SiehenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 31

Montag, den 20. April

Jahrgang 1936

Das Iahr des Herrn

Roman von Karl Heinrich Waggerl

Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig.

6. Fortsetzung.

Ach, großartig, wenn im Hochsommer das Tal wie ein Pechkessel siedet, wenn die Brunnen sadendünn werden und zuletzt ganz versiegen, wie es bisweilen geschehen ist, und dann, in der höchsten Not, ginge David mit der Rute über die stäubenden Felder, grabt hier, würde er sagen, und da, ihr Kleingläubigen, und sogleich wäre das Land wieder frisch und grün von den springenden BrunnenI

Und eines Tages käme vielleicht die Mutter aus der Stadt zuruck, aber nicht vierspännig, nein, sondern zu Fuß und ganz arm, völlig verzagt. Ihr $)aus wäre niedergebrannt, der ganze Wäscheladen und die Leinwand bis hinauf. Früher, würde sie jammern, früher konnte ich alles bar auszahlen, und jetzt haben wir nicht einmal das Brot auf die Suppe, Ogottogott!

Er aber zöge sie ganz langsam an sich, ganz zart, weine nicht, würde er sagen. Wieviel brauchst du, wie viele Töpfe voll Taler?

Ja, warum sollte David nicht einmal seine Kräfte versuchen? Nach Feierabend schneidet er eine Astgabel aus dem Haselbusch, er nimmt sie in beide Hände und wandert in sich gekehrt Uber das Psarrseld, immer geradeaus. Auf ein wenig zertretenes Gras darf es dabei nicht ankommen. Ein Graben gerät ihm dazwischen, ein Zaun, David geht und geht, mitunter versucht er dies und jenes, ein Kyrie, ein Stoßgebet, ob es wohl helfen möchte, und plötzlich, mitten im Krautacker der Schusterleute, bleibt er stehen, wie vom Blitz gebannt. Wahrhastig, die Rute hat gezucktI Ein paar Mal war ihm schon so, aber jetzt ist kein Zweifel mehr, siedend heiß lief es ihm durch die Arme. Er wirst sich hin und fängt mit bloßen Händen zu graben an, Erde zuerst, ein paar Krautpslanzen, dann alten Mist und Schotter, gleich wird die Quelle kommen, er riecht sie ja auch schon.

Aber leider, es fließt kein Wasser, sondern der Schuster klettert über

er von weitem, verdammt noch

den Zaun.

Was suchst du denn da, schreit

einmall ,,, .. ,,, .

Eine Quelle, sagt David voll heißen Glaubens. Hier ist nainlich ein Brunnen unterwärts in der Erde, den gräbt er aus.

So? Was das betrifft, so will der Schuster gar keinen Brunnen haben, jedenfals nicht in seinem Krautacker. Scher dich zum Teufel, brüllt er, du Rotznase! .

Gut, das tut David auch. Mit solchen Leuten laßt er sich nicht ein, die im Gespräch gleich nach dem Hosenriemen greifen.

Ach, es ist jammerschade, gewiß kam der Schuster nur um einen Augenblick zu früh, David hatte es ja schon kühl und feucht unter den Händen. Oder vielleicht war es gar keine Quelle, was die Rute anzeigte, sondern der Schuster hatte dort einen heimlichen Schatz vergraben, es heißt ja, er sei diebisch wie eine Elster

Nun gleichviel, David versucht es geduldig von neuem, rennt gegen Bäume und stolpert über Hühner, die sich auf dem Gehsteig sonnen, und wirklich, die Rute zuckt! Einmal im Steinbruch, da nutzt es wenig. Das andere Mal, während er über den Bach steigt, natürlich, dort muß sie ja zucken! Und zuletzt im Obstgarten, hier kann David endlich mit Ruhe ans Werk gehen. Er holt Krampe und Schaufel, eine gute Weile arbeitet er eifrig im zähen Wurzelwerk, und dann, ja, da habt ihr es! Da rieselt wirklich und wahrhaftig Wasser über das Schaufelblatt, ein keiner Tümpel glänzt auf dem Grund des Loches.

Soll David nun im Gras knien und den Herrn laut loben, oder fou er nur still von dannen gehen und die geheime Kraft bei sich verbergen?

Der Pfarrer schaut ihm vom Fenster herab zu. David, sagt er in seiner langsamen Art, was tust du da, gräbst du mir die Bäume aus?

Wasser, Hochwürden! schreit David hinauf.

Gr hat eine Quelle gesunden, mit nichts als einem Haselstecken in der Hand und mit Gottes Hilfe, selbstverständlich.

Warte antwortet der Pfarrer, und dann kommt er herunter und erklärt dem kleinen David diese Sache Das ist keine Quelle sagt er das ist Grundwasser, verstehst du? Du kannst es hier herum überall finden wenn du tief genug gräbst, und wenn es mcht so wäre, mit Gottes Hilfe wie du sagst, dann könnte kein Baurn wachsen und groß werden, und kein Bach könnte fließen. Ja, und setzt iw,rf das Loch wieder zctt

Aber hat die Nute denn nicht tatsächlich gezuckt? Sogar daheim über dem Stubenboden schlug sie aus, und was war der Grund. David

muhte lange suchen, bis er heraussand, daß in der unteren Stube ein Kind auf dem Topf saß, gewissermaßen auch eine Quelle, wenn man es genau nahm. David wird an allem irre, er schläft nicht mehr richtig und geht traumverloren umher, und endlich kommt er zu dem Schluß, daß ihm vielleicht doch der nötige Grad von Heiligkeit noch fehle, weil ihn Gott so zuschanden werden ließ. Ja. wahrscheinlich kam es darauf an, Einsiedler zu werden, man mußte fasten und beten und mit den Tieren des Waldes leben, so beiläufig gelangen einem die Wunder eben nicht.

Indessen aber dreht sich der Turmhahn dem Ostwind entgegen. Die Schwalben fliegen hoch, und der Häher schreit nicht mehr, der verrufene Regenvogel. Heuwetter kommt, überall auf den Höhen klingen die Dengelhämmer. Einer fängt an, ein zweiter und ein dritter schläfst kunst­voll dazwischen, und zuletzt wird ein Gesang daraus, eine schöne und starke Musik über dem schwirrenden Chor der Grillen.

Das erste, was dem Mäher gebührt, ist ein Platz an der Mus- psanne. David weiß, daß ihm diese Ehre nicht zukommt. Sein Werkzeug ist noch der Rechen, er sorgt für den Wasserkrug und bringt den Jaufen- käse auf das Feld, wenn die Leute im Zaunschatten rasten. Aber dies­mal hat die Köchin auch für ihn einen Löffel auf den Tisch gelegt.

Greif zu, sagt der Pfarrer, du wirst es brauchen!

Oh, David darf sich eine Sense aussuchen, einen eigenen Wetzstein bekommt er in den Kumpf, und jetzt ist er so gut wie jeder andere Knecht, das werdet ihr gleich sehen! Natürlich kann David schon lange mähen, daran fehlt es nicht, aber es ist zweierlei, ob man nur einen Korb Grünfutter einbringt ober ob man eine frische Wiese vor sich hat, unabsehbar im Zwielicht des Morgens, eine rauschende Äräserslut, von Wucherblumen und Schierling weiß überschäumt.

David kommt neben die Magd zu stehen, die ein fülliges Frauen­zimmer ist, eine Bärin im Vergleich zu ihm. Sie hat ihre Röcke auf- gefleckt und lacht ihm gutmütig zu. So, mein Bürschchen, sagt sie, jetzt zeig, daß du deine Hosen verdienst!

Anfangs geht es David prächtig von der Hand, er hält Schritt in der Reihe und Überholt sogar den Pfarrer ein wenig, der freilich im Nachteil ist, weil er nichts im Magen hat. Er muß nachher erst die Messe lesen. Das Gras ist noch taufeucht und frisch, es drückt sich von selbst in die Umarmung der Sense, seufzend fällt es zusammen. Bei einem rich­tigen Mäher ist die Gasse vier Schritte breit und wie ausgekehrt, neben­her läuft eine schnurgerade Zeile Heu. Er versteht es, die Schneide zu schonen und den Maulwurfhaufen auszuweichen, den Ameisen, die Im Feld ihre Erdhügel aufbauen. Breitbeinig, mit schwingenden Knien setzt er Schritt vor Schritt. Dann stellt er die Sense aus, er säubert das Blatt mit einem Büschel Gras und schärst den singenden Stahl und gönnt sich einen Augenblick Rast im frischen Wind.

Aber die Sonne steigt höher, sie lastet schwer im Nacken und macht bas Gras sperrig, jetzt wirb bie Arbeit sauer bis zur Jausenzeit. Davib ist tobmübe, bas Blut steigt ihm schwarz in bie Augen, aber er hält aus, gelassen setzt er sich unter bie Stauben, wie es bie anberen tun, und nur seine Hände schiebt er in bie Tasche, bamit man bie Blasen nicht sehen kann. Nein, er will nichts essen. Am liebsten möchte er schlafen ober nur so liegen, platt auf ber (Erbe, nur lange so liegen. Von weither hört er bie Leute schwatzen unb lachen, ber Himmel dröhnt von lauter Licht und Glanz, es riecht nach Schweiß, nach Heu und scharfem Käse. Morgen! hört er bie Leute sagen unb seufzt. Ausbreiten unb roenben, was meint ber Pfarrer, wirb bas Wetter halten? Du, Davib! bu verstehst blch ja aufs Wasserriechen!

Ach, laß ihn, Theres! sagt ber Knecht. Er hat bich ja bdch aus- gemäht, gib es nur zu!

Nun, bas ist zwar zuviel gesagt, vielleicht tut es ber Knecht auch gar nicht Davib zuliebe, wenn er so übertreibt, aber Agnes kommt boch mit dem Krug zu ihm, trink einmal, David, es ist kalter Kaffee!

Hände und Glieder schmerzen nicht mehr, wenn Agnes so sagt.

Nachmittags ist die Arbeit leichter, man geht zu Paaren neben einander her und wendet das knisternde Heu, dabei läßt sich gut über allerlei reden, wenn man über den Anfang hinaus ist.

Bleibst du eigentlich noch bis zum Herbst? sagt David.

Ja, warum?

Nur so. Falls David früher fortginge.

Fort? Agnes streift ihn mit einem schnellen Blick aus den Augen­winkeln. Wohin denn?

David schweigt. Er weiß es selbst nicht, es kam nur so heraus. Viel­leicht sollte Agnes ein bißchen erschrecken, und nun mag Gott wissen, wohin David gehen wird.

Aber Schweigen ist Gold, nach einer Weite fragt Agnes wieder. Weit? fragt sie. Kommst du lange nicht zurück?

Nie mehr, antwortet David düster.

Ach, bann weiß es Agnes schon.

Was benn?

Dann gehst du in die Stadt. Zu deiner Mutter gehst du ganz einfach.