das sollte sich David nicht einbilden. Sie hatte wieder ihren Pfannenstiel im Gesicht, und als sie hinter David auf einer Waldblöße über moosiges Geröll klettern mußte, schrie Agnes plötzlich laut auf. O Gott, sie hatte sich sehr weh getan, keinen Schritt konnte sie weitergehen.

David sah sich um. Sie standen inmitten einer kleinen Lichtung, B-rken wuchsen da, eine Fülle von Blaubeeren im hohen Gestrüpp, unb hinterwärts schloß sich wieder der Wald über einem feuchtgrünen Felsen. Agnes konnte nicht genau sagen, wie ihr geschehen war, so etwa, als griffe eine kalte Hand nach ihrer Wade und hielt sie fest. Ob bas nun für ein Zeichen gelten mochte ober nicht, sie mußte jebenfalls laut auf­schreien vor Schreck. Agnes ließ sich auch von einem Engel nicht in bie Wabe zwicken.

Aber David war zufrieden, er suchte zuerst für Agnes einen passenden Platz, eine Mulde zwischen den Blöcken, groß genug für den Anfang. Später konnte man noch manches dazutun, ein Dach aus Reisig siechten, trockenes Gras für das Lager fammeln, das alles fand sich mit der Zeit.

Hier bleibst du, sagte David, und Agnes setzte sich gehorsam in die Stauden.

Er selbst stieg noch eine Weile umher und bat den Engel, er möchte auch ihm ein Zeichen geben ober ein Bein stellen, wie es ihm beliebe. Schließlich entdeckte er oben im Fels eine Kluft, unb ba wollte er sich in Gottes Namen einrichten.

Davib schlüpfte in bie Kutte unb schürzte sie mit bem Strick, bann hing er bie Glocke an einen Fichtenast. Von diesem Platz aus sah man weit über das Tal, aber es war eine ganz fremde Welt, so fern und entrückt über den Wipfeln des Waldes. Davib mußte sich eine Weile besinnen, ehe er bie einzelnen Gehöfte roicbcrerfannte, und nur bie Berge waren ihm wie immer vertraut, biefe grobschlächtige Sippschaft von Riesen, bie im Kreis herumhockten unb ihre einfältigen Gesichter über bas Darf neigten.

Das alles' griff dem kleinen David seltsam ans Herz, die warme Sonne, das Geflüster des Windes im Laubwerk ber Birken, unb baß er nun wirklich ba in ber Wildnis faß, mit nichts als einer himmlisch duftenden Kutte unb einer buntbewegten Welt von Gebanken in seinem närrischen Kops.

Was war nun zu tun. was gehörte eigentlich zum Tagwerk eines Einsiedlers? Mußte er jetzt gleich mit dem Beten und Büßen be­ginnen, mißfiel es Gott vielleicht, wenn David zuerst seinen krachenden Magen zur Ruhe brachte?

Agnes hockte schon im Beerenkraut. Er stieg hinunter unb hals ihr beim Sammeln, unb als ber Hut voll war, setzten sie sich in ben Schatten unb aßen mitsammen Agnes war wieber vergnügt, ja, jetzt gefiel ihr biefes Leben schon besser.

Sie sahen einanber an unb lachten, weil sie so mohrenschwarze Miinber hatten, aber bann konnte David plötzlich nicht mehr lachen. Mit einem Male empfand er die Nähe des Mädchens, den gleichen fußen Schreck der verstohlenen Berührung, Hingabe und Scham wie damals, als er die Mutter leiblich neben sich spürte. Er hätte um alles in der Welt Agnes nicht liebkosen mögen, nicht mit der Hand, unb fo. baß sie es wußte. Unb trotzdem burdjftrömte ihn eine verzehrende Lust, wenn es ihm gelang, ihre Schulter zu streifen, die weichen Knie. Agnes merkte nichts, du drückst ja, sagte sie nur, drück nicht fo! Oder vielleicht merkte sie es doch und quälte ihn nur mit ihrer Offenheit. Sie mochte nicht mehr Beeren essen, ach, laß mich, saqte sie, geh weg mit deinem schmutzigen Hut! Dann slocht sie die Hände um ihr eines Knie und wiegte sich und war wieder obenauf, aber David sah recht gut, daß ihre Lippe ein wenig zitterte. Er haßte sie inbrünftig unb konnte sich boch nicht von ihr lösen. In biefer Stunde kroch schon bie Schlange in ben Saum zu ihren Häupten, unb der Apfel des Verhängnisses rundete sich verborgen im Laub.

Aber nichts geschah. Später trennten sie sich wieder, waren sich gut unb riefen einanber zu.

(Fortsetzung folgt.)